12.09.2012

Sonnensturm

Anfang ()

Rony spielt. Am Computer natürlich. Er baut ein virtuelles Dorf nach seinen Vorstellungen, lässt Menschen und Tiere einziehen. Und dann jagt er gemeinsam mit seinen virtuellen Freunden einen virtuellen Räuber. Alle jagen hinter ihm her, aber der ist nicht so leicht zu fangen. Aufregende Musik und ständiges Geballere „Peng, peng...peng, peng, peng und zisch.......“ begleiten das Szenarium. Rony ist völlig aus dem Häuschen und schreit seinen Leuten zu: „Jaaa, gut so! Nach rechts! Weiter, hinter dem Busch da muss er sein. Gleich haben wir ihn!....“ , als sich plötzlich die Musik in einen lauten Summton verwandelt. Wie eine Schallplatte, die langsam ihren Geist aufgibt. Im gleichen Tempo schaltet das Computerbild von hell auf dunkel. Klick und Knack und alles ist vorbei.

Das blanke Entsetzen steht dem Kind jetzt ins Gesicht geschrieben. „Neeeiiinnn! …. Was ist denn jetzt los!“ Und weinerlich fügt er hinzu: „Wir hatten ihn fast geschnappt.“ Verzweifelt versucht er, den Computer wieder anzuschalten. Aber das Ding reagiert einfach nicht mehr. Rony kontrolliert den Stecker, aber der steckt ganz fest da, wo er hingehört: in der Steckdose. Hastig greift er nach seinem Handy. Er muss unbedingt seinen Freund Paul anrufen. Sie wollten sich gegenseitig informieren, wann wer als erster den Räuber gefangen hatte und vor allem wie. Doch dann: „Ja, nun ist aber genug......!“ Rony hätte am liebsten das Handy an die Wand geworfen. Keine Verbindung, nicht einmal eine Ansage warum nicht. Nur Rauschen. „Maamaa!“

„Schrei nicht so,“ die Mama steht schon in der Tür. „Ich wollte dir nur sagen, dass wir einen Stromausfall haben. Offenbar einen Totalausfall. Der Fernsehapparat ist eben aus gegangen. Licht geht auch nicht, Radio nicht, einfach nichts.“ Ratlos sehen sich beide an. „Weiß auch nicht, was das soll. Was machen wir denn da jetzt?“ Sandra zuckt resigniert mit den Schultern, dann stellt sie erstaunt fest: „Ich geh mal zur Tür, da hat wer geklopft.“

„Ach Du bist's.“ Sandra ist erleichtert und nimmt Georg in den Arm. „Warum klingelst Du nicht?“ „Hab ich doch. Aber die Klingel geht nicht.“ „Ach so. Ja. Wir haben anscheinend einen totalen Stromausfall. Bei uns geht seit ein paar Minuten einfach nichts mehr.“ Rony kommt angerannt und fällt Georg schluchzend in die Arme. „Papa! Stell dir vor, ich habe wieder ein Dorf gebaut, der Räuber ist gekommen und wir hatten ihn fast eingefangen, da ist der Computer einfach ausgegangen! Ich wollte Paul anrufen, aber das Handy geht auch nicht.“ Rony schluchzt und drückt sich Hilfe suchend an den Papa. „Jaaa,“ sagt der langgezogen, „dann wird wohl genau das passiert sein, was gestern angekündigt wurde“ „Was!?“ schreien Sandra und Rony wie aus einem Mund. Georg arbeitet bei der Feuerwehr, wo Informationen und Warnungen zu möglichen Gefahrensituationen zuerst ankommen. Aber er hält sie vor der Familie meist zurück, um Panik zu vermeiden. Dabei weiß er, dass Sandra im Ernstfall sehr besonnen reagiert. „Der Sonnensturm«, erklärt Georg, »von dem gestern Abend in den Nachrichten die Rede war. Ein so gewaltiger, wie noch keiner vorher.“ „Was ist ein Sonnensturm?“ „Ach, das ist jetzt zu kompliziert zu erklären. Aber er kann den gesamten Funkverkehr lahmlegen und auch die Stromversorgung stören.“ Alle drei sehen sich schweigend an. „Ja, das ist dann wohl jetzt passiert.“ „Und was nun?“

„Bevor es dunkel wird, solltest du nochmal in den Supermarkt gehen und Kerzen kaufen. Und Batterien für die Taschenlampen.“Sandra drückt Georg das Portmonee in die Hand. „Da hast du recht“. Damit macht sich Georg auf den Weg. Doch schon bald ist er zurück. Er reicht Sandra das Geld zurück. »Der Supermarkt ist zu, alles dunkel. Die Türen gingen nicht mehr auf. Sie haben die mit Handbetrieb öffnen können, aber die Kassen funktionieren nicht, die Kühlaggregate kühlen nichts mehr und Licht ist auch keins. Die Notaggregate reichen nur, um den Kühlraum zu betreiben. Ansonsten müssen da alle raus. - Plan B hat der Marktleiter dazu gesagt.“ „Ach du meine Güte!“ Sandra stürzt in die Küche. „Ein bisschen Brot und ein paar Kekse habe ich noch. Bis morgen kommen wir. Aber dann wird es eng.“ „Ich habe noch einen Satz Batterien gefunden. Aber wir müssen damit sparsam sein, ich weiß nicht, wie lange die reichen.“ Vergebens sucht Georg nach weiteren Energiequellen.

»Ich bereite mal das Abendessen vor, bevor es dunkel wird. Bei Kerzenschein essen mag ja romantisch sein. Aber ich habe da heute eigentlich wirklich keinen Bock drauf.« Sandra stellt das Geschirr auf den Tisch. Brot ist auch genügend da, die Butter dazu. Wurst findet sie noch ein paar Scheiben in einer Plasteverpackung. Den Rest gibt es aus Büchsen. Georgs Eltern schimpfen darüber immer. »Ihr solltet frische Wurst und frisches Fleisch essen. Immer diese Büchsen und Gläser können doch auf die Dauer nicht gesund sein. Wer weiß, was da drin ist.« Aber Sandra liebt diese verpackten Lebensmittel. Sie sind so schön praktisch, weil sie davon auf Vorrat kaufen kann und nur das öffnet, was auch gleich verbraucht wird. »Das ist das in einem modernen Haushalt.« Es sind jetzt nur noch zwei Sorten da. Sandra geht zum Schrank, holt den Büchsenöffner heraus und hält wie versteinert inne. »Ach du meine Güte! Wir haben ja nur einen elektrischen Öffner. Wie machen wir die Dinger denn jetzt auf?« Georg schaut sie an. »Haben wirklich keinen stink normalen Büchsenöffner im Haushalt?« »Nein. Eigentlich schon seit Jahren nicht mehr. Die elektrischen sind doch viel einfacher und bequemer.« Als Georg nach einem spitzen Messer greift, ruft Rony dazwischen: »Lass das lieber sein, Papa. Mama kann uns doch auch ein paar Eier braten.« Doch als Georg ihn vielsagend ansieht, fällt ihm selbst auf, was er gesagt hat. Er dreht sich um und geht hinaus. »Mist!« murmelt er noch.

Nach dem Abendessen stellt Sandra resigniert fest: »Das wars dann erst einmal. Für morgen früh haben wir noch Marmelade. Aber dann ist Schluss. Hoffentlich ist dann alles wieder vorbei und wir können wieder einkaufen. Sonst weiß ich auch nicht..« »Horch mal.« Georg ist ans Fenster getreten. Ein Polizeiwagen mit laufender Sirene kommt herangefahren und hält an. »Achtung, Achtung!« tönt es aus einem Lautsprecher. In allen Fenstern erscheinen Köpfe von gespannt lauschenden Menschen, Straßenpassanten bleiben stehen. Der Polizist spricht laut, deutlich und eindringlich langsam. Dennoch prallt seine Stimme an die Häuserwände, wird von dort wieder abgestoßen und hallt in den Straßen wider. Das Echo klingt wie das höhnische Lachen eines Gespenstes. Und tatsächlich stehen die Menschen für Augenblicke wie versteinert da. Doch plötzlich hören alle von irgendwo den hysterischen Schrei einer Frau. Als wäre es der Startschuss, gerät die Menge in Bewegung. Der Polizist hatte zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen. Aber davon ist jetzt keine Spur.

Die Familie sitzt wieder am Tisch. Der Sonnensturm hat ganz Europa lahmgelegt. Sämtliche Stromnetze sind ausgefallen, die Funkverbindungen gestört. Alle öffentlichen Nachrichtenquellen sind ausgefallen. Aber der Buschfunk ist jetzt umso schneller. Horrorgeschichten machen die Runde. Von Flugzeugen ist die Rede, die notlanden mussten. Von Verkehrsunfällen, weil die Ampeln alle ausgefallen und die Kreuzungen und Straßen hoffnungslos verstopft sind. Von ersten Plünderungen und panikartiger Flucht aus der Stadt ist die Rede. Die Menschen werde »Also hört zu.« Georg bricht das Schweigen. »Ich muss jetzt zur Wache. Ich denke, wir werden eine Menge Einsätze haben. Sicherlich funktioniert auch unsere Notschaltung für den Einsatzruf nicht mehr. Aber ich bin sicher, dass alle Hände gebraucht werden. Das versteht ihr doch?« Mutter und Sohn nicken nur. »Gut. Ihr beide packt jetzt sofort alle notwendigen Dinge zusammen. Ihr fahrt zu meinen Eltern aufs Land. Da wird es zumindest ruhiger zugehen. Hier wird bald überall der Mob die Straßen unsicher machen.« Sandra will protestieren, aber Georg hebt beschwichtigend die Hand. »Glaubt mir, es ist das Beste. Ich komme so schnell wie möglich nach.« Dann setzt er noch nach. »Rony, übrigens, deine Computer und das ganze Zeug kannst Du hier lassen. Das ist nur unnötiger Ballast.« Mit hängendem Kopf trollt sich Rony davon.

Wie Georg gesagt hatte, die Straßen der Stadt sind völlig verstopft. Fahrzeuge sind in allen Richtungen unterwegs. Ebenso Radfahrer und hektische Fußgänger. Rücksicht ist scheinbar eine unbekannte Komponente in diesem Kampf um den besten Platz auf der Straße. »Schau mal, in dem Auto da drüben ist Paul«, ruft Rony plötzlich.« Da alle Fahrzeuge gerade stehen und niemand vorwärts kommt, lässt er schnell die Fahrzeugscheibe herunter, ruft aus Leibeskräften und winkt. Dabei lehnt er sich so weit aus dem Fenster, dass er beinahe heraus gefallen wäre. Aber genau das hat Paul bemerkt und ruft zurück. »He, Rony, wollt ihr auch raus aus der Stadt?« »Ja, zu den Großeltern aufs Land. Und wo wollt ihr hin?« »Wissen wir noch nicht. Papa sagt, nur weg von diesem Hexenkessel.« Sandra hat nun ebenfalls das Fenster geöffnet und ruft Pauls Mutter etwas zu.. »Hallo Lena, wenn sie wollen kommen sie doch einfach erst einmal mit uns mit. Auf dem Bauernhof ist Platz genug für uns alle. Dann werden wir schon weitersehen.« Lena berät sich kurz mit ihrem Mann. »Meinetwegen. Wir haben ja sowieso kein anderes Ziel,« meint Robert. Die beiden Jungen brechen in Freudengeschrei aus. Auch Tinchen, Pauls Schwester ist begeistert. »Gut«, sagt Lena, »Paul kennt ja den Weg. Dann treffen wir uns bei unseren Eltern. Jetzt muss erst einmal jeder einen Weg aus diesem Labyrinth finden.« Sandra konzentrierte sich wieder auf die Straße. Autos hupten, Kraftfahrer schrien sich an und irgendwas zu, fuchtelten mit den Armen, beschimpften sich. In der Mitte der Kreuzung stand ein Polizist und versuchte verzweifelt, Herr der Lage zu werden. Aber die Polizei war auf derartige Situationen mit Handregelung überhaupt nicht vorbereitet. Von irgendwo her hatte sich der Mann eine Trillerpfeife besorgt. Doch auch die erreichte in dem Lärm nur die Fahrzeuge ganz in seiner Nähe. Wenigstens konnte er aber so ein klein wenig die Drängler in Schach halten. Es gelang ihm sogar, jeweils in der freigegebenen Richtung eine Gasse zu schaffen und den Verkehrsknoten Stück für Stück aufzulösen. Sandra fährt nur im Schritttempo. Aber immerhin kann sie überhaupt fahren. Die Familie Munter, also Pauls Familie, ist nicht mehr zu sehen.






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