16.05.2010

Verloren

Die Sucht ()

Stefanie saß alleine in ihrem Wohnzimmer und dachte über alles nach, was in den letzten Monaten passiert war. Für eine einzelne Frau war es zuviel. Wenn sie nicht die Hilfe ihrer Schwestern gehabt hätte, hätte sie das alles nicht so gut verkraftet, doch zum Glück gab es Melanie und all die anderen. Dafür war sie sehr dankbar.

Die ersten fünf Jahre ihrer Ehe mit Tom waren perfekt. Sie hatte es bereits geahnt, dass es nicht wie in einem Märchen bis zum Ende weiterlaufen würde, allerdings hätte sie sich in ihren schlimmsten Vorstellungen nicht ausmalen können, dass es so enden würde.

Tom war eigentlich nie für Süchte irgendeiner Art anfällig gewesen. Er rauchte nicht und trank nur zu besonderen Anlässen. Auch war er weder ein Sportfanatiker, der von morgens bis abends für seinen Vereine lebte, noch waren sonst irgendwelche Auffälligkeiten der Besessenheit bei ihm zu beobachten gewesen. Doch dieses Spiel mit den 52 Karten hatte es ihm offensichtlich angetan. Die zwei Karten in den Händen zu halten und bis zum Ende des Spiels nicht zu wissen, ob es jemanden gab, der ein besseres Blatt als er selbst hatte, das schien ihn doch sehr gereizt zu haben.

Anfangs traf er sich lediglich einmal im Monat mit seinen Arbeitskollegen nach der Arbeit. Die Einsätze hielten sich mit fünf Euro pro Abend in Grenzen und Tom kam meist schon vor neun Uhr abends nach Hause, um seine Ehefrau in die Arme zu schließen und ihr zu berichten, welchen Platz er bei seinem geliebten Pokern belegt hatte. Doch Stefanie merkte, wie er mit den Wochen und Monaten immer weniger Interesse an ihr hatte und meist nur noch Begriffe wie 'Small Blind', 'Big Blind', 'Check' o.ä. in den Raum warf. Seine Laune wurde zusehends schlechter, wenn er von einem verlorenen Spiel berichtete, bei dem er sich wieder einmal verblufft oder einfach nur ein schlechtes Blatt hatte. Anfangs hatte er noch aus Freude gepokert, später hatte seine Leidenschaft ihn dann eingenommen und sein Leben völlig zerstört. Tom beherrschte nicht mehr das Spiel, sondern das Spiel beherrschte ihn.

Die meisten seiner Kollegen sahen das Pokern nur als Freizeitgestaltung bzw. als Mittel zur Verbesserung der Teamfähigkeit an, doch Tom war anders. Neben ihm war da noch Ralph. Er verfiel derselben Sucht wie Stefanies Ehemann und trieb sich mit ihm zusammen im fortgeschrittenen Stadium nach jedem Feierabend bis tief in die Nacht in dubiosen verräucherten Hinterzimmern irgendwelcher zwielichtigen Spelunken herum.

Stefanie hätte es ahnen müssen, was Tom mit dem Geld vorhatte, als er sie danach fragte. Er erzählte ihr, er wolle auf der Arbeit kündigen, damit er sich endlich dem schlechten Einfluss von Ralph entziehe könne und so vom Pokern wegkommen würde. Tom erklärte seiner Frau, dass er ein Geschäft eröffnen wolle und dafür ca. 80.000 Dollar Eigenkapital bräuchte. Damals war sie noch blind vor Liebe und vertraute ihrem Mann. Sie überwies ihm das Geld zurecht mit einem mulmigen Gefühl, denn sie hatte es nie wieder gesehen. Daraufhin war Tom fast gar nicht mehr zu Hause und verspielte das im Vertrauen geliehene Geld innerhalb eines Monats komplett.

Schließlich kam alles raus. Tom hatte nicht nur das ganze Geld, sondern auch seinen Job verloren. Er hatte nicht selbst gekündigt. Sein Chef störte es zunehmend, dass er fast täglich an seinem Arbeitsplatz für mehrere Stunden einschlief und seine Produktivität gegen Null tendierte. Da Tom für das mittelständische Unternehmen, das auf großes Engagement seiner Mitarbeiter angewiesen war, eher ein Klotz am Bein als eine Bereicherung war, setzte sein Boss ihn vor die Tür. Natürlich hatte Tom niemals vorgehabt, ein Geschäft zu eröffnen und selbst wenn es so gewesen wäre, dann hätten ihm die Mittel dazu gefehlt. Er hatte sein ganzes Vermögen und zusätzlich noch ein Großteil des Geldes seiner Frau verspielt.

Tom war ein gebrochener Mann. Er hatte keinen Job und kein Geld mehr und war in extremster Form spielsüchtig. Da er aufgrund seiner fehlenden finanziellen Mittel schließlich seiner Sucht nicht mehr nachgehen konnte, wurde er unausstehlich. Stefanie musste mit großen Schmerzen ansehen, wie aus ihrer Ehe in kürzester Zeit ein Trümmerhaufen wurde. Sie reichte die Scheidung ein und zog wieder zu ihrer Mutter. Wie konnte Tom diese langjährige glückliche Zweisamkeit für ein dämliches Kartenspiel so zerstören? Wie konnte er seine Frau so schamlos anlügen und mit hohen Schulden, die er Stefanie wahrscheinlich nie zurückzahlen würde, aus der Ehe herausgehen? Dafür musste Tom büßen. Stefanie wollte die Gerechtigkeit siegen lassen. Dafür lebte sie, das war ihre Sucht. Jedem solle das wiederfahren, was er verdient; um jeden Preis. Auch wenn man selbst dafür ein hohes Risiko eingehen würde.

Dienstagabends und Sonntagmorgens ging Stefanie regelmäßig in die Gemeinde. Ihre religiöse Vereinigung hieß 'Schwestern der Gerechtigkeit' und hatte lediglich Frauen als Mitglieder. Männer durften weder die Messen besuchen noch den Gemeindesaal betreten. Wenn so etwas geschehen würde, müssten die heiligen Räumlichkeiten gereinigt werden, da sie durch das Betreten eines Mannes entweiht worden wären. Diese Reinigungszeremonien waren sehr aufwendig, so dass die gerechtigkeitsliebenden Frauen mit allen Mitteln verhindern mussten, dass ein männliches Wesen ihr Reich betrat.

Melanie und Stefanie waren sich sehr vertraut. Neben Gesprächen mit einigen anderen Schwestern war es für Toms Exfrau sehr wichtig, nach jeder Messe mit Melanie einem Gedankenaustausch nachzugehen. Die Schauspielerin war eine sehr gebildete junge Frau mit einem vorbildlichen Sinn für Gerechtigkeit. Als sich die beiden an einem Dienstag nach der Predigt miteinander unterhielten, zeigte Melanie ihrer guten Freundin das Bild eines gecasteten Gastschauspielers, mit dem sie zwei Tage später eine Szene in einem dunklen Wald drehen würde. Sie selbst sei bei dem Casting nicht anwesend gewesen und habe lediglich das Bild von der Jury bekommen, um einen ersten optischen Eindruck von dem Herrn zu bekommen.

Stefanie schaute sich das Bild an und wurde sofort kreidebleich. Es war Tom, der auf dem Bild zu sehen war. Seine Exfrau hatte ihre Freundin erst kennengelernt, nachdem es in ihrer Ehe bergab ging, so dass Melanie nie die Gelegenheit hatte, Stefanies Mann bei einem gemütlichen Kaffeetrinken o.ä. kennenzulernen. Die Schauspielerin wusste also nicht, wer dort auf dem Bild zu sehen war.

Stefanie klärte Melanie sofort auf, so dass beide nicht lange überlegen mussten, um zu wissen, was es zu tun gab. Der Zeitpunkt der Rache war gekommen. Die Gerechtigkeit musste nun endlich siegen. Melanie schilderte ihrer Schwester haarklein, wie die Waldszene ablaufen würde und dass dabei auch ein Messerattrape zum Einsatz kommen würde. Obwohl beide wussten, wie gefährlich der Plan war, gab es kein Zurück. Der Gerechtigkeits Willen musste die Schauspielerin das Messer gegen ein echtes austauschen und damit den Spielsüchtigen in große Schwierigkeiten bringen. Auch wenn Melanie nach der Durchführung ihres Plans sterben würde, wäre es eine gelungene Aktion gewesen, denn das Gute hätte gesiegt. Die beiden waren froh sich zu kennen. Sie waren Schwestern... Schwestern der Gerechtigkeit.






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Kommentar von Kinnie:
(15.07.2010 um 20:21 Uhr)

Tief durchatmen und den Boden unter den Füßen nicht verlieren. Dann klappt das schon!

Kommentar von bruno:
(13.07.2010 um 08:38 Uhr)

Danke sehr, Kinnie. Soviel gebündeltes Lob habe ich ja noch nie bekommen. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich glaube, das muss ich erstmal verarbeiten.

Kommentar von Kinnie:
(10.07.2010 um 10:44 Uhr)

Die Idee mit dem Orden finden ich echt super. Und deine Art zu schreiben ist wunderbar. Das liest sich einach butterweich runter ohne holprig zu sein.




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