22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

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Kreuzfahrt auf dem Yangtze

KREUZFAHRT auf dem YANGTZE

 

Ein Hochgeschwindigkeitszug bringt uns von Shanghai nach Yichan, dem Ausgangspunkt unserer Drei-Schluchten-Kreuzfahrt auf dem Yangtze oder Jangtsekiang, wie der Fluss in der deutschen Fassung heißt. Obwohl unser Zug mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 250 km/h dahinsaust, benötigen wir 8 Stunden, um die 1850 km zu bewältigen, die zwischen der zweitgrößten Stadt Chinas und der „kleinen“ Stadt Yichan mit gerade mal 1,3 Mio Einwohnern liegen. Vor dem Bau des Staudamms waren es sogar nur 200 000 Einwohner.

Dank der Umsicht Young Youngs sind wir bestens auf die Fahrt vorbereitet. Wir haben uns mit Reiseproviant im naheliegenden Supermarkt eingedeckt, fanden sogar eine Packung Würstchen und Dosenbier. Im Zug gibt es nur heißes Wasser, mit dem man einen Tee oder eine Tütensuppe aufbrühen kann. Für Tee und entsprechende Plastikbecher hat unsere gute Fee selbst gesorgt. Wir haben Plätze am Fenster in der Mitte des Abteils und können bequem die Füße ausstrecken. Die Koffer sind in den Gepäckablagen verstaut. Das Handgepäck passt unter den Sitz. Der Zug ist bis auf den letzten Platz besetzt.

„Sie haben eine günstige Reisezeit gewählt“, lobt uns Young Young. „Wenn das Frühlingsfest den Jahreswechsel einläutet, ist es schwer, Platz in irgendeinem Verkehrsmittel zu finden. Alle Flugzeuge, Züge und Busse sind lange vorher ausverkauft. Der Verkehr auf den Straßen und Autobahnen ist so dicht, dass es nur langsam vorangeht. Es ist bei uns Sitte, dass zu diesem Anlass jeder seinen Heimatort aufsucht. Auch alle Wanderarbeiter machen sich dann auf den Weg, vorausgesetzt, dass sie das notwendige Fahrgeld zusammen gespart haben. Manche arbeiten nur für dieses Ziel. Einigen gelingt es nicht, jedes Jahr nach Hause zu fahren, denn sie kommen oft aus Regionen hoch in den Bergen, die Tausende Kilometer weit entfernt sind. Sie glauben dann, dass sie ein ganzes Jahr unglücklich sein werden. Aber sobald sie das Geld zusammen haben, fahren sie im nächsten Jahr nach Hause.“

Von den riesigen Entfernungen haben wir schon eine kleine Kostprobe während des Fluges bekommen, aber vor Ort erscheint uns dieses Land noch viel gewaltiger und wir ahnen schon, dass wir in den 14 Tagen unserer Rundreise nur ein winziges Zipfelchen davon sehen werden.

Obwohl wir Shanghai schon vor zwei Stunden hinter uns gelassen haben, rauschen wir immer wieder an bereits bezogenen oder noch im Bau befindlichen Hochhäusern vorüber. Auch begonnene Brückenkonstruktionen und Straßennetze, die ins Nirgendwo führen, können wir sehen. Dazwischen erscheinen kleine, bewohnte Flecken inmitten einer sich weithin erstreckenden Wasserlandschaft. Manchmal stehen vereinzelte Häuser wie Inseln inmitten eines überfluteten Feldes. Wir fahren durch das Mündungsgebiet des Yangtze.

„Bis zur Errichtung des Drei-Schluchten-Staudammes waren hier Flutkatastrophen an der Tagesordnung. Allein in den letzten 100 Jahren kosteten sie 3 Millionen Menschen das Leben. Dem Einhalt zu gebieten, war einer der Hauptgründe, die zum Bau des Staudammes führten. Die zwei anderen Hauptgründe sind kostengünstige Stromerzeugung und Verlängerung des Schifffahrtsweges für große Frachtschiffe“, erfahren wir.

Es ist schon spät, als wir in Yichan ankommen, nach 22.00 Uhr. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Unsere Koffer, die wir keinesfalls selbst tragen sollen, werden von zwei Besatzungsmitgliedern der Schiffscrew auf zweirädrige Karren getürmt und zu einem Bus befördert, der uns in etwa 45 Minuten, am Rande der Stadt Yichan vorbei, zu unserem schwimmenden Hotel bringt. Es heißt: „President No 7“ und ist unsere Bleibe für die kommenden drei Tage.

An Bord begrüßt uns Herr Chang Li, der auf dem Schiff für die Betreuung aller ausländischen Gäste verantwortlich ist. Außer uns hat noch eine weitere deutsche Reisegruppe eingecheckt. Alle anderen Touristen sind Chinesen.

Wir wissen schon, dass Li, so wie Young Young, mit seinem Vornamen angesprochen werden möchte. Aber er hat noch einen Zusatz, er nennt sich „Meister Li“, nachdem er einmal einen Sportwettkampf für sich entscheiden konnte und man ihm den Titel „Meister“ verlieh. Darauf ist er ganz stolz.

Wir wissen auch, dass es heute kein Abendessen mehr geben wird. Um so erstaunter sind wir, als uns Meister Li ins Bordrestaurant bittet und zu einem Begrüßungstrunk einlädt. Es gibt Rotwein und Weißwein und einen starken, beinahe öligen Kräuterschnaps, der nach Nüssen schmeckt. Dazu ein paar winzige Kekse. Der Schnaps steigt mir gleich in den Kopf und ich bin wie benommen, als der Meister ganz clever den Vorschlag macht, doch ein All- Inclusive - Getränkepaket zu kaufen. Da könne man trinken, soviel man wolle und bräuchte sich um nichts mehr zu kümmern. Es kostet nur 200 Yuan pro Person, das sind umgerechnet etwa 25,00 Euro. Mein Mann nickt zustimmend und auch ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Ganz fix kommen zwei nette, in hübsche chinesische Trachten gekleidete, junge Mädchen und binden uns ein kleines Bändchen mit einer Blüte aus winzigen Perlen um das Handgelenk als Zeichen für den trinkfesten All-Inclusiv-Gast. Sie haben viel zu tun, denn auch die meisten anderen Mitglieder unserer Reisegruppe nehmen das Angebot an. Inzwischen verzieht sich der Nebel im meinem Kopf und ich beginne zu rechnen. Wie lange sind wir eigentlich an Bord? Drei Tage. Wie oft speisen wir an Bord? Auch nur drei Mal, denn tagsüber speisen wir gemäß unserem Exkursionsprogramm irgendwo unterwegs. Wasser und Tee gibt es ohnehin gratis. Mein Mann trinkt abends lieber Bier als Wein. Was also sollen wir mit zwei All-Inclusiv-Paketen? Ich präsentiere meinem Mann diese Rechnung und er streift sofort das Bändchen von seinem Handgelenk und gibt den Rücktritt von diesem verlockenden Angebot kund. Meister Li guckt etwas enttäuscht, akzeptiert aber die Entscheidung ohne Kommentar. Unsere Nachbarn am Tisch treffen ganz schnell die gleiche Entscheidung, aber alle anderen sind gefangen in ihrem Glauben an diese günstige Gelegenheit.

Nach einer kurzen Information über den Reiseverlauf, dürfen wir endlich unsere Kabine aufsuchen. Wir haben die Nummer 506, also Deck 5. Die Koffer stehen schon vor der Tür. Wie schon mehrfach erlebt, will unsere Zimmerkarte nicht so wie wir. Erst nach etlichen Versuchen mit Drehung rechts und Drehung links, einmal nach oben und einmal nach unten, haben wir Glück und unser Sesam öffnet sich. Die Kabine ist großzügig in der Länge, mit Balkon und kleiner Teestation. Die Betten gleichen den Doppelbetten zu Hause.

„Kommt hier noch jemand dazu?“, fragt mein Mann irritiert, aber sie sind tatsächlich nur für uns bestimmt. Mitternacht ist inzwischen vorbei. Ich kann kaum noch die Augen offen halten. Duschen fällt heute Abend aus. Nur noch Zähne putzen und dann ab, in die Buntkarierten.

 

*

 

Die Nacht zum Sonntag wird etwas unruhig, denn ein heftiges Gewitter entlädt sich genau über unserem Liegeplatz. Der Morgen ist jedoch strahlend hell. Die Sonne scheint und die Temperatur ist angenehm frühlingshaft.

Die „President No 7“ hat sich schon auf den Weg gemacht. Nur wenige Kilometer hinter Yichan beginnt die erste Schlucht. Die Xiling-Schlucht ist die längste der drei Schluchten,

76 km lang. Eigentlich ist sie die Zusammenfassung mehrerer Schluchten, die durch eine Unmenge von gefährlichen Untiefen, schnellen Wasserläufen und Riffen gekennzeichnet waren und zu etlichen Schiffskatastrophen geführt haben, bis kurz hinter Yichan 1981 das Gezhouba Wasserprojekt in Betrieb ging, das als Testlauf für den Drei-Schluchten-Staudamm diente. Es gebot dem wilden Treiben des Flusses Einhalt. Der Wasserstand erhöhte sich und die Schifffahrt wurde sicherer. Der Yangtze ist an dieser Stelle bis zu 2 km breit und Schiffe bis zu einer Tonnage von 10 000 t können ihn seitdem befahren, denn der Wasserspiegel hat sich um 15 m erhöht. Über drei Schleusen gelangen sie in den oberen Teil des Flusses.

Bis heute gibt es vor allem im Ausland Diskussionen darüber, dass der Eingriff in die Natur die einmalige Schönheit der Landschaft unwiederbringlich zerstört habe. Das ist gewiss wahr. Andererseits hätten wir heute kaum die Möglichkeit, mit dem Luxuskreuzfahrtschiff den Yangtze zu befahren. Die Schluchten sind, wie nicht nur ich finde, auch so noch beeindruckend schön. Der Fluss windet sich entlang steil aufragender Felsen dahin. Sie sind fast bis zur Uferzone mit üppigem Grün bewachsen. Auch das Wasser ist moosgrün und sauber. Schlamm und Schlick, der sonst den Weg bis in den Ozean fand, werden durch riesige Filteranlagen am Drei-Schluchten-Staudamm aufgefangen und regelmäßig beseitigt. Vielleicht hätte ich vor 50 Jahren Gefallen daran gefunden, mit einem kleinen Holzschiff eine Wildwasserfahrt durch die Stromschnellen zu machen, heute ziehe ich das ruhige Dahingleiten unseres Kreuzfahrtschiffes entschieden vor.

Bis zum Drei-Schluchten-Staudamm sind es noch 2 Stunden Fahrt, die wir dazu nutzen können, das Schiff näher zu erkunden. Neben dem Speisesaal gibt es ein gemütliches Klubrestaurant mit kleiner Theaterbühne. Mehrere kleinere Räume stehen Karaoke-Freunden oder Mah-gong-Spielern zur Verfügung. Gegenüber der Rezeption hat ein Fotoshop Platz gefunden. Eine breite, geschwungene Marmortreppe führt zu den oberen Decks. Inmitten des Atriums prangt ein Kristalllüster und erhellt einen Rundgang mit kleinen Boutiquen. Wer nicht gern Treppen steigt, kann einen der beiden Aufzüge benutzen, die außenbords nach oben bis zum Sonnendeck führen. Im untersten Deck befindet sich der Spa-Bereich mit Mini-Pool und Massageräumen. Die Aufgänge zu den 230 Kabinen sind einladend mit kleinen Ziertischen oder großen Porzellanvasen und Blumengestecken dekoriert. Über 100 Mitarbeiter sorgen lt. Bordinformation für unseren angenehmen Aufenthalt.

Um 10.00 Uhr lädt der Schiffsarzt, Dr. Liao, alle Interessierten zu einem Vortrag über Akupunktur ein. Das trifft sich gut. Mein Mann schleppt sich schon seit Tagen mit einer Erkältung herum und hatte heute Nacht sogar Fieber. Da kann er den Doktor gleich mal nach einer Medizin fragen.

Ich hatte schon vor einiger Zeit eine Akupunkturbehandlung, die mir sehr geholfen hat. Einen Vortrag darüber brauche ich also nicht mehr. Dafür genehmige ich mir eine Fußmassage, die mir außerordentlich gut tut.

Inzwischen haben wir unser Tagesziel erreicht.

Grau und massiv liegt das gewaltige Bauwerk des Drei-Schluchten-Staudammes vor uns. Das Gezhouba- Wasserprojekt haben wir nachts passiert, sodass wir keinen Vergleich anstellen können. Dieser Staudamm vor uns ist jedoch mit seinen 185 m hohen Betonwänden ohnehin so beeindruckend, dass er jedem Vergleich Stand halten kann. Er erstreckt sich über 2309 m von einem Ufer zum anderen des nun hier erneut gebändigten Yangtze. Wie weit das ist, erfahren wir bei der Fahrt mit dem Bus über die Krone des Dammes auf die andere Seite. Hier befindet sich der Aussichtspunkt, ein monumentales Bauwerk, von dem aus man normalerweise einen guten Überblick über den Damm gewinnen kann. Diesmal haben wir Pech, denn es beginnt zu regnen.

Wir hatten zu Hause gelesen, dass es in den Schluchten zumeist bewölkt ist und oft regnet, sodass man von der schönen Landschaft nur wenig sehen kann. Wir haben uns auf Regen eingestellt. Haben Regencapes und Schirme eingepackt. Aber jetzt liegen sie in der Kabine auf dem Schiff und nützen uns nichts. Wenigstens meinen Regenhut habe ich aufgesetzt. Mein Mann ist froh, dass ich ihn überredet habe, seine Lederschirmmütze aufzusetzen. So bleibt wenigstens der Kopf einigermaßen trocken.

Eine Prozession bunter Regenschirme erklimmt den steilen Weg zum Aussichtspunkt. Der Blick in die Runde ergibt: es ist alles grau in grau. Die Sicht reicht kaum bis ans andere Ufer des Yangtze. Den Fotoapparat brauchen wir hier nicht. Unweit des Aussichtsturmes befindet sich die Schleusenanlage. Über 5 Stufen geht es die 185 Meter hinauf bis zum angestauten Teil des Flusses. Die werden allerdings nur in der Regenzeit, im Juni, Juli voll genutzt, wenn das Wasser aus den Bergen in den Fluss strömt. Jetzt beträgt der Wasserstand über Grund 175 m. Dafür reichen vier Schleusenstufen. Hier kommt unser Fotoapparat doch noch zum Zuge, denn der Schleusenbereich ist nicht so weit entfernt und sehenswert. Sogar eine Grünanlage mit Pflanzkübeln ziert das sonst so graue Bauwerk.

„Dahinter ist noch ein Schiffshebewerk im Bau“, informiert uns Young Young, aber das bleibt für unsere Augen nur ein schemenhaftes Gebilde.

Angesichts des zunehmenden Regens sind alle Mitglieder unserer Reisegruppe einverstanden, die Besichtigung auf eine halbe Stunde zu begrenzen.

„Wir werden in Chongquing noch das Drei-Schluchten-Museum besichtigen. Da können Sie sich noch eingehender informieren“, tröstet sie uns und dann lädt sie mich ein, unter ihren Schirm zu kommen, was ich natürlich gern annehme.

Am Abend erleben wir dann die Schleusen noch einmal aus nächster Nähe, denn wir fahren noch bei Tageslicht in die erste Schleuse ein. Es ist schon ein komisches Gefühl, eine 15 m hohe Betonwand neben sich aufragen zu sehen und es vergeht auch eine ganze Weile, ehe die eigentliche Schleusung beginnt, denn wir sind nicht die einzigen Schiffe in der Schleusenkammer. Auch die „MV Katarina“ hat hinter uns fest gemacht, ein Luxusschiff, wie unseres.

„Es wird die ganze Nacht dauern, bis wir die vier Schleusen hinter uns lassen können und auf dem eigentlichen Stausee ankommen. Sie können beruhigt zum Abendessen gehen und danach immer noch eine graue Wand besehen,“ sagt Meister Li, der auf dem Schiff wieder das Kommando übernommen hat.

Ja, wir können die graue Wand sogar vom Tisch aus sehen, denn die Fenster im Speisesaal gewähren einen guten Ausblick. Wir sitzen mit vier Reisenden aus Bayern und dem bulgarischen Ehepaar an einem runden Tisch, der auch hier in der Mitte eine drehbare Platte hat, auf der die einzelnen Speisen dargereicht werden. Jede Mahlzeit wird in China zu einem Erlebnis. Es gibt immer wieder neue Gerichte, die wir kosten müssen, Gemüse, das wir nicht kennen und für das sogar Young Young keinen deutschen Namen weiß und kleine, kräftig gewürzte Vorspeisen, die wir mögen. Nicht alle probieren alles, aber es muss trotzdem keiner hungrig vom Tisch aufstehen.

Bisher hatten wir kaum Gelegenheit, unsere Mitreisenden näher kennenzulernen. Deshalb bin ich erfreut, dass meine bulgarische Tischnachbarin sehr gut deutsch spricht.

„Woher kommen Sie?“, frage ich.

„Jetzt komme ich aus Nürnberg. Hier lebe ich seit 10 Jahren. Aber zu Hause bin ich in einem kleinen Ort in der Nähe von Varna. Mein Mann wohnt noch dort.“

„Wie kommt es, dass Sie allein in Deutschland leben?“, frage ich verwundert.

„Ich lebe nicht allein. Ich wohne bei meiner Tochter. Sie hat einen deutschen Mann und arbeitet in einer großen Firma. Da betreue ich die zwei Enkel, wenn sie aus der Schule kommen.“

„Und Ihr Mann? Wollte er nicht mit Ihnen nach Deutschland kommen?“

„Wir haben einen großen Garten mit etlichen Obstbäumen. Da gibt es viel Arbeit. Außerdem hält er noch 20 Bienenvölker, die uns helfen, die Rente aufzubessern. Und da ist auch noch sein Vater, der betreut werden muss. Er ist jetzt 93 Jahre alt geworden und kann sich nicht mehr allein versorgen.“

„Da sehen Sie sich wohl nicht so oft, denn auch mit dem Flieger braucht man sicher eine lange Zeit, bis man an Ort und Stelle ist.“

„Das geht so“, antwortet sie, „Ich fliege immer in den Ferien mit den Enkeln nach Hause und außerdem machen wir in jedem Jahr eine schöne gemeinsame Reise.“

„Und woher können Sie so gut Deutsch?“

„Ich war bis zu meiner Pensionierung Deutschlehrerin in Bulgarien. Aber nach der neuen Regelung darf ich jetzt dort nicht mehr arbeiten, sondern muss in Rente gehen. Hier arbeite ich aber wieder, wenn auch nur für 4 Stunden am Tag. Ich unterrichte hier Deutsch für Immigranten an einem Institut. Damit kann auch ich meine Rente etwas aufbessern.“

„Da sind Sie aber mutig. Aber, ich finde es gut, dass Sie sich das übernommen haben, denn so ganz einfach ist das bestimmt auch nicht.“

„Das können Sie wohl laut sagen,“ entgegnet sie mit einem vielsagenden Lächeln. „Da könnte ich Ihnen Sachen erzählen...!“

Leider kommen wir nicht mehr dazu, das Gespräch fortzusetzen, denn der Nachtisch ist bereits serviert und aufgegessen und unsere fleißigen Tischstewardessen warten darauf, abräumen zu können.

In einer halben Stunde findet im Klubrestaurant eine kleine Theatershow statt unter dem Motto: Vergangenheit und Zukunft Chinas in Gesang und Tanz. Das wollen wir auf keinen Fall versäumen.

*

 

Als am nächsten Morgen um 6.30 Uhr der Weckruf in der Kabine ertönt, haben wir die letzte Schleusenkammer längst verlassen. Auch die Xiling-Schlucht liegt schon hinter uns. Wir haben bereits vor der Stadt Badong festgemacht. Hier beginnt zugleich die Wu-Schlucht. Bevor wir sie jedoch durchqueren, werden wir einen Abstecher in einen Nebenfluss des Yangtze machen und dort noch etwas von der Ursprünglichkeit der Landschaft rings um das Wu-Gebirge sehen und erleben können, wie die Menschen hier einst lebten. Um das Wu-Gebirge, das aus 12 Gipfeln besteht, ranken sich viele Legenden. Namhafte Poeten verewigten es in ihren Gedichten. In den meisten Fällen wird es als geheimnisvoll und wolkenverhangen beschrieben. Auch unser Marco-Polo -Reiseführer beugt Enttäuschungen vor, indem er darauf hinweist, dass die Gipfel nur sehr selten zu sehen sind und es hier oft regnet. Aber Petrus meint es gut mit uns. Nach dem Regen am Staudamm und einer durchregneten Nacht ist der Himmel heute früh fast klar. Die Sonne scheint und nur ein paar vereinzelte Wölkchen ziehen über dem Bergmassiv dahin.

Als wir das reichhaltige Frühstücksbuffet im Shangri-La-Speiseraum verlassen, liegt bereits ein kleineres Motorschiff neben dem unsrigen. Es sieht aus, wie ein schwimmender, mehrstufiger, chinesischer Pavillon. Die Aufbauten auf den Decks sind von einem Kranz orangefarbener Dachsteine umgeben, die Enden geschwungen wie an den kaiserlichen Palästen, am Heck die rote Fahne mit den 5 Sternen. Es bietet uns und fünf weiteren Reisegruppen ausreichend Platz, um alle Sehenswürdigkeiten entdecken und in Ruhe betrachten zu können. Vor allem die Fotografen unter uns wollen einen guten Platz an der Reling finden. Bruno aus Bayern ist schon eifrig dabei, jeden Schritt, den seine Frau Edith über das schwankende Brett tut, das die beiden Schiffe miteinander verbindet, auf die Linse zu bannen.

Unsere Exkursion führt uns den Shennang-Fluss aufwärts.

„Es ist eine „Drei-Mini-Schluchten-Fahrt“, erklärt uns Meister Li, der hier die Verantwortung für alle deutsch-sprachigen Passagiere hat. „Die Longmen-Schlucht und die Bawu- Schlucht haben nach Aufstauung des Yangtze nicht mehr ganz so tiefe Täler. Die gefährlichen Stromschnellen und Untiefen sind verschwunden. Dafür erscheint der Fluss jetzt in einer sanften Schönheit, windet sich wie eine Schlange durch Felsen, die steil ins Wasser abfallen. Sie bergen manche Überraschung. Gleich hinter der nächsten Biegung aufgepasst! In etwa 50 m Höhe hängt in einer Felsspalte ein Holzsarg. Er hängt dort schon seit mehr als tausend Jahren und niemand weiß bisher, wie er dort hingekommen ist, denn es gibt keinen Zugang. Weder von oben, noch von unten. Die Menschen, die hier lebten, gehörten zum Stamme der Ba. Man vermutet, dass der Sarg in dieser Höhe die Möglichkeit bot, dem Himmel näher zu sein und damit der Seele eine schnellere Erlösung zu gewähren. Aber, wer ihn wie dahin gebracht hat, ist selbst den Wissenschaftlern ein Rätsel. Sie haben noch weitere Särge an anderer Stelle entdeckt und verschiedene Methoden ausprobiert, um an sie heranzukommen. Letztlich haben sie sie aber mit moderner Technik geborgen und untersuchen sie nun in einem wissenschaftlichen Institut. Nur dieser eine hier ist noch geblieben. Haben ihn alle gesehen? Wir kommen auf der Rückfahrt hier noch einmal vorbei. Dann haben Sie eine zweite Chance.“

Man muss schon sehr genau hinsehen, um das schmale Gebilde, das in großer Höhe knapp zwei Meter aus dem Fels ragt, überhaupt zu entdecken, aber wir haben es geschafft. Der Fels ist samt Sarg dokumentiert.

Hinter der folgenden Biegung weist uns Meister L i auf einen Berggipfel hin, der die Form eines Elefanten haben soll. Es gehört viel Phantasie dazu, ihn als solchen zu erkennen. Was wir sehen, ist der Gipfel des Ju hè, einer der 12 Gipfel des Wu- Berges. In der Übersetzung wird er „Sammlung von Störchen“ genannt, hat also mit einem Elefanten nicht viel gemein. Wir sehen in der Folge auch noch den“Feifeng -Fliegender Phönix“ und den „Cuiping – Jadeparavent“. Die übrigen 9 Gipfel des Wu-Gebirges bleiben uns verborgen. Dafür erscheint jetzt auf der Steuerbordseite eine ca 20 m hohe Öffnung im Fels. Sie gehört zu einer Höhle, die 150 m lang sein soll und auch mit Booten befahren werden kann.

Sollte das unser Ziel sein? Young Young hatte uns nämlich gesagt, dass wir am Ende des schiffbaren Teils des Shennang in kleinere Holzboote umsteigen und dann die Fahrt noch ein Stück fortsetzen werden.

Aber, nein, wir gleiten an der Höhle vorüber und weit und breit sind keine Holzboote in Sicht.

Statt dessen informiert uns Meister Li, dass wir nun in der Dicui-Schlucht angekommen sind, wo man normalerweise Schwärme von Schwalben am Himmel fliegen sehen kann und die Affen am Ufer zwischen grünem Bambus mit lautem Geschrei auf sich aufmerksam machen. Die Schwalben sind wohl noch nicht aus dem Winterquartier zurück und die Affen halten sicher noch ein Mittagsschläfchen. Jedenfalls ist keiner von beiden zu sehen. Die Schlucht ist aber auch ohne Schwalben und Affen sehenswert. Das Wasser ist dunkelgrün und glasklar. Das Ufer ist bis auf eine Linie von etwa 5m bewaldet. Darunter erscheinen die schroffen Felsen, die vor der Stauung das Ufer säumten. Diese 5m veranschaulichen zugleich die Grenze zwischen Sommer- und Winterzeit, denn wenn im Sommer die Regenzeit den Stausee auffüllt, steigen auch die Pegel der Nebenflüsse. Dann endet die Wasserlinie unmittelbar unter den Bäumen.

Auf der gegenüberliegenden Seite flacht das Ufer ab und endet in einem weiten Tal. Ab und an sieht man nun auch einzelne Hütten und modernere Häuser, die an Ferienbungalows erinnern. Ein Fischer holt gerade eine Reuse ein. In dieser Region leben die Tu Jia, eine nationale Minderheit, die als Nachfahren der Ba gelten. Sie haben bis heute viele traditionelle Riten und Gebräuche beibehalten. Sie haben keine eigenen Schriftzeichen, aber viele Volkslieder und Tänze, die sie voller Stolz den zahllosen Touristen aus dem In- und Ausland präsentieren.

Vor uns kommt jetzt ein größeres Holzgebäude in Sicht, das sich als die Station entpuppt, auf der wir in sogenannte „Bohlenboote“, umsteigen. Das sind flache Ruderboote, die von den Einheimischen mit einfachen hölzernen Rudern bewegt werden. Drei Männer im Bug und zwei im Heck treiben das Boot mit ihren muskulösen Armen voran, weiter flussaufwärts.

In einem solchen Boot hat unsere ganze Reisegruppe Platz. Wir sind vorschriftsmäßig mit orangegelben Rettungswesten ausgestattet und gelangen dank helfender Hände der Ruderer über die schlüpfrigen Bootsplanken zu den uns zugewiesenen, schmalen Sitzbrettern. Young Young, die uns im Boot begleitet, erhält Verstärkung durch Yil Chen, eine örtliche Touristenführerin. Sie gehört auch zum Stamme der Tu Jia und erzählt uns etwas über das Leben der Bauern gestern und heute in dieser Region.

„Typisch für die Beförderung von Booten und kleinen Schiffen war früher das Treideln. Dazu stiegen die Schiffer bis auf den Steuermann aus, nackt, damit die Sachen nicht nass wurden, denn sie hatten selten Kleidung zum Wecheln. Dann zogen sie mit geflochtenen Bambusseilen die Kähne am steilen Felsufer stromaufwärts. An einigen Stellen sind heute noch die Kerben der Seile zu sehen, die die schwere Last in den Fels gerieben hat. Unsere Männer werden Ihnen das jetzt auf einem kleinen Abschnitt demonstrieren. Allerdings behalten sie ihre Kleidung an.“

Na, Gott sei Dank. Ich bin nicht scharf darauf, nackte alte Männer zu sehen.

Schon ist unser Kahn nah an die Felsen heran gefahren und drei Ruderer sind in das seichte Wasser gesprungen und auf die das Ufer flankierenden Felsen geklettert, das Bambusseil fest in den Händen haltend. Der Steuermann hat zu tun, das Boot im Fahrwasser zu halten und nutzt sein Ruder als Stake, um es vom flachen Geröllstrand fern zu halten. Nach 50 m endet die Strapaze und die Männer kehren zum Boot zurück. Man sieht ihnen an, dass es kein Spaziergang war und doch war es sicher ein Kinderspiel im Vergleich mit den Lasten, die zu früheren Zeiten hier gezogen werden mussten.

Nach diesem Schauspiel wird das Boot gewendet und nun erleichtert auch die Strömung die Arbeit der Ruderer. Als Danke schön für ihre Mühe und uns zur Freude bringt uns Yil Chen eine Kostprobe des Volksliederschatzes zu Gehör. Das Lied ist melancholisch und mit seinen auf- und abschwellenden Tönen für unsere Ohren gewöhnungsbedürftig, aber trotzdem schön. Dann singen Yil Chen und Young Young noch etwas Beschwingteres im Duett.

„Und nun sind Sie dran“, fordern die beiden uns auf und da kommen wir Deutschen ganz schön in Bedrängnis, denn wie üblich kennen wir von den meisten Volksliedern nur die erste Strophe. Zum Glück fällt mir noch etwas ein, was alle kennen und dann trällern wir lautstark. „Jetzt fahr´n wir über`n See über`n See, jetzt fahr`n wir über`n ...“

An der Bootsstation verabschieden wir uns mit einem kleinen Trinkgeld von den fleißigen Ruderern und steigen wieder auf das schwimmende Teehaus um. Noch einmal genießen wir den Blick auf die verträumte Flusslandschaft und die majestätischen Berge und erfreuen uns an der Vielfalt der Natur.

Auf der „President No 7“ erwartet man uns mit heißen Kompressen für die Hände und das Gesicht und duftendem Jasmintee, ein Genuss, der dieses schöne Naturerlebnis abrundet.

Der Tag ist jedoch noch nicht zu Ende. Mein Mann hat jetzt einen Termin bei Dr. Liao zum Schröpfen. Einen Kräutertee und Tabletten aus der Naturheilkunde hat er schon bekommen und ausnahmsweise auch, wie verordnet, eingenommen. Nun soll das Schröpfen die Wirkung der Medikamente unterstützen.

Während er sich also die Gummisaugnäpfe auf den Rücken setzen lässt, gehe ich zu einem Vortrag über Seidenstickerei. Eine junge Künstlerin zeigt uns die verschieden starken Seidenfäden und die dazugehörigen feinen Nadeln, von denen man die kleinste kaum ohne Lupe erkennen kann.

„Meine Großmutter ist eine bekannte Künstlerin“, sagt sie, „sie stickt schon viele Jahrzehnte und hat alle Prüfungen bestanden, die notwendig sind, um die entstandenen Kunstwerke mit ihrem Siegel versehen zu dürfen.“

Und Kunstwerke sind es in der Tat. Gleich, ob es sich um Tiermotive, Blumen, Landschaften oder Porträts handelt, sie sind so originalgetreu gestickt, dass man beim Bewegen des Bildes glaubt, Leben darin zu spüren. Mit hauchdünnen Seidenfäden und tausenden Stichen sind die feinen Härchen eines Katzen- oder Tigerfells in das Material gearbeitet. Haargenau sind die Fältchen und Runzeln eines Greises nachgebildet, sodass ein plastischer Eindruck entsteht.

„Sehen Sie mal hier“, fordert uns die junge Frau auf und hält dabei die Abbildung eines sprungbereiten Tigers in die Höhe. Es ist in einen schwenkbaren Rahmen eingelassen. Sie dreht das Bild auf die Rückseite und aus dem Tiger ist ein Leopard geworden. Nach den

„Ah´s“ und „Oh´s“ aus unseren Reihen sagt sie :„Das ist doppelseitige Stickerei, etwas ganz Besonderes. Meine Großmutter kann aber auch nach Fotos Stickereien anfertigen. Falls sie also ein Porträt von einem Ihrer Angehörigen haben möchten, können Sie ein Foto schicken und dann stickt sie das Porträt..“

„Sticken Sie selber auch und wie lernt man das?“, möchte jemand wissen.

„Dafür gibt es keine Schulen. Das kann man nur durch Abgucken und viel Fleiß und Geduld erlernen. Ich sticke auch, aber ich bin natürlich nur eine Anfängerin. Ich darf noch kein Siegel unter meine Arbeiten setzen.“

Was sie uns dann als ihre „Anfängerarbeit“ zeigt, ist für mich schon große Kunst, aber sie wehrt bescheiden ab als das jemand bewundernd äußert.

„Diese Stickereien können Sie auch kaufen. Sie sind natürlich nicht ganz billig, je nach Qualität und Größe aber durchaus erschwinglich. Alle, die jetzt hier im Raum sind, erhalten 50% Rabatt.“

Das ist ein schönes Angebot, aber die Reaktion der Besucher ist verhalten. Nur Simone aus unserer Reisegruppe zeigt größeres Interesse und ich bin auch durchaus geneigt, ein kleines Bild der noch jungen Künstlerin zu erstehen. Wir haben bisher von jeder Reise ein typisches Landschaftsbild mitgebracht, meistens ein Aquarell. Warum nicht diesmal eine Seidenstickerei? Den geeigneten Platz dafür werden wir schon finden. Mein Mann ist einverstanden und so erstehe ich ein kleines Bildchen, das in zarter Seidenstickerei zwei Boote auf dem Yangtze zeigt und je nach Lichteinfall auf den Wellen zu schaukeln scheint.

Als wir nach dem Abendessen in unsere Kabine kommen, finden wir auf meinem Bett einen Zettel folgenden Inhalts.

“Gute Nachricht fuer huete (heute)

(Rabatt fuer die Waesche)

Wenn Sie Ihre Waeschen wassen lassen moechten, mit 100 Yuan pro Zimmer koennen Sie Ihre Waeschen in Hauskipping abgeben, soviel Sie haben!“

Danke, für das Angebot, aber, nein, wir haben noch nichts zum waschen. Ich habe extra zwei Koffer so gepackt, dass wir für die einzelnen Etappen immer nur einen aufmachen müssen und darin ausreichend Garderobe vorfinden. Die erlaubten 20kg Freigepäck haben dafür gerade so gereicht.

*

Der nächste Morgen verspricht wieder herrliches Ausflugswetter. Der Himmel ist zwar leicht bedeckt, aber die Temperaturen sind mit knapp 20°C angenehm warm.

Das Ausflugsprogramm beginnt erst am Nachmittag. So haben wir Zeit und Muße, die schroffe Schönheit der Qutang-Schlucht auf uns wirken zu lassen. Mit nur 8 km ist sie die kürzeste der drei Schluchten und zugleich die letzte auf unserer Yangtze-Kreuzfahrt.

„Hier habe ich zum ersten Mal das Gefühl, wirklich in einer Schlucht zu fahren“, rufe ich meinem Mann zu, der gerade von seiner letzten Schröpfkur auf dem Sonnendeck erscheint.

„Der Yangtze ist hier auch nur 100 m breit und die Felsen, die wir jetzt noch sehen können, sind über 300 m hoch. Vor der Aufstauung erreichten ihre steil abfallenden Wände eine Höhe von 475 m. Gewaltig, was?“

„Ich muss den Kopf richtig in den Nacken legen, um nach oben zu sehen. Wie mit einer Fräse abgeschnitten sehen die Felswände aus. Und sieh nur die Farben! Mal sind sie schwarz und grau, dann wieder beige und kupferbraun, mal uni , mal gemixt.“

„Manchmal könnte man meinen, ein Riese hätte das Gestein mit Ornamenten versehen, so gleichmäßig verlaufen die Strukturen in den unterschiedlichen Gesteinsschichten, die den Felsen die Farbe geben.“

„Früher zogen sich hier über 60 km noch antike Holzstege in 100 m Höhe an der Felswand entlang, nur 2 bis 3 m breit, ohne Geländer oder sonstige Sicherungsmöglichkeiten.“, erweitert Ewald aus Franken unseren Horizont. „Jetzt sind sie im Stausee verschwunden auf Nimmerwiedersehen.“

Er sagt es mit Bedauern. Auch ich finde es schade, diese Attraktion nicht mehr sehen zu können, aber vielleicht ist es auch ganz gut so, sonst käme noch einer auf den Gedanken, daraus ein Touristenhighlight in Form einer Felswanderung zu kreieren. Darüber möchte ich lieber nicht weiter nachdenken.

Wenig später entdecken wir in einem hellen Abschnitt der Felswand große chinesische Schriftzeichen. Sie sind rot unterlegt und gut zu lesen. Allerdings nicht von uns, denn wir kennen uns leider nicht aus mit Wort und Bild.

„Das sind keine Originale.“

Young Young ist nun auch an Deck gekommen und klärt uns darüber auf, dass es in der Nähe des Kuimeng-Tores, des Ausgangs aus der Qutang-Schlucht, die sogenannte „Fenbi-Wand gab.“ Hier waren über eine Länge von 100 m und einer Höhe von 10 m zahlreiche Schriftzeichen aus der Zeit der Song-Dynastie eingemeißelt. Auch sie wären für immer in den Fluten des Stausees verschwunden, wenn nicht die zuständigen Stellen rechtzeitig für eine Kopie der alten Inschriften gesorgt und sie sowohl im Museum, als auch als Demonstrationsobjekt an dieser Stelle wieder installiert hätten. Einige Schriftzeichen sind sogar original aus dem Fels herausgeschnitten worden. Wir können sie in Chongquing im Staudamm-Museum besichtigen“.

Ihr Inhalt wird uns dennoch verschlossen bleiben. Er war sowieso nicht an uns gerichtet.

Die hohen Felswände driften nun allmählich auseinander und der Yangtze wird mehr und mehr zum See. Die Berge bleiben hinter uns und das Ufer wird langsam flacher. Kurze Abschnitte lehmigen Bodens werden sichtbar. Sie sind, wie es scheint mit Gemüse bestellt. Vereinzelt ziehen wir an neu gebauten, kleinen, zweistöckigen Häusern vorbei.

„Das sind Ersatzbauten für die Bauern, deren Dörfer im Stausee versunken sind“, erklärt Young Young. „Wo es ein bisschen Land gibt, haben die Bauern es vorgezogen, an ihrem alten Standort zu bleiben. Aber für alle ist das Ufer zu schmal und so mussten die meisten Leute in die Hochhäuser in den neu erbauten Städten ziehen. Nicht alle waren glücklich darüber. Vor allem für die älteren Menschen war das ein bedrückendes Gefühl, die freie Natur zu verlassen und in solche Betonkästen zu ziehen. Es blieb ihnen keine Wahl. Ihre Dörfer waren verschwunden. Wo sollten sie sonst hin? Es waren mehr als 1,5 Millionen Menschen, die dieses Los traf.“

Noch bevor wir eine Diskussion über das Für und Wider des Staudammbaues beginnen können, erscheint Meister Li und bittet um Aufmerksamkeit für eine Einführung in die Welt der „Geisterstadt Fendu“, zu deren Besichtigung wir am heutigen Nachmittag noch fahren werden.

„Die Geisterstadt Fendu hat eine 2000-jährige Geschichte. Sie stammt aus der Zeit der Han-Dynastie, also ca 200 v.u.Z. Da hat es sich zugetragen, dass zwei Daoisten, nämlich Yin Chang Sheng und Wang Fang Ping nach ihrem Ableben hier zu Geistern geworden waren. Damals nannte man sie der Kürze halber nur Yin und Wang. Zu Deutsch bedeutet Yin Unterwelt oder Hölle. Wang aber heißt soviel wie König oder Fürst. Die Leute glaubten daher, dass hier der „Höllenfürst“ lebt. Gleichzeitig trafen hier die religiösen Auffassungen der Buddhisten und Konfuzianer aufeinander. In der Legende wird gesagt, dass nach dem Tode alle Seelen hierher zurückkehren, sowohl die guten als auch die schlechten. Sie werden geprüft und erfahren dann entweder ihre Bestrafung mit der Verbannung in die Hölle oder dürfen im Paradies weiter leben. Heute werden auch die Lebenden geprüft, die diesen geheimnisumwitterten Ort betreten. Also, machen Sie sich auf etwas gefasst!“

Und dann demonstriert Meister Li sehr anschaulich, wie die einzelnen Prüfungen vonstatten gehen.

„Durch das Höllentor müssen Sie mit dem richtigen Bein zuerst über eine 40 cm hohe Kante steigen. Die Frauen mit dem rechten Bein, die Männer mit links.“

Er tut so, als ob er vor dem Tor stünde und hebt in einer akrobatischen Zeitlupenübung das linke Bein, um Schwelle zu bewältigen. Das sieht schon mal ganz lustig aus.

„Als nächstes müssen Sie über die Brücke der Hoffnungslosigkeit. Das sind eigentlich drei Brücken. Die linke verspricht Gesundheit, die rechte Reichtum und die mittlere bedeutet ein langes, glückliches Leben. Zuerst müssen Sie sich entscheiden, was Ihnen am wichtigsten ist. Die Brücke ist nicht so lang, aber ziemlich steil und man darf nur drei Schritte tun.“

Wieder hebt er das linke Bein und beginnt in Spagatschritten die imaginäre Brücke zu überqueren. Da diese Vorführung auf dem Sonnendeck des Schiffes quasi als Pantomime stattfindet, findet er ein freundlich lächelndes Publikum, das ihn nicht ganz ernst nehmen kann.

„Die dritte Prüfung ist der Lügendetektor. Hier liegt ein runder Stein in einem 40 cm hohen Steintrog. Der Prüfling darf nur mit einem Bein auf die Halbkugel steigen, muss das andere Bein anheben und drei Sekunden ruhig stehen, bevor er über den Rand des Troges gehen darf . Besteht er die Prüfung, steht ihm der Weg ins Paradies offen.“

Bei dieser Übung steht er mit ausgebreiteten Armen auf einem Bein und wackelt beängstigend mit dem Oberkörper. Lautes Lachen und Hände klatschen der Umstehenden sind Lohn und Anerkennung seines schauspielerischen Talents.

Inzwischen hat die „President No 7“ am Nordufer des Yangtze gegenüber der Kreisstadt Fendu festgemacht.

Wie immer, kommt auch hier als erstes der Fotoapparat zum Einsatz. Aber die Silhouette der Stadt ist längst nicht so spektakulär wie Shanghais Skyline. Auch hier dominieren Wolkenkratzer in verschiedenen Höhen das Bild. Sie sind jedoch ziemlich einheitlich in ihrer Gestaltung und erinnern uns sehr an die Zeit der Entstehung von Neubauvierteln in unserem Lande, wenngleich unsere Hochhäuser vergleichsweise klein waren.

Da fällt mein Blick auf eine breite Betonstraße, die zum Yangtze hin abfällt und wie eine Rampe in ihn hinein führt. Dort, wo das Wasser den Beton berührt, gehen zahlreiche Menschen irgendeiner Beschäftigung nach. Es sieht jedoch nicht nach Angeln aus.

„Was machen die Leute da?“, frage ich meinen Mann.

Er sieht sich die Sache genauer an und meint:“ Sieht aus, als ob sie irgendetwas im Wasser schwenken.“

„Dort wird Wäsche gewaschen.“

Udo aus Hamburg sieht durch sein Fernglas und kann es genau erkennen. Jetzt kommen noch mehr Leute mit großen Kiepen auf dem Rücken und suchen sich ein freies Plätzchen am Ufer, während die ersten Waschmänner, denn es sind tatsächlich nur Männer, das feuchte Waschgut wieder in die Kiepen füllen und die Rampe aufwärts steigen.

„Wo?“, „Wo?“, fragen jetzt Marina und Susanne aus Mitteldeutschland, die gerade an die Reling gekommen sind.

„Bloß gut, dass wir nicht auf das Angebot von gestern eingegangen sind, unsere Wäsche zum Vorzugspreis waschen zu lassen“, sage ich laut, „sonst wäre unsere Wäsche vielleicht auch dabei“. Da müssen alle lachen.

Young Young erscheint an Deck und bittet uns zum Bus. Die Zeit für die Geister ist gekommen. Die Geisterstadt liegt am Fuße des Ming-Berges und bis dahin werden wir mit dem Bus gefahren.

Bevor wir jedoch in den Bus steigen können, steht uns eine nicht angekündigte Prüfung bevor. Unser Schiff liegt nämlich beinahe 100 m weit im Fluss und bis zu seinem Ufer führt eine Kette von mehr oder weniger eng aneinanderliegenden Brettern und Bohlen, die über eine Reihe von schwankenden Kähnen ohne irgendeine Form von Geländer gelegt sind. Also besser nicht groß zur Seite sehen , sondern gucken, wohin die Füße zu setzen sind. Es gelangen alle unbeschadet ans Ufer, ohne Warnschilder und ohne Geländer !

Nach der Ankunft vor Ort sehen wir uns einem Tor gegenüber, das keinerlei Schwellen aufweist, sondern ebenerdig auf einen Hof führt, in dessen Mitte sich eine respekteinflößende Bronzefigur befindet. Sie stellt den Höllengott dar. Dahinter erhebt sich ein moderner, weißer Flachbau. Young Young zückt die Eintrittskarten und wir passieren die Besucherschleuse. Erst danach beginnt die eigentliche Geisterstadt. Nun erreichen wir auch das besagte Hindernis für die erste Prüfung, aber bevor wir hindurch treten, wie uns Meister Li das vorgemacht hat, rufen wir erst im Chor drei Mal „Ni hau“, um die Dämonen gnädig zu stimmen. Hinter dem Tor erwarten uns schon die ersten guten und bösen Geister, farbige Skulpturen in Lebensgröße, die viel Ähnlichkeit mit Darstellungen aus „Tausend und einer Nacht“ haben. Sie sitzen in kunstvoll geschnitzten Schreinen und schauen böse oder huldvoll lächelnd auf uns herab. Ewald ist mit seinem Fotoapparat schon kräftig dabei, alle Details dieser Szenerie einzufangen. Wir haben Mühe, auch ein paar Fotos zu machen, weil er meinem Mann immer wieder vor die Linse springt.

Nach der Begrüßung durch die Geister gelangen wir in einen schön gestalteten Innenhof, in dessen Mitte die drei angekündigten Brücken zum Tempel des goldenen Buddhas führen.

„Sie dürfen als Ehepaar auch gemeinsam über die Brücke gehen. Das ist erlaubt. Fassen Sie sich bei den Händen und gehen Sie im Gleichschritt über die Brücke“, fordert uns Young Young auf.

Das ist gut, denn die mittlere Brücke, die wir uns ausgesucht haben, ist nicht nur stark gebogen, sondern auch vom vielen Betreten glatt wie ein polierter Kieselstein.

„Bei los geht’s los“, sagt mein Mann und ich komme mir vor wie beim Dreisprung aus dem Stand. Geschafft! Jetzt können wir voller Zuversicht dem goldenen Buddha gegenübertreten. Er thront auf einem goldenen Sessel mit untergeschlagenen Beinen, wie sich das für einen Buddha gehört. Er blickt uns freundlich entgegen. Wahrscheinlich hat er gesehen, dass wir uns alle Mühe gegeben haben, um zu ihm zu gelangen. Zu seiner Rechten stehen zwei Minister. Der eine hält eine Schriftrolle und eine Schreibfeder in Händen und scheint froh zu sein, dass wir gekommen sind. Zumindest kann man sein lachendes Gesicht so deuten. Der andere guckt grimmig und hat eine Tafel mit allerhand Zeichen und Zahlen vor sich. Möglicherweise ist er ein Steuereintreiber. Da wollen wir doch lieber schnell weitergehen. Marion und Sibylle aus unserer Reisegruppe drängeln auch schon, denn sie wollen noch fotografieren bevor die chinesische Reisegruppe, die hinter uns das Gebäude betreten hat, sie beiseite schubsen.

Auf dem Weg zu unserer nächsten Prüfung säumen blühende Azaleen und große Bonsais in Granitkübeln unseren Weg. Auch der eine oder andere versteinerte Dämon taucht zwischen den Gewächsen auf und kontrolliert unseren Aufstieg. Young Young führt uns zu einer steilen, kopfsteingepflasterten Anhöhe, die eine weitere zusätzliche Prüfung für uns bereit hält.

„Wer diesen Weg in einem Zug ohne Stopp zurücklegen kann, wird 99 Jahre alt. Sie wissen ja, dass die Zahl 99 eine Glückszahl ist, genau wie die 8.“

Sie sieht uns an und ergänzt dann milde: „Gäste über 60 Jahre dürfen auch einmal mittendrin verschnaufen.“

Sehr freundlich von ihr, aber sie hätte die 10 Jahre ruhig noch drauflegen können und außerdem haben wir ja auch unseren Stolz.

Mein Mann und ich schaffen es ohne Pause, aber oben angekommen , brauche ich erst mal einen Schluck Wasser, um wieder zu Puste zu kommen.

Jetzt sind wir schon fast am Palast des Höllenfürsten angekommen, dem höchsten Punkt der Geisterstadt. Bereits von hier hat man einen herrlichen Ausblick auf die zu Füßen liegende Kreisstadt Fendu am Südufer des Yangtze. Sie ist erst in den letzten 10 Jahren neu entstanden nachdem die alte Stadt in den Fluten des Stausees versunken ist. Auch hier sehen wir vor allem Hochhäuser und Kräne, die immer noch am Wirken sind.

„So, jetzt wollen wir doch mal sehen, wer von Ihnen die Wahrheit spricht und wer ein Lügner ist“, kündigt Young Young die letzte Prüfung an.

„Ach, gehen Sie doch mal mit gutem Beispiel voran und zeigen uns, wie man die Prüfung bestehen kann.“ Edith aus Würzburg bekommt viel Zustimmung für ihren Vorschlag. Da kann Young Young sich keine Blöße geben. Sie steigt in den steinernen Trog auf die blank polierte Halbkugel, breitet die Arme aus und hebt das linke Bein, denn sie ist ja eine Frau und muss also mit dem rechten Bein still stehen bleiben. „21,22,23“, alle zählen laut die Sekunden mit. Manchmal können drei Sekunden sehr lang werden. Young Young beginnt mit den Armen zu rudern, um das Gleichgewicht zu halten, aber dann hat sie es geschafft und darf dem Höllenfürsten mit gutem Gewissen entgegen sehen.

Nun sind wir an der Reihe. Alle sind sehr um Haltung bemüht und bestehen die Prüfung mit mehr oder weniger Gewackel. Ich hätte nicht gedacht, dass das Stehen auf einem runden Stein derart weh tun kann. Vielleicht liegt es an meinen Schuhsohlen, die nicht biegsam genug sind. Jedenfalls habe ich alle Mühe, die drei Sekunden durchzuhalten. Und dann muss ich ja auch noch das Bein über den Rand des Troges heben. Ein Glück,dass ich zu Hause ein bisschen Sport mache. Sonst wäre ich hier wohl gescheitert.

Der Höllenfürst empfängt uns gnädig und etwas von oben herab. Er starrt auf seine Liste und hakt wahrscheinlich in Gedanken die Prüflinge ab. Rechts und links wird er von zarten jungen Mädchen in kostbaren traditionellen Gewändern flankiert, die ihm mit einem Wedel kühle Luft zufächeln. Sie sehen nicht gerade begeistert aus. Dann dürfen wir das herrschaftliche Ensemble für die Ewigkeit festhalten und schließlich den Weg ins Paradies antreten. Letzteres schieben wir noch ein Weilchen auf, denn noch ist unsere Seele in einem lebendigen Körper gefangen.

Der Abstieg führt uns an einer siebenstöckigen Pagode vorbei, die jedoch allein den Geistern vorbehalten ist. Ich bin ganz froh darüber, denn jetzt auch noch 99 Stufen zu erklimmen, wäre des Guten zu viel.

Wieder an Bord machen wir uns etwas frisch und begeben uns zum Abendessen ins „Schangri-La“. Es ist das Abschiedsdinner, denn morgen früh werden wir in Chongquing ankommen und von Bord gehen. Die Serviererinnen haben sich fein gemacht. Sie tragen heute lange, rote, an beiden Seiten geschlitzte Kleider aus feiner Seide mit eingewebtem, goldfarbenem Blütenmuster. Auch wir haben uns fein gemacht, soweit es die mitgenommene Garderobe zulässt. Unsere Tischnachbarn fehlen noch, aber die Bayern sind schon da. Wie immer, erwidern sie unseren Gruß nicht. Irgendwie kann ich mit ihnen nicht so richtig warm werden. Erwin setzt immer eine Leidensmiene auf und brubbelt Unverständliches in seinen nicht vorhandenen Bart. Die Frauen reden über Shoppingtouren, die sie bisher noch nicht machen konnten und schwelgen in Erinnerungen an Mallorca. Das ist kein Thema für mich. Mein Mann sitzt neben einer „lustigen“ Witwe aus Göttingen, die das Ableben ihres Mannes vor fünf Jahren immer noch nicht verwunden hat, sich aber sehr einen neuen Partner wünscht, weil das Alleinsein nun mal nicht der Sinn des Lebens sein kann. Er hört sich alles geduldig an, kann und will sie jedoch nicht trösten. Da kommen endlich unsere bulgarischen Nachbarn und wir haben Gesprächspartner, mit denen wir uns verstehen. Wanda hat heute die letzte Akupunkturbehandlung für ihre Hüfte absolviert und fühlt sich schon viel besser. Mein Mann war das letzte Mal zum Schröpfen bei Dr. Liao. Sein Rücken sieht aus , als sei er der Sparringpartner eines Boxchampions gewesen. Aber die Kur hat geholfen. Das Fieber ist weg und der Schnupfen auch. Nur der Husten hält sich noch hartnäckig.

Der Kapitän verabschiedet sich höchstpersönlich von allen Gästen und wünscht eine gute Weiterreise. Auch Meister Li verabschiedet sich, nicht ohne uns zum abendlichen Theaterevent einzuladen, bei dem er heute nicht nur als Conferencier auftritt, sondern auch gesanglich etwas bieten will. Er hat tatsächlich eine schöne Stimme und singt uns ein deutsches Volkslied vor. „Am Brunnen vor dem Tore...“

Young Young erinnert uns noch einmal, dass wir bis spätestens 6.00 Uhr in der Frühe unsere gepackten Koffer vor die Tür stellen müssen. Sie werden von den Kofferträgern der Crew abgeholt und auf direktem Wege zum Flugplatz gebracht, sodass wir für die Besichtigung der Stadt Chongquing die Hände und den Kopf frei haben und uns um nichts zu kümmern brauchen.

Na, also dann „Chiä chiä“, danke, allen guten Geistern der „President No 7“ und „Dsai djen“, Auf Wiedersehen, auch, wenn Letzteres wenig wahrscheinlich ist.






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