22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

()

Tanz und Tee in Chongqing

TANZ UND TEE IN CHONGQING

 

 

Der Morgen ist noch genauso verschlafen wie wir. Der Himmel trübe. Ein letztes Mal trete ich auf den Balkon unserer Kabine und sehe einen flachen, grauen Klotz am Ufer des Yangtze. Er sieht aus wie ein kantiges U-Boot. Dahinter, noch im Frühnebel ein unendliches Meer von Häusern. Hochhäuser, natürlich, mehr oder weniger hoch.

Wir sind in Chongqing angekommen, der derzeit größten Stadt Chinas. 32 Millionen Einwohner sind hier registriert. Wie kommt es, dass wir bisher noch nie etwas von dieser Stadt gehört haben? Ach so, na klar, auch sie ist erst in den letzten 20 Jahren aus dem Boden gestampft worden als Folge des Drei-Schluchten-Staudamm-Baues. Hier ist das Gros der Bevölkerung angesiedelt worden, dessen einstiger Lebensraum jetzt am Grunde des Yangtze liegt. Aber, so lesen wir im Reiseführer, diese Stadt war sogar schon einmal Hauptstadt. Von 1939 bis 1945 war sie Sitz der Nationalregierung und Ziel heftiger Bombardements als die Japaner ganz Ostchina besetzt hatten. Die Stadt liegt am Zusammenfluss des Jialingjiang mit dem Yangtze. In ihrem Kern leben jetzt 6 Mio Einwohner, aber zum Stadtgebiet gehört auch das Umfeld, das zur Zeit noch unbebaut ist. Es ist nicht zu erwarten, dass es hier bekannte historische Stätten gibt. Die Stadt wird sicher einmal durch ihre Modernität auf sich aufmerksam machen. Wie ich gerade so über die rasante Entwicklung in diesem mehr als tausendjährigen Land sinniere, kommt mein Mann mit dem Fotoapparat auf den Balkon.

„Ich glaube, es lohnt nicht, von hier aus ein Foto zu machen. Es erscheint noch alles recht farblos.“

Kaum ausgesprochen, drängt sich ein orangefarbenes Etwas in unser Blickfeld. Es schwimmt auf dem Yangtze, der hier eher brackig wirkt. Abfallkanister? Bojen, die sich losgerissen haben?

„Nein, das glaube ich jetzt nicht,“ rufe ich . „Da schwimmen doch tatsächlich zwei Gestalten im Wasser. Wo wollen die denn so früh hin?“

„Vielleicht waren sie Brötchen holen?“, spottet mein Mann.

„Oder tanken“, meine ich, denn das Orangefarbene sieht aus wie ein Plastikbehälter, der auf dem Rücken befestigt ist. „Schnell, mach mal ein Foto!“

Aber schnell ist nicht mit unserem Fotoapparat zu machen und so ist der erste Schwimmer mit der Strömung schon an uns vorbei gezogen. Gerade noch in letzter Sekunde kann mein Mann den anderen auf dem Display einfangen.

„Das wird wohl nicht gerade ein Starfoto geworden sein“, sagt er, „aber vielleicht kann ich ja zu Hause mit dem Picasa-Programm noch etwas mehr herausholen.“

Als wir im Vestibül vor dem Frühstücksraum ankommen, werden gerade unsere Koffer vom Schiff befördert. Wie auf alten Fotografien, tragen die Männer die schweren Koffer mittels einer über Nacken und Schulter gelegten Bambusstange vom Schiff über die schmalen Stege zum Pier, immer drei bis vier Koffer auf jeder Seite. Auch hier gelingt es uns nicht rechtzeitig, ein schönes Foto zu machen. Aber den letzten Träger erwischen wir wenigstens noch von hinten.

Im Speisesaal stehen die chinesischen Touristen schon in dichten Trauben vor den ihnen zusagenden Schüsseln. Die deutschen Touristen bilden, wie gewohnt, eine lange Schlange und achten peinlich darauf, dass nur ja niemand nach vorn geht und sich etwas nimmt, bevor er an der Reihe ist. Die Chinesen stört das nicht. Sie langen zu, wo es ihnen passt. Mahnende Hinweise verstehen sie ohnehin nicht, weder vom Wortlaut, noch vom Sinn.

Es ist genug für alle da, und wenn mal eine Schüssel leer ist, kommt unverzüglich eine neue. Wozu also die Aufregung?

Da man uns als Deutsche kennt, stellen wir uns lieber brav in die Reihe und warten, bis wir dran sind. Nachdem wir uns bei den beiden netten Mädchen, die uns in den drei Tagen immer freundlich und aufmerksam bedient haben, mit einem kleinen Extrabonus und einem herzlichen „Chiä chiä“ bedankt haben, gehen wir von Bord und zum Bus, der uns in die Stadt bringen wird.

Bis in das Stadtzentrum von Chongqing sind es 90 Minuten. Wieder sind es zahllose Hochhäuser, die das Stadtbild prägen. Erst 1988 wurde das erste Hochhaus in China überhaupt errichtet. Es hatte 15 Etagen und entstand in Peking. Heute findet man allerorts Hochhäuser mit 33 und mehr Geschossen.

Wie schon in Shanghai bin ich angenehm überrascht von dem vielen Grün, das die Hochhäuser umgibt und den Eindruck vermindert, sich in einem reinen Häusermeer zu befinden.

Der Bus hält vor einem imposanten Gebäude im traditionellen chinesischen Baustil.

„Das ist der Gouverneurspalast. Er wurde erst vor 10 Jahren errichtet, aber der Gouverneur legt Wert auf alte Traditionen und setzte sich damit auch bei dem Gebäude durch“, erklärt uns Young Young.

Wir steigen hier aus und finden einen weiten, mit herrlichen, alten Bäumen bestandenen Platz zu Füßen des Palastes. Auf der gegenüberliegenden Seite breitet sich ein moderner Neubau aus Glas und Beton aus.

„Das ist das Drei-Schluchten-Museum. Sie haben jetzt eine halbe Stunde Zeit, in aller Ruhe dorthin zu gehen. Wir treffen uns vor dem Eingang.“

Das ist wunderbar, denn auf dem Platz herrscht reges Leben. Dass sich gerade eben aus dem Himmel ein paar Regentropfen verirren, scheint hier niemand zu stören. Wir steigen die schön geschwungene, breite Treppe zum Platz hinunter und gesellen uns zu einer Gruppe von Menschen unterschiedlichen Alters, die nach der Musik aus einem Lautsprecher einzeln oder auch paarweise tanzen. Es ist moderne, westliche Musik und es zuckt sofort in meinen Beinen. Ich beobachte die Tanzenden ein wenig und kann den Schritten folgen, die sich in gewissen Abständen wiederholen. Mit Schirm stelle ich mich dazu und tanze einfach mit.Die Einheimischen nicken wohlwollend. Ein Stückchen weiter, auf der anderen Seite, strecken und dehnen sich Menschen nach Anleitung eines alten Mannes im Tai chi. Eine weitere Gruppe besteht nur aus Frauen und wiegt sich nach Klängen von Bollywood.

Young Young hatte uns schon in Shanghai erzählt, dass es eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Chinesen ist, sich öffentlich in zwanglosen Gruppen auf Plätzen oder vor Cafès zu den Klängen eines Kofferradios zu bewegen oder selbst zu musizieren. Im Vorbeifahren haben wir aus dem Bus so eine Gruppe sogar schon mal auf einer kleinen Fläche hinter einer belebten Kreuzung gesehen. Nun machen wir also mit.

Vor der wieder aufwärts zum Museum führenden Treppe haben sich einige Obsthändler eingefunden, die ihre Ware zu günstigen Preisen anbieten. Young Young kauft für uns alle Früchte, die so groß und gelb wie Zitronen sind. Es sind Mispeln. Sie zeigt uns, wie man die dünne, weiche Schale entfernt und hält auch schon eine Tüte dafür bereit, denn wir wollen die Abfälle doch nicht auf den Boden fallen lassen. Die Mispeln sind süß und saftig und schmecken ähnlich wie Aprikosen. Schade, dass sie bei uns zu Hause nicht wachsen.

Nach 30 Minuten stehen alle pünktlich vor dem Eingang des Drei-Schluchten-Museums. Wer nicht da ist, ist Young Young.

„Mein Mann fehlt auch noch“, informiert uns Siglinde, „er verhandelt noch mit dem Obsthändler. Er will unbedingt so eine Tragestange mit nach Hause nehmen. 50 Euro hat er ihm schon geboten.“

Das dürfte für den Händler ein richtiges Schnäppchen sein, es sei denn, es wäre sein einziges Gerät, mit dem er seine Ware transportiert.

Da kommt Hermann auch schon freudestrahlend mit der Stange, begleitet von Young Young, die Treppe herauf. Nun müssen wir uns natürlich diesen Neuerwerb erst mal in Ruhe betrachten. Die Stange ist nichts weiter als ein halbiertes dickes Bambusrohr, das an den Kanten und Enden abgeschliffen wurde. Da, wo die Stange auf dem Nacken ruht, ist das Rohr stärker abgeschliffen und an den beiden Enden sind Kerben für die einzuhängenden Lasten zu sehen.

Ein einfaches Gerät, aber sehr nützlich. Es hat viel Ähnlichkeit mit einem Holzjoch, das die Bauern früher bei uns verwendeten, um die schweren Milchkannen zu transportieren.

Der Rundgang durch das Staudamm-Museum veranschaulicht noch einmal, welche gewaltige Leistung hinter diesem Bauwerk steckt. Schon allein die Logistik, Menschen und Material zur rechten Zeit an die richtige Stelle zu beordern, ringt uns Bewunderung ab.

Aber auch das riesige Terrain, das in den Fluten des Yangtze verschwunden ist, wird in seiner Ursprünglichkeit dargestellt. Verteilt auf vier Etagen findet man Fotodokumentationen über die einzelnen Etappen des Baues, aber auch zahlreiche Exponate aus den überfluteten Siedlungen und antike Kunstwerke versunkener Pagoden und Tempel. Auch die Treidler sehen wir wieder, hier in Form eines Bronzereliefs.

Was erwartet uns als nächstes?

Der Bus steht schon bereit zur Fahrt in den „Eling-Park“. Das ist ein ein großer Freizeitpark, aber Kinderbelustigung und Fahrgeschäfte, wie wir das von zu Hause kennen, gibt es hier nicht. Es ist ein wirklicher Park mit einem schönen alten Baumbestand. Weit ausladende

Platanen, meterhohe Gingko-Bäume, Zedern und andere Nadelgewächse, Azaleen, aber auch Bambus und Fächerpalmen bestimmen das Bild. Hinter einem malerischen Teich, in dem gut genährte Kois in allen Farbschattierungen schwimmen, treffen wir auf ein Rentnerfreizeitvergnügen. Alte Herren sitzen an kleinen Tischen mitten im Grünen und spielen irgendein Legespiel, das so ähnlich wie Domino aussieht. Sie spielen es mit großer Ernsthaftigkeit und nehmen von uns keine Notiz. Vielleicht sind sie es auch gewöhnt, dass neugierige Touristen ihnen über die Schulter schauen.

An einem anderen Tisch sieht man ältere Damen beim beliebten Mah-gong.

Uns bleibt keine Zeit, ihnen beim Spiel zuzusehen. Wir sind zu einer Teezeremonie angemeldet. Wenige verschlungene Wege weiter, leuchtet schon das rote Eingangsportal des Teehäuschens durch das Geäst. Es ist im antiken Stil erbaut, entstand aber erst vor ein paar Jahren, erfahren wir von Young Young.

Wir werden von zwei freundlichen Chinesinnen begrüßt, die uns in einen kleinen Ausstellungsraum führen. An der einen Seite befinden sich niedrige Sitzgelegenheiten aus Bambusrohr, in der Mitte ein langer Tisch. Auf ihm sind schon die Gerätschaften für die Teezeremonie aufgebaut. Große, verschlossene Gläser mit verschiedenen Teesorten, kleine Kännchen aus gebranntem Ton, mehrere Stapel Schälchen aus hauchdünnem Porzellan und die dazugehörigen Deckel und schließlich eine Heizplatte, auf der das Wasser gekocht und warm gehalten werden kann. Hinter dem Tisch, an der gegenüberliegenden Seite stehen Regale mit den verschiedensten Teesorten, kleine Teeservices, einzelne Schälchen und Kännchen aus gebranntem Ton und Porzellan.

Nachdem alle einen Blick auf die Vitrinen und das Interieur auf dem Tisch geworfen haben, bittet uns Young Young, doch erst einmal Platz zu nehmen.

„Ich möchte Ihnen Lu Wang Chang vorstellen“, sagt sie, „sie ist die Leiterin dieser Teestube und kann Ihnen viel über die Wirkung der verschiedenen Teesorten, ihre Gewinnung und ihre Verwendung erzählen. Sie hat verschiedene Sprachkurse besucht und spricht auch Ihre Sprache. So kann ich jetzt Pause machen.“

Lu beginnt ihren Vortrag mit der Erklärung, wie man einen Tee überhaupt trinken sollte:

„Der Tee wird bei uns grundsätzlich aus Schalen getrunken. Man nimmt sie mit beiden Händen zwischen Daumen und Zeigefinger und hält sie zunächst in Armlänge vor der Brust. Danach bewegt man das Schälchen vorsichtig zu sich heran und beschreibt dann einen Kreis bis an den Ausgangspunkt zurück. Das macht man drei Mal.

Anschließend wir die Teeschale langsam an die Nase heran geführt und man genießt den Duft der Teeblüte von rechts nach links und wieder zurück. Erst danach trinkt man den Tee in kleinen Schlucken.“

Sie macht uns vor, was sie eben erläutert hat und fährt dann in ihrer Erklärung fort.

„Die verschiedenen Teesorten haben unterschiedliche Wirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit. Sie werden auch verschieden zubereitet. Manche Sorten werden mit sprudelnd heißem Wasser aufgebrüht, bei anderen Tees darf die Temperatur nicht höher sein als 70° C.

Die frisch geernteten und fachmännisch getrockneten Teeblätter können teilweise bis zu 8 mal aufgebrüht werden, ohne dass sie ihre wohltuende Wirkung einbüßen.“

Jetzt verstehe ich auch, warum ich auf dem Schiff drei mal „Nachschlag“ bekam, als ich mir einen Jasmintee leistete. Ich hätte wohl noch mehr Tee zu trinken bekommen, wenn ich nicht dankend abgewehrt hätte.

Während Lu`s Assistentin schon die Verkostung vorbereitet, zeigt uns Lu, was sich in den Gläsern auf dem Tisch befindet. In einem Glas sind lauter kleine graugrüne Röllchen zu sehen.

„Das ist Ginsengtee. Die Blätter werden frisch geerntet und einzeln von Hand zu kleinen Kugeln gerollt. Mit kochendem Wasser aufgebrüht, entfalten sich die Blätter wieder und geben ihre Heilkraft in den Tee. 3 – 4 Kügelchen reichen für eine Kanne mittlerer Größe. Die Blätter können bis zu 8 mal aufgegossen werden. Der Ginsengtee ist vor allem gesund für Magen und Herz.“

Damit ist mein Mann schon mal sehr interessiert.

„Wenn der Tee auch noch schmeckt, nehmen wir ein Päckchen mit“, entscheidet er.

Ich bin mehr für Jasmintee. Hier werden die zarten Blüten mit heißem Wasser übergossen und auch sie entfalten sich wieder und geben ihr Aroma in das Wasser. Klar, dass man für diese Tees keinen Zucker braucht. Das macht sie doppelt bekömmlich.

Die Entscheidung fällt uns nicht schwer, nachdem wir die verschiedenen Teesorten probiert haben. Der Tee ist nicht ganz billig, aber er ist absolut frisch und, wie wir jetzt wissen, auch ergiebig. Ich möchte aber unbedingt auch noch so ein Teeschälchen kaufen. Mein Mann ist einverstanden und wir sehen uns nach einem passenden um. Da entdecke ich ein ganzes Set winzig kleiner Teeschälchen in Kobaltblau mit einem goldenen Drachen.

„Meinst Du, dass Du das heil nach Hause kriegst?“, fragt mein Mann in der Hoffnung, dass ich es mir doch noch überlege. Aber mein Entschluss ist gefasst. Ich habe schon ganz andere Sachen bei unseren zahlreichen Umzügen gut verpacken müssen.

Um einige Euro erleichtert, aber frohgelaunt, verlassen wir das Teehaus.

Auf unserem weiteren Rundgang durch den Park treffen wir auf einen Künstler, der ihm vorgegebene Namen in frischen Farben mit Buchstaben in Form von chinesischen Fabelwesen auf ein Spruchband malt. Er wird sofort von allen Teilnehmern unserer Reisegruppe umringt. Mit zielsicherer Hand gestaltet der Künstler in Windeseile die Fabelwesen aus lateinischen Buchstaben. Das ist etwas ganz Besonderes. Da die fertigen, kleinen Kunstwerke auch gleich laminiert und die Farben damit haltbar gemacht werden, ist das ein wunderbares Mitbringsel. Sofort bildet sich aus unserer Reisegruppe eine kleine Schlange, die die Namen ihrer Lieben auf diese Weise verewigt sehen möchte. Ich bin auch am Überlegen, ob ich mich in die Wartenden einreihen soll. Aber wo sollen meine Enkel das bunte Namensschild hinhängen? Und wem würde das überhaupt gefallen? Bis auf Mausi sind alle schon erwachsen. Und für Mausi?

Gerade als ich mich entschieden habe, wenigstens für die Jüngste ein solches Namensschild anfertigen zu lassen, drängt Young Young zum Weitermarsch. Der Bus kann nicht lange an dem vereinbarten Ort stehen bleiben. Wir müssen pünktlich am Ausgang sein.

Als nächstes steht ein Bummel durch das Chongqinger Stadtzentrum auf dem Programm. Dazu müssen wir den Jialingjiang überqueren.

„Die Brücke ist gerade fertig geworden“, informiert uns Young Young, „ sie ist eine von acht Brücken, die erst nach der Anstauung des Yangtze entstanden sind. Zwei weitere sollen noch folgen. Bis dahin konnte man nur mit Fähren den Fluss überqueren.“

Das Stadtzentrum von Chongqing gleicht in Vielem anderen Großstädten in der westlichen Welt. Moderne Einkaufszentren, Glasfassaden an den Hochhäusern, dazwischen grüne Boulevards und Verweilzonen mit Sitzbänken. Alle namhaften Modefirmen sind hier vertreten – Lafayette, Gucchi, Cartier, Betty Barcley, Rolex und, und, und. Sie werben mit farbenfrohen Leuchtreklamen oder Videoclips auf den überdimensionalen Bildschirmen. Leider können wir die einheimischen Modehäuser keiner bestimmten Branche zuordnen, denn die Schriftzeichen verraten uns nichts.

Treffpunkt ist ein sechseckiger Turm mit einer Uhr und einem interessanten Windspiel auf dem Kuppeldach . Er wird von einer Blumenrabatte sowie einer hölzernen Einfassung umringt. Es scheint ein beliebter Treffpunkt zu sein, denn es sitzen hier schon zahlreiche Leute und starren auf ihre Handys oder Smartphones.

„Sie können sich in der Stadt nicht verlaufen. Alle Straßen sind quadratisch zueinander angeordnet. Die Hauptstraßen führen von hier in gerader Linie von Ost nach West bzw. von Nord nach Süd. Sie müssen sich nur merken, wie viele Kreuzungen sie überquert haben. Außerdem ist der Turm aus allen Richtungen gut zu sehen.“

Mit dieser Information verabschiedet sich unsere Reiseleiterin für eine Stunde. Ich denke, sie braucht auch mal eine kleine Ruhepause. Mein Mann und ich bummeln den Boulevard entlang und beobachten die Passanten. Es kommen uns viele junge Leute entgegen, modisch gekleidet, fröhlich schwatzend oder mit ihrer modernen Telekommunikation beschäftigt. Väter tragen ihre Jüngsten, Mütter große Einkaufstüten. Auch ein Paketbote mit der bekannten Tragestange, an der drei große Pakete hängen, ist dabei.

„DPD auf chinesisch“, sagt mein Mann.

„Da sieh, mal“, rufe ich. Ein kleiner, weißer Chihuahua trippelt an der Leine einer extravagant gekleideten jungen Dame mit Superhighheels an uns vorbei. Er hat eine rote Blüte am rechten Ohr und einen grell orange gefärbten Schwanz.

„Das habe ich so noch nirgendwo gesehen. Wie findest Du das?“

„Affig“, sagt mein Mann und da stimme ich ihm zu.

Das Leben in einer modernen Großstadt treibt eben selbst in Fernost seltene Blüten. Nachdem wir den breiten Boulevard in alle Richtungen ein Stück erkundet haben, setzen wir uns auf eine Bank und lassen das Großstadtflair auf uns wirken.

„Ist Dir schon mal aufgefallen, dass es auf den Straßen hier sehr gesittet und ruhig zugeht?“,

frage ich meinen Mann.

„Ja, ich habe noch keinen johlenden Halbstarkentrupp gesehen oder Betrunkene“, antwortet er.

„Und ich habe auch noch keinen einzigen Bettler gesehen, obwohl die Leute hier doch wahrlich nicht viel verdienen.“

„Und die kleinen Kinder sind absolut ruhig. Sie werden auf dem Arm getragen oder trippeln an der Hand von Vater oder Mutter. Sie schreien nicht, sie zerren nicht, sie werfen sich nicht auf die Straße.“

„Wir müssen Young Young mal nach den Erziehungsmethoden in China fragen“.

Aber dazu kommen wir vorerst nicht, denn die Zeit ist um und wir eilen den Boulevard entlang in Richtung Bus. Wir fliegen heute noch nach Xian. Unser Flug ist für 16.35 Uhr gebucht. Als wir am Flugplatz ankommen, sind unsere Koffer schon abgefertigt. Wir checken ein und laufen dann beinahe einen Kilometer weit, bis wir unser Terminal erreicht haben. Chongqing ist eben eine Großstadt und dazu gehört natürlich auch ein Großflughafen. Der ist ebenfalls erst in den letzten 10 Jahren entstanden. Vielleicht sollten die Berliner mal Herrn Mehdorn oder wer auch immer für den BER verantwortlich ist, zum Erfahrungsaustausch nach Chongqing schicken.

Um 16.15 Uhr werde ich unruhig. Eigentlich müssten wir jetzt schon im Flieger sitzen, aber der Abfertigungscounter zum Gate ist immer noch unbesetzt. An der Anzeigetafel steht etwas von „delated“.

„Der Flieger hat Verspätung. In Xi an gab es ein heftiges Unwetter. Er konnte noch nicht starten.“

Young Young bringt uns auf den neuesten Stand. Da kann man nichts machen. Nun heißt es warten.

„Eigentlich könnte die Reise hier schon zu Ende sein“, sagt mein Mann, „eine Woche ist vorüber und wir haben schon so viel gesehen.“

„Du hast Recht. Mir geht es genauso. Aber für eine weitere Reise nach China ist die Anreise einfach zu lang und teuer noch dazu. Außerdem gibt es noch so viele Sehenswürdigkeiten, die wir im Original an Ort und Stelle sehen wollen.“

„Ja, es war auch nicht meine Absicht, die Reise jetzt abzubrechen. Ich meine nur, dass dieses Land doch ganz schön groß ist und viel Zeit mit Fahrerei vergeht.“

„Aus dem heutigen Maultaschenbankett in Xi an wird wohl nichts mehr werden. Aber das holen wir morgen Abend nach. Ich habe schon mit dem Restaurant telefoniert“, wendet sich Young Young an alle, die sich für diese Zusatzleistung entschieden haben. Wir gehören auch dazu.

Nach 2 ½ Stunden ist der Flieger endlich eingetroffen und dann geht alles ganz schnell. Alte Koffer raus, neue rein, einmal betanken, einmal die Bezüge in der Kabine richten und schon geht das Einsteigen los. Umfangreicher Service ist auf der kurzen Strecke nicht zu erwarten. Wir fliegen nur eine knappe Stunde. Eine Flasche Mineralwasser und eine Tüte Reiskekse genügen. Leider ist das aber auch schon unser ganzes Abendmenue, denn das Hotelrestaurant hat schon geschlossen, als wir nach einer weiteren Stunde Fahrt vom Flughafen im Hotel mit dem Namen „Gentleman International“ankommen. Da fällt mir ein, ich habe noch ein Paket Zwieback aus Shanghai und Tee gibt es mit Sicherheit im Zimmer. Wir gehen also nicht hungrig zu Bett.






Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Chinareise , Chongqing, Erlebnis
nach oben