22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

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Shanghai

SHANGHAI

 

Das Hotel „New Century Puxi“ erreichen wir dank der zügigen Fahrweise Chang Lis im dichtesten Verkehrsgewimmel schon gegen 16.00 Uhr. Wir beziehen unser Zimmer im 13. Stock und atmen erst mal tief durch. Die Koffer stehen schon vor der Tür. Die Kofferschlüssel sind griffbereit. Und nun schnell unter die Dusche. Erst warm, dann kalt. Jetzt fühle ich mich schon viel besser. Doch die doppelt breiten Betten sind zu einladend, als dass man sie unbenutzt ließe. Es ist eine Wohltat, die Beine auszustrecken, den Rücken gerade zu machen und die Augen zu schließen.

„Stell mal bitte den Wecker“, kann ich gerade noch meinem Mann zurufen. Dann bin ich auch schon eingeschlafen.

Ich kann nicht sagen, dass ich nach dem Läuten des Weckers putzmunter bin, fühle mich aber doch etwas erholt und bin bereit für das abendliche Shanghai.

Mein Mann ist schon gerüstet mit Fotoapparat und ein paar Yuan, die wir bei der Bank zu Hause eingetauscht haben. Pünktlich finden wir uns in der Lobby ein. Alle Anderen scheinen auch schon da zu sein. Aber Young Young zählt ihre kleine Schar zur Sicherheit noch einmal und siehe da, es fehlen zwei Personen. Wer fehlt? Es ist wieder das Ehepaar, das den Anschluss schon am Flughafen verloren hatte. Aber das ist kein Problem. Young Young hat eine Zimmerliste und ruft sogleich dort an.

„Sie sind schon auf dem Weg, haben sie gesagt“, bringt sie uns die frohe Botschaft und da öffnet sich auch schon die Fahrstuhltür und die beiden Vermissten eilen auf uns zu.

Wir steigen in den Bus und es beginnt die Lichterfahrt.

„Wir fahren jetzt zum Bund“, unterrichtet uns die Reiseleiterin. „Das ist die Uferpromenade am Huangpu, dem Fluss, der auf einzigartige Weise das alte und neue Shanghai miteinander verbindet. Auf der einen Seite wird die Promenade von Kolonialbauten gesäumt. Auf der anderen Flussseite befindet sich das Handels- und Finanzzentrum. Hier stehen die größten Hochhäuser Chinas. Sie sind alle erst in den letzten 20 Jahren entstanden.“

Je näher wir unserem Ziel kommen, umso interessanter werden die Silhouetten der Wolkenkratzer. In Blau und Rot erstrahlen zwei futuristisch anmutende Kugeln, die wie aufgespießt einen schlanken Turm zieren. Dicht daneben, von einem azurblauen Leuchtband gerahmt, ein steil aufragendes, nach oben spitz zulaufendes Gebäude mit einer rechteckigen Öffnung im obersten Bereich. Davor ein dunkler, quadratischer Bau mit tausend hell erleuchteten Fenstern und einem golden erstrahlenden Kuppeldach. Unser Bus hält auf dem Platz vor dem Ehrenmal für die Kämpfer der Befreiungskriege, einer von starken Scheinwerfern angestrahlten 50 m hohen, schlichten Stele. Gleich dahinter beginnt der Bund. Wir sind überwältigt von dem Farbenspiel der Skyline der Halbinsel Pudong, die sich auf dem Huangpu in eindrucksvoller Weise spiegelt. Dazu kommen ebenso farbenfreudig illuminierte Ausflugsschiffe mit dem goldenen Drachen an Bug und Heck.

„Pudong werden wir morgen noch besuchen. Dann stelle ich Ihnen auch die einzelnen Hochhäuser vor. Heute sollen Sie nur einen optischen Eindruck bekommen,“ informiert uns Young Young.

Auf der Promenade wimmelt es von Menschen. Wir haben 20 Minuten zum Spazieren und Fotografieren. Auf unserer Seite leuchten hinter einer den Boulevard säumenden Grünanlage die Fassaden der Kolonialbauten. Wir können nicht sagen, was uns mehr beeindruckt, die jadegrün leuchtende Kuppel der im neoklassizistischen Stil erbauten ehemaligen Hongkong- und Shanghai- Bank oder die Silhouette des Peace-Hotels mit der Pyramide auf dem Dach. Beeindruckend ist auch das Gebäude, dessen goldene Krone das Panorama dominiert. Sicher ist das auch eines der Luxushotels, die im inneren Zirkel der Stadt zahlreich vertreten sind.

Wir fotografieren wie die Weltmeister. Dabei wollten wir doch diesmal nicht so viele Fotos machen. Schon steht Young Young wieder Fähnchen schwingend am steinernen Geländer der Uferpromenade.

„Jetzt gehen wir in ein chinesisches Restaurant gleich in der Nähe und dann fahren wir noch ein kleines Stück in die historische Altstadt“, lockt sie uns.

Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir seit dem zeitigen Mittagessen im Flieger nichts mehr gegessen haben. Im Restaurant sind drei Tische für uns reserviert für jeweils 8 Personen. Runde Tische mit einer drehbaren Glasplatte in der Mitte, auf der verschiedene chinesische Gerichte in flachen Schalen die Runde machen. Dazu eine große Schüssel Reis und Suppe in der Terrine. Wir sind erleichtert, als wir neben den obligatorischen Stäbchen auch noch eine Gabel neben dem Teller entdecken und einen Löffel. Die Ersten langen schon eifrig zu, wenngleich auch in vorsichtigen kleinen Kostpröbchen. Viel mehr passt auf die Dessertteller, die an jedem Platz stehen, auch nicht drauf. Aber nach dem Probieren acht verschiedener Gerichte, die allesamt sehr schmackhaft sind, ist der Heißhunger auch vorüber. Dazu noch ein chinesisches Bier und ein Schälchen grüner Tee und wir sind satt und zufrieden.

Neben mir sitzt das ältere Ehepaar, auf das wir schon mehrfach warten mussten. Sie sprechen in einer mir nicht unbekannten Sprache miteinander, aber ich kann sie nicht verstehen. Also nicht Russisch. Vielleicht Bulgarisch? Die Frau spricht auch gut Deutsch, wie ich schon bemerkte.

„Woher kommen Sie?“, frage ich.

„Ich komme aus Nürnberg“, antwortet sie „und mein Mann aus der Nähe von Varna“.

Bulgarien, da lag ich doch gar nicht so falsch. Meine Neugier ist geweckt, aber bevor ich sie weiter befragen kann, drängt Young Young zum Aufbruch.

„Der Bus ist schon da. Bitte kommen Sie. Er kann hier nicht lange stehen bleiben. Wir müssen uns beeilen.“

Wieder fahren wir auf mehrspurigen, taghell erleuchteten Straßen an Hochhäusern mit farbiger Leuchtreklame vorbei, in einem Pulk von Autos und Motorrollern wie in der Rush hour. Die Hochstraßen, die auf drei Ebenen durch die Stadt führen, sind jetzt durch ein blaues Neonband gekennzeichnet. Mit ihren zahlreichen Zu- und Abfahrten sehen sie aus wie Kraken, die ihre Tentakeln in alle Richtungen ausstrecken. Doch jetzt kommen niedrige Häuser mit geschwungenen Dächern in Sicht. Ihre Umrisse werden von Tausenden kleinen Lämpchen markiert und die kunstvoll gestalteten Fassaden von Scheinwerfern angestrahlt. Wir sind, wie einst Marco Polo, in einer Märchenwelt angekommen, im Altstadtviertel, das jetzt am späten Abend, nicht ganz so überlaufen ist, wie am Tage, wenn man den Ausführungen unserer charmanten Reiseleiterin glauben darf. Für uns ist das Menschengewimmel groß genug, um den Anweisungen Young Youngs strikt zu folgen, die uns rät, nur einen Blick auf die Zig-Zag-Brücke zu werfen, dann drei Querstraßen im jeweils rechten Winkel zu gehen, um zum Ausgangspunkt zurück zu kehren, wo sie uns in 45 Minuten erwartet.

„Wir werden alles morgen noch einmal bei Tageslicht besuchen. Dann haben Sie mehr Zeit und können auch das eine oder andere Souvenir erwerben“, tröstet sie uns.

Um uns wieder ein bisschen zu entzaubern, halten wir auf der Rückfahrt in das Hotel noch für eine Stippvisite auf der Nanjing-Shopping-Mall, einer der beliebtesten Einkaufsstraßen Shanghais. Jetzt fühlen wir uns aus der Kaiserzeit vor 2000 Jahren in die Zukunft versetzt oder zumindest in das neonbeleuchtete Pendang New Yorks mit all seiner schreienden Leuchtreklame, den überdimensionierten Videotafeln und aktuelle Nachrichten verbreitenden Schriftbändern. Letztere sind uns hier sogar sympathisch. Wir können sie zwar nicht lesen, aber die chinesischen Schriftzeichen sehen faszinierend aus. Sie tanzen auch noch vor meinen Augen, als ich, die Lider schon geschlossen, endlich im Bett liege und mit Grauen daran denke, dass wir schon um 7.00 Uhr wieder aufstehen müssen, um pünktlich um 8.30 Uhr am Bus zu sein.

*

„Ni hau“, begrüßt uns Young Young frohgemut, als alle wieder im Bus sitzen und den Highlights des heutigen Tages entgegen sehen. „Wie geht es Ihnen?“, übersetzt sie die Floskel, die man zu allen Tageszeiten in China gebraucht, wenn man sich begrüßt. Die Antwort lautet ebenso einfach „hau“, „gut“ oder „hau hau“ , „sehr gut“.

Na, das ist leicht zu erlernen. So können wir den uns begegnenden Einheimischen gegenüber höflich sein.

„Wir werden zuerst zum Stadtplanungsmuseum fahren. Hier können sie sich an einem Modell einen Überblick über Shanghai verschaffen und auch etwas über die Vergangenheit und die Zukunft der Stadt erfahren.“

Stadtplanungsmuseum hört sich ziemlich trocken und langweilig an, aber es ist nun einmal im Programm so vorgesehen und da werden wir es über uns ergehen lassen. So dachten wir, bevor wir vor dem modernen 5-geschossigen Gebäude standen und die Stufen zur Eingangshalle erklommen. Drinnen erwartete uns ein routierendes, goldglänzendes, 5 m hohes Modell vom Handels- und Finanzzentrum Pudong mit den imposanten Wolkenkratzern, die der Skyline von Shanghai heute ihr Gesicht geben. Dann geht es hinauf in die vierte Etage und hier verschlägt es uns fast die Sprache. Auf einer Fläche von 600 m², also sechs mal so groß wie unser Haus, erstreckt sich das Modell der Stadt Shanghai im Maßstab 1: 5000. Es stellt „nur“ 110 km² innerhalb der ersten Ringstraße dar. Dominierend sind die zahllosen Hochhäuser, dicht an dicht. Kleine von 10 Etagen, mittlere bis zu 20 Geschossen und Hochgeschosser von 30 und mehr Etagen wechseln in scheinbarem Durcheinander. Dazwischen flache Areale einer älteren Bebauung und immer wieder grüne Inseln zum Ausgleich für Beton und Glas. Das Licht geht aus und einige Teile der Stadt erscheinen in leuchtend blauen Tönen.

„Das sind die Neubauten der letzten 20 Jahre“, erläutert uns Young Young die Erscheinung. „Darunter sind auch fast alle Bauten auf der Halbinsel Pudong. Hier haben viele ausländische Architekten Gelegenheit bekommen, ihre Ideen von einer modernen Stadt zu verwirklichen. Und jetzt sehen Sie die Stadtviertel, die noch in der Planung sind und bis 2020 entstehen werden.“

Die blauen Gebäude sind jetzt unbeleuchtet und an ihrer statt erstrahlen weitere Hochhausviertel, vorwiegend an der Peripherie des inneren Ringes der Stadt in Weiß. Dazwischen windet sich der Huangpu wie eine Schlange, überbrückt von modernen, mehrspurigen Stahlkonstruktionen. In Gelb erscheinen, sehr eindrucksvoll, die Kreuzungsbauwerke der die Stadt wie einen Ring umschließenden Hochstraße, die ampelfrei, nur für Kraftfahrzeuge mit Shanghaier Kennzeichen zugelassen ist und den einheimischen Autobesitzern ein schnelleres Fortkommen in der rush hour ermöglichen soll.

Wir bekommen Gelegenheit, das Modell einmal zu umrunden und uns alle Details aus verschiedenen Perspektiven anzusehen. Es ist einfach gewaltig, was da schon entstanden ist und was noch entstehen wird, denn daran, dass dieser Plan verwirklicht wird, haben wir nicht den geringsten Zweifel. Und trotz allem – leben möchte ich hier nicht. Das Leben in der Großstadt ist mir schon in Deutschland zu laut, zu unruhig, zu unsicher. Hier würde ich keinesfalls wohnen wollen. Hinzu kommt noch, dass die gläsernen Fassaden der Geschäftshäuser und Banken nicht darüber hinweg täuschen können, dass die reinen Wohnhochhäuser eher eintönig und trist aussehen. Die Wohnungen selbst sind sehr klein, selten mehr als 40 m², und bieten keinen Komfort, wie uns Young Young berichtet. Wer eine Wohnung kauft, erhält in der Regel nur die reinen Betonwände und Fußböden ohne Ausstattung. Nicht mal sanitäre Elemente sind installiert. Der Grund und Boden gehört nach wie vor dem Staat. Das heißt, wenn ein Haus aus welchen Gründen auch immer, wieder abgerissen werden muss, hat der Wohnungsbesitzer nur die Wahl, in eine andere ihm vom Staat angebotene Wohnung zu ziehen oder eine finanzielle Entschädigung anzunehmen. Trotzdem sind alle froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, denn bei der millionenfachen Zuwanderung von Landarbeitern aus dem Landesinneren, ist die Wohnungsfrage ein immerwährendes, ernsthaftes Problem. Der Neubau von großen Städten in kurzer Zeit wird als ein Ausweg angesehen. Und in der Tat haben wir in der Zeitung zu Hause gelesen, dass China beabsichtigt, eine 40 Millionenstadt im Landesinneren völlig neu aus dem Boden zu stampfen.

Young Young gibt uns auch gleich noch einen kleinen Einblick in die heutigen Gepflogenheiten der Eheschließung.

„In erster Linie geht es nicht mehr nur darum, wer wen liebt“, sagt sie , „sondern wer wem was zu bieten hat. Es ist Sitte von alters her, dass eine Tochter in das Haus der Schwiegereltern zieht und für sie wie für ihre eigenen Eltern sorgt. Sie erhält als Mitgift ein wertvolles Geschenk in Form einer Uhr oder einer Waschmaschine o.ä. Der Sohn einer Familie ist verpflichtet, für eine eigene Wohnung zu sorgen. Dabei wird er natürlich von seinen Eltern unterstützt, denn in dem Alter, in dem er normalerweise zu heiraten beabsichtigt, hat er noch wenig Gelegenheit gehabt, ein eigenes Vermögen zu erarbeiten. Eine schlichte, kleine Wohnung von 40 m² kostet etwa 10 000 Yuan/m². Das durchschnittliche Einkommen eines einfachen Arbeiters liegt bei 600 Yuan /Monat. Natürlich gibt es auch Kredite. Aber die Zinsen sind mit 6% so hoch, dass er Zeit seines Lebens damit zu tun hat, sie abzuarbeiten. Die Freude über die Geburt eines Sohnes ist daher in Zeiten der Ein-Kind-Ehe etwas gedämpft.“

Das alles macht uns sehr nachdenklich. Wie es scheint, sind aber die meisten Menschen zufrieden mit ihrem Los und die Wohnhochhäuser, an denen wir vorüber fahren, stehen auch nicht leer. Auf Nachfrage erfahren wir, dass es auch Sozialwohnungen gibt. Die Miete ist für Geringverdiener erschwinglich und die Nebenkosten sind relativ gering. Strom kostet generell nur umgerechnet 0,5 Cent. Trotzdem ist es an der Tagesordnung, dass vor allem die Wanderarbeiter sich zusammentun und zu viert oder gar zu sechst eine solche Wohnung mieten.

Es gäbe noch tausend Fragen, aber inzwischen sind wir alle wieder im Bus unterwegs und nehmen Kurs auf eine Seidenmanufaktur.

Über die Züchtung von Seidenraupen und die Gewinnung und Verarbeitung von Seide haben wir schon bei Urlaubsreisen in die Türkei gehört. Deshalb halten wir uns etwas im Hintergrund und betrachten lieber die Schautafeln mit den einzelnen Entwicklungsstadien der Seidenraupe.

„Sieh mal, das sind ja Riesenraupen“, flüstere ich meinem Mann zu und auch er ist überrascht von der 5 cm großen und 3 cm dicken Raupe. Gerade in diesem Moment tritt die gut deutsch sprechende Mitarbeiterin der Seidenmanufaktur an den Schaukasten heran und fragt:

„Haben Sie schon solche großen Raupen gesehen? Das ist eine besondere Züchtung. Die Seide ist nicht so fein wie von den anderen Seidenraupen, aber dafür sind die im Wasserbad aufbereiteten Kokons sehr dehnbar und das entstandene Gespinst wird für Betten- und Kissenfüllungen verwendet“.

Sie führt die Gruppe an einen Tisch, an dem zwei Mitarbeiterinnen den feuchten Kokon über einen stabilen Drahtbügel in Größe und Form eines Hutes ziehen, ohne dass ein Riss oder Loch entsteht. Aber das ist noch nicht alles. An einem weiteren Tisch bittet sie die Umstehenden, dieses Gespinst anzufassen und vorsichtig über dem Tisch auseinander zu ziehen. Das Unglaubliche gelingt. Ohne Schaden entsteht ein hauchdünnes Flies, das nun in mehreren Lagen zu einer Bettfüllung aufeinandergelegt werden kann, wie uns an einem weiteren Tisch demonstriert wird. Nachdem die Ränder mit dem Seidenbezug befestigt sind, ist eine leichte, luftige und dadurch warme Bettdecke entstanden, die, je nach Anzahl der einzelnen Seidenlagen, auch bei Temperaturen bis zu -20° C noch wärmt. Es kommt für uns nicht überraschend, dass wir nun die Möglichkeit erhalten, ein solches Bett zu kaufen und die Auswahl an Größe, Stärke und Design ist reichhaltig. Ich sehe meinen Mann an. Er sieht mich an und dann schütteln wir beide den Kopf. Es ist zwar verlockend, der Preis ist nicht überzogen und das Angebot, mittels Vakuum das Päckchen transportabel zu machen, ist gut, aber wir sind erst am Beginn unserer Rundreise. Die Koffer haben gerade das für das Flugzeug zugelassene Höchstgewicht und wer weiß, was uns noch so alles an möglichen Mitbringseln begegnet. Drei Mitreisende haben offensichtlich noch Platz im Koffer und ziehen hochbeglückt mit ihrer Neuerwerbung zum Bus. Natürlich stellt diese Seidenmanufaktur nicht nur Bettzeug her. Es gibt auch Schals, Röcke, Blusen, Kleider, Hemden, Krawatten, ja ganze Anzüge und wir bekommen Gelegenheit, doch noch ein paar Yuan auszugeben oder die Kreditkarte zu erleichtern. Reine Seide trägt sich gut. Sie ist atmungsaktiv und kühlt an heißen Tagen.

„Sieh mal! Wie findest Du diese Bluse? Sie ist ganz dünn und leicht und nimmt nicht viel Platz weg.“

„Dann tun wir doch noch etwas für die chinesische Wirtschaft“, sagt mein Mann und stellt sich an der Kasse an.

Beim anschließenden Mittagessen in einem der Luxushotels ist ein reger Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern unserer Reise über chinesisches Handelsgut im Gange. Seelisch und körperlich gestärkt fahren wir dem nächsten Höhepunkt des Tages entgegen.

„Die historische Altstadt ist ein Muss für jeden Touristen.“ So steht es im Reiseführer und auf der „Shanghai Travel Guide Map“, die wir im Hotel erhalten haben. Im Lichterglanz haben wir sie schon erlebt und waren fasziniert von dem zumeist aus dem 18. Jhd. stammenden typisch chinesischen Baustil. Wir sind beeindruckt von den eng aneinandergereihten, zweistöckigen Gebäuden mit den kunstvoll verzierten, schwungvollen Dachkonstruktionen, den mit Schnitzereien versehenen Fassaden, den zahlreichen vor den Eingängen der Läden postierten Löwen, Tiger, Elefanten, Schildkröten aus Bronze und dem Ambiente überhaupt.

„Dieser Teil der Altstadt wurde in den 90-er Jahren des vorigen Jahrhunderts restauriert - das Äußere im antiken Stil wieder hergestellt, das Innere modernisiert. Heute ist dieses Viertel ein großer Markt.“ So steht es im Reiseführer. Durch die engen Straßen schiebt sich eine bunte Menschenmenge. Die Mehrzahl sind chinesische Touristen aus dem Inneren des Landes, nur wenige Ausländer. Die Zig-Zag-Brücke führt über einen hübsch angelegten Teich mit kleinen Springbrunnen und träge dahin schwimmenden Kois. Sie ist belagert von Hobbyfotografen, die alle Zeugnis davon ablegen wollen, dass sie an historischer Stätte waren.Wer über diese Brücke geht, ist den Dämonen überlegen, die angeblich nur geradeaus laufen können. Am Ende der Brücke prangt der 1784 erbaute „Mid lake pavilion“, das bekannteste Teehaus Shanghais, in dem schon viele honorige Gäste aus kleinen, hauchdünnen Porzellanschälchen den bekömmlichen grünen Tee getrunken haben. So auch unsere Kanzlerin, wie Young Young berichtet. Ohne im Teehaus einzukehren, spazieren wir über die Brücke und finden an deren Ende den Eingang zum Yu Yuan-Garten. Dieser bereits im 16. Jhd. angelegte „Garten des Erfreuens“ gilt als Kleinod der chinesischen Gartenarchitektur. Berühmt durch die löchrigen Steine, die von der Südküste des Chinesischen Meeres extra hierher geholt wurden. Sie symbolisieren Glück, Wohlstand und langes Leben. Je mehr Löcher der Stein aufweist, desto mehr Glück verspricht er. Der Eingang zur doppelten Wandelhalle wird bewacht von zwei Löwen. Während das männliche Tier eine Kugel als Zeichen der Macht unter der Pranke hält, tätschelt die Löwin ein Junges. Überall findet man in China Gegensätze symbolisch vereint, im Gleichklang, Yin und Yang.

Nach einer guten Stunde Gartenrundgang aus der Vergangenheit kommend, werden wir auf dem Markt unmittelbar mit der Moderne konfrontiert. Mit viel Lärm und Getön findet gerade ein Karaoke-Wettbewerb statt, bei dem junge Menschen ihr Können zeigen. Leider können wir den jungen Talenten keine Aufmerksamkeit widmen, denn Young Young eilt schon mit dem Erkennungsfähnchen durch die engen Gassen zum Parkplatz, wo der Bus nur eine halbe Stunde auf uns warten darf.

Wieder geht es im dichten Straßenverkehr durch die halbe Stadt, den Tunnel unter dem Huangpo hindurch auf die Halbinsel Pudong, wo uns die größten Wolkenkratzer Shanghais erwarten.

„Wer Lust hat, kann jetzt mit mir auf den Jinmao-Tower kommen und die Aussicht über die Stadt aus 420 m Höhe genießen“, lädt uns Young Young ein. Von außen ist der Tower einer Pagode nachgestaltet, supermodern allerdings. Im Inneren befindet sich ein 5-Sterne-Hotel und im oberen Bereich eine Aussichtsgalerie, die sowohl einen Blick nach außen als auch nach innen in den beleuchteten Schacht gewährt. Von ihm gehen ringförmig die Suiten ab, die mit gesonderten Fahrstühlen zu erreichen sind. Mit 9 m/s werden wir ins Aussichtsgeschoss befördert, das sich auf einer Fläche von 1520 m² rings um den Turm erstreckt. Leider ist der Himmel nicht so klar, als dass man das Hochhausgewirr überblicken könnte, aber die unmittelbare Umgebung ist beeindruckend genug. Linker Hand ragt der Global World Financial Tower noch 70 m höher neben uns in den Himmel. Er wird auch der Flaschenöffner genannt. Und in der Tat, der nach oben hin spitz zulaufende Teil des Towers enthält ein offenes Rechteck in der Größe eines Neubaublocks und gibt dem Gebilde dadurch das Gesicht eines riesigen Flaschenöffners. Auf der anderen Seite entsteht gerade das Pendant, die Flasche. Mit 632 m ist der Shanghai-Tower das derzeit höchste Bauwerk in der Welt. Erst 2013 fand das Richtfest statt und auch jetzt wird noch an den oberen Etagen gearbeitet. Insgesamt 128 Stockwerke mit 106 Aufzügen soll der Tower dann bergen, der im Keller nochmals 5 Etagen aufweist und am Erdboden wie ein übergroßes U-Boot aussieht. Dazwischen steht, klein und zierlich, der uns gestern Abend durch seine Farbenpracht schon aufgefallene Oriental Pearl TV Tower. Er ist „nur“ 468 m hoch, besticht aber durch sein graziles Aussehen mit den zwei kugelförmigen Arbeitsbereichen des Ferneshsenders auf Jadestelzen.

Auf dem Jinmao-Tower herrscht ein ebensolches Gedränge wie auf dem Altstadtmarkt, wie überall an den Touristenmagneten. Der Lärmpegel gleicht dem eines geschlossenen Schulhofes. Es treibt uns zurück zum Aufzug, mit dem immer 20 oder sogar 30 Personen auf einmal befördert werden. Beim zweiten Anlauf gelingt uns der „Abstieg“.

Unten angekommen, habe ich auf einmal das Gefühl, als schwanke der Boden. Es ist nur ein kurzer Augenblick, aber ich frage mich doch, ob nicht vielleicht das ganze Gebäude in Schwingung war, ohne dass wir es bemerkt haben. Ich habe keine Zeit, darüber weiter nachzudenken, denn der Bus kommt gerade auf der anderen Straßenseite angefahren und wir müssen uns sputen, unbeschadet über die vielbefahrene Straße zu kommen. Ampeln werden lt. Young Young nur als Achtungszeichen in China verstanden. Man kann also als Fußgänger auch bei „Grün“ nie wirklich sicher sein.

Der Tag neigt sich bereits dem Abend zu als wir nach rasanter, aber sicherer Fahrt wieder im Hotel ankommen.

„Wer die Akrobatik-Show gebucht hat, muss sich etwas sputen“, verkündet Young Young. „Der Bus fährt in 40 Minuten.“ Wir haben gebucht. Wir müssen uns sputen. Für Abendessen ist keine Zeit. „Komisch“, sage ich, „Ich habe gar keinen Hunger.“

„Ich auch nicht, aber ich würde, ehrlich gesagt, jetzt lieber die Beine hoch legen,“ antwortet mein Mann.

„Ja, das würde ich auch, aber wie sagte Young Young so schön? Schlafen können wir zu Hause.“

Die Akrobatik-Show findet im Zirkus statt, einem runden Waben ähnlichen Bau am Rande der Stadt. Es fehlen nur noch 5 Minuten bis zum Beginn der Vorstellung und wir eilen mit weiteren 10 Mitgliedern unserer Reisegruppe um den Palast, um den Eingang noch rechtzeitig zu erreichen. Kaum haben wir Platz genommen, beginnt auch schon die Vorstellung. In rascher Folge treten Akrobaten, Jongleure, Seilkünstler, Schleiertänzer und andere Artisten auf und rufen unsere Bewunderung hervor. Begeistert sind wir von einer Gruppe junger Männer, die mit und ohne Sprungbrett in schneller Folge durch ein oder mehrere Ringe in unterschiedlicher Höhe mit Vorwärts- und Rückwärts-Salti durch die Manege wirbeln. Den Abschluss und zweifelsfrei auch den Höhepunkt bietet eine Motorradshow. In einem kugelförmigen Käfig rasen erst zwei, dann bis zu sechs Motorradfahrer auf sich kreuzenden Bahnen gleichzeitig im Kreis und kopfüber herum. Unwillkürlich halte ich den Atem an. Wenn jetzt einer einen Defekt am Motorrad hat, denke ich, aber da ist es auch schon vorbei, das Licht geht wieder an und alles strömt dem Ausgang zu, nicht ohne den Akteuren durch begeistertes, lang anhaltendes Klatschen gedankt zu haben.

„Morgen früh können Sie ausschlafen“, begrüßt uns Young Young lächelnd wieder im Bus. „Wir treffen uns erst 9.30 Uhr und fahren dann gleich zum Bahnhof. Wer will, kann noch einen Bummel in die nähere Umgebung machen, aber bitte seien Sie pünktlich wieder da, denn der Zug wartet nicht auf uns.“

Morgen geht es also weiter.

Es kommt mir vor, als seien wir schon wochenlang hier. So viel Interessantes und Sehenswertes haben wir gesehen und doch nur einen Bruchteil dieser Megastadt kennengelernt.

Bye, Bye Shanghai!

 

*






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