22.07.2017

Konfuzius sagt: Nihau

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Eine Reis ins Reich der Mitte

Konfuzius sagt: Nihau

 

Eine Reise ins Reich der Mitte

 

Von jeher haben Menschen das Bedürfnis, in die Ferne zu reisen und die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Wir machen da keine Ausnahme. Diesmal zieht es uns ins Reich der Mitte. Jahrtausende alte Kultur, faszinierende Landschaften, Sagen umwobene Orte, Epoche machende Erfindungen und eine auf Traditionen gegründete Geisteshaltung kennzeichnen das alte China und machen uns neugierig auf das China von heute, das immer präsenter wird und streitbarer. Und wir fragen uns, was wohl Konfuzius, der noch immer verehrte Weise wohl seinen Mitbürgern und der Welt von heute sagen würde. Ohne zu behaupten, dass wir weise wären und ihm auch nur im Entferntesten das Wasser reichen könnten, wollen wir versuchen, ihm ein paar Worte in den Mund zu legen.

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Konfuzius würde sagen: Wenn du eine Reise tust, öffne die Augen und dein Herz und lass andere daran teilhaben.

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Noch bevor wir überhaupt Richtung Osten in Bewegung kommen, machen wir erst einmal Bekanntschaft mit der Hamburger Bahnpolizei. Die Polizei, dein Freund und Helfer, ermöglicht uns mittels eines Bolzenschneiders den Zugang zu unseren beiden Koffern, die wir mit kleinen Vorhängeschlössern reisesicher gemacht hatten. Die dazugehörigen Schlüsselchen hatten wir allerdings zu Hause vergessen. Auf dem Hamburger Bahnhof, wo wir in den Zug nach Frankfurt umsteigen müssen, können wir zwar neue Schlösser mit passenden Schlüsseln kaufen, die alten jedoch nicht öffnen. So machen wir unsere erste Reisebekanntschaft.

Auf dem Frankfurter Flughafen verläuft alles nach Plan. Das Wetter ist schön, der Airbus von China-Air pünktlich zur Stelle und wir, schon leicht ermüdet, auf den schon über das Internet ausgesuchten Plätzen mit guter Sicht im Flieger. Nach dem Start um 20.00 Uhr sehen wir die Sonne zu unserer Linken die Abendwölkchen in einen rosigen Schimmer tauchen. Als wir nach 35 Minuten die Sonne immer noch auf unserer Seite haben, hege ich erste Zweifel, ob wir auch im richtigen Flieger sind. Das Wetter erlaubt eine gute Sicht nach unten und da entdecke ich eine größere Stadt, umgeben von mehreren Seen. Das könnte Schwerin sein, denke ich. Wenig später finde ich das bestätigt, denn nun macht der Flieger einen Schwenk nach Osten und ich finde erst Wismar, dann Rostock und Rügen und dann geht es hinaus auf die Ostsee.

Jetzt weiß ich auch, warum die Unterweisung der digitalen Stewardessen auf den Bordmonitoren auch den Gebrauch einer Rettungsschwimmweste enthielt. Wir benötigen sie aber nicht, sondern fliegen etwa in Höhe Estland wieder über Land , zwischen St. Petersburg und Moskau hindurch über endlose, unbewohnte Gebiete dem Ural entgegen. Die Jalousien werden jetzt geschlossen, das Licht auf Notbeleuchtung eingestellt und Nachtruhe empfohlen. Den Monitor mit der Fluginformationskarte lasse ich weiter flimmern. Als ich das erste Mal aus einem unruhigen Schlaf erwache, haben wir gerade den Baikalsee überflogen. Obwohl wir mit einer Geschwindigkeit von 850 km/h dahin düsen, habe ich das Gefühl, überhaupt nicht vorangekommen zu sein. Das nächste Mal queren wir gerade die mongolische Steppe. Das Rütteln der Maschine und der Blick auf die Karte zeigen, dass wir uns den Ausläufern des Himalaja nähern. Das Flugzeug wird im Jetstream geschüttelt. Ich schiebe die Jalousie etwas hoch und sehe einen roten Streifen im milchigen Wolkendunst. Wir sind also schon auf Südostkurs. Aber es liegen immer noch 4 Flugstunden vor uns. Gerade bin ich wieder im Halbschlaf versunken, da ertönt das melodische Gezwitscher der chinesischen Flugbegleiterin, die in drei Sprachen das Frühstück ankündigt. Es erweist sich als ein ausgewachsenes Menue. Salat, Hähnchencurry mit Reis, Kuchen und Getränke nach Wahl. Kurz nach dem Abräumen beginnt der Sinkflug. Wir verlassen die Reiseflughöhe von knapp 11000 m und nähern uns ganz allmählich nähern wieder der Erde.

Seit gut 20 Minuten befinden wir uns nun im Landeanflug. Endlich! Nach 11-stündigem Flug und 6-stündigem Zeitunterschied landen wir bei heiterem Himmel und frühlingshaften Temperaturen in Shanghai. 9450 km liegen hinter uns.

Angestrengt blicke ich aus dem Bordfenster. Von der zweitgrößten Stadt Chinas und ihren 28 Mio Einwohnern ist so gut wie nichts zu sehen. Ab und an tauchen schemenhaft ein paar Wolkenkratzer in der Ferne auf. Alles Andere liegt im Mittagsdunst. Jetzt erkenne ich so etwas wie eine Uferlinie und Wasser unter uns. Der „International Airport Pudong“ liegt östlich der Stadt am Rande des Chinesischen Meeres. Nur wenige Minuten später setzt der Pilot den Airbus 330 butterweich auf die Landebahn. Und nun rollen wir. Und rollen und rollen. Zwei riesige Abfertigungshallen haben wir schon passiert, aber unser Flieger rollt ungebremst weiter. 40 km² groß soll das Areal des viertgrößten Flughafens der Welt sein. Wie lang sind da die Rollbahnen? Jetzt kommt ein drittes Terminal in Sicht und nun, endlich, macht auch das Flugzeug einen Schwenk und wir steuern das Terminal an. Wir verabschieden uns von den diensteifrigen, aber etwas reserviert wirkenden Stewardessen und eilen endlos erscheinende Gänge entlang zur Passkontrolle. Eine kleine Unsicherheit entsteht an den mit den üblichen Absperrbändern versehenen Einordnungswegen. Die chinesischen Schriftzeichen, die die Ankommenden in „Einheimische“ und „Sonstige“ sondieren, sind uns nicht geläufig. Aber der in zahllose Handys, Smartphones und Tabletts sprechende Strom der mit uns angereisten Chinesen folgt zielgerichtet den linken Schlängellinien. Also halten wir uns rechts. Da entdecken wir auch die in kleinen Buchstaben angebrachte englische Beschriftung an den Tafeln. Ohne Komplikationen passieren wir die Grenz- und Zollkontrolle und eilen mit unseren Koffern in die Empfangshalle. Hier soll uns Frau Wang Young Young, von nun an unsere Reiseleiterin, unter ihre Obhut nehmen. Ein Empfangskomitee von Fähnchen und Tafeln haltenden Vertretern der verschiedensten Reisegesellschaften erwartet uns. Frau Wang bildet mit einem kleinen Fähnchen unseres Reiseveranstalters in der Hand quasi das Ende dieser Schlange. Als die Reisegruppe lt. Ihrer Liste komplett ist, eilt sie mit uns zügigen Schrittes aus der Halle und das ganze 200 m lange Terminal entlang zu einem Kleintransporter, der unsere Koffer aufnimmt und zum Hotel bringt, während wir schon dem ersten Höhepunkte unserer Reise entgegen sehen.

Eine Fahrt mit dem Transrapid steht auf dem Programm. Dazu kommt es jedoch zunächst einmal nicht. Es fehlen nämlich zwei Personen bei der Kofferabgabe. Bei dem vorgelegten Tempo und dem Gewusel in der Empfangshalle sind sie abhanden gekommen. Um wen geht es jetzt? Noch kennt keiner den anderen. Standen da nicht noch zwei ältere Leute bei unserer Gruppe mit solchen pinkfarbenen Hartschalenkoffern? Ja, das könnte sein. Die haben wir auch gesehen. Frau Wang spurtet zurück in die Empfangshalle und kehrt nach einiger Zeit erleichtert mit den beiden im Schlepptau wieder. Nun also noch diese Koffer in den Transporter und dann geht es im Konvoi außen am Terminal entlang und am Ende wieder hinein, denn dort befindet sich die Endstation des Transrapid. Er steht auch schon auf dem Gleis. Nein, das ist falsch, denn der Transrapid ist eine Magnetschwebebahn und steht demnach nicht auf einem Gleis. Jedenfalls nicht auf einem uns geläufigen. Von Bildern wissen wir, dass er vielmehr auf einer Art Betonschwebebalken hängt, wie ein Huhn auf dem Ei. Durch Hydraulik und Magnetismus wird er beim Fahren in der Schwebe gehalten. Jetzt steht er wie ein ganz normaler ICE an einem Bahnsteig, drei Sektionen, stromlinienförmig, schnittig in Weiß und Rot. Die ersten Fotografen scheren aus der Gruppe, um den SMT, den „Shanghai Magev Train“ in voller Länge aufzunehmen. Es sind nur knapp 80 Meter.

„Wir steigen im mittleren Bereich ein“, kann Frau Wang gerade noch rufen. „Beeilen Sie sich, der Zug fährt gleich ab.“

In der Magnetbahn sind, wie im Flugzeug, jeweils drei Plätze rechts und links in Fahrtrichtung angeordnet und mit leuchtend blauem Velour bezogen. Die Beinfreiheit ist großzügiger, sodass auch das mehr oder weniger große Handgepäck noch dazwischen passt. Eine junge Frau mit bayerischem Akzent hat einen gewaltigen Rucksack auf dem Buckel, den sie nur ungern abnimmt. Aber selbst der findet noch neben ihr und dem Vordermann Platz.

„Richten Sie sich nicht so häuslich ein“, sagt unsere Reiseleiterin, „die Fahrt dauert nur knapp 10 Minuten.“

„Wieso?“, fragt eine ältere Dame ungläubig ,“ich habe gelesen, dass die Strecke 30 km lang ist. Und dann nur 10 Minuten?“

„Genau genommen würde er für diese Strecke vom Flughafen Pudong bis zur Metrostation Longyang sogar nur 7,8 Minuten benötigen, aber durch das Anfahren und Bremsen wird es etwas mehr“, klärt uns Young Young auf. Sie hat uns gebeten, sie doch beim Vornamen zu nennen. Kein Mensch in China spricht jemanden mit „Herr“ oder „Frau“ an, sagt sie. „Die höchste Geschwindigkeit des Zuges lag im Test bei 501 km/h. Für den Linienverkehr waren ursprünglich 450 km/h zugelassen, aber seit dem schrecklichen Zugunglück mit vielen Toten im Süden des Landes mit einem anderen Hochgeschwindigkeitszug hat man die Höchstgeschwindigkeit des Transrapid auf 300 km/h begrenzt.“

Inzwischen sind wieder alle Fotografen an Bord. „Wir haben gar kein Zugpersonal gesehen“, sagt einer, dem Tonfall nach aus dem Norden stammend, so wie wir.

„Die Magnetschwebebahn fährt vollautomatisch“.

Noch bevor Young Young antworten kann, gibt ein Bayer sein Wissen kund. Und dann geht es nach einem akustischen und einem optischen Signal plötzlich los. Wie im Flugzeug werden wir in die Sitzpolster gepresst. „Huch, gleich hebt er ab!“

„Jo, mei, das is ane Beschleunigung von 1,3 m/s oder von 0 auf 300 in 90 Sekunden. I hab`das daham scho g`lesen.“ Der Bayer, der, wie sich im Nachhinein herausstellt, ein Franke ist, hat sich gründlich auf die Reise vorbereitet. Außerdem sollte ja schließlich in München auch mal ein Transrapid den Flughafen mit dem Zentrum verbinden. War aber zu teuer und wurde erst auf Eis gelegt und schließlich ganz aufgegeben.

Während uns die Reiseleiterin noch darüber aufklärt, dass die Strecke ursprünglich 45 km lang sein und die beiden Flughäfen östlich und westlich Shanghais miteinander verbinden sollte, dies aber zu teuer wurde und es auch Proteste der Anlieger gegeben hatte, schauen wir aus dem Fenster und versuchen, aus den in Windeseile in endloser Folge vorbei jagenden Hochhäusern, Straßenschluchten, Grünflächen, Autokolonnen und wieder Hochhäuser in allen möglichen Größen, Formen und Farben einen ersten Eindruck der Megametropole Shanghai zu gewinnen. Die Sicht ist noch immer getrübt durch einen milchig weißen Dunst, der aus den niedrig hängenden Wolkenschleiern und dem aufsteigenden, feuchten Nebel des wasserreichen Umlands gespeist wird.

„Teuer“ und „Proteste“ vernehmen wir so nebenbei und hören noch einmal genauer hin.

„Die Magnetschwebebahn hat bis jetzt 1,2 Mrd Euro gekostet. Das sind 30 Mio Yuan pro Kilometer. Die Strecke wurde von einheimischen Betrieben unter Federführung deutscher Ingenieure gebaut, die Bahn selbst jedoch kommt aus Deutschland und hat noch einmal 30 Mio Yuan gekostet. Die Proteste der Anwohner richteten sich aber weniger gegen die hohen Kosten sondern mehr gegen die Wertminderung ihrer Grundstücke und Wohnungen. Der Zug verursacht zudem einen Lärm in Form von Windgeräuschen, die je nach Entfernung bis zu 80 Dezibel betragen können.“

Das ist für uns schwer nachvollziehbar, aber mir reicht schon der Lärm, den der Wind bei Sturm in unserem Kamin verursacht. Dann heult und pfeift es, als ob ein Geist darin spukt.

Der Transrapid ist jetzt merklich langsamer geworden und die Anzeige an der Stirnseite des Abteils zeigt „nur“ noch 120 km/h. Wir nähern uns der Endstation – Longyangstraße oder auch „Straße des Drachens“, wie es übersetzt heißt. Von hier aus sind es nur noch 8 km bis zum Finanz und Handelszentrum auf der Halbinsel Pudong, deren beeindruckendes Panorama uns schon aus dem Reiseprospekt bekannt ist.

„Wir werden jetzt mit dem Bus weiter bis zum Hotel fahren. Da die rush hour schon begonnen hat, kann das 40 bis 50 Minuten dauern. Wenn Sie sich etwas ausgeruht haben, treffen wir uns um 18.00 Uhr zur Abendlichterfahrt. Nach einem kurzen Bummel auf dem Bund, der Promenade an der Schleife des Huangpo, werden wir in einem kleinen Restaurant zu Abend essen und dann noch einen Abstecher in das historische Altstadtviertel machen.“

Mein Gott! Hinter uns liegt eine 6-stündige Anreise zum Flughafen Frankfurt, ein 11-stündiger Flug, bei dem man kaum die Augen zugemacht hat, eine Hatz durch ein riesiges Flughafenterminal, ein, zugegeben, einmaliges „Schweben“ auf Stelzen durch die halbe Stadt und nun noch ein Abendbummel, dachte ich im Stillen.

Andere Mitreisende dachten nicht nur. Sie sagten es auch.

„Schlafen können Sie zu Hause“, meinte Young Young in jugendlichem Elan und ich dachte: Recht hat sie, wir sind hier nicht zum Vergnügen. Wir wollen etwas sehen und erleben.

Und das war erst der Auftakt.

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