22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

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Peking

PEKING

 

Der Flug von Xi an nach Peking mit China Air verläuft pünktlich und ohne Komplikationen. Während des 2-stündigen Fluges wird Tee serviert und dazu so etwas wie Hamburger, nur besser. Zur Mittagszeit landen wir in Peking. Der Himmel ist heiter, die Lufttemperatur beträgt 24° C. Anfang April meldeten die Rundfunksender noch tagelang Smog über Peking, aber heute ist die Luft nur diesig.

Wir stehen in der Empfangshalle mit unseren Koffern und warten auf Young Young.

„Das kann noch dauern“, sagt Brigitte und nimmt ihren Wanderrucksack von der Schulter.

„Das Bild, das Simone auf dem Schiff gekauft hat, ist beschädigt und ein Koffer von Erwin auch.“

Das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß zwar nicht, welche Seidenstickerei Simone gewählt hat, aber die Bilder waren alle überaus schön und wenn nun das Glas von ihrem Bild kaputt gegangen ist, könnte auch die Stickerei davon betroffen sein. Das wäre sehr schade und ärgerlich. Vielleicht hätte sie doch auf ihren Mann hören und die Seidenstickerei als Rolle mitnehmen sollen. Aber sie wollte ihm Arbeit ersparen und schleppte sich nun schon seit Chongqing mit dem schweren Paket ab. Nach mehr als einer halben Stunde erscheinen alle Betroffenen, Simone jetzt nun doch mit einer Rolle unter dem Arm. Über den Schaden will sie sich nicht äußern.

„Wir fahren jetzt gleich erst alle gemeinsam zum „Kohlehügel“. Von dort hat man einen schönen Blick auf die „Verbotene Stadt“ und den Kaiserpalast“, verkündet uns Young Young. Der Kohlehügel liegt am nördlichen Ende der „Verbotenen Stadt“ inmitten des Jingshan Parks, der vor allem durch seine prächtig blühenden Pfingstrosenarten besticht. Er hat seinen Namen noch aus der Kaiserzeit, als die Kohlen für die Beheizung der weitläufigen Palastanlage tatsächlich hier gelagert wurden. Heute ist von Kohlen nichts mehr zu sehen, aber der Blick von seinem höchsten Punkt über das große Areal der Kaiserstadt bis zum Tian an Men – Platz und darüber hinaus ist wahrhaft sehenswert. Das lohnt den mühevollen Aufstieg über steile Treppen allemal. Schade nur, dass die Luft nicht ganz klar ist. Zum Fotografieren nicht ideal. „Immerhin kannst Du schon mal ermessen, was uns morgen bevorsteht, wenn wir die „Verbotene Stadt“ besichtigen. Wenn das so warm ist wie heute, würde ich am liebsten kurze Hosen anziehen.“

„Untersteh` Dich“, entgegne ich meinem Mann. „Du kannst doch nicht in kurzen Hosen vor den Kaiser treten!“

Der goldene Buddha in der kleinen Pagode auf dem Gipfel des „Kohlehügels“ legt bedenklich die Zeigefinger aneinander, schaut aber sonst huldvoll auf uns herab.

Nachdem wir uns dankbar vor ihm verneigt haben, umrunden wir die Pagode und entdecken westlich von uns ein weißes, glockenförmiges Gebilde mit einer leuchtturmartigen Spitze.

„Was ist das denn für ein Bauwerk?“, wollen wir wissen.

„Das ist die „Weiße Flaschenpagode“. Sie steht im Behai-Park, dem ehemaligen Lustgarten des Kaisers, ein heute beliebtes Ausflugsziel der Pekinger. Die Pagode wurde 1651 zu Ehren des Dalai Lama errichtet. Wir werden sie aber nicht näher besichtigen.“

Während uns Young Young noch darüber aufklärt, dass Peking erst 1280 durch den Mongolenherrscher Kublai Khan von einer Garnisonsstadt an der Nordgrenze Chinas zur Hauptstadt aufstieg, steigen wir die Stufen vom Kohlehügel wieder hinab in den wunderschönen Park.

Wie immer verlässt sich Young Young nicht auf unsere Behauptung, es seien alle wieder da. Sie zählt ihre Schäfchen noch einmal durch. Es fehlt tatsächlich jemand. Wer ist es ? Die Bulgaren sind da. Die Nordländer auch. Da melden sich die Bayern.

„Brigitte fehlt.“

Richtig, sie wollte noch ein paar Fotos von den schönen Pfingstrosen machen und ist vor allen Anderen wieder abgestiegen.

Aber wo ist sie nun? Den Treffpunkt am Gedenkstein neben der Treppe kann man eigentlich nicht verfehlen.

„Ich ruf sie an,“ meldet sich Erwin.

„Sie geht nicht ran.“

„Vielleicht hat sie einen anderen Abgang genommen?“, vermutet jemand.

Nun wird ein Suchtrupp nach links und einer nach rechts losgeschickt, während wir die Stellung halten.

„Na hoffentlich müssen wir nicht nachher die Sucher suchen, so wie damals am Grand Canyon“, raune ich meinem Mann zu.

Nach einer halben Stunde kommen die Bayern mit Brigitte im Schlepptau von links. Sie hat tatsächlich einen falschen Abstieg genommen und sich dann erst gar nicht zurecht gefunden. Da der Akku vom Handy leer war, konnte sie sich nicht mal melden. Ja, so ist das mit der Technik. Wenn man sie am meisten braucht, ist sie nicht einsatzbereit.

Die rechtsseitigen Sucher haben den Park im inneren Kreis einmal umrundet und sind inzwischen auch wieder eingetroffen. Nun steht also unserer Fahrt in die Innenstadt nichts mehr im Wege.

Es ist mittlerweile schon später Nachmittag. Der Magen knurrt, denn seit dem frühen Burger im Flugzeug hat er nichts mehr gesehen. Wir sind Young Young dankbar als sie mit uns in ein Selbstbedienungs-Buffet in ein modernes Kaufhaus geht. Wir verstehen zwar nicht, was auf der Menuetafel neben der Kasse geschrieben steht, aber mit Hilfe eines langen Armes mit ausgestrecktem Zeigefinger gelingt es uns, einen Teller Nudeln zu ordern mit allerlei Gemüse. Nun folgt die Leistungsprüfung für europäische Touristen: Essen mit Stäbchen. Anderes Besteck gibt es nicht.

Zum Glück ist das der Gastraum ziemlich leer. Wir finden Platz an einem Tisch hinter einer Säule, wo uns keiner auf die Finger sieht und dann essen wir, ähnlich wie die Chinesen den Reis aus der Schüssel, indem wir die Nudeln vom Teller einfach in den Mund schieben. Es klappt besser als gedacht.

So gestärkt und und von den morgendlichen Aktivitäten erholt, begeben wir uns voller Neugier in den Altstadttrubel Pekings, genauer gesagt, in eine namhafte Marktgasse, in der es „Spezialitäten“ geben soll. Wie überall, sind wir auch hier von Touristengruppen aus ganz China umgeben. Sie begnügen sich nicht damit, die angebotenen Raritäten anzuschauen und zu fotografieren, nein, sie müssen unbedingt auch noch den zu Hause gebliebenen Lieben via Handy, Smartphone oder i-Pad berichten, was es hier so gibt. Das vermuten wir zumindest, denn alles um uns herum spricht und lacht und kreischt, sodass man kaum sein eigenes Wort verstehen kann.

Ich kann diesen Mitteilungsdrang gut nachempfinden, denn die „Spezialitäten“, die an den eng aneinandergereihten Marktständen in großen Mengen angeboten und nach entsprechender Auswahl frisch zubereitet werden, sind allesamt höchst ungewöhnlich. Da gibt es blasse, rohe Tintenfische, deren Tentakeln über den Rand des Verkaufsstandes hängen, aufgespießte Tausendfüßler von der Größe einer Bockwurst, Seepferdchen, Seeigel, Seesterne, hühnereigroße Puppen irgendwelcher fliegender Insekten, Garnelen am Spieß und Skorpione in verschiedenen Größen. Auch Spieße mit rohem Fleisch und Fisch werden angeboten. Ich will gar nicht wissen, welche Körperteile welcher Tiere dafür herhalten mussten. Gut, dass wir vorher schon gespeist haben. Der Appetit wäre uns bestimmt angesichts dieser „Köstlichkeiten“ vergangen.

„Das glaubt uns zu Hause kein Mensch, was hier gegessen wird.“

„Du musst das unbedingt fotografieren. Das ist einfach unglaublich. Aber beeil Dich, sonst wird mir noch übel“, fordere ich meinen Mann auf.

Er drängt sich dicht an die Auslagen heran und hält die Kuriositäten für die Daheimgebliebenen fest. Eine Stunde ist schnell vergangen und wir kehren auf den Boulevard zurück, wo wir das erste Mal in diesem weiten Land ein Polizeiauto sehen. Es sieht aus wie ein Bus der Touristeninformation, beinahe drei Meter breit und ringsherum verglast. Die beiden Polizisten, die in dem Gefährt verblieben sind, sehen nicht gefährlich aus. Allerdings haben sie auch keinerlei Anlass, gegen irgendwen vorzugehen oder eine Randale zu schlichten. Wir haben während unserer ganzen Reise nirgendwo öffentliche Auseinandersetzungen oder Tätlichkeiten erlebt. Wir haben weder Bettler noch Betrunkene gesehen und auch im dichtesten Menschengewimmel ging es zwar laut, aber friedlich zu. Gemächlich spazieren wir den Boulevard hinunter zur nächsten Marktgasse. Hier stehen die Marktstände dicht an dicht, nur getrennt von einer schmalen, kaum drei Meter breiten Gasse. Der Touristenpulk zwängt sich vorbei an einem bunten Sammelsurium von Handelsgütern. Wir werden mitgeschoben, ob wir wollen oder nicht. Neben einem Stand mit farbenfrohen Girlanden und Windspielen aller Art bietet ein Händler Haarschmuck , Glasperlen, Ketten und Armbänder an. Kinder zeigen begeistert auf Plüschtiere mit großen, runden Kulleraugen und leicht im Wind flatternde Drachen aller Größenordnungen. Eine alte Frau verkauft Hausschuhe, die aus dem Orient stammen könnten. Im Inneren der überdachten Marktbuden hängen mit Ornamenten und Glöckchen verzierte Lampions und die typischen roten, ballonförmigen Papierlampen, die wir auch von den heimischen Chinarestaurants kennen. Nicht zu übersehen sind die chinesischen Glücksknoten, Münzen an roten Bändern, Drachen und winkenden Buddhas. Dazwischen aber auch immer wieder Stände mit Süßigkeiten und Gegrilltem. Auch Skorpione am Spieß finden sich hier. Sie zappeln sogar noch. Wenn das mal nicht den Tierschutz auf den Plan ruft!

Über allem liegt der undefinierbare Geruch von frittiertem Mais, gerösteten Mandeln und gebackenem Fisch.

„Nimmt denn das gar kein Ende?“ Mein Mann kommt bald um in dem Dunst und ich bin auch froh, als endlich das Ende der Gasse in Sicht kommt. Wir haben keine Lust, uns noch einmal in der Gegenrichtung durch die Gasse zu schieben, um an den vereinbarten Treffpunkt zu kommen. Da nehmen wir lieber in Kauf, dass wir ein paar Häuserblocks weiter in den Nebenstraßen das Geviert umrunden. Wir gehen vorbei an geschlossenen Läden, die mit Gittern gesichert sind und an zwei, drei kleinen Restaurants, in denen die Leute beim Abendessen sind. Auf den Tischen stehen sogenannte Feuertöpfe, metallene Gefäße, in denen Fleischgerichte oder Suppen leise vor sich hin köcheln. Wie bei einem Kamin wird der Topf von einer zylindrischen Röhre durchdrungen, in der unten eine Flamme züngelt und oben der heiße Dampf austritt. Eine interessante Konstruktion, finden wir.

Es ist mittlerweile später Abend geworden, sodass Peking sich uns jetzt im neonbunten Lichtermeer zeigt. Die Fahrt zu unserem Hotel gestaltet sich als interessante Lichterfahrt. Markante Punkte wie der Tian an Men- Platz mit dem Mausoleum und dem Eingang zur „Verbotenen Stadt“ sind von Lichterketten umgeben. Das Ehrenmahl für die Volkshelden erstrahlt im Scheinwerferlicht. Auch der Hauptbahnhof wird von allen Seiten angestrahlt und die vielen anderen imposanten Gebäude, von denen wir nicht wissen, wen sie behausen.

*

Das „Holiday Inn“ ist ein 5-Sterne-Hotel wie alle anderen Hotels, in denen wir während unserer China-Reise übernachtet haben. Auch hier finden wir die überbreiten Betten, die kleine Sitzecke und das Teebuffet, den Flachbildfernseher an der Wand. Die Hotellobby ist großzügig im Halbkreis angelegt und der helle Marmorfußboden spiegelblank. Interessant ist der Frühstücksraum, der in der ersten Etage, von Marmorsäulen getragen, wie eine Galerie die Lobby umrundet. Man spürt jedoch, dass hier Touristengruppen aus Europa und anderen Teilen der Welt nicht die Ausnahme sind. Die Bedienungskräfte sind freundlich, aber reserviert und nicht besonders eifrig. Zum ersten Mal bietet das Frühstücksbuffet auch Käse an, einen einfachen Schnittkäse, nichts Besonderes. Trotzdem ist der Teller unter der Glasglocke schon nach wenigen Minuten wie leergefegt. Milchprodukte wie Quark und Käse sind in China eine Seltenheit. Die Chinesen mögen keinen Käse. Sie sagen. „Er stinkt.“ Na gut, die Geschmäcker sind eben verschieden.

Der Bus wartet schon mit laufendem Motor vor dem Hotel auf dem Bürgersteig. Das ist nicht ungewöhnlich. Auch Motorroller dürfen auf dem Gehweg fahren und wenn es der Platz zulässt, muss man auch schon mal einer Luxuslimousine weichen. Das vollzieht sich alles in größter Ruhe, ohne Gezeter oder erhobenem Mittelfinger. Man nimmt gegenseitig Rücksicht. Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt, wie reibungslos der Bus sich aus der Hoteleinfahrt, über den Bürgersteig und die mehrspurige Fahrbahn rückwärts fahrend, in die Gegenrichtung einreihen darf. Ohne Einweisung und Halt gebietendem Posten wäre das bei uns im Lande nicht möglich.

Nach dem allmorgendlichen, freundlichen „Ni hau“ strahlt uns Young Young an und deutet auf den Himmel. „Kaiserwetter“, sagt sie, „passend zu unserem heutigen Ausflugsprogramm. Wir werden am Tian an Men- Platz aussteigen und zur „Verbotenen Stadt“ hinübergehen. Dann besichtigen wir den Kaiserpalast.“

Der Himmel ist in der Tat himmelblau. Kein Wölkchen trübt den Blick. Die Temperatur liegt in dieser frühen Vormittagsstunde noch bei angenehmen 22° C. Aber der Tag ist noch lang und die Hitze wird zunehmen. 28° C im Schatten sind angekündigt. Es ist Sonnabend. Der Verkehr auf den Autobahnen ist ruhiger als sonst während der Rush Hour.

„Der Verkehr ist in Peking streng geregelt“, unterrichtet uns Young Young. „Es dürfen täglich nicht mehr als 20 000 Fahrzeuge auf den Straßen sein. Dafür hat man ein kompliziertes Reglement eingeführt. Heute dürfen z. B. nur Fahrzeuge mit den Ziffern 4 und 6 im Kennzeichen fahren. An anderen Tagen sind dann andere Zahlenkombinationen vorgeschrieben. Jeder Wochentag hat andere Regelungen. Alle Festlegungen werden nach einer bestimmten Zeit, etwa drei bis vier Wochen neu getroffen. So muss man immer sehr genau darauf achten, was gerade gilt. Die Strafen für unberechtigtes Fahren sind nicht gerade klein. Deshalb sind alle Kraftfahrer bemüht, sich an die Regeln zu halten.“

„Ich habe in Peking und auch in den anderen Städten kaum mal einen LKW gesehen“, wundert sich Simone.

„Das stimmt“, sagt Young Young. „Für LKW ist die Innenstadt am Tage gesperrt. Die Lieferfahrzeuge sind nachts unterwegs oder die Händler holen ihre Ware mit einem kleinen Lieferwagen selbst aus einem Depot am Stadtrand.“

Solche Warentransporte auf dreirädrigen, rikschaähnlichen Fahrzeugen haben wir schon mehrfach gesehen. Die Pakete sind oft so hoch aufgetürmt, dass man sich verwundert fragt, wie der Fahrer damit das Gleichgewicht halten und sich auch noch vorwärts bewegen kann. Aber auch das funktioniert offenbar.

Auf dem Tian an Men- Platz herrscht schon ein buntes Gewimmel. Er entstand 1959 als monumentales städtebauliches Ensemble und dient bei nationalen Feierlichkeiten als Paradeplatz. Im Norden grenzt er an die „Verbotene Stadt“ mit dem Kaiserpalast. Im Süden befindet sich das „Mao – Mausoleum“. Im Osten steht die Volkskongreßhalle und ihr gegenüber das Nationalmuseum. Genau in der Mitte des riesigen Areals erhebt sich die Stele zu Ehren der Volkshelden. Er gilt als der größte innerstädtische Platz in der Welt.

Vor dem Eingang zum Mausoleum windet sich eine mehrgliedrige, den ganzen Tian an Men – Platz einnehmende Menschenschlange. Sie alle wollen ihrem großen Führer die Ehre erweisen. So viele Schaulustige haben wir nicht mal vor dem Lenin- Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau gesehen. Geduldig nähern sie sich Schritt für Schritt dem ersehnten Ziel. Kein Gedrängel, kein Kindergreinen. Die Kleinen sitzen ruhig auf dem Arm von Vater oder Mutter oder trippeln an der Hand nebenher. Chinesische Jugendgruppen kann man erkennen, die einheitliche, orangefarbene Jacken oder blaue Anzüge tragen. Sie kommen zumeist aus dem Binnenland. Sie verhalten sich ruhig und diszipliniert. Trotzdem liegt über dem Platz eine vielstimmige Geräuschkulisse, denn ohne Handy usw. geht auch hier gar nichts.

Wir haben für Mao keine Zeit und nähern uns statt dessen dem imposanten „Tor des Himmelsfriedens“, das den Eingang zur „Verbotenen Stadt“ bildet. Mao rief hier 1949 die Gründung der Volksrepublik China aus. So verwundert es nicht, dass sein Bild noch immer in Übergröße über dem Tor prangt. Trotz der schrecklichen Ereignisse während der Kulturrevolution wird Mao Tse Dong noch immer sehr verehrt. Das Tor mit seinem Konterfei wurde zum Staatssymbol. Auf dem Platz vor dem Tor wird jeden Morgen bei Sonnenaufgang die Nationalflagge gehisst und von einer Ehrenwache behütet.

Hinter dem Tor, quasi als Krone auf der Mauer, prangen schon die Dächer des Kaiserpalastes. Die glasierten Dachziegel leuchten in kaiserlichem Gelb und ihre geschwungene Form zeugt von ihrer Entstehung in der Ming-Zeit, also Anfang des 15. Jhd.

Meister Li hatte uns auf dem Schiff mal veranschaulicht, wie man die einzelnen Baustile der Dynastien auseinanderhalten kann. Er zeigte mit ausgebreiteten Armen leicht abwärts. Das war ein Dach zu Beginn der Kaiserzeit vor etwa 2000 Jahren. Er hob die Arme in gerader Form an und hielt sie fast waagerecht. Das war die Dachform in der Han – Dynastie. Und dann schwang er die Arme wie ein Vogel nach oben und erklärte, das seien die Dächer der Ming – Dynastie.

Wir überqueren einen Wassergraben und eine schön verzierte, steinerne Brücke und treten durch das Tor des Himmlischen Friedens in den Vorhof des Kaiserpalastes. Es ist aber nicht nur ein Palast, sondern es ist eine Ansammlung von Palästen, in denen der Kaiser, die Kaiserin und die 150 Konkubinen, Zofen und Eunuchen sowie das zahlreiche Personal lebten.

Überall findet man die kaiserlichen Insignien – goldene Drachen auf blauem Grund.

Den Mittelpunkt bilden die Thron und – Audienzhallen. Vor ihnen sitzen der Löwe und die Löwin, wie wir sie schon in Shanghai im Yu- Garten gesehen haben. In anderen Palästen sind die Kunstschätze aus aller Welt untergebracht und in den Wohnpalästen des Kaiserpaares erhält man einen kleinen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse. Ich möchte nicht tauschen. Gemütlich war es jedenfalls nicht.

Mich faszinieren die kunstvoll gestalteten Dächer, auf deren geschwungenen Enden bis zu neun Fabelwesen sitzen, die die Dämonen fern halten sollten. Mich beeindruckt auch die Leichtigkeit, die dieser Baustil vermittelt und die Kunstfertigkeit der Handwerker, die all diese verzierten Dachziegel angefertigt haben.

Will man in eine der Palasthallen eintreten, muss man zunächst über eine 40 cm hohe und 10 cm breite Schwelle steigen. Man könnte fast meinen, sie sei ein Hochwasserschutz, aber die Paläste sind ohnehin jeweils auf einer über verschiedene Treppen zu erreichenden Anhöhe errichtet worden.

„Diese Hürde bewirkte gleichzeitig zwei Dinge“, erläutert uns Young Young, „man konnte dem Kaiser nicht in die Augen sehen, was verboten war, und man musste sich vor ihm verbeugen, was gefordert wurde.“

An einem seitlichen Durchgang zum Wohnbereich der Kaiserin sehen wir Personen in historischen Kleidern.

Das interessiert uns, denn wir vermuten, dass hier eine Theatergruppe auftritt. Aber es ist nur der schnöde Kommerz, der auch vor dem Kaiserpalast nicht Halt macht. Jeder kann sich so ein Kostüm gegen Yuan ausleihen und dann seinen Lieben ein Foto im Gewand eines kaiserlichen Beraters oder einer Konkubine zum Geschenk machen.

Fast am Ende der Palastanlage steht der „Palast des Altwerdens in Frieden“. Er ist nicht so groß, aber besonders schön durch seine mehrstufigen, farbenfroh in gold, grün, blau und rot gestalteten Eingangstore und Dächer. Er ist von uralten, knorrigen Bäumen umgeben, deren Blätter im Wind leise rascheln und ihn in ein Wechselspiel von Licht und Schatten tauchen. Hier finden wir auch wieder interessant geformte, löchrige Glückssteine, die wir schon mehrfach kennen gelernt haben.

Drei Stunden sind schnell vergangen. Dabei haben wir uns gar nicht lange in den einzelnen Palasthallen aufhalten können. Inzwischen ist auch die Sonne auf ihren höchsten Stand geklettert und scheint uns unbarmherzig auf´s Haupt. Gut, dass wir die kleine Wasserflasche mitgenommen haben. Die Zunge klebt schon am Gaumen. Bis zum Bus ist es nicht weit und dann begeben wir uns erfreut in den Schutz der Klimaanlage.

Während der Fahrt zum Restaurant, in dem wir Mittag essen werden, weiht uns Young Young in einige Gepflogenheiten des Lebens zu Kaiser`s Zeiten ein:

„Der Kaiser war der einzige Mann in der „Verbotenen Stadt“. Alle anderen männlichen Wesen waren Eunuchen. Neben der Kaiserin lebten am Hofe ständig etwa 150 Konkubinen, die nach einem strengen Reglement ausgewählt wurden. Aus 6000 Bewerberinnen schieden zunächst all jene aus, die nicht die richtige Größe und Figur hatten. So verblieben noch etwa 4000 junge Mädchen, deren Kopfform und Füße jetzt genauer unter die Lupe genommen wurden. Wieder schieden fast die Hälfte der Anwärterinnen aus. Wer den Test bestanden hatte, wurde nun auf Schönheit und Stimmlage überprüft. Schließlich kamen 600 weibliche Wesen in die engere Wahl und durften sich ein Jahr lang am Hofe bewähren. Letztlich durften noch 150 Konkubinen am Hofe auf die Gnade einer kaiserlichen Begegnung hoffen. Nur denjenigen, die besonders gewitzt waren und dem Kaiser während eines Defilees auffielen, wurde die Gunst eines außerplanmäßigen Beischlafes gewährt. Hatten sie dann auch noch das Glück, schwanger zu werden und einen Sohn zu gebären, wurden sie in die kaiserliche Familie aufgenommen. Die Mehrzahl der 150 Schönheiten wartete jedoch zeit ihres Lebens vergebens auf solche kaiserliche Huld.“

Was für ein Leben! Trotzdem war der Konkubinenstatus heiß begehrt, versprach er doch auch ohne kaiserlichen Beischlaf ein sorgenfreies und behütetes Leben bei Hofe.

 

Nach einer kurzen Mittagspause und dem Besuch des „Pearl Palace“, in dem wir wieder ein verlockendes Angebot von Zuchtperlen und Perlenschmuck bewundern konnten, wird es noch einmal antik.

Der „Himmelstempel“ ist unser Ziel.

„Von den einst sechs kaiserlichen Altären ist dies der größte und bedeutendste. Das Areal ist mehr als doppelt so groß wie der Kaiserpalast.

Die Anlage entstand um 1420 und erhielt ihr heutiges Aussehen im 16. Jahrhundert.

Drei Gestaltungsmerkmale sind bestimmend: Der Kreis ist eine Form des Himmelsrunds, das Blau seine Farbe und die Zahl Drei steht für seine männliche Yang- Qualität.

Die Opferterrasse im Süden ist kreisrund und dreifach gestuft. Die Zahl der Marmorplatten in den konzentrischen Ringen beträgt stets ein Vielfaches von drei.

Hier brachte der Kaiser in der längsten Nacht des Jahres, stellvertretend für die gesamte Menschheit, ein aufwendiges Tieropfer dar. Wem dieses Opfer galt, erfährt man in den nördlich gelegenen kreisrunden Hallen des „Kaiserlichen Himmelsgewölbes“.

Die dort verwahrten „Geistertafeln“ des Himmels, der Sterne, des Wetters und der Amtsvorgänger wurden zum Opfer hervorgeholt.

Ein aus weißem Marmor erbauter Damm führt nach Norden zur „Halle des Erntegebets“. Er gilt als der vollkommenste Bau klassischer, chinesischer Architektur. Er ist rund, steht auf einer dreifachen Terrasse und trägt ein dreifaches Dach.

Im Innern symbolisieren die vier innersten Säulen die Jahreszeiten, der innere Ring von 12 Säulen steht für die 12 Monate und der äußere für die 12 Doppelstunden des Tages.“

Besser als der Marco -Polo-Reiseführer könnte ich es nicht zusammenfassend beschreiben. Es versteht sich von selbst, dass auch hier die Insignien des Kaisers allgegenwärtig sind. Eintritt und Fotografieren in das Tempelinnere sind hier nicht gestattet. So ist die Menschenkette, die sich am Aufgang zum letzten Tempel bildet, in steter Bewegung. Man defiliert um den Tempel herum, wirft einen schnellen Blick in das Innere und verlässt auf der anderen Seite die Terrasse. Hinter dem Tempel posiert ein Brautpaar für ein Starfoto. Es weht ein kleines Lüftchen, das es dem Fotografen nicht leicht macht, die Braut in ihrem weißen Hochzeitskleid auf die Linse zu bannen. Immer wieder bauscht der Wind die lange Schleppe auf und wirbelt sie um die Glückliche herum. Schließlich flüchtet sie sich in den Windschatten des Tempels, aber dorthin scheint die Sonne nicht. Leider können wir nicht mehr sehen, ob dem Fotografen doch noch ein ruhiger Moment beschieden war, der das perfekte Foto ermöglichte.

Durch eines der dreigliedrigen Tore verlassen wir, bereichert mit Sehens- und Wissenswertem und digital Festgehaltenem, die kaiserliche Stätte.

Auf dem Weg zum Bus begegnen wir das erste und einzige Mal Mitleid erregenden Gestalten, die um eine milde Gabe bitten. Ich weiß nicht, ob es in China auch Konterganmißbrauch gab, aber fehlende oder verstümmelte Gliedmaßen dieser armen Kreaturen ließen mich sofort daran denken. Auch Meldungen von zahlreichen Grubenunglücken kamen mir in den Sinn. Leider haben wir weder Euro noch Yuan in unseren Hosentaschen, sodass wir ihnen keine noch so kleine Spende geben können. Aber wir fühlen uns nicht besonders gut, als wir zügig an ihnen vorbei zum Bus eilen.

Wie immer, haben wir es auch diesmal eilig, denn der Tag ist noch nicht zu Ende und unser Programm auch nicht.

Nach einer schnellen Dusche und Kleiderwechsel im Hotel geht es wieder stadteinwärts zur „Kung Fu – Show“.

Kung Fu ist keine bestimmte Sportart, wie wir erfahren, sondern ganz allgemein ein Sammelbegriff für chinesische Kampfsportarten. Der Begriff lautet wörtlich übersetzt „harte Arbeit“ und bedeutet im philosophischen Sinne „...das Unterfangen des Menschen, sich durch ständiges Bemühen zu vervollkommnen...“

Ein Kung Fu- Kämpfer zu werden, erfordert Geduld, Ausdauer, Disziplin und einen starken Willen.

Die Show veranschaulicht, wie aus einem kleinen Jungen allmählich mit viel Mühe und Kraft, unter Bezwingung innerer Widerstände ein mutiger, kluger und anerkannter Kung Fu-Kämpfer wird.

Wie seit 1500 Jahren, als die ersten Shaolin-Mönche die körperliche Auseinandersetzung zu einer gefürchteten Kunst entwickelten, lernt er, die traditionellen Waffen geschickt und erfolgreich zu handhaben. Dabei stehen ihm die fünf Elemente zur Verfügung:

der Stock steht für Holz, der Speer für Feuer, die Faust entspricht der Erde, der Säbel Metall und das Schwert bedeutet Wasser.

Das traditionelle Training ist strengen Regeln unterworfen und äußerst anspruchsvoll.

Da während der Vorstellung nicht nur kämpferische Auseinandersetzungen angedeutet werden, sondern auch einige, sehr knifflige und gefährliche Handhabungen mit Säbel und Schwert gezeigt werden, ist das Fotografieren während der Vorstellung nicht erlaubt. So bleibt uns zur Erinnerung nur der Prospekt und ein Foto von dem kindlichen Kämpfer, der einem Buddha gleich, vor der Veranstaltung reglos auf einem Thron im Vestibül des Theaters sitzt.

Uns hat die Show gefallen, wenngleich wir gern etwas mehr von den eigentlichen Kampfkünsten gesehen hätten.

*

Einmal im Leben möchte ich vor den Pyramiden stehen, einmal möchte ich in den Grand Canyon sehen und einmal möchte ich auf der Großen Mauer gehen - Wunschträume meiner Jugendzeit, die unerfüllbar schienen.

Die Pyramiden fand ich längst nicht so beeindruckend wie die Kultstätte Ramses II. und seiner Frau Nefertari in Abu Simbel. Ich weiß noch, wie ergriffen ich war, als der Sonnenball hinter dem Hügel jenseits des Nasser-Sees aufstieg und auf direktem Wege durch das Eingangsportal und den Tempel auf die Statuen des Gottes Amun und Ramses II. fiel und sie zum Leuchten brachte. Es enttäuschte mich, die Pyramiden, das dreitausendjährige Präzisionswerk der alten Ägypter, im staubigen Sand, gleich hinter den Müllhalden der übervölkerten Stadt Kairo zu sehen. Die Bedrängung der Touristen durch Andenkenhändler aller Altersgruppen trug auch nicht dazu bei, die Erhabenheit dieser Weltwunder zu erfassen.

Beim Blick von der Aussichtsterrasse in den Grand Canyon hatte ich das Gefühl, einen Abstecher in die geologische Entstehung unserer Erde zu machen und war sehr beeindruckt. Ich spürte eine Weite und Größe in mir, als könnte ich die ganze Welt umarmen. Auch der zuvor gezeigte 3-D-Film, in dem ich vermeintlich mit einem Hubschrauber den Colorado entlang durch die grandiose Landschaft des Grand Canyon flog, hatte mich emotional aufgewühlt.

Heute nun soll mein dritter Wunsch in Erfüllung gehen. Wir fahren zur Großen Mauer.

„Sind Sie einverstanden, wenn wir schon um 7.30 Uhr losfahren? Bis zur Großen Mauer sind es etwa 70 km. Das Besucherzentrum öffnet um 9.00 Uhr. Dann gehören wir zu den ersten Besuchern und können noch ungehindert die Mauer begehen. Später wird es meistens richtig voll.“

Natürlich stimmen wir zu und das Aufstehen fällt uns nicht schwer, als der Wecker kurz vor 6.00 Uhr klingelt.

Während der Fahrt gibt uns Young Young eine kleine Einführung in die Entstehungsgeschichte der Mauer und nennt uns die interessantesten Fakten über das Bauwerk, das in der ganzen Welt bekannt ist und sogar schon aus dem Weltraum fotografiert wurde.

Uns ist bekannt, dass die Große Mauer aus mehreren Teilstücken entstanden ist, die in den verschiedenen Epochen der Kaiserzeit als Schutzwälle gegen nomadisierende Reiterstämme aus dem Norden gebaut wurden. Nicht alle Mauerabschnitte haben die Jahrhunderte überdauert. Einige bestanden nur aus Lehm und Erde und sind mittlerweile zerfallen, aber dank mühevoller Erhaltungs- und Rekonstruktionsarbeiten ist sie bis heute das Wahrzeichen Chinas, das man in aller Welt kennt.

„Begonnen wurde mit ihrem Bau im 7. Jahrhundert. Jüngste Messungen ergaben eine Gesamtlänge von 21.200 km. Davon entstanden allein in der Ming-Dynastie 10 000 km. Man zählt heute ca 43.721 Einzelobjekte und -standorte. Die Große Mauer führt durch weite Täler und über schroffe Bergmassive und windet sich wie eine Schlange quer durch das nördliche China. Speziell für die zahlreichen Touristengruppen hat man einige Abschnitte der Mauer besonders gut restauriert und zugängig gemacht.

Wir fahren nach Badaling, dem wohl bekanntesten Mauerabschnitt in der Nähe der Hauptstadt Peking,“ setzt uns Young Young ins Bild.

Trotz unserer frühzeitigen Ankunft stehen schon mehr als zehn Reisebusse auf dem Parkplatz und der Platz vor den Eintrittskassen ist proppenvoll.

Trotzdem gelingt es unserer versierten Reiseleiterin, schon nach kurzer Zeit die Eintrittskarten für uns zu erstehen.

„Wir gehen jetzt gemeinsam bis zu einer Treppe, die sich auf halber Höhe nach rechts und links teilt“, bestimmt Young Young. „Die rechte Seite der Mauer steigt nur allmählich an und führt über vier Wachtürme bis auf den Berg, den Sie von hier aus sehen können. Die linke Seite der Mauer ist steiler und hat mehrere unterschiedlich lange Treppenabschnitte. Sie entscheiden bitte selbst, welchen Abschnitt Sie wählen möchten. Sie haben zwei Stunden Zeit. Wir treffen uns dann um 11.30 Uhr vor dem Cafè gegenüber vom Parkplatz. Ich wünsche Ihnen viel Spaß.“

Ich bin noch im Zweifel, ob ich mir das Treppen steigen zutrauen kann, aber mein Mann ist schon nach links abgebogen und auf dem vier Meter breiten Mauergang verschwunden. Die ganze Mauer besteht hier aus grauen, gebrannten Ziegelsteinen, die auf der einen Seite einen zinnenförmigen Abschluss zum steil abfallenden Gelände bilden, während auf der gegenüberliegenden Seite ein breiter Rand den Blick freigibt auf die hügelige, mit Strauch und Buschwerk dicht bewaldete Landschaft und den rechtsseitigen, wellenförmig auf- und absteigenden Mauerabschnitt. Dort drängt sich schon ein bunter Touristenstrom hügelan. Der Begriff „Hügel“ wird der Tatsache nicht gerecht, dass es sich hierbei um mehr als 1000 m hohe Berge handelt.

Mein Mann wartet schon mit gezücktem Fotoapparat. Die ersten 50 Meter führt ein Weg aus ungleichen, aber behauenen Steinplatten allmählich, aber stetig bergan. Petrus ist auch heute mit uns im Bunde. Die Sonne strahlt vom Firmament. Nur ein paar Schleierwolken trüben das Blau. Die Temperatur ist noch erträglich zu dieser Stunde, 22 ° C. Aber, es wird heiß werden, bis zu 30 ° C im Schatten.

Die Mauer schlängelt sich dahin. Der Plattenweg ist nicht ganz eben. Einige Platten ragen wenige Zentimeter hervor, andere sind ausgetreten oder vom Regen ausgewaschen und man versinkt ein wenig darin. Also heißt es, aufpassen, wohin man tritt. Hinter der zweiten Biegung beginnt der erste Treppenabschnitt. Sieht gar nicht so schlimm aus. Vielleicht 30 Stufen, schätze ich. Aber die haben es in sich. Sie sind völlig unregelmäßig, mal 10 cm, mal 40 cm hoch, mal fußbreit, mal einen halben Meter breit, auf jeden Fall aber immer in einem ziemlich steilen Winkel aufwärts führend. An der rechten Mauerseite führt ein stabiles Geländer entlang, das ich zunächst ignoriert habe. Aber schon, als kaum die Hälfte des Anstiegs hinter mir liegt, bin ich froh, dass ich mich daran hinaufziehen kann. Noch drei Meter Plattenweg und dann haben wir den ersten Turm erreicht. Diese zwölf Meter hohen Türme stehen im Abstand von 100 Metern die ganze Mauer entlang. Sie dienten früher als Waffenlager und als Signalturm. Wenn Gefahr im Verzuge war, wurde auf dem Turm ein Feuer entfacht und so den Nachbartürmen die Warnung übermittelt. Vom Innenleben des Wachturmes ist außer einigen mehr oder weniger eingefallenen Mauern nichts mehr geblieben. Künstler nutzen die schattigen Plätze, um den Touristen ein originelles Andenken an die Mauerbegehung mit auf den Weg zu geben. Ein Schild aus Kupfer, Bronze oder Zinn mit dem Mauerrelief wird vor Ort mit der Gravur des Bezwingers versehen. Natürlich wollen wir auch so ein Mitbringsel haben. Außerdem ist die Wartezeit eine willkommene Atempause. Wir können in aller Ruhe einen Blick auf die Berge werfen, deren Kämmen die Mauer in einem steten Hin und Her und Auf und Ab in beiden Richtungen bis ins Unendliche folgt. Mit ihren gezackten Mauerkronen sieht sie aus wie ein unendlicher Drache, der sich über das Land windet. An manchen Stellen stehen die Wachtürme auf den Gipfeln steil abfallender Felsen. Unglaublich, was vor 1500 Jahren mit einfachsten Mitteln durch Millionen fleißiger Hände Arbeit geschaffen wurde. Regina macht noch ein Foto von uns beiden und der Mauer. Dann begeben wir uns wieder auf den Mauerweg, der uns nach wenigen -zig Metern zum Fuß der nächsten Treppe führt. Der Anstieg ist noch steiler als beim ersten Mal. Nicht nur wir schnaufen nach vollbrachter Leistung. Der zweite Turm bildet zugleich auch den Scheitelpunkt des erklommenen Berges und wir haben nun einen wundervollen Blick in das dahinter liegende Tal, das dicht mit Akazien bewachsen ist, deren Blütezeit aber leider schon vorbei ist. Die Mauer windet sich in Schlangenlinien bergab, um nach Erreichen der Talsohle sogleich wieder anzusteigen und in steilem Winkel dem nächsten Berg zu folgen. Es ist faszinierend, die schier endlose Linie zu verfolgen, die die Mauer durch das Gebirge zieht. Wir sind überwältigt von dem Anblick und von seiner Einmaligkeit. Wir halten uns bei den Händen und stehen schweigend beieinander, irgendwie seltsam berührt, dass es uns vergönnt ist, dieses Erlebnis miteinander zu teilen.

Vom zweiten Turm haben wir noch einen besseren Überblick auf den Mauerabschnitt, der weniger steil den Bergkämmen folgt. Die Menschenmenge, die sich jetzt auf dem flacheren Abschnitt in die Gegenrichtung bewegt, ist mittlerweile zu einem geschlossenen Demonstrationszug angewachsen und auch in unserer Richtung nimmt der Ansturm zu.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es Zeit ist, abzusteigen.

„Wie sollen wir jemals heil wieder hier runterkommen?“

Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Anstiegswinkel der letzten Treppe beinahe 45 ° betragen hat. Von hier oben sieht man zwar gut in die Ferne, aber kaum, wie hoch oder besser tief die einzelnen Stufen sind. Vor mir steigen zwei junge Chinesinnen seitlich, sich mit beiden Händen am Geländer festhaltend, die unregelmäßige Treppe hinunter. Ich mache es ihnen nach und gaanz langsam nähern wir uns dem Plattenweg, der aber immer noch ziemlich steil bergab führt. Eine junge Mutti kommt uns mit einem Kleinkind entgegen. Tapfer steigt der kleine Wicht die Treppe hoch. Muttis Hand ist sicher, aber wie machen sie es beim Abstieg?

Auf halber Höhe zwischen zwei Türmen, kommen uns drei junge Mädchen mit hellen Hüten entgegen. Da ich gerade an der Mauer stehe, stellen sich zwei dazu, während die dritte ein Foto macht. Young Young hatte uns schon darauf vorbereitet, dass es für die aus dem Landesinneren kommenden, chinesischen Touristen eine Seltenheit ist, Ausländer zu treffen. Sie wollen dann die Begegnung mit den „Langnasen“, wie sie uns nennen, unbedingt festhalten. Mein Mann nimmt der jungen Frau den Fotoapparat ab und bittet sie, sich dazu zu stellen, was sie auch gerne tut. Dann machen wir auch noch ein Foto mit unserem Apparat und setzen den Abstieg nach mehrfachem gegenseitigem „Bye, bye“ fort. Englisch ist eben international.

Nach einem weiteren Foto mit einem etwa 12-jährigen Jungen und vielem Winken und „Hallo“ erreichen wir den Ausgangspunkt unserer Mauerbesteigung.

Wir sind uns beide einig, dass dies der absolute Höhepunkt der Reise war.

 

Unser heutiges Tagesprogramm ist jedoch noch nicht zu Ende. Wir fahren zum Mittagessen in eine Großgaststätte, die sich über einer Manufaktur befindet, in der die berühmten chinesischen Kupfervasen hergestellt werden, wie wir sie in den kaiserlichen Palästen gesehen haben. Bei einer Führung durch die Manufaktur können wir den mühsamen Herstellungsprozeß verfolgen. Auf die noch schmucklose Vase werden von geschickten Händen hauchdünne Kupferdrähte geklebt, die das künftige Dekor umreißen. In einer weiteren Abteilung werden die Innenflächen der Mustervorgaben bemalt. Jede Farbe wird einzeln aufgetragen und danach sofort gebrannt. Bis zu sechs Farben und demzufolge auch sechs Brennvorgänge kommen für bestimmte Muster zusammen. Im Ausstellungsraum bewundern wir dann die fertigen Objekte: Vasen in verschiedenen Formen und Größen mit Blumen- oder Landschaftsmotiven oder Fabelwesen aus der chinesischen Mythologie. Wir sehen kunstvolle Figuren in den traditionellen Gewändern, Drachen, Schildkröten, Vögel und Segelschiffe aller Art. Ein silberner Greif spreizt sein Gefieder über eine smaragdgrüne Kugel. Es glänzt und glitzert von allen Seiten. Kaum zu glauben, dass das alles in mühevoller Handarbeit entstanden ist. Die meisten Objekte entstehen im Auftrag von Museen und ersetzen verlorengegangene oder beschädigte Kunstgegenstände. Das Eine oder Andere kann man aber auch kaufen, so man denn genug Geld hat.

Auf der Fahrt zurück nach Peking machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp im Olympiapark. Gerade noch im Banne der Vergangenheit, erleben wir jetzt einen Schritt in die Zukunft. Ein moderner Aussichtsturm macht schon von Weitem auf das Olympiagelände aufmerksam. Fünf schlanke Betonsäulen recken sich, eng aneinander stehend, in abgestufter Form in die Höhe. Den Abschluss bilden von einem Stahlgitter gehaltene Aussichtsplattformen, zu denen Fahrstühle durch gläserne Schächte führen. Sicher hat man von dort oben eine schöne Aussicht, aber uns bleibt dafür keine Zeit. Wir spazieren über einen breiten Boulevard zum „Vogelnest“, dem markanten Olympiastadion, in dem die Eröffnungsveranstaltung stattfand und auch das große Finale. Ein bizarres Geflecht aus dicken Stahlträgern umgibt die Arena. Gegenüber befindet sich das Schwimmstadion, dessen wabenförmige Außenhaut mich an Noppenfolie erinnert. Vier große Hotelkomplexe säumen das Gelände. Der Journalistentower sieht von weitem wie ein eckiger Kopf mit wehendem Haarschopf aus.

Der Olympiapark ist ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Pekinger, wovon auch die endlose Reihe von bunt beschirmten Marktständen zeugt, in denen alles angeboten wird, was man nicht braucht.

Ohne etwas zu kaufen, steigen wir wieder in den Bus und setzen unsere Fahrt in die Innenstadt fort. Man kann nicht in Peking gewesen sein, ohne wenigstens einmal mit einer Rikscha zu fahren. Das dachte sich wohl auch der Reiseveranstalter, als er eine Rikschafahrt durch einen Hutong in das Programm aufnahm. Obwohl Fahrräder und Rikschas, die man aus Bildbänden über China als das typische, alle Straßen beherrschende Verkehrsmittel kennt, aus dem heutigen Straßenbild so gut wie verschwunden und statt dessen Elektroroller und große Limousinen an ihre Stelle getreten sind, gewährt man den ausländischen Touristen noch die Möglichkeit, in das alte Pekinger Leben Einsicht zu nehmen. Dazu fahren wir in einen „Hutong“, einen Teil der Altstadt von Peking.

„Die Hutongs sind enge Gassen mit traditionellen Wohnhöfen, in denen heute noch etwa die Hälfte der Wohnbevölkerung Pekings in eingeschossigen, im Geviert angeordneten Häuschen lebt. Sie entstanden in der Zeit, als die Mandschuren das Land beherrschten als Zeichen für gut nachbarschaftliches Zusammenleben mit den Han-Chinesen. Der Begriff „Hutong“ stammt aus dem Mongolischen und bedeutet so viel wie „Quelle“. Es waren zumeist Brunnen, um die herum solche Wohnviertel entstanden. Es sind einfache, niedrige Häuser mit zwei bis drei Zimmerchen, überwiegend ohne eigene sanitäre Anlagen, die von einer Außenmauer abgeschirmt, um einen kleinen gemeinsamen Innenhof gebaut wurden. Der Zugang erfolgt durch ein kleines Tor. Für dringende Bedürfnisse gibt es bis heute Gemeinschaftsanlagen, aber es gibt auch Schulen und kleine Geschäfte, Werkstätten und Teestuben. Jeder Hutong ist ein kleines, in sich geschlossenes Dorf. Heute existieren noch etwa 3000 solcher Hutongs. Sie alle haben inzwischen einen Stromanschluß und die Menschen müssen auf moderne elektrische Geräte, wie Waschmaschinen und Elektroherde, nicht verzichten. Auch das Fernsehgerät und das Internet haben in den Hutongs Einzug gehalten. Trotzdem werden die meisten von ihnen nach und nach verschwinden und modernen Hochhäusern Platz machen, denn Peking wächst, wie andere Großstädte, sehr schnell und auch die Bedürfnisse der Bevölkerung wachsen.

Einige wenige Hutongs werden rekonstruiert und als Museumsdörfer erhalten bleiben.“

Nach diesen Ausführungen Young Youngs besteigen wir jeweils zu zweit eine Fahrradrikscha und begeben uns auf einen Rundkurs durch einen Hutong. Die Gassen sind kaum drei Meter breit und holprig. Drei Meter hohe, graue Ziegelsteinmauern schirmen die dahinter liegenden Wohnhäuschen vor neugierigen Blicken ab. Ein Gewirr von Strom- und Telefonkabeln führt über unsere Köpfe hinweg zu Betonmasten, die direkt an die Mauern gelehnt sind. Unsere Rikschafahrerin ist eine resolute junge Frau, die zügig durch die engen Gassen und um die Kurven prescht. Es ist bewundernswürdig, wie sie den parkenden Autos und Motorrollern oder auch entgegenkommenden Fahrzeugen ungebremst ausweicht. An einigen Mauerabschnitten sehen wir die uns schon bekannten Klimaanlagen hängen. Die öffentlichen Toiletten sind schon von weitem am Geruch erkennbar.Vor den kleinen Eingangspforten zu den Innenhöfen stehen ab und an Blumentöpfe. Vor anderen hängen frisch gewaschene Laken oder Steppdecken zum Lüften. Kinderspielzeug, Tretroller und Miniräder lehnen an der Wand.

Wir machen Halt vor dem Eingang zu einem kleinen Innenhof. Hier wohnt ein Ehepaar, das sich bereit erklärt hat, Touristen einen Einblick in seine Wohnverhältnisse zu geben. Sie bekommen ein kleines Salär und bessern sich damit ihre Rente auf. Wir dürfen im Wohnzimmer Platz nehmen, in dem außer den bereit gestellten Stühlen nur noch eine wertvolle Standuhr und ein reich verzierter Schrank aus dunklem Mahagoni Platz haben. Wie aus einer anderen Welt, hängt ein großer Flachbildfernseher an der Wand. Die gute Frau war vor ihrer Pensionierung bei der Post angestellt und ihr Mann hatte auch eine angesehene Tätigkeit, sodass man davon ausgehen kann, dass sie nicht zu den Ärmsten gehören. Aber wir haben ohnehin keine Vorstellung davon, wie eine normale chinesische Familie eingerichtet ist und wie sich ihr Alltagsleben gestaltet. Wir werden mit Tee bewirtet und können dann Fragen stellen, aber wir fühlen uns nicht wohl in der Rolle der neugierigen, unwissenden Ausländer und sehen uns lieber im Hof ein bisschen um. Wir sind erleichtert, als die Besuchszeit vorüber ist und wir uns wieder in die Rikscha begeben können.

Wieder geht die Fahrt durch die engen Gassen des Hutongs. Jetzt, zur Feierabendzeit, stehen viele Menschen auf der Straße vor ihren Hauseingängen und tauschen Neuigkeiten aus. Der Anblick neugieriger „Langnasen“ in ihren Rikschas ist ihnen nicht fremd, ja, er scheint sogar willkommen zu sein, denn sie winken und lächeln uns freundlich zu.

Die Fahrt endet an gleicher Stelle, an der wir eingestiegen sind. Nachdem wir uns mit einem kleinen Trinkgeld von unserer tüchtigen Radlerin verabschiedet haben, führt uns Young Young in einen angrenzenden Teil der Altstadt, die uns aufgrund ihrer baulichen Beschaffenheit doch eher in eine Hauptstadt zu gehören scheint. Die Fassaden der zumeist dreigeschossigen Häuser sind farbenfreudig gestaltet und reich verziert. Zum Boulevard hin sind die Läden und kleinen Gaststätten, die hier anzutreffen sind, zumeist offen. Im Vorbeigehen kann man das Angebot überblicken oder eine Prise würzigen, gebratenen Fleisches aufnehmen. Schaufenster im üblichen Sinne gibt es hier nicht. Nichts weist darauf hin, dass sich in dem vor uns liegenden Gebäude mit den schönen, roten Ballonleuchten auf balkonartigen Vorsprüngen eine Apotheke befindet. Oder doch? Young Young zeigt mir das kreisrunde, goldumrandete Emblem in der dritten Etage, das einen goldenen Äskulapstab auf rotem Grund trägt. Ich hatte sie gebeten, mal einen Blick in eine alte Apotheke werfen zu dürfen, denn unsere Enkeltochter arbeitet in einer Apotheke. Was ich jedoch nach meinem Eintreten sehe, hat nichts Altes an sich. Es ist eine hochmoderne Einrichtung, mit Rolltreppe und beleuchteten, gläsernen Vitrinen, in denen sich allerdings für unsere Augen höchst seltsame Heilmittel befinden. Neben verschlossenen, vielfarbig gekennzeichneten Gläsern mit weißen, grauen und braunen Pülverchen finde ich ein ganzes Regal mit eigenwillig geformten Wurzeln auf gläsernen Schalen - Ginseng - vermute ich. In einer Vitrine sind ähnliche Wurzeln in Geschenkkartons verpackt. Ich denke jedenfalls, dass es Geschenke sind, denn die jeweilige Wurzel steht auf rotem Velourpapier in einer gleichfarbigen Schachtel mit Sichtfenster und goldfarbenen Schriftzeichen. Als ich meinen Fotoapparat klar mache, um meiner Enkeltochter die seltenen Arzneien zu zeigen, bedeutet man mir höflich, dass das nicht erlaubt ist. Das ist sehr schade. Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich versuche, der ganz in weiß gekleideten Mitarbeiterin auf Englisch zu erklären, warum ich gern ein Foto machen würde. Sie schüttelt den Kopf, dreht sich aber zu den Regalen um und weist mir den Rücken. Das kann nur bedeuten, dass sie nicht sehen will, wie ich fotografiere. Schnell drücke ich auf den Auslöser und es gelingt mir sogar, noch weitere Fotos zu schießen, denn die nette junge Frau geht jetzt nach hinten in einen anderen Raum.

Während ich in der Apotheke war, sind die anderen Mitglieder unserer Reisegruppe nur wenige Meter weiter in einen Souvenirladen gegangen.

Als alle wieder beisammen sind, biegen wir in die nächste Straße ein und stellen mit Erstaunen fest, dass wir schon wieder dicht beim Tian an Men-Platz sind. Eine breite Fußgängerzone führt direkt auf das südliche Stadttor. Nur eine historische Straßenbahn darf hier gut 300 Meter auf und ab fahren und müde Fußgänger ein Stückchen mitnehmen. Der Boulevard entpuppt sich als interessante Flaniermeile, hübsch gestaltet mit riesigen, mit Blumen bepflanzten Kupfertrögen, interessanten Straßenlaternen, die wie zwei kleine, aneinander gebundene Fässchen aussehen, und zahlreichen Skulpturen vor den Läden. Als ich mich für ein Foto auf einen kupfernen Hocker hinter einen ebensolchen Tisch zwischen zwei Tee trinkende kupferne Chinesen setze, kommt zu meiner Überraschung aus der dahinter liegenden Teestube eine freundliche Bedienung und bietet mir einen kostenlosen Becher Tee an. Ein Stück weiter kann ich meinen Mann überreden, sich zwischen zwei Kung Fu – Kämpfer und ihren Schüler zu stellen. Der Meister blieb, wo er war und es kam auch kein Streiter aus dem dahinter liegenden Laden. Es ist ein schönes Foto geworden.

Auch unsere Mitreisenden haben interessante Motive gefunden. Viel zu schnell ist die Freizeit vorüber und der Bus steht zur Abfahrt bereit.

Zum wiederholten Male fahren wir an modernen Hochhäusern und ihren in der Nachmittagssonne glänzenden, gläsernen Fassaden vorbei. An einem von ihnen entdecke ich plötzlich seltsame rote Punkte. Als wir näher herankommen, sehen wir, dass es Menschen sind. Acht Fensterputzer hängen in schwindelnder Höhe mit ihren weißen Putzeimern an Seilen an der Fassade und putzen die Fenster.

„Schnell, gib den Fotoapparat. Das glaubt uns sonst keiner, dass hier Artisten als Fensterputzer am Werk sind“. Ich reiße meinem Mann den Fotoapparat aus der Hand und hoffe, dass ich schnell genug bin, um dieses Schauspiel festzuhalten.

„Das wird nichts“, sagt mein Mann. „Aus dem Bus wird das sowieso nichts.“

In letzter Sekunde drücke ich auf den Auslöser. Mit den modernen Digitalkameras kann man gleich sehen, ob das Foto gelungen ist oder nicht. Neugierig schauen wir auf das Display und siehe da, die Fensterputzer sind alle auf dem Bild und es ist nicht mal verwackelt.

„Schöner Schnappschuss“, sagt mein Mann, „das kannst Du unter dem Motto „Arbeitsschutz in China“ ins Netz stellen.“ Aber das will ich eigentlich nicht.

Als wir aus dem Stadtzentrum heraus sind und durch die älteren Wohngebiete fahren, fallen uns wieder die 5 – bis 10- stöckigen Wohngebäude auf, deren Fenster in den unteren Etagen fast alle vergittert sind. Das passt irgendwie nicht zu dem Bild, das wir uns bisher von den Chinesen gemacht haben. Aber Young Young erklärt uns, dass durch die enorme Zuwanderung ehemaliger Landbewohner auch sehr große Unterschiede im Lebensniveau entstanden sind. Die Möglichkeiten, einen gut dotierten Arbeitsplatz zu finden, sind für die zumeist ungebildeten Wanderarbeiter sehr gering. Da bleibt es nicht aus, dass sie sich den erträumten „Luxus“ auf andere Weise beschaffen. Diebstähle werden selten aufgeklärt. Da muss sich jeder selbst behelfen.

Unsere Fahrt hat sich jetzt zur Rush Hour ziemlich verlangsamt, sodass wir immer häufiger in einen kurzen Stau geraten. An mehreren Stellen beobachten wir dichte Menschentrauben, die von Männern in orangefarbenen Overalls zu einer Reihe geordnet werden.

„Das sind Verkehrshelfer, die an den Bushaltestellen für Ordnung sorgen,“ erklärt uns Young Young. An anderen Stellen beobachten wir ebenso gekleidete Leute, die mit einem Strohbesen und einer Schaufel an einem langen Stiel mitten auf der Straße oder am Straßenrand Abfälle auflesen und in einen Blechkasten entleeren, der sich zumeist nicht weit entfernt auf dem Fonds eines dreirädrigen Motorkarrens befindet. Aber am tollsten finde ich eine Konstruktion zum Batterie aufladen für Motorräder, die wir bei einem kurzen Halt auf dem benachbarten Gehweg entdecken. Zwei Motorroller sind mit einer dicken Kette miteinander verbunden. Von ihnen reicht ein Kabel in den daneben stehenden Baum. Auf halber Strecke zwischen Motorroller und Baumkrone hängt eine Steckverbindung, wie bei einer Verlängerungsschnur. Das ist alles. Woher der Strom genau kommt, können wir nicht ermitteln. Möglicherweise haben die findigen Nutzer eine Straßenlaterne angezapft.

Dass so etwas durchaus gängige Praxis ist, haben wir bei einem abendlichen Spaziergang von unserem Hotel zum Supermarkt, zwei Straßen weiter, gesehen. Mitten auf einem Abschnitt des Gehweges fand gerade ein Flohmarkt statt, durch den wir uns hindurch schlängeln mussten. Anstelle von Marktbuden waren die Waren auf Tüchern auf dem Trottoir ausgebreitet oder hingen an rollbaren Kleiderständern. Mehr oder weniger große Scheinwerfer warfen ein mattes Licht auf die Auslagen. Sie waren entweder an eine Batterie angeschlossen oder direkt an einen Lichtmast geklemmt. Mein Mann fand das interessant, ich eher sonderbar.

Genauso sonderbar fand ich auch das aus verschieden großen Brettern zusammengenagelte Taubenhaus auf dem Balkon eines Hauses mitten in der Stadt am Rande einer Hauptverkehrsstraße. Über das Gewirr von Strom- und Telefonleitungen, das die Straßen Pekings außerhalb des Stadtzentrums säumt, wunderten wir uns nicht so, denn Ähnliches hatten wir schon in anderen Hauptstädten gesehen, deren gealterte Infrastruktur mit der schnellen Entwicklung unserer modernen Welt nicht Schritt halten konnte.

Es wird noch ein Weilchen dauern, bis wir am „Holyday Inn“ ankommen werden.

Young Young nutzt die Zeit, um noch einige allseits interessierende Fragen zu beantworten. Zum Beispiel zur Altersversorgung, zum Gesundheitssystem und zur Urlaubsregelung.

Ich kann mir nicht alles merken, aber es beeindruckt mich schon, dass Frauen bereits mit 50 und Männer mit 60 Jahren in Rente gehen können. Eine Art Sozialversicherung, wie wir sie in der DDR kannten, sichert die Grundversorgung im Alter und im Gesundheitswesen. Die Beiträge für Angestellte werden generell von den Firmen gezahlt, Bauern zahlen 10 Yuan pro Monat plus 50% anfallender Krankenhauskosten, Freiberufler bis zu 1000 Yuan im Monat. Alle Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser und Ärztehäuser sind staatlich. Privatpraxen gibt es nicht. Die besten Ärzte arbeiten in den Krankenhäusern. Selbstredend handelt es sich um eine ganzheitliche medizinische Betreuung. Die Kindergartenbetreuung war bis zur Öffnung des Marktes kostenlos. Jetzt müssen die Eltern einen Beitrag leisten, der sich jedoch in Grenzen hält. Der Urlaub ist gestaffelt, je nach Arbeitsjahrzehnten gibt es 6, 12 oder 18 Urlaubstage für Angestellte. Dazu kommen für alle Werktätigen sieben freie Tage anlässlich des Frühlingsfestes, sieben freie Tage rund um den Nationalfeiertag und drei freie Tage zum 1. Mai. Wer also 30 Jahre oder mehr gearbeitet hat, erhält im Jahr 35 Urlaubstage.

Die Schulbildung ist ähnlich wie bei uns geregelt und beginnt mit der Grundschule, geht ab 7. Klasse in die Mittelschule über und endet nach zweijähriger Oberstufe in der 12. Klasse mit dem Abitur. Diese Ausbildung ist kostenlos. Das Studium jedoch ist eine teure Angelegenheit. 2000 bis 3000 Yuan Studiengebühren pro Monat plus Kosten für Unterkunft und Lehrmaterial, Ernährung und Taschengeld. Das können dann leicht 6000 Yuan pro Monat werden. Es gibt allerdings auch so etwas wie Bafög. Die Zinsen betragen 1 %. Trotzdem kann sich nicht jede Familie eine solche Ausbildung für ihr Kind leisten.

Young Young hatte das Glück, einen geförderten Austauschstudienplatz in Deutschland zu bekommen, aber sie hat, wie sie sagt, die Aufnahmeprüfung nicht bestanden. Nach einem halben Jahr Sprachunterricht konnte sie zwar fließend und fehlerfrei Deutsch, aber die Fachterminologie für ein Maschinenbaustudium beherrschte sie noch nicht. So musste sie in ihr Heimatland zurückkehren.

Wir sind alle froh, dass sie uns auf diese Weise zur Verfügung steht und sich tagtäglich mit vollem Einsatz um uns bemüht. Sie hat stets ein offenes Ohr für uns und kennt keinen Feierabend. Dank ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse kann sie uns auch vieles vermitteln,

was nicht in den Reiseführern steht. Sie kennt auch die Eigenheiten von uns Deutschen und beugt daher eventuellen Konflikten vor. Außerdem ist sie klug und sehr charmant.

Wir fühlen uns von ihr bestens betreut.

„Morgen dürfen Sie ausschlafen. Wir haben nur noch einen Besuch im Sommerpalast in unserem Programm. Dafür genügt es, wenn wir uns um 9.30 Uhr vor dem Hotel treffen. Also, erholen Sie sich gut bis dahin und „Dsai djen“ bis Morgen.“

Der Bus ist angekommen und entlässt uns in den lauen Sommerabend.

„Wirst Du jetzt nach Hause fahren zu Deiner Familie?“, frage ich Young Young beim Aussteigen. Ich weiß, dass sie eine kleine Tochter hat, um die sich normalerweise ihre Mutter kümmert. Aber nun ist sie schwer erkrankt, sodass ihr Mann die Kleine aus dem Kindergarten abholen und betreuen muss.

„Nein, solange ich Gäste betreue bleibe ich im Hotel in ihrer Nähe. Es kann ja immer etwas sein, was meine Hilfe erfordert. Aber mein Mann und meine Tochter kommen mich heute Abend besuchen“, verrät sie mir „und morgen bin ich dann ja auch wieder zu Hause.“

„Na dann, bye, bye bis morgen!“

*

Der letzte Reisetag verspricht noch einmal, sonnig und warm zu werden. Was haben wir doch für ein Glück mit dem Wetter. Kein Nebel, kein Sturm, kaum Regen und kein Smog. Dazu angenehme, frühsommerliche Temperaturen in Peking. Bei Sonnenschein fühlt man sich in einer fremden Umgebung gleich viel wohler und nimmt die vielgestaltigen, neuen Eindrücke aufgeschlossen und freudig auf. So empfinde ich es zumindest und meinem Mann geht es ebenso. Wir wundern uns über die relativ häufig im Straßenbild auftauchenden Personen mit Mundschutz, obwohl aus unserer Sicht gar kein Anlass dazu vorliegt. Es sind überwiegend Frauen, die ihn auch bei diesem herrlichen Wetter tragen. Bei einigen erkenne ich sogar Blumenmotive und farbige Ornamente auf dem Mundschutz. Möglicherweise ist hier sogar aus der Not eine Tugend oder besser gesagt, eine neue Modelinie geworden. In einigen Imbissstuben tragen die Serviererinnen durchsichtige Plastikschalen wie ein Visier vor dem Mund. Gestern auf der Mauer kam uns eine junge Frau entgegen, die wie eine Gestalt aus einem Science-Fiction-Film aussah. Ihre schmale Gestalt steckte in einem engen, beigefarbenen Hosenanzug. Vor dem Mund trug sie ein hinter dem Kopf zusammengebundenes, dunkles Dreiecktuch. Eine Sonnenbrille mit großen, dunklen Gläsern verdeckte die halbe Stirn. Der Rest verschwand unter einem Sonnenhut, wie ihn die südamerikanischen Drogendealer in der Hollywoodfilmen tragen.

Dass es eine Frau war, erkannte man erst auf den zweiten Blick an dem langen schwarzen Haar, das ihr auf den Rücken fiel. Außer uns schien das niemanden zu interessieren.

Heute ist also nun der Sommerpalast unser Ausflugsziel.

Wir haben gestern Abend den Marco-Polo-Reiseführer noch einmal studiert und gelesen, dass die „berühmt-berüchtigte“ Kaiserinwitwe Cixi sich Ende des 19.Jahrhunderts diese Anlage im eklektischen Stil als Alterssitz herrichten ließ. Wir wissen auch, dass die Dame nach dem Tod des Kaisers viele Jahre anstelle ihres noch minderjährigen Sohnes die Regentschaft inne hatte und sie auch nach seiner Volljährigkeit nicht abgeben wollte.

Wir betreten das mehrere Hektar umfassende Areal des Sommerpalastes durch den östlichen Eingang und gehen durch einen schönen Park an renovierungsbedürftigen Audienzhallen und dem Theater vorbei über eine hölzerne Brücke zum Kunmingsee , der den größten Teil der Anlage einnimmt. Mitten auf der Brücke steht auf vier Doppelsäulen ein offener Pavillon mit einem schön geschwungenen, zweifachen Dach. Musik ertönt aus dieser Richtung. Als wir näher herankommen, sehen wir drei Musiker, die auf einem seltsamen Instrument mit einem ungewöhnlichen Bogen fiedeln. Das Instrument sieht aus wie eine lange Tabakpfeife und der Bogen erinnert an eine geschlossene Stimmgabel. Die Musiker entlocken diesen Instrumenten eigenwillige Töne, die zu einer melancholischen Melodie werden. Ein Flötist begleitet die Musiker auf einer Querflöte. Es muss sich um ein bekanntes Lied handeln, denn eine Seniorin singt dazu in ein Mikrofon. Eine Gruppe chinesischer Touristen ist stehen geblieben und lauscht andächtig dem musikalischen Vortrag.

Wir hoffen, nicht zu unhöflich zu sein, wenn wir dem Gesang nicht länger folgen und uns statt dessen dem vor uns liegenden See zuwenden. Stattliche Kiefern, Hängeweiden und Winterkirschen zieren sein Ufer. Auf dem flachen Gewässer gleiten altertümlich anzusehende Drachenboote langsam dahin. Aber auch Ruderboote und mit einem blauen Sonnendach bespannte Tretboote können von den Besuchern ausgeliehen werden. Davon werden wir aber keinen Gebrauch machen, denn Young Young erwartet uns am Beginn des 728 Meter langen und etwa drei Meter breiten Wandelganges, der parallel zum Seeufer die Kaiserinwitwe und ihre erlauchten Gäste vor zu viel Sonne oder auch Regen schützte. Dieser Wandelgang ist wie eine endlose, hölzerne Laube gestaltet, zu beiden Seiten hin offen und von einem zierlichen Holzgitter zwischen den in gleichmäßigem Abstand stehenden Pfosten getragen. Er birgt zahllose kleine Kunstwerke. An jedem Querbalken und an jedem seitlichen Abschnitt des Dachträgers befinden sich Malereien, die Landschafts – oder Romanszenen wiedergeben. Sie sind originalgetreu restauriert worden und geben beim Dahinschreiten einen Einblick in die vielgestaltige Natur Chinas und das Leben in vergangener Zeit. Es ist unmöglich, sich alle Darstellungen in Ruhe anzusehen, denn alle Touristengruppen werden durch ihn hindurch geschleust und auch die Individualurlauber wollen ihn sich ansehen.

Am Ende des Wandelganges gelangen wir zu einem Tor, das zum Wasser hin die Symbole für Lebenskraft und langes Leben trägt. Gegenüber befindet sich der Eingang zum Sommerpalast. Wir haben seine fünf übereinander getürmten Dächer mit der markanten vergoldeten Spitze schon von Weitem gesehen, denn er liegt auf einer Anhöhe, von der aus man einen herrlichen Blick auf den See haben könnte. Ich sage könnte, denn wir verzichten auf den vielstufigen Aufstieg und die Schlossbesichtigung und wenden uns statt dessen lieber wieder dem See zu. Hier liegt unweit des Tores ein marmorner, zweistöckiger Raddampfer im Wasser, der wie ein kleiner, indischer Palast aussieht. Cixis Sohn hatte ihn anlässlich des 60. Geburtstages seiner Mutter in Auftrag gegeben und wollte ihn ihr zum Geschenk machen. Der Baumeister war gewiss ein kunstfertiger Steinmetz, aber vom Schiffbau wusste er wahrscheinlich nicht viel. Das grandiose Werk ist jedenfalls von Beginn an seeuntauglich gewesen und hat sich auf Grund seiner Masse nie auch nur einen Meter weit fortbewegen können.

Aber schön sieht er aus, der Raddampfer.

Nicht weit davon entfernt stoßen wir auf eine ebenso kunstvoll gestaltete Brücke. Zwei Löwen bewachen die Durchfahrt zum See und den Mittelteil der Brücke, der wie ein Teehaus anmutet. Auf acht Säulen ruht ein zweistufiges Dach, das von einer Skulptur gekrönt wird. Von hier aus gelangt man in den idyllischen Gartenteil Xiequyan, dem Lotos-Teiche das Gepräge geben.

Leider müssen wir auch hier auf eine Visite verzichten, denn nun werden wir bereits in einem Teehaus zum Mittag erwartet.

Young Young wartet am vereinbarten Treffpunkt am Ende der Wandelhalle, um die Gruppe noch einmal auf Vollzähligkeit zu überprüfen und den weiteren Tagesablauf zu erläutern. Während sie ihre Ausführungen macht, schleicht ein älterer Chinese im weißen Anzug um meinen Mann herum und kritzelt etwas mit einem Pinsel auf einen Gegenstand in seiner Hand. Außer meinem Mann haben schon alle Umstehenden gesehen, dass er aus dem Stegreif ein Portrait von ihm auf eine kleine Porzellanschale malt und sie machen ihm bereitwillig Platz. Gerade als Young Young ihre Rede beendet, ist auch das Kunstwerk fertig. Neugierige Blicke haben sein Werk verfolgt und erkennen die Ähnlichkeit, wenngleich mein Mann auch ein Chinese hätte sein können. Aber eine gewisse Ähnlichkeit ist tatsächlich vorhanden. Der Meister signiert sein Werk und bietet es meinem Mann zum Kauf an. Wie üblich beginnt nun ein kleiner Wettbewerb im Feilschen, den mein Mann aber nicht lange durchhält. Schließlich einigen sie sich bei 50 Yuan. Das sind umgerechnet nicht einmal 8 Euro und ich denke, das hat der gute Mann sich verdient. Mit dem Portrait auf dem Porzellanschälchen ziehen wir weiter durch den Park in Richtung Teehaus.

Als wir so beim Mittagessen sitzen, greift mein Mann plötzlich in seine Hosentasche und zieht das Portemonnaie heraus.

„Was ist?“, frage ich.

„Hast Du die 50 Euro, die wir heute früh noch einmal bei der Bank einwechseln wollten?“

„Nein“, sage ich, „die hattest Du doch eingesteckt.“

„So ein Mist! Genau das habe ich befürchtet.“

„Was denn? Ist das Geld weg?“

„Mir war doch gleich so, als ob etwas nicht stimmte. Ich hatte gar keinen 50- Yuan-Schein mehr. Nur die 50 Euro. Jetzt habe ich dem Menschen für die Kleckserei 50 Euro gegeben!“

Die Scheine sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Beide sind leicht orangefarben, aber der Euroschein ist etwas größer.

„Sieh noch mal in aller Ruhe nach. Vielleicht hast Du ihn doch woandershin gesteckt.“, versuche ich meinen Mann zu beruhigen. Aber der Schein bleibt verschwunden. Der Künstler ist auf und davon. So leicht hat er wahrscheinlich noch nie viel Geld verdient.

„Nimm es nicht so schwer. Es ist zwar ärgerlich, aber sieh es mal als Spende für einen armen Künstler. Vielleicht wird er mal berühmt und dann hast Du ein echtes Original von einem chinesischen Meister mit Deinem Konterfei. Das ist dann bestimmt mehr wert als 50 Euro.“

Mein Mann kann es noch immer nicht fassen, dass er sich so vertan hat. Aber weg ist weg.

„Wir werden es überleben. Zum Glück passiert uns das am Ende und nicht am Anfang der Reise, wo wir den Schein vielleicht doch noch dringend gebraucht hätten.“

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragt Young Young. Sie hat wohl unsere erschreckten Mienen und die leise geführte Debatte gesehen. Aber damit wollen wir sie nun wirklich nicht belasten.

„Nein, nein, es ist nichts passiert“, sagt mein Mann und damit beenden wir das Thema und wenden uns lieber dem inzwischen aufgetischten Essen zu. Die chinesische Serviererin sieht hübsch aus in ihrem kräftig pinkfarbenem Kleid und der passenden Schleife in ihrem schwarzen, zu einem Knoten zusammengesteckten Haar. Wir würden sie gern fotografieren. Als wir den Apparat auf sie richten, dreht sie sich brüsk zur Seite und setzt eine beleidigte Miene auf. Wer weiß, wer sie so verärgert hat. Vielleicht hat sie auch einfach nur schlechte Laune, weil sie allein für die drei Tische verantwortlich ist, die wir alle zusammen einnehmen.

Ein Foto ist uns trotzdem geglückt. Sie sieht hübsch aus, auch wenn sie nicht lächelt.

 

Nach dem Mittagessen fahren wir zurück ins Hotel. Jetzt heißt es Koffer packen, denn wir sind geheißen, sie schon morgen früh um 7.00 Uhr, also noch vor dem Frühstück vor die Zimmertür zu stellen. Sie werden dann, wie schon zuvor, vom Hoteldienst abgeholt und in den Bus gebracht. Erst am Flugplatz bekommen wir sie dann wieder zurück. Heute Abend brauchen wir aber noch einmal unsere etwas festlichere Garderobe, denn wir krönen die Reise zum Abschied mit einem Essen in Peking Da Dong im „Roast- Duck- Restaurant“, dem besten Restaurant der Stadt für Peking-Enten-Essen.

Wir werden durch das Parterre zu einem separaten Raum im Obergeschoss geführt, wo wir wieder an den uns nun schon geläufigen, runden Tischen mit jeweils acht Personen Platz nehmen. Wie immer beginnt das Dinner mit kleinen Vorspeisen, Dim Sums aus verschiedenem Gemüse, Fleisch und würzigen Kräutern. Dazu wird Bier und Wein, grüner Tee und Wasser gereicht. Im zweiten Gang gibt es Fisch. Ein riesiger, karpfenähnlicher Fisch erscheint in Folie gebacken auf unserem Tisch. Das breite Maul ist geöffnet und man erkennt die

Kräuterfüllung. Nun macht auch schon der bekannte Kräuterschnaps das erste Mal die Runde.

Als nächstes werden kleine, runde Teigfladen, Paprikaringe und eine dunkle Soße auf die drehbare Platte gesetzt. Dann erscheint der Koch höchstpersönlich mit der knusprigen Ente. Er zerlegt sie in hauchdünne Scheibchen und richtet sie auf flachen Tellern an.

Young Young demonstriert uns nun, wie man Peking-Ente isst: Man legt einen Teigfladen auf seinen Teller, schichtet Paprikaringe und Entenscheibchen darauf, übergießt alles mit der braunen Soße und rollt den Fladen wie einen Eierkuchen zusammen. Gegessen wird aus der Hand. Das tropft ein bisschen und man ist gut beraten, den Teller darunter zu halten, während man in das Fleischröllchen beißt. Aber es schmeckt vorzüglich. Der Teigfladen ist dünn und fest, wie wir ihn von einer Frühlingsrolle her kennen und die Paprikaringe sind mariniert. Das Fleisch ist zart und die Soße ausgesprochen würzig. Lecker! Kein Vergleich mit „Ente knusprig“, wie wir sie zu Hause beim Imbissstand kaufen, obwohl auch die uns gut mundet.

Dank der zahlreichen Vorspeisen haben wir schon nach wenigen Entenröllchen ein gewisses Sättigungsgefühl erreicht. Aber nun kommt noch die kunstvoll aufgeschnittene Melone als Abschluss des Festessens. Natürlich haben wir zwischen den einzelnen Häppchen auch dem guten Schnaps immer wieder zugesprochen bis die Flasche leer ist. Wir wollen doch nichts verkommen lassen. Nach zweistündiger Tafelei ist die Stimmung auf dem Höhepunkt, die Teller sind leer geräumt und eingedenk einer alten Weisheit, zu gehen, wenn es am schönsten ist, beenden wir den Restaurantbesuch, nicht ohne uns mit einem kleinen Salär und viel freundlichen Wünschen von dem fleißigen Personal zu verabschieden. Wir danken auch Young Young für dieses schöne Erlebnis. Es ist das Tüpfelchen auf dem I zum Abschluss unserer wunderbaren Reise.

*

Seit zwei Stunden sitzen wir nun schon im Flieger und bewegen uns Richtung Heimat.

Nach dem zeitigen Mittagessen an Bord haben die Stewardessen jetzt die Rollos geschlossen und das Licht ausgemacht. Nachtruhe ist angesagt. Für uns ist das sehr ungewöhnlich, denn nach Pekinger Zeit ist es noch später Nachmittag. Wir sind es nicht mehr gewöhnt, ein Mittagsschläfchen zu halten oder zeitig schlafen zu gehen. Aber eingedenk der sechs Stunden Zeitverschiebung, die diesmal zu unseren Gunsten ausfällt, können wir Verständnis dafür aufbringen, dass die Crew jetzt für die Passagiere den Schlafmodus angeordnet hat. Der Flieger bleibt nur zwei Stunden in Frankfurt und fliegt dann wieder zurück. Ich weiß nicht, ob eine Austauschbesatzung den Rückflug übernimmt, aber ich gehe mal davon aus, dass wir die weite Reise nicht nur per Autopilot machen.

Obwohl es jetzt im Flugzeug dunkel und beinahe ruhig ist, kann ich nicht schlafen. Die vergangenen dreizehn Reisetage waren zu turbulent, um von jetzt auf gleich zur Ruhe zu kommen.

Es kommt mir vor, als seien wir eine halbe Ewigkeit unterwegs gewesen.

Allein die Entfernungen von Shanghai über den Yangtze, Chongqing, Xi an bis Peking betragen mehrere 1000 Kilometer. Gemessen an den mehr als 9 Mrd. Km², die dieses Reich umfasst, haben wir doch nur einen Bruchteil davon gesehen. Es wäre vermessen, mit dieser Kenntnis das ganze Land beurteilen zu wollen. Ich kann mir auch kein Bild davon machen, wie die Menschen hier tatsächlich leben. Unsere Eindrücke basieren auf Stippvisiten in den drei größten Städten Chinas und ihren kulturhistorischen Errungenschaften. Wollte man die Menschen hier in ihrem Tun und Handeln verstehen, müsste man sich wahrscheinlich intensiver mit ihren Wurzeln befassen, in das noch heute vielfach vom Konfuzionismus und Taoismus beeinflusste Denken eindringen. Demnach kämen in der Rangfolge allen Tuns an erster Stelle das Wohl des Staates, gefolgt vom Wohlergehen der Familie und besonders der Kinder, bevor das eigene Ich im Mittelpunkt steht. Mein Eindruck ist aber, dass das Leben mehr und mehr von einer neuen Generation geprägt wird, der unser westlicher Lebensstil interessant und verheißungsvoll erscheint. Ich hoffe sehr, dass die eigene Kultur, die Sitten und Gewohnheiten nicht zu sehr darunter leiden oder sogar aufgegeben werden.

Young Young hat es bewusst vermieden, mit uns politische Themen zu diskutieren. Das hätte die gute Atmosphäre, die während der ganzen Reise in der Gruppe untereinander herrschte, womöglich beeinträchtigt. Sie ist eben eine erfahrene und kluge Reiseleiterin. Zum Abschied haben wir ihr noch verraten, dass diese Reise unsere „Goldene Hochzeitsreise“ war.

Sie war genau das, wovon wir geträumt haben – ein unvergessliches Erlebnis.






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