12.02.2010

Das Monster des Heavy Metals

Das Verhör ()

Nach einem zweistündigen Umtrunk mit den berühmtesten Straßenpennern meiner Heimatstadt bei meinem Stammkiosk "Bei Willi" wankte ich zurück zu meiner Wohnung, vor deren Tür bereits zwei Männer warteten, die kurz zuvor eingetroffen sein mussten. Der zu meiner Linken stellte sich mit den Wortern "Oberinspektor Derek, Mordkommission, wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen" vor und hielt mir stolz seinen Dienstausweis entgegen. Seinen Assistenten, der vermutlich lediglich als Fahrer diente, vorzustellen, hielt der Kriminalbeamte offensichtlich nicht für nötig, allerdings konnte ich mit einem flüchtigen Blick auf dessen Ausweis, der mir beweisen sollte, dass auch dieser Herr von der Mordkommission war, seinen Vornamen erspähen. Er hieß offiziell Haarald, sein Arbeitkollege benutzte aber eine etwas kürzere Variante dieses Namens. "Nach dir, Haari!" sagte der Oberinspektor, nachdem ich die beiden hereingebeten hatte.

Mein Besuch setzte sich auf mein Sofa und höflich, wie ich war, fragte ich, ob die Herrschaften etwas trinken wollten. Sie bejahten meine Frage, woraufhin ich ihnen jeweils ein Glas aus der Küche holte und es mit Kinderlimonade füllte. Für mich stand bereits neunzigprozentiger Rum auf dem Tisch. Ein Glas brauchte ich dazu nicht. Ein richtiger Man trank nunmal aus der Flasche.

Oberinspektor Derek wollte offensichtlich schnell zur Sache kommen und stellte mir die erste Frage: "Wo waren Sie gestern abend?" - "Bei einem Konzert meiner Lieblingsband im Testrix, wieso?" antwortete ich. "Sie werden verdächtigt, dieses Wesen gestern zu einem Mord angestiftet zu haben." Der Kriminalpolizist reichte mir ein Foto, auf dem eindeutig das Monster des Heavy Metals zu erkennen war. Es schien in einer prekären Lage zu sein, denn es war an den Armen und Beinen an einer Wand gefesselt und schaute noch trauriger drein als kurz nach dem verlorenen Gitarrenduell am Konzertabend.

Ich sagte nichts und gab dem Inspektor das Foto zurück. Mit eindringlicher Stimme wurde Herr Derek nun konkreter: "Das Monster hat uns die Person, die es zum Mord an dem größten Schlagerstar aller Zeiten verleitet hat, beschrieben und es könnte sich dabei durchaus um Sie handeln. Das Wesen konnte uns zwar keinen Namen nennen, jedoch haben weitere Ermittlungen ergeben, dass Sie zum engeren Kreis der Verdächtigen gehören. Der Besitzerin der Rockerkneipe "Zum stampfenden Fuß" nannten wir die Beschreibung, woraufhin sie uns Ihren Namen und Ihre Adresse gab."

"Wie lautet denn die Personenbeschreibung?" fragte ich interessiert, wohlwissend, dass ich in einer sehr verzwickten Lage war. Obwohl ich seit Jahren ins Gefängnis gehörte, wollte ich es doch lieber von außen betrachten. Inspektor Derek holte einen kleinen Zettel aus der Innentasche seines etwas seltsam geschnittenen Jackets, bei dem ein Ärmel kürzer als der andere zu sein schien, und las die Beschreibung vor: "Mann, um die 30, ca. 1,80 Meter groß, dunkle lange fettige Haare, Bierbauch, Knollnase, speckige Lederjacke, stümpferhafter Gitarrist. Den letzten Punkt würden wir gerne einmal überprüfen. Würden Sie uns bitte etwas auf der Gitarre vorspielen?"

Da ich schon die Beschreibung meiner winzigen wohlgeformten Nase nicht als zutreffend ansah und innerlich etwas erbost war, dass das Monster, das in dieser Angelegenheit nun wirklich im Glashaus saß, meine Nase offensichtlich als Zinken wahrgenommen haben musste, eröffnete sich mir eine letzte Chance. Wenn ich die Herren von der Mordkommission von meinem Gitarrenspiel hätte überzeugen können, hätten sie mich höchstwahrscheinlich nicht mit auf die Wache genommen und nach einem anderen Verdächtigen gefahndet. Es kam jedoch alles ganz anders, als ich es mir gewünscht hatte.

Ich kramte meine angestaubte Wandergitarre hinter diversen leeren Burgerkartons hervor. Den Stimmvorgang musste ich unterlassen, da mein Besuch sonst schon hätte erahnen können, dass ich die Gitarre nicht regelmäßig benutzte. Darüber hinaus war mir das Stimmen der sechs Saiten sowieso immer ein Rätsel geblieben. Also legte ich sofort los. Ich versuchte wieder meine C Dur/D moll-Kombination vom Vorabend und hängte direkt das Riff von "Highway to Heaven" hinten dran. Es klang grauenvoll, was nicht nur an der Gitarre und seiner Stimmung lag.

Während der Inspektor sich noch die Ohren zuhielt, holte Assistent Haari die Handschellen heraus, um sie mir nach der peinlichen Verführung anzulegen. "Mit diesem Vortrag haben sie noch einen weiteren Punkt der Beschreibung bekräftigt. Sie stehen unter schwerem Verdacht, das Monster zu dem Mord an Herrn Wandler angestiftet zu haben. Sie sind vorläufig festgenommen." Nach diesen Worten des Oberinspektors, der sich mittlerweile getraut hatte, seine Hände wieder von den Ohren zu entfernen, wurde ich abgeführt.

Inspektor Derek und ich warteten am Straßenrand, während Assistent Haari den Wagen holte. Nachdem er vorgefahren war, stiegen wir ein und fuhren zur Wache, wo ich zur Untersuchungshaft in eine Zelle gesperrt wurde. Nebenan hörte ich ein Grummeln, Fauchen und Ächtzen. Natürlich wusste ich sofort, wer sich in meiner Nachbarzelle befand. Ich näherte mich der Wand, die uns zwei trennte und flüsterte dem Monster Mut zu, nachdem ich meinen Mund ganz nah an das Gemäuer herangeführt hatte: "Keine Angst, Monstie. Ich hole uns beide hier raus. Der verkörperte Heavy Metal, wie du es bist, darf nicht in Ketten gelegt werden. Er muss frei sein. Metal ist Freiheit und Rebellion. Wie wollen wir zwei rebellieren, wenn wir hier rumsitzen? Ich muss nachdenken und einen Plan schmieden."






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