09.06.2015

Leon

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Kapitel 1

Kapitel 1
Er wachte auf. Schon wieder, immer noch, wie jeden Morgen. Fluch der Existenz. Warum? Keiner weiß. Aufwachen, erwachen, wachen, Wache halten – wach halten. Koffein. Er machte sich einen Kaffee. Der Erste von vielen, von unzähligen.Jeden Tag, jedes Jahr. Teufelskreis, als Atheist im Teufelskreis. 'Welch Ironie' dachte er. Es war Sommer, oder Winter, eigentlich egal, aber vermutlich Sommer. Ganz sicher sogar. Müdigkeit zerfraß ihn, langsam quälend von innen heraus, durch alle Zellen unstillbare Kälte schreiend nach Schlaf. Wenn's nur bei ihr bleiben würde. Oh Süße milde Müdigkeit du bist noch das Schönste von allem Übel. Ein Übel von Tausenden so wenigen. Abermillionen Übel gefasst in einem Wirtskörper, ihm selbst, wie ein Mückenhügel. Sie köchelten in ihm zu einer Brühe von Mensch zusammen, nährten sich an ihm, zerrten an ihm. Zahllose Übel und doch nur eins, das Leben selbst. Eine Mücke umschwirrte ihn während er seine Tasche packte. Stammte sie von ihm? Er erlöste sie. Zwischen einer Wand und einem Geschichtsbuch fand sie ihr frühes Ende während sie platzte. Nun war sie Thor und Weiser in einem. Sie war nun gewiss nicht traurig. Aber auch nicht glücklich. Wie könnte sie auch? Kein Glückshormon der Welt wird ihr platter Körper jetzt noch ausschütten können. Er taufte sie Müdigkeit und begrub sie in seinem Mülleimer. Bettelnde kaiserliche Müdigkeit. Die Müdigkeit verging. Keine Taube im Gras. Eine Mücke im Eimer. Und doch die gleiche Welt. Jahre sind vergangen und doch nichts getan. Doch was für eine Welt?


Diese Welt. Genau diese. >Diese< war NSA und 8 Jahre Merkel. War Googles Selbstfahrauto,Auf und Abschwung, Ab und Aufrüstung, und ständige Entrüstung. Konflikte mit Zwölftausend Kilometer Durchmesser, einer Radikalrevolution im Osten, einem „Alles egal“ in der Mitte. Und einem 'Jesus erlöse uns' im Westen. Er war im Alles Egal. Merkel als fleischgewordene Stagnation dieser selbst ernannten mittleren Welt. Stagnation als Antwort auf Rückentwicklung, mit Klaus Kleber und Gundula Gause. Die tolerante Welt in der jeder jeden hasste und das zurecht. Tiere die sich einbildeten mehr als ein paar Atomhaufen zu sein. Arrogante Ignoranz. Irak, Iran und Ivan. Walfang, Mitten im Leben, Facebook und Porn, WM, Fußball und Kellogs Frosties. „Ärger um Kroatiens Nackt ionalspieler“. Pure Bedeutungslosigkeit, die Medien leben ihren Traum. Die Bild für die einen, den Spiegel für die andern. Die andern die sich einbildeten gebildeter zu sein, 'Bild dir deine Meinung'. Und doch lesen alle das gleiche. Den Spiegel und die Bild. Spiegelbild der Gesellschaft.


Langsam schritt er die Treppen des Hauses hinauf. Überreste vergangener Teppiche waren in Form von nicht abgekratzten Klebestreifen die Begleiter auf seinem Weg, die mit Insektenkadavern gesprenkelten Wände von denen man nur noch erahnen konnte das sie einst strahlend weiß waren, bildeten den Pfad hinauf zum Bad. Stufe für Stufe folgte ihm ein ganzes Orchester von knarzenden fast schreienden Geräuschen.
'Ein Ambiente zum Wohlfühlen' sagte er mit seinem typisch sarkastischem Unterton. Das Haus war wie gewöhnlich zu dieser Urzeit leer und versuchte gar nicht den Anschein eines glücklichen Daseins zu erwecken, dazu fehlte schon seit Jahren die Kraft und das Engagement seiner Besitzer. Vermutlich hatte es sich mit seinem tristen Schicksal ebenso abgefunden wie er, welcher das Haus derweil erklimmte. Am liebsten würde es wohl einfach aufstehen und gehen, doch es war zu schwach. Zu schwach um gegen den natürlichen Lauf der Dinge anzukommen, zu schwach um zu fliehen oder gar zu kämpfen, es konnte nur da stehen und auf sein Ende warten, ganz wie Leon.


Wärmendes Wasser rieselte auf seine rechte Körperhälfte hinab als er unter der halbherzig zusammen geschusterten Dusche seines Hauses stand, Schimmel nagte sich durch die Spalten zwischen den gefliesten Wänden. Kein Edler weißer Schimmel auf denen Helden vor einigen Jahrhunderten in Schlachten geritten wären, viel mehr grün – schwarzer anwidernder Schimmel, diese Art Bakterium welche man Gästen bei einem Rundgang durchs Haus vorenthalten würde.
Die Wärme welche die Tropfen mit sich brachten, prallte an dem Schutzfilm seiner Depression ab ohne nennenswerte Erfolge vorweisen zu können.

Er lehnte seinen schweren Kopf gegen die beschlagene nassgespritzte Scheibe der Dusche und fragte sich wie viele vorherige Male nach dem Sinn des ganzen.
Er musste sich überwinden das Duschen zum Abschluss zu bringen sonst würde er wieder zu spät kommen.
'Überwinden' dachte er grinsend. 'Welchen Ursprung hast du wohl. Wie gern würd ich frei wie der Wind alles hinter mir lassen, an dieser Welt und dieser Zeit vorbeiziehen, nicht nach hinten schauend genießen was vor meinen Augen am Horizont kreist. Aufatmen und beherzt, lieblich, mit Freude gefüllte Tränen lachend mich an der Schönheit der Zukunft ergötzen.'

Hielt diesen Wortursprung doch schon nach einem Augenblick für unpassend und dachte nun an „Überwinden“ von „Winden“ wie in „sich vor Schmerzen winden“ und zu Grunde gehen.

 

Er nahm seine Tasche und ging raus, eingehüllt in den Nebel der Trübseligkeit, in Ketten gelegt und doch stetig unterwegs, mit, durch das morgendliche Nichts, eingeschränkter Sicht wandert auf der Suche nach Ziel, im Dunkeln umkreisend, im Zwielicht schwankend seinen Weg bahnend. Weniger bahnen mehr mitgerissen von der Flut. Einige lange Kilometer musste er so jeden Morgen auf dem Weg zu seinem Bus erdulden. Seine mitschleifenden Ketten rasselten auf Boden hinter ihm her, immer ein Stück hinter ihm, ein Gefühl als könnte man den Fängen entkommen, übersehend den großen Käfig drum herum. 19 Jahre war er hier nun schon gefangen, und keine Aussicht auf Veränderung.

Als er den Bus betrat wurden ihm, wie allen andern, seine Fesseln an den Händen abgenommen,
nur um an ihm noch kältere stählerne Verschlussmechanismen zu befestigen, gekoppelt an die anderen mitgerissen Schatten die sich ebenfalls hier befanden. Keine Aussicht auf Freiheit. Sein ganzes Ich war nun in Stahl zu einer Norm zusammengepresst. Transporter 946 fuhr wie schon immer alle Insassen von Dunkelheit zu wahrer Schwärze. Es war ein komisches Gefühl, einem Vakuum gleichend mit dem Bus abzusteigen in die ausführenden betonierten Hände der Normalität. Jede Sekunde Fahrt wurde es dunkler, überraschen düster, wie schwarz Schwärze werden kann, trotz dessen das er diese Fahrt schon hunderte Male erlebte. Die letzten hundert Meter Abstieg, erblickend die ersten Umrisse der Mauern. Umrisse zerrissen ihn, dennoch nach vorn gebeugt um Risse zu sehen. Berauschende Aussicht auf Sicht des aussichtslosen Weges.






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