01.02.2011

Das vergessene Wort

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Wir hatten einen sehr schönen Platz für unser Sommerlager gefunden.
Wir?
Das ist ein kleiner Indianerstamm. Immer auf der Suche nach einem neuen Sommer- oder Winterlager. Diesmal hatten wir besonders viel Glück. Unser Lager lag in der unmittelbaren Nähe eines Flußes. Es gab saftige Wiesen für unsere Tiere und einen benachbarten Wald, um auf Nahrungssuche zu gehen. Schutz vor eventuellen Angriffen bot uns eine große Felsenkette, die sich schützend wie ein Hufeisen um unser Dorf legte. An dem Fluß, der in der Nähe lag, wuschen wir Frauen täglich die Kleidung und die Felle unseres Stammes. Als die anderen Frauen wieder nachhause aufbrachen, ließ ich mich ab und zu zurückfallen, um die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. Eines Tages entdeckte ich flußaufwärts einen kleinen, gut versteckten See. Dort begab ich mich immer hin, wenn ich allein sein wollte, oder nachdenken mußte.

Heute war es mal wieder soweit über mir wichtige Dinge nachzudenken, darum ließ ich mich wieder Stück für Stückchen unbemerkt zurückfallen. Als ich an meinem geheimen See angekommen war, kniete ich mich an einer flachen Stelle nieder, erfrischte mein Gesicht und ließ mein Spiegelbild wieder zur Ruhe kommen. Als ich mich umdrehte um zu einem besonders schön blühenden Strauch zu kommen, wurde ich ruckartig aus meiner Welt gerissen. Als ich wieder meine Gedanken ordnen konnte, lag ich in meiner vollen Körpergröße längs auf dem Boden. Verwundert blickte ich an dem schmerzenden Fuß entlang, und sah zu meinem Entsetzen, dass sich dieser in einer Schlinge verfangen hatte. Es bildete sich langsam ein Rinnsal Blut, dass an meinem Bein herunterlief.

Als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, war mir als würde ich aus weiter Ferne Hufschläge hören. Und sie näherten sich langsam. Jetzt wurde ein schwarzer Hengst mit Reiter sichtbar, der direkt auf mich zu kam. Ängstlich blickte ich zu dem eigentlich gutaussehenden Jungen auf dem Pferd. Er trug bräunliche Kleidung und sein Hut gab ihm etwas abenteuerliches. Nach dem Äußeren schien er ein Cowboy zu sein."Hab keine Angst" sprach dieser mit einer beruhigenden und angenehmen Stimme. "Du hast dich in einer Tierschlinge verfangen und kannst froh sein, dass du dich nicht schwerer verletzt hast. Jemand legt diese Dinger in der ganzen Umgebung aus. Ich war auf der Suche nach ihm und hörte einen dumpfen Aufschlag und ein leises Stöhnen. Bin diesem gefolgt und sah dich auf dem Boden liegen. Komm, ich helfe dir wieder auf und verarzte deine Wunde."

Er stieg rasch von seinem Pferd und beugte sich liebevoll zu mir, um meinen Fuß aus seiner mißlichen Lage zu befreien und verband diesen sorgfältig. Es entstand ein seltsam vertrauter Moment. Als er fertig war, lächelte er mich an und sprach zu mir:"Könnten wir uns wieder sehen? Ich würde deinen Fuß gerne noch einmal untersuchen. Ist es dir möglich morgen nochmals zur gleichen Zeit an diese Stelle zukommen?" Ich unterdrückte meine heimliche Freude und nickte kaum merkbar. Er stieg wieder auf seinen Hengst und dieser machte einen großen Satz und beide waren zwischen den Büschen verschwunden. Ich kehrte unbemerkt wieder in mein Dorf zurück.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, spürte ich meine Wunde nur noch schwach. Unter dem Vorwand nochmals waschen zu müssen, schlich ich mich an dem vereinbarten Treffpunkt meiner gestrigen Rettung. Es war ein weiterer vertrauter Kontakt. Da wir uns so gut verstanden, wiederholten wir dies einige Male. Dass wir unterschiedlicher Hautfarbe waren, störte uns nicht. Doch vor dem nächsten Treffen hatte ich ein seltsames Gefühl.
Da kam mein Cowboy völlig aufgelöst angeritten.
"Unsere Stadt wurde von einer riesigen Truppe überfallen, sie haben alles übernommen. Ich habe gehört, dass sie in den nächsten Tagen eure Gegend übernehmen wollen. Nur wenn unsere Familien zusammenhalten können wir sie besiegen!" Darauf antwortete ich:"Du weißt doch, dass die Kluft zwischen unseren Hautfarben zu groß ist. Wir müssen uns sogar heimlich treffen, um uns sehen zu können. Die einzige Möglichkeit wäre vielleicht, wenn wir einfach gemeinsam zu unseren Familien gehen und versuchen sie zu überzeugen, dass wir nur gemeinsam überleben können." Da es unsere letzte Hoffnung war, setzten wir diese Idee in eine Tat um.

Zuerst ging ich mit zu seiner Familie, die sich in den Bergen in einer notdürftigen Unterkunft versteckten. Ich konnte die feindseligen Blicke spüren, obwohl ich den Blick gesenkt hielt. Man führte uns zu den Anführern die nicht gerade erfreut über unsere Ankunft waren. Wir trugen unseren Vorschlag zu unserer gemeinsamen Rettung vor, und wurden etwas abseits allein gelassen. Wir konnten hitzige Diskussionen von weitem hören. Nach längerer Zeit wurden wir wieder zu ihnen gerufen. Man sagte uns sie seien einverstanden diesen Versuch zuwagen. Wenn die Indianer auch zustimmen sollten, sollen sie Morgen in der Mittagsstunde vor der übernommenen Stadt erscheinen. Wir beide waren froh schon mal die erste Hürde genommen zuhaben. Nun stand der Besuch bei meinem Stamm an.

Als wir in unserem Indianerdorf angekommen waren herrschte Totenstille. Die Jäger in unserem Stamm legten die Pfeile auf meinen Freund an. Sie schossen nur meinetwegen nicht. Nun standen wir vor dem Zelt unseres Häuptlings. Wir wurden hereingebeten. Ich erzählte die Geschichte von uns. Wie ich mir meinen Fuß verletzte, bis zu dem Besuch bei den Weißen. Ich konnte die Stimmung des Häuptlings nicht erkennen. Er saß nur ruhig da und überlegte. Dann sprach er zu mir:" Wir werden an den Treffpunkt kommen. Aber nur weil du dem Weißen vertraust und er dir geholfen hat."

Als es am nächsten Tag Mittag wurde, trafen beide Familien schwer bewaffnet am besagten Treffpunkt ein. Es herrschte eine seltsame Stimmung. Der Häuptling hatte ein Gespräch mit dem Anführer der Weißen. Danach startete ein Angriff auf die besetzte Stadt. Die Stadtbesetzer waren so erstaunt über ihre Angreifer, dass sie schnellstmöglichst die Flucht ergriffen. Seit diesem Tag mussten wir uns nicht mehr heimlich treffen und wurden von beiden Familien akzeptiert. Es herschte zwar zwischen den Familien nicht unbedingt die beste Freundschaft, aber der Hass war dem Respekt gewichen. Und dies war ein längst vergessenes Wort.

 

 



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