22.03.2013

Das Mirakel von Köln

()

IX. Kapitel

In dem spärlich beleuchteten Raum stand der Generalvikar. Aufgeschreckt von Christinas Eintreten starrte er ihr wie einem Wunderwerk des Teufels entgegen. Langsam richtete er sich aus seiner gebeugten Stellung auf, nicht aber, ohne vorher Marie, die in einer Blutlache mit zur Hälfte entblößtem Oberkörper in seinen Armen hing, die Hände über der Brust zu falten.

     »Was tust du hier, mein Kind?«, stotterte er und hob abwehrend seine mit Blut besudelten Hände. »Es ist nicht das, was du denkst. Das musst du mir glauben.« Er legte Marie auf dem Steinfußboden ab und machte einen Schritt auf Christina zu.

     Sie wich vor ihm zurück wie vor dem Leibhaftigen und fand überraschend schnell ihre Stimme wieder: »Hochwürden ... Ihr seid der Teufel! Was, bei Gott, dem Allmächtigen, hat Euch Marie getan, dass Ihr sie ...? Warum habt Ihr sie ...?«

     »Christina, bitte glaube mir doch, ich habe nichts damit zu tun. Ich habe sie gefunden. Ja, sie ist ermordet worden, aber nicht durch meine Hand. Es muss der Teufel gewesen sein!« Er flehte sie an. Der ehemals so mächtige Mann wirkte hilflos und war in sich zusammengesunken.

     »Ich weiß nicht mehr, Hochwürden, wem ich an diesem vermaledeiten Ort überhaupt noch Glauben schenken darf. Ihr gebt mir immer wieder Rätsel auf.« Sie stürzte an ihm vorbei zu Marie, suchte nach einem Tuch und fand es im Beichtstuhl. Dann schob sie ihrer Freundin mit tränenüberströmtem Gesicht die Arme unter den Rücken, presste das Stück Stoff auf die Wunde und drückte sie an ihre Brust. »Marie, Marie«, weinte sie. »Wer hat dir das angetan? Bitte, Marie, geh nicht fort. Lass mich nicht allein hier zurück, bitte, Marie!«

     Der Generalvikar stand stumm über ihr und schaute auf sie hinab. »Sie ist tot«, sagte er mit herabhängenden Armen. »Von dort, wo sie jetzt weilt, kehrt niemand mehr zurück.«

     Langsam hob Christina ihr Gesicht und schaute ihn mit leerem Blick an. Er hielt ihm stand, als hätte er kein Schuldbewusstsein.

     Plötzlich spürte sie eine schwache Bewegung an ihrem Ohr. Während Christina Marie vorsichtig auf den Boden zurücklegte und sie leise bei ihrem Namen rief, beugte sie sich tief zu ihren Lippen hinab.

     »Du lebst?«, fragte sie voller neuer Hoffnung.

     Tatsächlich schlug Marie nur noch ein einziges Mal die Augen auf und sah Christina mit unstetem Blick an. Während das Leben zusammen mit ihrem Blut langsam aus ihr herausfloss, tastete sie zitternd nach Christinas Hand.

     »Gott möge mir verzeihen, nie hätte ich dir wehtun können Christina. Ich wusste immer, dass Sophia deine Mutter ist, aber man hat mich gezwungen, sie der Hexerei zu bezichtigen«, flüsterte Marie. Ihre Stimme klang weit entfernt. »Wer hat das getan? Wer hat dich zu einer Falschaussage gezwungen? Und warum?“, weinte Christina und bedeckte Maries Gesicht mit Küssen. Doch anstelle einer Antwort spürte sie nur einen leisen Händedruck, dann bäumte sich Maries Oberkörper auf, und mit einem letzten Seufzer und den Worten »Geh zum ›Raben‹!« rollte ihr Kopf zur Seite. Marie war tot. Christina schlug das Kreuz über der Freundin, drückte ihr die Augen zu und flüchtete.

 

 






Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Hexe, Kloster, Generalvikar, Teufel,
nach oben