21.11.2010

Coltfinger - Die Verfolgung

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Er war der gefürchtetste Schütze des ganzen wilden Westens. Noch nie hatte es jemanden wie ihn gegeben, der so gut mit seinem Revolver umgehen konnte und zudem unglaublich schnell ziehen und zielsicher abdrücken konnte. Er platzierte seine Kugeln millimetergenau dorthin, wo er sie hinhaben wollte und hatte darüber hinaus die schnellsten Finger, die man sich vorstellen konnte. Bevor sein gegenüber nur daran denken konnte, sein Colt zu ziehen, hatte er bereits seinen Revolver aus dem Halfter gezogen und abgedrückt. Sein Name war Coltfinger.

Alle Einwohner westlich des Mississippis fürchteten den perfekten Schützen und behandelten ihn deshalb mit größtem Respekt. Wenn er einen Saloon betrat, räumten die Gäste freiwillig die besten Plätze an der Theke, so dass er sich einen von diesen aussuchen konnte. Bezahlen musste er meist nicht soviel wie üblich, denn auch die Wirte hatten Angst vor Coltfinger. Wenn er einmal wieder eine seiner ausgiebigen Zechorgien hinter sich hatte und nach dem Preis fragte, hätte sich niemand getraut, auch nur annähernd den korrekten Preis seiner 40 bis 50 Whiskeys, die er in der Regel bei einem solchen Besäufnis in sich hineinkippte, zu nennen. Eine hohe Rechnung hätte den Unmut des perfekten Schützen erregen können und für eine unangenehme Überraschung in Form einer genau platzierten Kugel sorgen können.

Hatte er bei Männern, bis auf wenige Ausnahmen, nie ein schlechtes Gewissen gehabt, sie umzulegen, so verehrte er das weibliche Geschlecht sehr, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Frauen liebten den guten Schützen, der darüber hinaus umwerfend gut aussah und einen gestählten Körper sein Eigen nennen durfte. Außerdem, und das war für das weibliche Geschlecht nicht minder von Interesse, war er der beste Liebhaber des Westens. Etliche Stories machten die Runde, in denen darüber berichtet wurde, wie er seine Liebhaberinnen beglückt hatte. So ziemlich jedes weibliche Geschöpf, welches sich in seiner Nähe befand, wünschte sich, an seiner Seite durch´s Leben schreiten zu dürfen.

So kam es nicht von ungefähr, dass er die hübscheste und netteste Frau, die man sich nur vorstellen konnte, als seine Partnerin wählte und sogar beabsichtigte, trotzdem er nicht gerade ein spießiger Zeitgenosse war, sie zu ehelichen. So lief alles eine Zeit lang ohne Zwischenfälle ab. Coltfinger erfuhr von den männlichen Zeitgenossen die von ihm erwartete Ehrfurcht und seine Zukünftige sorgte zusätzlich dafür, dass er glücklich und entspannt war. Bis eines Tages Ringoman aus dem kalten Norden den Weg des begnadeten Schützen kreuzte und für extreme Unruhe sorgte.

Coltfinger und seine Angebetete namens Catherine saßen eines Abends in ihrem Lieblingssaloon und aßen und tranken zusammen eine Kleinigkeit. Als sie sich dort so friedlich gegenüber saßen und sich anhimmelten, während sie die Speisen und Getränke zu ihren Mündern führten, stand plötzlich eine furchterregende Gestalt in der Schwingtür des Saloons. Es war der allseits bekannte Ringoman. Er schaute sich in der Lokalität mit grimmigem Blick um, bis sein Blick schließlich bei Catherine verharrte. Seine Mimik erhellte sich von einer auf die nächste Sekunde und er ging zielsicher auf Coltfingers Partnerin zu. Er warf sich auf einen noch freien Stuhl an dem Tisch des zukünftigen Ehepaars und gab einige unflätige Sätze von sich, auf die hier aus Anstandsgründen nicht näher eingegangen werden sollte. Während er sich verbal gehen ließ, schaute er Catherine lüstern an, bis er schließlich von einem Faustschlag Coltfingers niedergestreckt wurde.

Nachdem Ringoman, noch immer auf dem Boden liegend, nach einem kurzen Moment wieder zu sich kam, flüsterte ihm ein Gast zu: "Nimm dich in Acht vor ihm. Es ist Coltfinger. Das beste wäre es für dich, schleunigst zu verschwinden."
Als er den Namen Coltfinger hörte, wirkte das Gesicht des schlecht erzogenen Besuchers aus dem Norden vor Schreck wie versteinert. Ohne großartig nachzudenken erhob er sich und rannte wie der Blitz aus dem Saloon. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon.

Im Saloon war es nun mucksmäuschenstill. Jeder war gespannt auf die Reaktion Coltfingers, der schon bald darauf laut sprach: "Den mache ich fertig. Aber nicht so, wie ich es sonst mache. Den Revolver lasse ich diesmal aus dem Spiel. Dieser Kerl muss lange leiden. Ihm gönne ich es nicht, dass er ohne große Qualen stirbt. Ich werde ihm mit meinen bloßen Händen langsam den Garaus bereiten. Coltfinger überreichte Catherine seinen Colt, drehte sich um und rannte hinaus, um die Verfolgung mit Hilfe seines flinken Pferdes aufzunehmen.

Schon nach einer guten Stunde war Coltfinger seinem Rivalen dicht auf den Fersen. Nur noch ein paar Meter trennten die beiden voneinander. Es dauerte noch eine gute Minute, bis beide Pferde gleichauf waren und die zwei Reiter sich somit direkt nebeneinander befanden. "Ich mache dich fertig", rief Coltfinger seinem Widersacher zu. Kaum hatte er die Worte von sich gegeben, sprang er von seinem Pferd aus Ringoman entgegen und riss ihn aus dem Sattel. Im Staub liegend schlugen die beiden mit den Fäusten aufeinander ein. Coltfinger hatte seinen Gegner eindeutig unterschätzt. Hätte er im Duell mit dem Revolver keine Chance gehabt, so war Ringoman doch ein ausgezeichneter Faustkämpfer. Coltfinger musste einige harte Schläge einstecken, so dass er bald so schwach war, dass er eine kurze Zeit lang benommen am Boden verharrte. Diese Zeit nutzte Ringoman, um sein Pferd zu besteigen und zu flüchten.

Nachdem Coltfinger neue Kraft getankt hatte, saß auch er bald wieder auf seinem Hengst und nahm erneut die Verfolgung auf. Als er eine Weile unterwegs war, sah er plötzlich an einem kleinen Felsen das Pferd von Ringoman stehen. Er befahl seinem Pferd, etwas langsamer und damit auch leiser zu werden, so dass er vorsichtig Ausschau nach dem Wüstling halten konnte. Da sah er ihn auch schon von hinten, wie auf dem Fels saß und siegessicher eine Zigarette rauchte. Coltfinger schlich sich hinterrücks an Ringoman heran, nachdem er den kleinen Felsen erklommen hatte. Doch offensichtlich war er nicht leise genug gewesen, denn Ringoman drehte sich bereits um, bevor er angegriffen werden konnte und beförderte Coltfinger mit einem heftigen Tritt vom Felsen. Dann sprang der Mann aus dem Norden direkt von dem steinernen Hügel aus auf sein Pferd und ritt zum wiederholten Male davon.

Schmerzverzerrt lag Coltfinger am Fuße des Felsens. Er betrachtete ein paar Schürfwunden, die fast genauso schmerzten, wie die Beule an seinem Kopf, die er sich beim Fall zugezogen hatte. Noch zorniger als vorher ritt er dem Ganoven aus dem Norden hinterher, um ihm endlich seine längst verdiente Abreibung zu verabreichen.

Schon bald erreichte der perfekte Schütze einen Fluss, an dem ein Passagierschiff angelegt hatte. Würde Ringoman sich auf diesem Boot befinden? Von seinem Pferd war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hatte er es mit auf das Schiff genommen, schließlich schien es sehr geräumig gewesen zu sein. Coltfinger musste überprüfen, ob seine Vermutung stimmte. Er ließ sein Pferd am Ufer und begab sich selbst auf das Boot, das direkt danach ablegte. Da konnte er schon seinen Rivalen erblicken. Er schlich sich an ihn heran und trat ihm von hinten gegen sein Schienbein. Ringoman schrie vor Schmerz auf und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, so dass Coltfinger problemlos einen Tritt in den Magen seines Widersaches ansetzen konnte, der ihm auch sehr wehgetan zu haben schien. Doch was geschah nun? Ringoman entwickelte plötzlich eine zweite Luft, rollte sich artistisch zur Seite, sprang auf und stürzte sich in die Fluten. In beachtlichem Tempo entfernte er sich von dem Schiff und schwamm davon.

Coltfinger wusste nicht, was er nun tun sollte. Er hatte nie gelernt zu schwimmen. Wenn er Ringoman hinterhergesprungen wäre, wäre er elendig ertrunken und wäre dadurch eindeutig als Verlierer aus dem Zweikampf hervorgegangen. Doch aufgeben konnte er nicht. Das war einem Coltfinger nicht würdig. Er musste sich etwas einfallen lassen, damit er dem unflätigen Mann aus dem Norden doch noch seine Lektion erteilen konnte, denn er hatte zweifellos seine Strafe verdient.

Die Sonne ging unter und Coltfinger sah, wie sich Ringoman immer weiter von ihm entfernte. Diese Runde hatte der geniale Schütze eindeutig verloren.



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