16.05.2010

Verloren

Im Wald ()

Am Himmel war nur ein einziger Stern zu sehen. Der Rest war von dunklen Wolken verhangen, die in der Schwärze der Nacht sehr bedrohlich wirkten. Ab und zu war aus weiter Ferne eine Eule zu hören.

Zwischen zwei knorrigen alten Eichen, die im Wind knarrten, kauerte eine junge Frau auf einem umgefallenen Baumstumpf. Sie weinte bitterlich. Zitternd vor Kälte versuchte sie sich so gut wie möglich in ihren grauen Wollmantel einzuwickeln. Doch der Wind pfiff scharf in dieser Nacht, so dass auch der Mantel die aufkommende Kälte nicht abhalten konnte. Sie wusste nicht, was passiert war. Ihre Strumpfhose war unter dem Mantel an mehreren Stellen eingerissen, die Hände an den Innenflächen aufgeschürft. Ein stechender Schmerz von der Unterlippe ließ sie kurz aus der Kältestarre aufschrecken. Die Lippe blutete stark und auch das Kinn wies einige Schürfwunden auf.

Die junge Frau sah sich um, doch außer Dunkelheit und der Silhouette des Waldes, indem sie sich befand, war nichts zu erkennen. Langsam drehte sie sich auf den Rücken und versuchte aufzustehen. Doch ihre Beine waren schwach und ließen die Frau sofort wieder auf den Baumstumpf zurücksinken. Leichte Übelkeit überkam sie. Ihr Mund war trocken und Panik stieg in ihr auf. Wo war sie und wie kam sie hierher?

Ein paar Meter von der verletzten jungen Frau entfernt, bewegte sich unbemerkt ein Schatten zwischen den Bäumen. Kleine Zweige knackten unter der Last schwerer Schritte. Der Mann schnaufte. Versteckt zwischen den Bäumen sah er zu, wie die junge Frau versuchte aufzustehen und einfach davon zu laufen. Aber ihrem Schicksal würde sie nicht entkommen. Niemals. Das hatte vor ihr auch keine andere geschafft. Er sah zu, wie sie weinend ihre Verletzungen betrachtete und versuchte, unter ihrem langen Mantel Schutz zu suchen. Den wird sie vergeblich suchen, dachte der Mann und schlich sich ein wenig dichter an die Frau heran.

„Hilfe.“, kam es leise und bitterlich aus der jungen Frau heraus. Ihre Stimme versagte. „Hiiilfe!“, versuchte sie es noch einmal. Jetzt war es schon deutlicher zu hören, aber immer noch zu leise, um gegen den Wind und die Eule anzukommen.

„Schrei so viel du willst. Es wird dich niemand hören!“, murmelte der Mann leise vor sich hin und trat noch einen Schritt näher an die Frau heran.

Ich hatte doch eine Tasche. Wo ist meine Tasche?, ging es der Verletzten durch den Kopf. Mit meinem Handy kann ich vielleicht Hilfe rufen. Sie blickte sich um, doch in der Dunkelheit konnte sie auf dem Boden um sich herum nicht viel erkennen.Die Frau durchsuchte die Taschen ihres Mantels. Irgendetwas Brauchbares musste sich doch finden lassen. Sie kramte ein zerknülltes Taschentuch hervor und tupfte damit ihre Lippen trocken. Doch außer ein paar Kaugummis und einer Haarnadel waren ihre Taschen leer.

Der Mann war nun bis auf zwei Meter an die Frau herangetreten, ohne dass die ihren Beobachter bemerkte. Er konnte sie schon riechen. Ihr frisches Blut, welches aus ihrer Lippe tropfte gemischt mit ihrem stark nach Vanille duftenden Parfum. Leichte Erregung durchzuckte seinen Körper. Gleich wird sie wissen, dass sie hier nie wieder rauskommen wird, dachte er. Seine Hände verkrampften sich und sein Atem ging schneller. Langsam griff er in die rechte Tasche seiner schwarzen Lederjacke. Mit festem Griff umklammerte er das scharfe Messer, das ihm schon so viele Male einen guten Dienst erwiesen hatte. Schrei nur, versuch wegzulaufen, du wirst es nicht schaffen, dachte er, während die Frau ihren Kopf jetzt in seine Richtung wandte.

„Ist da jemand?“, rief sie zögerlich in Richtung Dunkelheit. „Hallo? Ist da wer?“ Ihr Herz fing wild an zu schlagen und ein eiskalter Schauer lief über ihren ohnehin schon unterkühlten Rücken. Die junge Frau zog ihren Mantel noch ein Stück enger um ihren Hals und versuchte zwischen den Bäumen irgendetwas zu erkennen. Plötzlich durchzog sie ein unbeschreiblich stechender Schmerz, der ihr den Atem raubte und sie in eine schon bekannte Dunkelheit zurückgleiten ließ.






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