24.08.2010

Gejagter Jäger

() Gsf Western Beitrag 2010

Tony Simmons wanderte gemächlich eine Seitenstraße des kleinen Örtchens Elm Grove entlang. Er kam gerade aus dem Sägewerk, in dem er bis heute gearbeitet hatte. Nach fast vier Jahren Schufterei bei Mr. Wings und bei schlechter Bezahlung, wurde seine Arbeit durch eine neue Maschine ersetzt, die dazu in der Lage war, zuverlässig Bretter gleicher Breite und Stärke herzustellen. Nach dem netten Gespräch mit Mr. Wings etwa zwei Stunden zuvor und einem kleinen Wutausbruch in dem Sägewerk direkt im Anschluss darauf, welches ihm Schulden in Höhe von 500 Dollar einbrachte, beschloss er etwas Ablenkung im örtlichen Bordell zu suchen, auf dessen Weg er sich gerade befand. Sonst bevorzugte Tony einen Spaziergang am Flussufer nach der Arbeit, aber erstens wurde es hier im Norden schnell kälter und zweitens war ein Spaziergang heute unzureichend für seine Bedürfnisse.

Als er das Ende der Straße erreichte, hörte er bereits lautes Gejohle und Schüsse. Vor dem Bordell waren eine Menge Pferde angebunden, die nervös von einem Huf auf den anderen traten.

„Verdammt! Die Cowboys sind wieder da.“ murmelte Tony genervt und schlug schnell einen anderen Weg ein, der zu seinem Haus führte. Jedes Jahr, kurz bevor der Winter einbrach, kehrten die Cowboys von den Weiden nach Elm Grove zurück und verprassten in den ersten Wochen fast ihren gesamten Lohn. Das hieß auch, dass keines der Mädchen mehr frei war und man sich diesem Teil der Siedlung lieber fern hielt, solange man nicht in eine wilde Schlägerei verwickelt werden wollte. Und davon hatte Tony für heute genug.

Auch vor seinem Haus stand ein Pferd angebunden, das friedlich graste. Als Tony die Veranda betrat, beschnupperte es seine Hosen. „Lass’ das du Vieh!“ Ärgerlich schob er das Tier von sich und betrat sein Haus.

„Howdie Großer. Lange nicht gesehen!“ Die inzwischen tiefer gewordene Stimme, welche ihm aus dem Sessel an der gegenüberliegenden Wand seines kleinen Wohnzimmers aus entgegen kam, gehörte seinem jüngeren Bruder Lee.

„Hallo Lee. Kannst du dich nicht vorher anmelden wie jeder andere Mensch auch?“ begrüßte Tony ihn. Ausgerechnet heute kam er zu Besuch, da er seinen Frust in reichlich Pflaumenlikör ertränken wollte.

„Hab’ dieses Jahr als Cowboy für Jones gearbeitet. Auf den Weiden gibt es kein Postamt und so etwas wie diesen neumodischen Telefonapparat auch nicht.“ Lee zuckte mit den Achseln und lehnte sich entspannt in den Sessel zurück.

Die beiden anderen Male, als Lee Tony in Elm Grove besucht hatte, hatte er sich auch nicht angemeldet. Deswegen zählte diese Ausrede für Tony nicht.

„Jetzt guck’  nicht so genervt. Lass’ uns lieber unser Wiedersehen feiern. Hast du keinen Whisky da?“ lachte Lee.

„Nur Likör. Warum bist du nicht bei deinen Kollegen im Bordell?“ fragte Tony.

„Wollte dich einfach sehen.“ sagte Lee. Tony zog gleich beide Augenbrauen hoch. Natürlich freute er sich seinen kleinen Bruder wiederzusehen. Aber ausgerechnet heute war er zu verärgert um seiner Freude gerechten Ausdruck zu verleihen.

„Nein, habe ich nicht. Aber wie wär’s mit dem Saloon?“ schlug Tony vor.

„Keine Lust. Kauf’ lieber ne anständige Flasche und komm’ wieder her. Dann saufen wir wie in alten Zeiten.“

Wenn Tony sich doch nur an die alten Zeiten erinnern würde von denen Lee sprach. Tatsächlich hatten die beiden Brüder außer der gleichen Nase und denselben Augen nichts gemeinsam. Als Kinder hatten sie sich oft gestritten. Lee war aufbrausen und rechthaberisch und Tony wollte einfach nur seine Ruhe. Der eine verbrachte sein Leben mal hier und da und tauchte gelegentlich aus der Versenkung auf, der andere versucht sich ein Leben in einer kleinen Siedlung aufzubauen und mit ihr zu wachsen. Elm Grove lag recht zentral im Norden New Yorks und hatte gute Chancen eine große Stadt zu werden. Hier Fuß zu fassen bedeutete, dass man mit harter Arbeit es tatsächlich zu etwas bringen konnte. Jedenfalls war das Tonys Traum.

Wortlos verließ Tony sein Haus wieder. Der Laden hatte bereits geschlossen, so blieb ihm nichts anderes übrig, als die teuren Preise im Saloon in Kauf zu nehmen. Fünf Dollar für nur eine Flasche Whisky? Die Preise stiegen unverschämt schnell an. Als er den Saloon wieder verließ, war es bereits Dunkel. Auf der Hauptstraße sah er auf der Veranda des Sheriffbüros einen winzigen orangefarbenen Punkt im stetigen Rhythmus aufglimmen, begleitet von einem starken, vollen Tabakgeruch. Als er näher herankam, erkannte er den Umriss seines guten Freundes Sam Gelwick, der stur auf die gegenüberliegende Straßenseite sah.

„Guten Abend Hilfssheriff Gelwick.“
„Guten Abend Tony. Na, hast du mal wieder Frust?“ Sam deutete auf die Flasche, die Tony sich unter den Arm geklemmt hatte.

Tony machte eine wegwerfende Geste. „Das auch. Aber mein Bruder ist mal wieder da. Der will unbedingt mit mir einen Trinken.“ Er verdrehte die Augen. „Willst du mitkommen?“

„Tut mir leid, aber das geht nicht. Ich muss heute Nacht die Bank bewachen. Zwei Überfälle in den letzten drei Jahren. Das ist kein guter Schnitt. Aber morgen vielleicht. Schließlich habe ich deinen Bruder immer noch nicht kennengelernt. Langsam glaube ich, der ist bloß ne Erfindung von dir.“ lachte Sam.

Tony konnte sich noch gut an die letzten beiden Überfälle erinnern. Es hatte Wochen gedauert, bis er wieder vollen Zugriff auf sein Geld hatte. Seitdem versteckte er seinen Lohn lieber unter einer losen Diele an der Wand hinter dem wunderbar bequemen Sessel, den nun sein Bruder beanspruchte.

„Lee ist schon echt.“ Leider! fügte Tony in Gedanken hinzu. „Aber klar. Komm’ doch morgen mal vorbei.“

Aus den Augenwinkeln nahm Tony eine rasche Bewegung an der Seitenwand des Sheriffbüros war. Aber es war vermutlich nur eine streunende Katze.

„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Sam.

„Ja, ja. Muss jetzt auch los. Wünsch’ dir ne gute Nacht.“

Zuhause angekommen, sah er, dass Lee immer noch in Tonys geliebtem Ledersessel saß. Inzwischen brannte der Kamin und auf Lees Stirn hatten sich kleine Schweißperlen gebildet.

„Ist dir immer so schnell warm?“ wunderte sich Tony. Lee schüttelte den Kopf und schmunzelte. Er nahm die Flasche aus Tonys Hand, schenkte zwei Gläser ein und hielt eines Tony hin und das andere in die Höhe.

„Auf unser Wiedersehen. Mögen wir immer genug Geld für Whisky und Frauen haben.“

Tony konnte sich wahrlich bessere Trinksprüche vorstellen. Eines hatte zum Beispiel mit einem verdrehten Hals auf Mr. Wings Schultern zu tun, aber er stieß trotzdem mit Lee an.

Am nächsten Tag wachte er am späten Nachmittag mit heftigen Kopfschmerzen auf. Der Sessel auf dem sein Bruder übernachtet hatte, war leer. Auch das Pferd war aus seinem Vorgarten verschwunden. Typisch! dachte Tony. Ohne einen weiteren Gedanken an Lee zu verschwenden, machte er sich auf um einen ausgedehnten Spaziergang am Flussufer außerhalb der Stadt zu unternehmen. Stunden später ließ der pochende Schmerz an seinen Schläfen etwas nach und er konnte die kühle, klare Luft genießen. Er dachte gerade darüber nach, was er mit seinem Leben anfangen könnte - vielleicht eine Konkurrenz für Mr. Wings Sägewerk aufziehen - da riss ihn Hufgetrampel aus seinen Träumereien. Tony warf einen Blick zurück und als er seinen Freund Sam auf seinem Pferd auf ihn zureiten sah, drehte er sich ganz um. Sam ritt einen ziemlich scharfen Galopp und kam erst ganz knapp vor Tony zum Stehen. Etwas außer Atem sprang er aus dem Sattel und legte zum Gruß zwei Finger an die breite Krempe seines Huts.

„Gut dass ich dich gefunden habe.“ Normalerweise lächelte Sam immer und seine zufriedene Art zeigte sich durch eine glatte Stirn und stets schmunzelnde Augen. Doch diesmal stand eine tiefe Furche senkrecht zwischen den Augenbrauen. So hatte Tony ihn noch nie gesehen und das bereitete ihm große Sorgen.

„Du siehst nicht gut aus. Ist was passiert?“ fragte Tony.

„Das kann man wohl sagen. Die Bank ist ausgeraubt worden.“

„Was? Schon wieder?“

„Und diesmal war es schlimmer. Nicht nur, dass das ganze Geld weg ist. Der alte Woods wollte Held spielen und wurde dabei erschossen.“

Woods, der früher bei der Kavallerie war und gegen die Indianer hauptsächlich im Südwesten gekämpft hatte, wusste stets gute Geschichten zu erzählen. Er war ins friedliche Elm Grove gekommen um sich zur Ruhe zu setzen. Aber das abenteuerliche Leben, das er als junger Mann geführt hatte, ließ ihn nie ganz los. Tony konnte es nicht glauben, nie wieder seinen etwas eigenwillig erzählten Geschichten zu lauschen.

Sam sah etwas auf die Seite, als er nun weiter sprach: „Sie waren zu Viert. Woods hat einen der Räuber demaskiert. Und... man hat ihn erkannt.“ Er schaute kurz in Tonys Augen, bevor er sich wieder abwendete. „Man hat dich erkannt Tony!“

Tony stand nur da und konnte nicht sprechen. Es dauerte etwas, bis die Bedeutung Sams Worte von seinem Gehirn richtig aufgenommen wurde. Wie konnte das möglich sein? Dann begriff er, warum Sam ihn gesucht hatte.

„Das kann nur eine Verwechslung sein. Mein Bruder...“

„Niemand hat je deinen Bruder kennengelernt.“ unterbrach ihn Sam. „Ich würde dir ja gerne glauben, aber... es ist schon merkwürdig. Erst seitdem du hierher gezogen bist, wurde die Bank überfallen.“ Nach einer kurzen Pause sagte er: „Tony, ich bin gekommen um dich zu verhaften und dich vor Gericht zu stellen.“ Noch immer konnte er nicht in Tonys Augen sehen. Er begann etwas unentschlossen an seinem Halfter herumzufingern. Ohne zu überlegen schoss Tonys Faust vor und traf Sam an der Schläfe. Überrascht über den Schlag blickte Tony auf seine Hand. Zwar spürte er keine Kopfschmerzen mehr, aber die Knöchel taten dafür umso mehr weh. Erst da sah er Sam ohnmächtig am Boden liegen.

„Sam? Sam? Tut mir wirklich leid.“ Er gab ihm ein paar sanfte Ohrfeigen, aber Sam rührte sich nicht. Dann prüfte er seinen Puls, der glücklicherweise noch regelmäßig ging. Verzweifelung machte sich in ihm breit. Unwissend, was nun zu tun war, packte er Sams Pferd, zog sich recht unbeholfen in den Sattel, trieb es vorwärts und fiel runter. Das Pferd trabte noch etwas weiter, bis es stehen blieb und sich verwundert umdrehte. Schimpfend rappelte sich Tony auf, rieb sich die schmerzende Stelle an der Hüfte und lief dem Pferd hinterher. Ein paar Meilen und Abwürfe später, hatte Tony das Gefühl endlich den Rhythmus des Schaukelns durchschaut zu haben und konnte seine Bewegungen denen des Pferdes anpassen. Er fühlte sich nun etwas sicherer und trieb es schneller an. Tony hatte nie Reiten gelernt. Seine Eltern besaßen keine Pferde und wenn man mal von ein paar Ritten auf einem Pony auf diversen Jahrmärkten absah, unterhielt er ein recht angespanntes Verhältnis zu diesen Tieren seitdem er einmal zu dicht hinter einem ausschlagendem Pferd gestanden hatte. Stunden später hatte er auch wieder Zeit, seine Gedanken auf das Bankraubproblem zurück zu lenken. Die Frage war, wie er seine Unschuld beweisen konnte. Natürlich war es das Logischste, seinen Bruder zu stellen, nur wie sollte er ihn dazu bewegen mit ihm zurück nach Elm Grove zu kehren und dann auch noch zu gestehen. Allem vorausgesetzt, dass Lee tatsächlich an dem Überfall beteiligt war! Doch als Tony weiter überlegte, erkannte er einen Zusammenhang zwischen Lees Besuchen und den Banküberfällen. Jedes Mal, wenn er aufgetaucht war, wurde die Bank um einige Geldscheine erleichtert. Egal welche sonstigen Theorien Tony aufstellte, es lief immer darauf hinaus, dass sein Bruder an diesen Taten beteiligt gewesen sein musste. Stopp! Traue ich ihm das wirklich zu? Die Antwort war ein klares Ja. Lee war von Klein auf Mitglied irgendwelcher Jugendbanden gewesen. Sein höchst ungeregelter Lebensstil ließ außerdem nicht auf einen festen Beruf schließen.

Jetzt bedarf es nur noch einer Antwort auf die Frage, wie er ihn finden sollte. Tony war kein Spurenlesen. Alles, was er je gelernt hatte, war Bäume zu fällen, sie in Rechtecke zu schneiden und sein Hobby war es, kleine Figürchen aus Holz zu schnitzen. Nichts davon war dafür geeignet Spuren aufzunehmen. Woods hat in seinen Erzählungen zwar hauptsächlich die großen Siege seines Regiments gegen die Indianer erwähnt, war aber voller Erfurcht was die Fähigkeit der Indianer in Bezug auf Jagd anging. Und dazu gehörte sicherlich das Spurenlesen, schloss Tony. Sein nächstes Ziel war klar. Er musste eines dieser Indianerdörfer ausfindig machen und einen davon überreden, ihn bei der Jagd zu unterstützen. Es war bekannt, dass sich einige im Nordwesten befanden, doch wo war Nordwesten. Irgendetwas von Moos an den Baumstämmen und Sternenlage ging durch Tonys Kopf. Als es Nacht wurde, blickte er in den sternenübersäten Himmel, suchte sich einen besonders hell leuchtenden Stern aus und folgte ihm. Inzwischen schmerzten seine Innenschenkel von der Reibung am Sattel, doch er wagte es nicht eine Pause einzulegen, da er bezweifelte, dass es ihm möglich sein würde vor lauter Schmerzen wieder aufzusteigen. Das Pferd ging nur noch im Schritt und gelegentlich fielen Tony die Augen zu. Als die Morgendämmerung einsetzte, beschloss er nun dem Moosbewuchs an den Bäumen zu folgen. Nicht nur seine Beine schienen wundgescheuert zu sein, auch sein Rücken und Nacken brannten. Er war solcherlei Strapazen nicht gewöhnt. Sein Leben war zwar durchaus geprägt von harter Arbeit, daher wunderte er sich über die Probleme, die ihm das Reiten bereiteten.

Als das Pferd, welches er Pix taufte, da er dessen richtigen Namen nicht kannte, einen sanften Hügel erklomm, sah er auf die Weite eines herrlichen Tals hinab und eine recht große Siedlung. Sie sah anders aus, als jede, in der er je gewesen war. Die Häuser waren aus Holz und sehr lang. Als er näher kam, erkannte er dass ein Palisadenzaun die Siedlung schützte. Außerhalb des Zauns ernteten Indianer Mais und Kürbisse von einem recht großen Feld. Kinder rannten um die Erwachsenen herum und sorgten für Ablenkung. Seine Anwesenheit blieb nicht lange unbemerkt. Irgendwelche merkwürdigen Rufe ließen die Menschen ihre Arbeit unterbrechen und auf ihn zugehen. Bald standen sie in einem Halbkreis um ihn herum. Sie fuchtelten mit ihren Armen und riefen durcheinander in einer Sprache, die er nicht verstand. Tony war noch nie leibhaftigen Indianern begegnet, aber das hatte er sich anders vorgestellt. Alle berichteten ihm von Tipis, Zelten, in denen die Indianer lebten, großen Lagerfeuer um die sie herumtanzten und wilden Kriegern, die unbarmherzig ihre Beute verfolgten. Tony war richtig beeindruckt von dem guten Einfluss der Amerikaner, die diesen Leuten ihre Lebensart beigebracht hatten.

„Hulf! Hulf!“ Während der ganzen Zeit auf Pix, war ihm gar nicht aufgefallen, dass er seit gestern keinen Schluck Wasser und keine Nahrung zu sich genommen hatte. Jetzt war sein Mund ausgetrocknet und er konnte nur mühsam Laute von sich geben. Er tat sein Bestes, seine Lippen zu befeuchten und versuchte es noch einmal mit Sprechen: „Hilfe! Versteht irgendjemand meine Sprache?“ Die Gestik der Menschen wurde nur noch aufgeregter, aber das vereinfachte die Kommunikation nicht. Rechts sah Tony eine weitere Gruppe von Indianer auf ihn zukommen. Sie bestand ausschließlich aus Männern. Einer davon trug einen langen Bart, der zu zwei säuberlichen Strähnen geflochten war. Das war durchaus eigenartig, da er aus Erzählungen wusste, dass Indianer keine Bärte hatten. Aber bei diesem hier waren die Bartsträhnen genauso lang, wie sein Haupthaar und mit bunten Perlen verziert.

„Was willst du von uns?“ fragte der Bärtige im fließenden Englisch.

Tonys Herz machte einen Sprung, ob der Aussicht sein Anliegen anbringen zu können.

„Mein Name ist Tony Simmons. Ich brauche einen Spurenleser. Da ist ein Mann, den ich finden muss.“ Die Augenbrauen des Indianers gingen nach oben. „Gegen Bezahlung natürlich.“ fügte Tony hastig hinzu. Das Herz sank wieder am richtigen Platz vorbei nach ganz tief unten, als ihm klar wurde, dass er gar kein Geld bei sich hatte. Hoffentlich konnte er trotzdem einen Handel mit diesen Leuten abschließen.

„Wie viel?“

Tony rechnete kurz nach, dann sagte er: „Fünfzig, wenn wir in Elm Grove sind und weitere Hundert nach Abschluss des Auftrags.“

Der Mann beriet sich kurz mit seinen Leuten bevor er zustimmend in Tonys Richtung nickte.

„Gut dann würde ich vorschlagen, sie holen ihr Pferd und wir reiten los.“ sagte Tony. Obwohl er sich lieber ausruhen wollte, konnte er es kaum erwarten, seinen Bruder zu finden und ihn der Obrigkeit auszuliefern.

„Nein. Dein Pferd muss ruhen. Du bleibst bis morgen hier. Dann reiten wir los.“ sagte der Indianer. Auch wenn er mehr Mitleid für den Gaul hat – Hauptsache, ich kann mich ausruhen, dachte Tony. Einige Kinder nahmen sofort Pix am Halfter während Tony abstieg. Er biss die Zähne zusammen, um sich seine Müdigkeit vor der Meute nicht anmerken zu lassen. Eine der hässlicheren Frauen packte ihn am Arm und führte ihn auf der einen Seite ins Dorf hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie deutete auf ein Fleckchen Gras außerhalb des Zauns. „Du schläfst dort!“ befahl sie. Tony war es egal. Er wusste, dass es ihm nicht schwer fallen würde, selbst auf einem Nadelbrett Schlaf zu finden.

Tony ritt zusammen mit dem bärtigen Indianer namens Haar im Gesicht an einem wilden Fluss entlang, der sich durch einen riesigen Canyon wühlte, als sie einen lauten Schrei vernahmen. Sie trieben ihre Pferde an. Tony gab Haar im Gesicht, den er manchmal Harry nannte, ein Zeichen. Dann deutete er an zwei Stellen nach oben. Er spürte die Gefahr, schon lange, bevor man sie sehen konnte. Sein Gefühl sagte ihm, sie wurden beobachtet. Als Harry nach oben sah, erkannten sie ganz eindeutig zwei sich bewegende Schatten.

„Vorsicht!“ schrie Tony, sprang von seinem Pferd und riss Harry von seinem Pony herunter, gerade noch rechtzeitig, als Schüsse rechts von ihm in das Gestein einschlugen. „Danke mein Freund. Du hast mir das Leben gerettet.“ sagte Harry.

„Wir haben keine Zeit. Duck’ dich!“ Er zog ihn in eine Felsspalte, als wieder Schüsse fielen. Tony schätzte die Entfernung und den Wind ab, zog seine Knarre, und erwiderte seinerseits das Feuer. Er brauchte nur zwei Kugeln, schon stürzten die beiden Angreifer in die Tiefe. Der Fluss fing ihre leblosen Körper auf und riss sie mit sich fort. Harry konnte seinen Mund vor Staunen nicht mehr schließen.

„Komm’ jetzt. Wir müssen deine Schwester retten.“ rief Tony. Sie holten ihre Pferde ein, die vor Angst geflohen waren und während sie noch galoppierten, sprang er auf Pix und fing das Pony ein. Die beiden Pferde waren mit ihren Nerven am Ende, aber er sprach ein paar Worte und sie beruhigten sich wieder. Wenig später pirschten sie sich an ein bewachtes Lager von Harrys Feinden an.

„Es sind zu viele. Das können wir nicht schaffen!“ jammerte Harry.

Wieder zog Tony seine Knarre aus dem Halfter, zwinkerte seinem Freund aufmunternd zu und legte die ganze Bande mit nur einer Kugel pro Mann um. Sie liefen zum Marterpfahl in der Mitte, an dem die Schwester angebunden war. Mit ihrer schwachen und noch sehr ängstlichen Stimme hauchte sie ein Dankeschön. Sie hob ihren Kopf und verlieh ihrem bärtigen Gesicht einen grimmigen Ausdruck: „Aufstehen!“

Erschrocken fuhr Tony aus den Tiefen seines Schlafs hoch und blickte in das Gesicht seines Spurenlesers.

„Morgen Haar im Gesicht.“ murmelte er. Auf einmal war er ganz wach. Mist, hoffentlich hat er das nicht gehört. Aber der Ausdruck auf seinem Gesicht hatte sich seit gestern nicht geändert. Er hielt ihm einen Maisfladen mit einer auffordernden Geste hin und ging wieder fort. Tonys Magen jubilierte, dank der Aussicht auf Füllung. Nach dem Frühstück kam wie aus dem Nichts der Indianer auf ihn zu. Dahinter folgten ihm Pix und ein Pony ohne Sattel wie zahme Hunde. Auch wenn sein Magen sich inzwischen wieder erholt hatte, seine Beine und der Rücken brannten vor Muskelkater und die Aussicht, wieder auf ein Pferd steigen zu müssen, ließ ihn ungewollt aufstöhnen. Zum wiederholten Male zog der Indianer seine Augenbrauen hoch. Inzwischen fand das Tony lästig und sah ihn herausfordernd an. Der zeigte auf einen Strauch mit dicken Blättern und meinte: „Saft der Blätter hilft gegen Schmerz in Beinen.“

Widerwillig aber neugierig geworden pflückte Tony ein paar besonders dicke Blätter. Hinter einer Strauchgruppe versteckte er sich, bevor er seine Hose auszog und die Blätter auf seiner Haut ausdrückte. Sofort spürte er wie sich eine angenehme Kühle auf seinen Beinen ausbreitete, die sich mit einer prickelnden Wärme abwechselte. Selbst wenn es gegen die Schmerzen nicht helfen sollte, so war es zumindest ein wohltuendes Gefühl.

Ein paar Stunden später sahen sie bereits auf die Siedlung Elm Grove im Tal nieder. Irgendwie kam ihm der Ritt ins Indianerdorf viel länger vor, aber diesmal hatte John – das war der Name seines Begleiters, ausgestattet mit einem besseren Orientierungssinn als er selber - einen schnelleren Weg zurück gefunden. Seine Beine fühlten sich gut an doch er überlegte immer noch, wieso der Kerl John hieß? Ein richtiger Indianername war Der mit den Krähen fliegt oder Tanzt mit dem Schilf oder Bunter Hund ... aber John? Nun, dieser hier hatte auch einen Bart. Vielleicht war er gar kein richtiger Indianer, sondern nur einer der bloß so tat als ob. Fragen traute sich Tony aber nicht, schließlich war John während des ganzen Ritts sehr schweigsam. Hoffentlich war die ganze Aktion bald vorbei. Lange könnte er dieses Herumreiten und Schweigen nicht ertragen.

Die Sonne würde erst in ein paar Stunden untergehen. John schlug vor, erst nach Sonnenuntergang zu Tonys Haus zu gehen, um das Geld zu holen. In der Zwischenzeit wollte er zunächst die Gegend auskundschaften. Tony sollte bleiben wo sie jetzt waren und sich ruhig verhalten. Das kam ihm sehr gelegen. Er zupfte noch ein paar dieser Wunderblätter und rieb sich damit ein. Von den vielen Abwürfen, die sich nun auf ein paar wenige reduziert hatten, waren diverse große und kleine blaue Flecke geblieben. Jetzt, da er etwas Zeit zum Ausspannen hatte, untersuchte er die Satteltaschen von Pix. Er fand ein Seil, eine Blechtasse und Blechgeschirr, ein Jagdmesser, eine Packung Tabak und eine Dose Bohnen. Das schien die Standardausrüstung bei Cowboys und Möchtegern-Cowboys zu sein. Er wusste, dass Sam schon länger zur Ostküste reiten wollte und daher schleppte er immer Geschirr mit sich herum. Außerdem war es ganz praktisch, wenn man mal in der Wildnis übernachten musste. Über die Bohnen freute er sich besonders. Mit dem Messer öffnete er die Dose und begann gierig zu Essen. Dann betrachtete er etwas genauer sein Reittier. Pix war von einem dunklen Braun, nur an der Stirn hatte er einen weißen Fleck und auch sein Gesäß war weiß. Er stellte sich vor, wie es für andere aussehen musste, wenn er auf dem Pferd ritt. Ein Greenhorn, der sich nur mit Mühe und Not auf dem Sattel halten konnte auf einem Pferd mit einem weißen Hintern. Bei dieser Vorstellung musste er schmunzeln und den Kopf schütteln.

Es vergingen bereits mehrere Stunden, aber von John war immer noch nichts zu sehen. Tony begann zu frieren, denn langsam ging die Sonne unter. Noch nie in seinem Leben wurde Tony dazu genötigt ein Feuer in freier Wildbahn anzufachen. Leider hatte er keine Feuersteine in den Satteltaschen gefunden und er zweifelte seine Fähigkeiten an, allein durch Hölzer einen Funken zu produzieren. Frierend lehnte er sich an einen Baumstamm und zog die Arme eng um sich. In all den Geschichten über den Wilden Westen wurde nie erzählt, wie langweilig es sein konnte, in der Wildnis auf irgendetwas zu warten. Immer gab es irgendwelche Schießereien oder Schlägereien, hübsche Mädchen, die man aus der Gewalt übler Menschen befreien musste, oder Indianer, vor denen man floh. Nun, eine Schlägerei gab es schon, und Indianer auch, selbst wenn sie anders waren, als die Erzählungen es beschrieben hatten. Aber all das war trotzdem nicht so spannend, wie er es sich in seinen Träumereien vorgestellt hatte. Nun gut, er war ja auch kein Held.

„Wir reiten los.“ Tony zuckte zusammen. Er hatte gar nicht gehört, dass John zurück gekommen war. Schnell stieg er in den Sattel. Mitten im Wald, nicht weit von seinem Haus, hielten sie an.
„Du gehst und holst das Geld.“ Tony nickte knapp und ging zu seinem Haus. Es tat gut, wieder vier vertraute Wände um sich zu haben. Er öffnete das Brett hinter dem Sessel, zählte 200 Dollar ab, dann besah er sein Zuhause. Da er befürchtete noch ein paar Tage unterwegs zu sein, entschied er sich für ein bisschen Gepäck. Zunächst stellte er fest, dass er stank und wusch sich. Dann zog er frische Kleidung an, nahm ein paar Dosen Bohnen und Trockenfleisch, die er in einen Beutel steckte, ein Stück Seife und sein Schnitzmesser. Zum Schluss holte er auch noch einen Cowboyhut, den er sich gekauft hatte, als er nach Amerika gezogen war. Ein letzter Blick in den Spiegel ließ ihn zufrieden Lächeln und er ging zurück zu John. Der Indianer verzog wie gewohnt keine Miene. Nur kurz schaute er zu Tony herüber dann wandte er seinen Blick wieder nach vorne. Das Aufsitzen fiel Tony inzwischen etwas leichter. Nach nur vier Versuchen und einem ärgerlichen Schütteln der Mähne von Pix, saß er sicher wie ein Fragezeichen auf dem Pferd. Er zog 50 Dollar aus seiner Tasche und gab sie John.

„Und was machen...“ weiter kam Tony nicht mit seiner Frage. John legte hastig seine Hand auf Tonys Mund. Es dauerte etwas bis ihm klar wurde was vor ihnen vorging. Eine Gruppe von Männern war mit Spürhunden unterwegs. Panik wuchs in seinen Eingeweiden heran und auch Pix begann unruhig von einem Huf auf den anderen zu treten. Er konnte nur hoffen, dass sie sie nicht in dem dichten Wald sehen konnten und dass auch der Wind für sie günstig stand. Doch Fortuna hatte mit Tony kein Einsehen. Eine leichte Böe fegte von hinten über sie hinweg und trug ihren Duft direkt zu den sensiblen Geruchssinnen der Hunde. Sofort begannen sie zu bellen und liefen erschreckend schnell in ihre Richtung. Pix wurde noch unruhiger und es fiel ihm immer schwerer sich auf dem Sattel zu halten. Ein kalter Schauer lief seinen Rücken herunter ... doch irgendwie fühlte sich der Schauer sehr nass an und roch nach ... Urin. Entsetzt drehte sich Tony zu John um, der gemächlich eine Flasche zustöpselte. Wortlos nahm er seine unausgesprochene Frage auf und deutete zur Antwort in Richtung der Jäger. Die Hunde schnupperten in der Luft. Tony konnte deutlich sehen, wie sie die Nasen rümpften und in die Gegenrichtung davonjagten. Seine Augen weiteten sich vor Staunen.

„Was war das in der Flasche?“ flüsterte Tony.

Der Indianer verzog die Mundwinkel leicht nach oben. „Besser, du weißt das nicht.“

Na toll! dachte Tony. Hab’ mich gerade erst umgezogen.

„Ich habe einige Spuren in der Umgebung gefunden. Wen suchst du genau.“

Der Augenblick der Wahrheit war nun gekommen. Er musste ihm die Geschichte von seinem Bruder und den Banküberfällen erzählen. Als er geendet hatte, wagte er kaum einen Blick zu John, aber der Indianer sagte nur: „Etwas weiter südlich von hier habe ich welche gefunden, die zu deiner Beschreibung passen. Folge mir!“

Es erstaunte ihn sehr, dass sein Spurenleser kein Anzeichen von Misstrauen erkennen ließ. Andererseits wurde er für seine Arbeit bezahlt und Tony bezweifelte, dass selbst wenn er ihn betrügen wollte, der Indianer ihm mühelos das Geld abnehmen konnte.

Bald erreichten sie die Stelle von der John gesprochen hatte und verfolgten die Spur, die Tony kaum auffiel. Sie ritten los ohne ein Wort zu wechseln. Immer noch haftete der Uringeruch an seinen Kleidern, aber er wagte nicht sich in den nächsten Fluss zu stürzen um ihn abzuwaschen. Noch suchte man nach ihm und der Gestank übertönte anscheinend sehr sorgfältig seinen Eigengeruch.

Von nun an waren sie nicht nur die Gejagten, sondern auch selber Jäger. Tony konnte es kaum glauben, dass er nun am Beginn einer – hoffentlich – kurzen Reise stand, auf der er Lee einholen und der Obrigkeit von Elm Grove zuführen würde. Damals, als er nach Amerika aufbrach, war es für ihn bereits eine Reise ins Ungewisse. Allerdings genoss er zu der Zeit die Annehmlichkeiten einer Kabine unter Deck eines Atlantikdampfers. Zum ersten Mal in seinem Leben, hatte er in freier Wildbahn übernachtet. Seine Glieder schmerzten noch von dem harten Boden und von den Schmerzen in seinem Rücken und seines Popos ganz zu Schweigen. Die Heilpflanzen, die John ihm gezeigt hatte, vollbrachte zwar wahre Wunder, dennoch kamen die Beschwerden nach weiteren Stunden im Sattel immer wieder zurück.

In den nächsten Tagen ritten sie viele Stunden am Tag und wenn sie einen geeigneten Rastplatz fanden, ruhte sich Tony aus, während John auf Jagd nach ihrem Abendmahl ging. Tony steuerte dabei jeden Abend eine Dose Bohnen bei, bis er keine mehr hatte. Als sie vor Elm Grove lagerten, hatte er eine ganze Dose Bohnen alleine aufgegessen. Er verspürte eine gewisse Scham für seinen Egoismus und den wollte er wieder gut machen. Oft blieb John stundenlang weg. Tony kümmerte es kaum – er war froh aus dem Sattel steigen zu können und seinen Gliedern etwas Ruhe zu gönnen.

Eines Abends, als John sich für die Jagd fertig machte, erklärte er Tony: „Morgen überqueren wir die Staatsgrenze. Von da an kannst du mich in die Städte begleiten.“

Zunächst wusste Tony nicht, was John damit meinte. Auf eine entsprechende Frage antwortete er: „Überall in den Siedlungen hängen Steckbriefe von dir. Im nächsten Staat wirst du nicht mehr gesucht.“

Ein merkwürdiges Kribbeln zog sich entlang seiner Wirbelsäule hinauf und ließ seine Nackenhaare abstehen. Bis jetzt war sein Leben einfach gewesen. Er ging zur Arbeit, gab den Lohn aus und führte ein annehmbares Leben in seinem eigenen Haus. Seitdem er gezwungen war ein einfacheres Leben in der freien Wildbahn zu führen, erfuhr er ständig neue Sachen die sein bequemes Leben in Gefahr brachten. Er wurde Gejagt, er war ein Jäger. Nichts davon wollte er sein aber glauben konnte er diesen Umstand ohne Beweis nicht. Schließlich wandte er sich an John: „Ich will es sehen. Zeig mir die Steckbriefe... Ich werde dich heute in die Stadt begleiten.“

„Das ist viel zu gefährlich.“ meinte John.

„Wenn ich erkannt werde, dann reiten wir noch heute über die Grenze. Wo ist also das Problem?“ fragte Tony.

John zuckte nicht mal mit den Schultern, aber Tony wusste, dass er etwas dagegen hatte. Diese neue Situation hatte einen gewissen Reiz und auch wenn ihm klar war, dass er sich nur unnötig in Gefahr brachte – etwas in ihm wollte diese Gefahr mit allen Fasern seines Körpers ausreizen. Die Gewissheit unschuldig zu sein, hüllte ihn in einen dicken Mantel des Selbstvertrauens, aber zu wissen, für schuldig gehalten zu werden ließ in ihm die Abenteuerlust aufkeimen.

Kurz bevor sie die Siedlung erreichten, stiegen Zweifel in ihm auf. Aber nun wollte er es wissen. Er wollte mit eigenen Augen einen Steckbrief mit seinem Bild darauf sehen. Die Sonne ging bereits allmählich unter und das Licht war dämmrig. Die Wahrscheinlichkeit erkannt zu werden war nicht mehr so groß, dennoch beschlossen sie über Seitenstraßen zum Siedlungskern vorzudringen. In einer dunklen Gasse erzählte John, dass Lee und seine Bande in jede Siedlung geritten waren, um im Saloon zu trinken und ihn dann zu verwüsten, bevor sie weiter zogen. Er wollte nachsehen und die Spuren bis außerhalb der Siedlung verfolgen, bevor Tony endlich seinen eigenen Steckbrief bestaunen konnte.

Tony war bereits eine geschätzte halbe Stunde allein in dieser Gasse. Zunächst war er beunruhigt darüber aber inzwischen hatte sich sein Puls beinahe normalisiert. Doch das Kribbeln an der Wirbelsäule mitsamt den Nackenhaaren, die sich aufstellten kam ganz schnell zurück, als er hinter sich eine tiefe, raue Stimme vernahm: „Ich sehe ein neues Gesicht in dieser Stadt. Normalerweise besucht man die Sehenswürdigkeiten einer Stadt am Tage um sie in ihrer vollen Pracht bewundern zu können.“ Wenn man mal davon absah, dass er sich ertappt fühlte und das unter den gegebenen Umständen recht unangenehm war, so musste er innerlich fast Lachen. Der Gedanke daran, dass ein 100 Seelen Dorf irgendwelche Sehenswürdigkeiten haben könnte, war absolut absurd. Das allerdings schob er schnell beiseite und drehte sich um, achtete jedoch darauf, dass sein Gesicht im Schatten verborgen blieb. „Guten Abend ... Hilfssheriff.“ antwortete Tony. Er hatte gerade noch bemerkt, dass ein kleines, silbernes Abzeichen auf der Brust seines Gegenübers prangte. Warum bekomme ich es immer nur mit den Gehilfen zu tun und nie mit einem echten Sheriff? wunderte er sich. Vor allem wunderte er sich über seine merkwürdigen und kühlen Gedankengänge, die er seit seiner Flucht hatte.

„Heute ganz alleine? Wo sind denn deine Freunde, Freundchen?“ fragte der Hilfssheriff.

Tony entschloss sich dazu, gar nicht darauf zu antworten. Ihm würde ohnehin keiner glauben, solange Lee nicht neben ihm stand. Der andere zog seine Pistole und hielt sie ihm unter die Nase.

„Na komm. Sei brav, dann muss ich dich nicht erschießen.“

Langsam nervte ihn dieser Böse Onkel – Ton, und mitkommen wollte Tony ganz sicher nicht. Aber aus den tiefsten Tiefen seines Inneren heraus, wusste er, dass er keine andere Wahl hatte. Ein resignierter Seufzer begleite seine Drehung in Richtung des Siedlungskerns und sie gingen vorwärts. Die Bemerkung des Gehilfen, dass er nach Urin stank, half ihm auch nicht weiter. Bei Pix angekommen, stolperte er über die langen Zügel, die er achtlos fallen gelassen hatte. Aus der Pistole des Hilfssheriffs löste sich ein Schuss, Pix stieg erschrocken in die Höhe und Tonys Bein verfing sich in den Zügeln. Der Sattel, den er bei ihrer Ankunft gelockert hatte fiel ihm auf den Kopf. Etwas benommen blickte er hoch um nach dem „Onkel“ zu schauen. Der versuchte krampfhaft die Orientierung wieder zu gewinnen und suchte nach seinem Schießeisen. Da fiel Tony sein Schnitzmesser wieder ein. Er wühlte in den Satteltaschen, bis er es gefunden hatte und visierte seinen Gegner an. Der hatte endlich seine Waffe gefunden und wollte sie gerade in Tonys Richtung halten, als Tony sein Messer warf. Beide beobachteten den Flug des Messers der einen hohen Bogen beschrieb und letztendlich einen halben Meter am Hilfssheriff vorbei an der Wand eines Hauses abprallte und zu Boden fiel. Ein diabolisches Grinsen verunstaltete das geschniegelte Haupt seines Gegners. Der umfasste genussvoll den Griff seiner Pistole und fiel Ohnmächtig zu Boden als Johns Gewehr sein Gesicht mit voller Wucht traf. Nun war es an John diabolisch zu grinsen, aber seine Züge blieben wie eh und je unbewegt. Dafür seufzte Tony erleichtert auf und nickte dankbar seinem bezahlten Weggefährten zu.

„Wir sollten los reiten.“ meinte John. Tony war absolut seiner Meinung. Er legte ordnungsgemäß Pixs Sattel an, stieg beim ersten Mal auf und sie ritten los. Fast drei Meilen legten sie im schnellen Galopp zurück bevor sie langsamer wurden. Die Zähne von Tony klapperten dabei so oft aufeinander, dass er befürchtete, beim nächsten Biss in einen Apfel würden sie ihm ausfallen. Sie hatten die Grenze überquert und nun wurde immerhin nicht mehr nach ihm gefahndet. Etwas wehmütig blickte Tony zurück.

„Schade! Ich hätte gerne den Steckbrief gesehen.“

John zog einen Zettel aus der Tasche und hielt ihm diesen hin. Ein Blick darauf ließ ihn Lächeln. Darauf stand:

Gesucht - Tod oder Lebendig – Anthony Edward Simmons für den Mord an Eli Woods und dreifachen Bankraubs – Belohnung: 200$

Außerdem zierte ein Porträt den Zettel, welchen einen Mann mit grimmiger Miene und engstehenden, tiefliegenden Augen zeigte. Dieses Bild wurde ihm definitiv nicht gerecht, befand Tony, aber erkennen konnte man ihn  - mit viel Fantasie – trotzdem darauf. Etwas enttäuscht war er über die geringe Belohnung die auf ihn ausgesetzt war. Kurz schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er John viel weniger zahlte, als er wert war. Aber ohne ihn, war er absolut hilflos.

Sie setzten ihren Weg fort. Nun konnte er gefahrlos mit durch die Siedlungen und Städte des Landes reiten. Außerdem nutzte Tony die nächste sich bietende Gelegenheit um sich endlich von dem Urin auf seiner Kleidung und seiner Haut zu befreien. Das Wasser des kleinen Sees in dem er sich wusch war zwar sehr kalt, aber er genoss es sich einzuseifen und mit klarem Wasser den Staub aus seinen Poren zu waschen. Den Bart der sich inzwischen auf seinem Gesicht breit gemacht hatte, ließ er aber stehen. So zogen sie weiter nach Westen, machten am Abend halt und ließen gelegentlich einen ganzen Tag verstreichen, weil der Halbindianer Mitleid mit den Tieren hatte. Das Reiten bescherte Tony immer weniger Probleme. Er fühlte sich sicher auf dem Pferd und entwickelte sogar eine gewisse Zuneigung zu Pix. Irgendwann jedoch beschlichen Tony gewisse Zweifel. Sie waren nun schon einige Wochen unterwegs und hatten seinen Bruder immer noch nicht eingeholt. Waren sie wirklich so langsam und die Bande so schnell oder zögerte John die Reise aus irgendwelchen Gründen unnötig in die Länge. Er fand keine Antwort darauf und beschloss John bei der nächsten Gelegenheit danach zu fragen. Sie machten an diesem Abend Halt an einem kleinen Fluss. Tony nutzte die Möglichkeit um seine Kleider zu waschen während John ein Feuer machte. Als sie gemeinsam einen Hasen aßen, beschloss Tony die Frage zu stellen. Anstatt zu antworten zeigte John auf das sie umgebende Land und fragte seinerseits: „Weißt du, wo wir uns gerade befinden?“

Tony schaute sich um und antwortete mit Nein.

„Das hier ist der Little Bighorn Fluss. Hier haben meine Brüder aus anderen Stämmen euren General Custer besiegt.“

Zwar konnte Tony keine Beziehung zu seiner Frage herstellen, aber er war tief beeindruckt von der Vorstellung an einem geschichtsträchtigen Ort zu sein und dabei an einem Hasenbraten herum zu knabbern. Von dieser Schlacht hatte er schon gehört. So viel er wusste wurde Custer hereingelegt und dieser Sitting Bull, der nicht einmal anwesend gewesen war, hatte die Gunst der Stunde genutzt und viele Weiße in einem blutigen Kampf abschlachten lassen.

„Für mich und mein Volk bedeutet diese Schlacht Hoffnung. Hoffnung darauf, dass wir frei leben können ohne jeglichen Zwang. Deine weißen Brüder stecken uns in Reservate. Sie schreiben uns vor wo wir zu leben haben. Die Onodowohgah, oder wie ihr uns nennt, die Seneca – Indianer, lebten immer friedlich. Als die Weißen in unser Land eindrangen unterhielten wir sogar Handelsbeziehungen zu ihnen. Und das bis zum heutigen Tag. Aber einige von ihnen, wissen nicht, dass es Friede gibt zwischen den Seneca und den Weißen und machen sich ein Spaß daraus Indianer ohne Grund zu erschießen. Sie machen nicht einmal Halt vor unseren Frauen und Kindern. Ich schäme mich dafür zur Hälfte Weiß zu sein.

Einer von ihnen, der keinen Respekt kennt und meine Frau und Kinder erschossen hatte, war dein Bruder. Als ich dich gesehen habe, erkannte ich sofort dass ihr das gleiche Blut teilt und habe mich aus diesem Grund auf einen Handel mit dir eingelassen. Aber inzwischen respektiere ich dich auch und weiß, dass du nicht so bist wie er und du gute Absichten hast. Du hast dich seit unserer ersten Begegnung geändert und bist nicht mehr so egoistisch. Wie du siehst, habe ich genauso wie du ein hohes Maß an Interesse daran Lee zu finden. Aber sie waren bisher schneller als wir. Vor einer halben Meile, haben sie ein Pferd verloren. Ein anderes lahmt. Sie sind langsamer geworden und wir holen auf. Vertraust du mir nun?“

Tony war erstaunt so viele Worte in einem Zusammenhang von John zu hören und war noch ganz benommen von seiner Geschichte. Er hatte sich nie gefragt, warum John sich auf diese Reise eingelassen hatte und schämte sich nun dafür keinen Gedanken darauf verwendet zu haben. Bestürzung machte sich breit. Aber dann erinnerte sich an die Felder, die die Seneca bestellt hatten und meinte dann: „Dennoch haben die Weißen euch viel Gutes gebracht. Saatgut zum Beispiel und ihr lebt in Holzhäuser und nicht in diesen komischen Zelten. Das alles habt ihr der Zilivita... ähm Zivilatation ...  der Zivifikation – ja genau! – zu verdanken.“

„Zivilisation meinst du. Aber Felder haben meine Vorfahren schon vor eurer Ankunft bestellt und die Seneca waren, wie die übrigen Irokesenstämme schon immer sesshaft. Es gibt einige nomadische Stämme die in Tipis leben, aber dazu zählen wir nicht.“

Tony wollte gar nicht erst wissen was „nomadisch“ bedeutete. Es war ihm etwas peinlich, dass John ihn korrigiert hatte und er bis jetzt nicht einmal gewusst hatte, dass Indianer nicht gleich Indianer war. Dennoch musste er sich eingestehen, dass auch wenn er zuvor nicht den wahren Grund gewusst hatte, warum sich John ihm angeschlossen hatte, er von ihm nie enttäuscht wurde. Er vertraute ihm und das sagte er ihm auch. Damit war das Gespräch beendet, aber seine Gedanken kehrten immer wieder zu den Worten des Indianers zurück und ein gewisses Schuldgefühl machte sich in ihm breit. Das Land auf dem sie sich befanden war wunderschön. Dass es einmal ein Kriegsschauplatz war, konnte man ihm nicht ansehen. Und Woods hatte ihm offensichtlich nur die weiße Seite von den Kriegen gegen die Indianer erzählt. Er kam sich so dumm vor.

Schließlich kam der nächste Tag und es ging weiter zu Pferde Richtung Westen. Er schätzte die Offenheit des Indianers vom Vortag und empfand mehr und mehr Zuneigung für ihn. Zwei Tage später kamen sie in die nächste Siedlung. Wie immer machte sich John auf die Suche nach Spuren und mit grimmiger Befriedigung stellte er fest, dass die Bande aus welchen Gründen auch immer, ihre Pferde nicht gewechselt hatte. Seit sie aus dem Staat New York heraus waren, wurde Tony öfter angestarrt. Dann folgte ein unschlüssiges Blinzeln und schließlich kamen die Leute zu dem Schluss, dass er doch nicht Lee Simmons sein konnte. Gelegentlich wurde er aber doch ins Büro des Sheriffs zitiert wo er seine Identität belegte. So war es auch diesmal. Hinter dem Schreibtisch des Sheriffs hingen diverse Steckbriefe, auch welche von der Bande. Aber nun hatte sich etwas verändert. Anstatt bloß für Bankraub gesucht zu werden – denn Lees Leute haben wohl in jedem Staat mindestens ein Geldinstitut um erhebliche Summen erleichtert, war dieser um einiges ausführlicher. Er las den, der Lee betraf:

Gesucht – Tod oder Lebendig – Lee Jeffrey Simmons für Bankraub in 23 Fällen und Beteiligung an Mord in 17 Fällen – Belohnung: 5000$

Siebzehn Menschen die er umgebracht hat? Er konnte es nicht fassen, wozu Lee fähig war. Er erzählte davon John. Der meinte nur, dass Lee noch erheblich mehr Indianer auf dem Gewissen hätte. Von nun an beschleunigten sie ihr Tempo wann immer es ging und achteten dabei auf genügend Ruhepausen für die Pferde. Ein paar Meilen von der Stadt Seattle entfernt stießen sie auf eine weitere Siedlung – Huntington. Als sie näher kamen wunderten sie sich über die vielen Menschen, die in die Stadt einströmten. Vielleicht gab es ja einen Jahrmarkt oder ähnliches. John und Tony schlossen sich ihnen an. Sie ritten über die breite Hauptstraße, die sie in das Innere, dem Rathausplatz führte. Dort waren bereits hunderte Menschen die in die Mitte des kreisrunden Platzes blickten. Ein kleiner Bereich war frei von Menschen und zunächst dachte Tony, dass dort eine Bühne aufgebaut war und alle den Beginn eines Theaterstücks erwarteten. Sie stiegen von ihren Pferden die sie an einem Laternenpfahl anbanden und gingen auf die Mitte zu. Beim Näherkommen, sahen sie, dass es sich bei der Bühne um einen Galgen handelte. An einem Querpfosten hingen vier Schlingen hinab. Tony hatte nie Gefallen daran gehabt zuzusehen, wie Menschen hingerichtet wurden. Dabei war es egal, wie schwerwiegend das Verbrechen auch gewesen sein mochte. Er wollte sich schon zu John umdrehen und ihn zum Weiterreiten bewegen, da wurde er von der Stimme des Gerichtsdieners unterbrochen: „Der Staat Washington verkündet hiermit das Urteil. Die Gefangenen Hugh Miller, Simon Arthur Hamilton, Peter Ronald Hamilton und Lee Jeffrey Simmons werden wegen Bankraub und Mord sowie Erpressung und Folter zum Tode verurteilt. Das Urteil wird heute um 16 Uhr 30 am 4. August 1879 in Huntington vollstreckt. Ihre Körper werden am Ende eines Strickes baumeln, bis ihre Füße nicht mehr zittern.“ Die Masse grölte und als die Gefangenen aus einer Kutsche mit Eisengittern herausgezerrt wurden, bewarfen die Menschen sie mit Tomaten, Eiern, Salat und auch Steinen, die sie vom Boden aufsammelten. Tony war nur noch unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Immer wieder hörte er den Namen seines Bruders in seinem Geist mit der Stimme des Gerichtsdieners widerhallen. Sein Bruder Lee sollte gehängt werden. Alles was er wollte war, seine eigene Unschuld zu beweisen. Dass Lee ein solches Schicksal ereilen würde, selbst wenn er ihn zurück nach Elm Grove gebracht hätte, daran hatte er nie gedacht. Die Vier wurden auf das Podest hinaufgestoßen und jeder unter eine Schlinge gestellt. Ein Henker, der sein Gesicht unter einer schwarzen Maske verborgen hielt, streifte einem nach dem anderen das Seil über und zog die Schlinge zu. Tony sah in das Gesicht seines Bruders als er an der Reihe war. Sein Ausdruck schien keine Reue zu zeigen, aber Angst, die er noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Der Gerichtsdiener forderte die Gefangenen auf ihre letzten Worte zu sprechen. Keiner hatte ein Wort zu sagen. Dann begann der Henker damit, das Urteil zu vollstrecken. Er zog an einem Hebel und unter dem ersten Gefangenen öffnete sich eine Falltür. Er zog an einem weiteren Hebel und der nächste stürzte in die Tiefe, zitterte am ganzen Leib, ächzte bis er sich nicht mehr bewegte. Der Dritte wurde gehängt. Jedes Mal, wenn einer fiel, johlte die Menge auf und klatschte Beifall. Tony wurde es plötzlich ganz flau im Magen, denn nun war sein Bruder an der Reihe. Er suchte Lees Blick. Der schaute zurück und erkannte ihn. Seine Augen bohrten sich tief in ihn als ob er nach Halt suchte. Dann blitzten sie zum letzten Mal auf, bevor er in den Tod stürzte, und er ihn nie wieder ansehen konnte. In diesem Augenblick wusste Tony, dass er sein altes Leben nicht mehr zurück bekommen würde und auch nicht mehr wollte. Was jetzt geschehen würde war ungewiss und das war gut so.

 

 

 

 

 



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