22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

()

Kotau vor der Terrakottaarmee in Xi an

KOTAU vor der TERRAKOTTAARMEE in XI AN

 

Der Blick aus dem Hotelfenster in der 10. Etage des „Gentleman International“ geht auf graue Dächer und Betonwände. Drei Etagen unter uns endet ein schmuckloser Wohnblock. Dass er schon bewohnt ist, ersehen wir nur daran, dass unter einigen Fenstern die landesüblichen Klimakästen hängen.

„Ich bin immer noch sprachlos, wenn ich sehe, wie diese Klimaanlagen hierzulande angebracht werden“, wundert sich mein Mann. „Sieh Dir das doch mal an!“

Die rechteckigen Kästen mit den Ventilatoren hängen zwischen zwei Fenstern an der Außenwand des Wohnblocks. Für jede Wohnung einer. Von ihnen geht ein dickes Kabel durch ein einfaches Loch in der Wand direkt in das Zimmer. Etwa in Deckenhöhe dieses Zimmers erscheint außen in der Wand eine runde Öffnung für die Abluft. Das ist alles.

„Ich kann gar nicht fassen, dass man in diesem Land, das supermoderne Hochhäuser, Straßen und Brücken baut, solche vorsinntflutliche Anbringung bei den Wohnungsbauten zulässt“, sage ich, „aber, erinnere Dich, Young Young, erklärte uns schon, dass für die Innenausstattung jeder selbst verantwortlich ist und die Wohnungskäufer nur eine leere Hülle für ihr vieles Geld bekommen. Da ist es wohl die einfachste und zugleich billigste Variante, sich klimatisch anzupassen. Innen sieht es ja keiner und wenn der Staat das duldet, gibt es sicher auch keine Kläger, denen das missfällt.“

Wir können nicht lange darüber nachdenken, denn die Fahrt zur“Großen Wildgans Pagode“ steht auf dem Plan.

Schon von weitem sind die sich nach oben verjüngenden Stufen der Pagode zu sehen. Sie sieht enttäuschend einfach aus. Graugelbes Gemäuer mit jeweils nur einem Fenster in der Mitte jeder Stufe und jeder Seite. Keine geschwungenen Dachelemente zwischen den einzelnen Etagen, keine Verzierungen, gleich welcher Art. Ein einfaches, schlichtes Gemäuer.

Was hat das mit einer Wildgans zu tun?

In Xi an begleitet uns wieder ein einheimischer Reiseführer, Cheng Xi Ping. Er erklärt uns , dass die Pagode keine religiöse Bedeutung hat und kein Tempel ist. Sie ist vielmehr so etwas wie ein Antiquariat.

„Im Jahr 25 etwa kam mit den ersten Kaufleuten über die Seidenstraße auch der Buddhismus in die östlichen Landesteile. Aber es waren immer nur Bruchteile, die bekannt wurden. Da entschloss sich im Jahre 629 ein Mönch namens Xuan Zang , den weiten Weg nach Indien anzutreten, um den Buddhismus in seiner Gesamtheit zu studieren. Er brauchte dazu 17 Jahre. Er studierte gründlich und machte unendlich viele Aufzeichnungen. Als er im Jahre 645 nach China zurückkehrte, wurde er der erste Abt im „ Tempel der Gnade und Barmherzigkeit“, der auf dem Gelände hier erbaut wurde. Um seine Schriften aufzubewahren und auch anderen Mönchen zugängig zu machen, ließ er eine Pagode errichten. Es ist die Große Wildgans Pagode, die Sie jetzt hier sehen. Sie ist also nichts weiter als eine große Bibliothek.“

„Warum heißt sie nun aber „Wildgans Pagode“, wollen wir wissen.

„Genau weiß man es nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass an dieser Stelle vor Baubeginn eine große Wildgans saß, weshalb man die Pagode so nach ihr benannte:“

Eine graue Gans also, na, gut, dann kann das Gemäuer auch grau sein. Außerdem ist es ja auch schon beinahe 1500 Jahre alt und kein Tempel.

Die gesamte Anlage des „Tempels der Gnade und Barmherzigkeit“ ist großzügig in einer schönen Parkanlage verteilt. Entlang einer Balustrade stehen mehrere Pavillons, in denen kostbare Wandbilder aus verschiedensten Materialien, Darstellungen aus der Flora und Fauna und dem Buddhismus zu bewundern sind.

Ein Tempel ist nur Buddha geweiht und hier dürfen wir nicht fotografieren.

Da es anderen Ortes erlaubt war, Buddhastatuen zu fotografieren und wir nicht wussten, dass es gerade hier nicht erlaubt ist, konnten wir gerade noch drei Fotos machen, bevor wir des Hauses verwiesen wurden.

Dessen ungeachtet, sind wir in den Besitz einer Glückskarte gekommen.

Mit ihr hat es folgende Bewandtnis: In der Tang-Dynastie wurde es Sitte, dem Buddha Räucherstäbchen zu opfern, bevor ein Beamter seine Prüfung für die Beamtenlaufbahn ablegte. Nach erfolgreicher Aufnahme in den Beamtenstand, wurde sein Name in die Mauer der Pagode eingraviert. Das versprach Wohlstand, Glück und Segen.

Diese Sitte verbreitete sich und hielt an. So kann man auch heute mittels einer mit Siegel und dem eigenen Tierkreiszeichen versehenen Glückskarte vom „Tempel der Gnade und Barmherzigkeit“ zu diesen Verheißungen kommen. Die Mönche werden für uns beten.

Die Mönche sind auch an anderer Stelle präsent. Gleich am Eingang begegnete uns ein Wandermönch mit langem, buntem Patchworkmantel, Wanderstab und Reisstrohhut - wie aus dem Bilderbuch. Der moderne Wanderrucksack auf seinem Rücken passte allerdings nicht so ganz zu diesem Outfit. In der Nähe eines Weihrauchgefäßes saß ein anderer Mönch an einem Tisch und schrieb mit antikem Schreibgerät und schwarzer Tusche gute Wünsche auf rotes Papier. Natürlich mit chinesischen Schriftzeichen.

Sein Nachbar bot hauchdünne, rote Weihrauchkerzen an, die angezündet in einen Metallständer gesteckt, als Opfergabe an den Buddha die Glücksbringer von heute sind.

Die Wildgans Pagode gerät bei all dem in den Hintergrund. Nur Binjo, der Mann aus Bulgarien, kauft ein Ticket für die Besichtigung der Pagode und geht hinein. Er ist Geschichtsprofessor gewesen und hat sich schon zu Hause auf diesen Besuch vorbereitet. Seine Begeisterung ist jedoch verhalten als er wieder zu uns stößt. Die Schriften lagen ordentlich gebündelt und gestapelt, aber es war natürlich nichts lesbar und wenn, hätte er es ohnehin nicht entziffern können.

Der Vormittag ist schnell vergangen.

„Wir werden jetzt in das Stadtzentrum fahren und uns eine Marktstrasse ansehen, bevor wir zum Mittagessen in ein Theater fahren“, informiert uns Young Young als alle wieder im Bus sitzen. „Aber bitte, kaufen Sie nichts an den Ständen. Wir wissen nicht, ob die Zutaten für die Gerichte frisch sind. Außerdem essen die Chinesen in der Regel sehr scharf. Das ist für Europäer nicht so bekömmlich. Im Theater ist heute Nudeltag. Da gibt es frische, selbst gemachte Nudeln mit Beilagen, die man sich aussuchen kann.“

Die Marktstrasse ist eine Fußgängerzone und sieht aus wie die Rostocker Kröpi zum Weihnachtsmarkt, nur dass hier beidseitig herrliche Akazien den Weg säumen. Eine Garküche wechselt mit der anderen ab. Auf Öfen, die an Futterkessel erinnern, stehen riesige Schüsseln, in denen Fleischgerichte vor sich hin köcheln. Gegenüber wird am offenen Feuer eine Pfanne mit Gemüse geschwenkt. Daneben zieht gerade ein Nudelmacher den Teig in die Länge. Mit gewaltigen Holzhämmern wird auf einer Bütt auf einen flachen Teig eingedroschen bis er steinhart ist und dann mit einem Beil in kleine Stücke zerschlagen wird. So werden hier die beliebten Bonbons gemacht, die man in der Türkei Halwa nennt.

Uns interessiert ein Stand, an dem etwas Gelbes am Stiel verkauft wird, das wie Ananas aussieht. Einmal probieren wird uns schon nicht gleich umwerfen. Es ist ja weder Fleisch noch Fisch, der verdorben sein könnte. Wir nehmen erst mal nur ein Stäbchen zur Probe. Schon das ist zu viel, denn das saftig aussehende Gebilde erweist sich als eingefärbter, klebriger Reispamps, viel zu süß und nichts für uns.

Da waren unsere Reisegefährten erfolgreicher. Sie haben verschiedene Sorten getrockneter und eingelegter Früchte gekauft, die sie auch uns zum Kosten anbieten. Sie schmecken ganz vorzüglich, aber nun sind wir schon wieder am Ende der Marktstraße angekommen und die Zeit ist um.

Das Theater ist tatsächlich ein Theater, in dem am Abend Veranstaltungen stattfinden. Jetzt, in der Mittagszeit, stehen im Parkett und auf den breiten Rängen lange Tische und Stühle. An allen Seiten ist ein Buffet aufgebaut und an der Treppe zum Einlass oder Ausgang, ganz wie man es nimmt, stehen die Nudelmacher mit ihren frischen Nudeln. Lange Schlangen hungriger Touristen mit Näpfen in den Händen warten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Auch hier sind die meisten Touristen Chinesen. Nur wenige Tische werden von Ausländern belegt. Das erkennt man nicht nur an den schwarzen Haarschöpfen, sondern vor allem auch an dem Lärm, dem an- und abschwellenden Singsang, der für meine Ohren immer noch gewöhnungsbedürftig ist.

Nach dem wohlschmeckenden Mittagsmahl finden wir uns wieder im Bus ein.

„Da Sie jetzt bestimmt ein kleines Nickerchen machen möchten, werde ich mich mit Informationen kurz fassen. Wir besuchen als nächstes eine Jadeschleiferei und fahren dann zum Hotel. Hier haben Sie aber nur eine halbe Stunde Zeit, um sich ein bisschen frisch zu machen, denn heute Nachmittag steht noch die Besichtigung der Terrakottaarmee im Programm. Da sind Sie sicher schon alle gespannt. Die Besichtigungshallen liegen außerhalb der Stadt. Wir fahren etwa 90 Minuten. Da habe ich genügend Zeit, Ihnen etwas über diese einmalige Entdeckung zu erzählen.“

Die Fahrt zur Jadeschleiferei ist zu kurz als dass man sie für ein Mittagsschläfchen nutzen könnte. Da sehen wir lieber aus dem Bus und beobachten das pulsierende Leben auf den Straßen Xi ans.

Es hat mich schon in Shanghai und Chongqing fasziniert, wie hier der Verkehr beinahe ohne ersichtliche Regelung einwandfrei funktioniert. Große Limousinen, Taxis, Elektroroller mit Gepäck oder Frau und Kleinkind auf dem Rücksitz, motorisierte Dreiradkarren, Fahrräder, Busse – alles fährt nur nach der goldenen Regel „Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme“. Sie kommen von allen Seiten auf eine Kreuzung zu, manche sogar gegen die Fahrtrichtung. Sie fädeln sich in den laufenden Verkehr ein, ohne groß zu bremsen. Motorroller schieben sich zwischen zwei Busse. Plötzlich müssen alle bremsen, weil ein Auto aus der Parklücke rückwärts auf die Fahrbahn fährt. Es passiert nichts. Keiner schimpft, keiner gestikuliert oder droht. Sie halten kurz an, lassen den „Parker“ sich einreihen und fahren ruhig weiter. Wir haben auf unserer Reise nicht einen Auffahrunfall oder überhaupt einen Verkehrsunfall gesehen. Polizei auch nicht. Young Young erklärt uns, dass alle Fahrzeugführer sehr darauf bedacht sind, ihr Auto unbeschadet durch den Verkehr zu bringen.

„Reparaturen sind sehr teuer. Sie kosten oft genau so viel wie ein Neuwagen. Und der ist auch nicht billig. Noch teurer aber ist die Zulassung für ein Auto. Auf das Nummernschild muss man mindestens drei Tage, manchmal bis zu einer Woche warten. Es wird extra angefertigt.“

Es wundert uns, dass wir überwiegend große Limousinen und Jeeps auf den Straßen sehen, wo doch die Chinesen eher von kleiner Statur sind. Aber das Auto ist auch in diesem Land ein Statussymbol und kleine Leute haben nun mal eine Vorliebe für große Autos.

 

Vor der Jadeschleiferei steht eine mannsgroße Terrakottafigur aus dunkelgrünem Jade.

Diesen Krieger haben sie so bestimmt nicht in den Gräbern gefunden. Er sieht edel aus und blickt stolz auf uns herab.

In der Jadeschleiferei erfahren wir, dass hierzulande mit dem Begriff „Jade“ nicht nur der grüne Edelstein gemeint wird. Bei unserem Rundgang durch die Ausstellungs- und Verkaufsabteilungen sehen wir wahre Kunstwerke in braun, creme, elfenbein, orange und gelb und natürlich in allen Grüntönen, die aus dem von außen unscheinbar aussehenden Gestein geschnitzt wurden. Es ist alles aus Jade. Solche Kostbarkeiten sind keine Gebrauchsgegenstände. Sie gehören in eine Vitrine oder auf den Kamin. Aber es gibt natürlich auch Schmuck in allen Varianten.

„Möchtest Du vielleicht noch einen Ring oder ein Paar Ohrringe zu Deinem Anhänger, den wir in Hongkong gekauft haben?“

Mein Mann hat wohl die Spendierhosen an. Aber - „Danke, nein, ich habe schon in der Seidenmanufaktur zugeschlagen und das reicht.“

Wir machen noch ein paar Fotos, weil man diese mannigfaltigen Kunstwerke mit Worten kaum beschreiben kann.

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Hotel steht uns der Höhepunkt des heutigen Tages und des Aufenthaltes in Xi an bevor: die Besichtigung der beinahe 2,5-tausend-jährigen Terrakottaarmee.

Die über den Tod hinausgehende Furcht vor allen seinen Rivalen, die er zu Lebzeiten im Kampf besiegt hatte, veranlasste den ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi, seine Grabanlage als ein von Selbstschußanlagen gesichertes Abbild der Welt zu gestalten. Mehr als 700 000 Zwangsverpflichtete sollen 30 Jahre lang daran gearbeitet haben. Der Kaiser starb 210 v.u.Z. Zum Schutz der Grabkammer hatte er eine ganze Armee zur Bewachung seiner letzten Ruhestätte aus Ton anfertigen lassen. Sie verhinderte jedoch nicht, dass die eigentliche Grabkammer schon kurze Zeit nach dem Tode des Kaisers von Aufständischen geplündert wurde. Ja, man wusste bis zum Jahre 1974 nicht einmal, dass es diese Armee gibt. Durch Zufall stießen Bauern beim Bohren eines Brunnens auf die Streitmacht. Sie waren jedoch nicht die ersten, die diese Entdeckung machten. Schon 350 Jahre vor ihnen hatten Bauern beim Ackern einen Teil der Armee gefunden. Sie „entmachteten“ die tönernen Krieger umgehend, indem sie ihnen die Hände und auch teilweise die Köpfe abschlugen und sich ihrer Waffen bemächtigten. Letztere fanden Einsatz bei mehreren Bauernaufständen. Nach ihrer Zerschlagung gerieten die Tonkrieger wieder in Vergessenheit. Nun aber schlug die Stunde der Archäologen. Vergeblich versuchte man anfangs, die Entdeckung geheim zu halten, aber als immer mehr tönerne Kämpfer samt Pferden und Wagen zum Vorschein kamen, begann 1975 die systematische Erschließung des 56 km² großen Areals der Grabanlage, die bereits ein „Zeitzeuge“ in seinen Schriften beschrieben hatte. Bis heute hat man etwa 8000 lebensgroße Soldaten, Krieger, Reiter, Pferde und Kamele gefunden, teils im Ganzen gut erhalten, teils in mehr oder weniger großen Bruchstücken. Das alles kann man nachlesen, aber was es bedeutet, versteht man erst, wenn man in einer der riesigen Hallen den Tonkriegern gegenübersteht. Etwa 2000 von ihnen, die bisher restauriert wurden, stehen originalgetreu in den gefundenen Grabreihen in Reih und Glied. Immer vier tönerne Männer nebeneinander in einer 100 m langen Reihe. Wir zählen 8 solcher Reihen. Dazwischen sind Erdwälle, die ursprünglich die Holzbalken trugen, mit denen die Armee abgedeckt war. Darüber war eine weitere Erdschicht aufgeschüttet.

„Nun sieh Dir das mal an! Jeder Krieger hat ein anderes Gesicht. Normalerweise sehen Chinesen für uns Europäer alle gleich aus, doch, wenn man sie näher betrachtet, sind die Gesichter genau so einzigartig wie unsere. Aber dass man bei Tonfiguren solchen Aufwand betrieben hat, ist unvorstellbar.“ Mein Mann ist beeindruckt.

„Wie haben die Menschen das damals gemacht? Haben die Originale Modell gesessen? Oder hat man von ihren Gesichtern einen Abdruck genommen? Oder haben die Künstler ihrer Fantasie freien Lauf gelassen? Stell Dir mal diesen Aufwand vor!“

Langsam bewegen wir uns an den stummen Beschützern eines überängstlichen Herrschers vorbei.

„Was machen denn die Leute in den blauen Overalls?“

„Die puzzeln. Siehst Du die Bruchstücke, die in der großen blauen Kunststoffwanne liegen? Das sind wahrscheinlich Fundstücke aus Grabteilen, die durch Aufständische oder Erdbeben verwüstet wurden. Daraus wieder einen Tonkrieger entstehen zu lassen, stelle ich mir fast noch schwieriger vor, als eine Figur neu zu schaffen.“

„Diese Terrakottafiguren waren ursprünglich nicht so einfarbig grau, wie Sie sie jetzt sehen.“

Unbemerkt war Young Young zu uns getreten. „Sie hatten farbige Uniformen an, blau und rot. Leider sind die Farben sofort zerfallen als sie mit der Luft in Berührung kamen. Bis jetzt hat man noch keine Methode gefunden, diese Farben zu erhalten, bzw. zu erneuern. Deshalb sind neuere Funde sofort wieder abgedeckt worden, um die Farben zu erhalten. Man schätzt, dass etwa nur ein Drittel der Terrakottaarmee überhaupt entdeckt wurde. Auch der Grabhügel ist noch nicht genau lokalisiert. In ihm sollen sagenhafte Schätze lagern.“

Wir sind jetzt am Ende der ersten Halle angekommen und wenden uns der nächsten zu.

Hier finden wir eine Vielzahl geöffneter Grabreihen, die veranschaulichen, in welchem Zustand die Archäologen die Terrakottaarmee gefunden haben. Wir sehen mehrere Reihen von Pferden und Wagenlenkern. Die Wagen selbst sind nicht erhalten geblieben. Sie waren aus Holz und sind im Laufe der Zeit verrottet. Aus einem halb geöffneten Grab ragen nur die Hinterteile der Pferde hervor, an anderer Stelle sieht man kniende Bogenschützen. Der Bogen allerdings fehlt ebenfalls. Er fiel den Plünderern zum Opfer. Nur an der Haltung der Schützen kann man erahnen, dass sie gerade den Bogen spannen. Die meisten Tonkrieger waren innen hohl, wie man an den Fragmenten sehen kann. Nur die Beine sind ausgefüllt, sicher wegen der Standfestigkeit. Ich bin erneut überwältigt von dem Ausmaß dieser vergrabenen Armee und dem unglaublichen Können der Restauratoren. In dem Scherbenhaufen, den wir hier vor uns sehen, könnte ich nicht einmal einen einzigen Krieger ausmachen.

In der Museumshalle nördlich der Grube 1 finden wir Ausstellungsstücke in Vitrinen und Fotos.

Ein bronzener, überdachter Wagen mit vier Pferden ist begehrtes Fotoobjekt. Er ist so groß, dass wir bequem einsteigen könnten. Wie wir erfahren, handelt es sich jedoch um einen originalgetreuen Nachbau im Verhältnis 1 : 2, d.h. eigentlich ist er doppelt so groß gewesen.

Auf den Fotos sind Porträts einzelner Tonkrieger zu erkennen und in einer anderen Vitrine kann man sich Fragmente in den Originalfarben ansehen, mit denen die ganze Armee ursprünglich ausgestattet war.

„Hätten Sie sich jemals diese Größenordnung vorstellen können ?“, fragt mich Simone.

„Nie im Leben“, antworte ich, „wir waren auf Usedom mal zu einer Ausstellung von Repliken der Terrakottaarmee und das fand ich schon gewaltig, aber diese Größenordnung kann man einfach nicht erfassen, wenn man sie nicht gesehen hat. Und das ist noch nicht einmal alles. Wer weiß, was unsere Urenkel dereinst zu sehen bekommen.“

Auch die anderen Mitglieder unserer Reisegruppe, die sich nach und nach am Springbrunnen mit den Tierkreiszeichen in der Nähe des Ausgangs einfinden, sind stark beeindruckt.

Auf der Rückfahrt zu unserem Hotel werden schon die ersten Fotos begutachtet und Verabredungen zu deren gegenseitigem Austausch getroffen.

Wir haben auch fotografiert wie die Weltmeister, aber ich glaube, einige Bilder sind verwackelt. Wir waren schließlich nicht allein in den riesigen Hallen. Dutzende chinesischer Touristengruppen wollten sich ihr kulturelles Erbe ansehen und vor allem „Selfies“ machen, um den Angehörigen zu zeigen, dass sie auch tatsächlich hier gewesen sind.

Der Geräuschpegel in den Hallen glich einem Aufenthalt inmitten eines Vogelschwarmes. Für mich ist das Chinesisch eher ein Gezwitscher als eine Sprache.

Da ist es jetzt im Bus wohltuend leise. So leise, dass ich für ein Weilchen entschlummere und erstaunt bin, dass wir plötzlich vor der Hotellobby stehen.

„Wer für heute Abend das Maultaschenbankett gebucht hat, kommt bitte in 45 Minuten wieder zum Bus“, bittet Young Young. Natürlich haben wir gebucht. Die Bayern nicht. `Maultaschen gibt`s bei uns daham. Wir gehen lieber noch mal im Stadtzentrum shoppen.`, haben sie gesagt und damit Young Young in Schwierigkeiten gebracht, denn der Bus kann nur eine Tour hin und zurück machen. Eine Gruppe muss mit dem öffentlichen Nahverkehr zurückfahren.

„Das macht uns nichts aus“, sagt mein Mann und auch die anderen Teilnehmer am Bankett stimmen zu.

„Das kann sogar noch interessant werden.“

Interessant ist aber erst mal das Maultaschenbankett.

„Es gibt 18 verschiedene Gänge,“ erklärt Young Young, die wir überredet haben, mit uns am Tisch Platz zu nehmen.

„Bei großen Familienfeiern, bei Hochzeiten und zum Frühlingsfest ist es bei uns Sitte, immer auch ein Maultaschenbankett zu geben. Die Hausfrau beginnt damit mindestens schon eine Woche vor dem Fest, um alles gut vorzubereiten. Jede Maultasche hat eine andere Form und eine andere Füllung und alles wird von Hand zubereitet.“

Wir sitzen zu neunt in einem separaten Raum am runden Tisch mit der gläsernen, drehbaren Platte, auf der zunächst kleine Vorspeisen – Dim Sums - erscheinen. Teller mit eingelegten Gurkenscheiben, gedünstetes Gemüse, kleine Spieße mit paniertem Reis usw.

„Was sind das für weiße Ringe? Die sind aber lecker!“, fragt Renate aus Hamburg. Eigenartigerweise haben sich hier alle „Nordländer“ versammelt, wie wir gerade festgestellt haben.

„Das sind marinierte Ingwerscheiben.“

Die muss ich auch probieren. In der Tat, sie schmecken vorzüglich, gar nicht so scharf, wie wir den Ingwer sonst kennen.

Wir langen schon kräftig zu als Chiang Lu, unsere Serviererin mit einem dampfenden Stapel flacher, runder Bambuskörbchen erscheint. Sie nimmt den Deckel von der oberen Schale und sofort erfüllt ein würziger Duft den Raum. Dann stellt sie die einzelnen Maultaschen der ersten Runde vor. Jede Maultasche hat eine andere Form. Eine Sorte ist oben zusammengedreht wie ein Beutelchen. Eine andere Sorte wie ein Entchen geformt. Wieder andere sehen wie kleine Kugeln aus. Es kommen im Laufe des Abends noch Taschen mit Hahnenkamm, kleine Schwäne, Zipfelmützen, flache Taler und andere Formen, die mir inzwischen schon wieder entfallen sind. Jede dieser Maultaschen ist anders gefüllt. Hier reicht die Palette von verschiedenen Gemüsearten über Geflügel- und Schweinefleisch bis zu Nüssen und Obst.

Dafür habe ich nur ein einziges Wort: „Köstlich!“

Natürlich werden die Maultaschen nicht pur gegessen. Dazu trinken wir den bekömmlichen grünen Tee, oder auch Bier und als Clou den schon bekannten starken Kräuterschnaps, diesmal aus einer Terrakottakriegerflasche.

„Gambè“, sagt Young Young, hebt den Porzellanbecher, der wie ein Eierbecher aussieht, und prostet uns zu.

„Gambè“! „Prost“ auf Chinesisch, das können wir uns gut merken.

„Gambè, Gambè“, bis die Flasche leer ist und wir alle 18 Maultaschen verkostet haben. Wir bedanken uns herzlich bei Chiang Lu und Young Young für dieses schöne Erlebnis.

Satt und frohgelaunt steigen wir in den öffentlichen Abendbus. Er ist noch rappelvoll, aber ein junger Mann erhebt sich sofort von seinem Platz und bietet ihn mir an. Höflichkeit und Achtung vor dem Alter werden in China noch groß geschrieben. Kurz vor dem wunderbar illuminierten Stadttor steigen wir aus und gehen die restlichen 500 m zu Fuß durch die laue Sommernacht. Jetzt ist auch die alte Stadtmauer gut zu erkennen. Tausend Lämpchen ziehen sich wie eine Perlenkette auf ihren Zinnen entlang.

Xi an – Wildganspagode, Terrakottaarmee und Maultaschen – ein unvergessliches Erlebnis!

 






Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • China Terrakottaarmee Xian Erlebnisreise
nach oben