20.01.2010

Zufriedenheit?

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Zufriedenheit? Ist es das, was ich will? Ich gehe durch die Straßen und sehe teure Autos, gepflegte Häuser und große Vorgärten. Obwohl es nicht die allerbeste Wohngegend meines Heimatorts ist, leben hier durchaus wohlhabende Menschen, die das anscheinend auch zeigen möchten. Was wollen Sie damit erreichen? Wollen Sie dadurch ihr Ansehen steigern oder Neid erzeugen? Das Letztere könnte ich nicht verstehen. Wieso sollte ein Mensch die Missgunst eines anderen schüren wollen? Ich glaube, die Menschen suchen ihr Heil in weltlichen Dingen, wenn sie keinen anderen Halt haben, an nichts glauben, keiner Religion angehörig sind oder vielleicht noch nicht einmal weltliche Liebe von ihren Mitmenschen erfahren. Diese wollen sie sich erkaufen. Für sie ist Ansehen gleich Liebe. Ich kann diese prunkvollen Anblicke nicht mehr ertragen, zumindest nicht an diesem Tag, an dem mir die Gedanken so klar vor meinem geistigen Augen erscheinen, als würde sie jemand vor meiner Nase auf eine Leinwand pinseln. Also gehe ich auf schnellstem Wege nach Hause.

Zu Hause angekommen setze ich mich in meinen Fernsehsessel und schalte mein betagtes Röhrengerät ein. Ich besitze noch keinen neumodischen Flachbildschirm. Wozu sollte ich mir auch einen neuen Fernseher kaufen, wenn der alte es doch noch tut. Er hat jahrelang tadellos seinen Dienst geleistet, wieso sollte ich ihn jetzt achtlos entfernen, nur weil er nicht mehr den neusten technischen Anforderungen entspricht. Ich werde ihn wohl solange behalten, bis seine Röhre den Geist aufgibt. Dass das vorabendliche Fernsehprogramm so schlecht ist, könnte auch ein Hi-Tech-Fernseher nicht verhindern. Ich starre auf die Mattscheibe, aber sehe und höre eigentlich überhaupt nichts. Eigentlich möchte ich fernsehen, um mich von meinen erschreckend klaren Gedanken abzulenken. Doch mein Vorhaben scheitert kläglich, denn ich tauche immer mehr in die Welt meiner Grübeleien ein, denke an den Sinn des Lebens, was den Menschen Hoffnung geben kann; ist es Liebe? Was ist Liebe?

Manche Menschen wissen überhaupt nicht, was Geborgenheit und Liebe sind. Diese Leute tun mir Leid, denn sie haben wohl schon als Kind keine Zuneigung von ihren Eltern, ihren Geschwister oder anderen Familienangehörigen erfahren. Ich hab das Glück, dass es bei mir immer anders war. Doch bin ich deshalb glücklicher als die anderen? Vielleicht ist es so, doch wahrscheinlich erfahre ich das nur in meinem Unterbewusstsein. Nach außen sind viele Menschen ähnlich, wollen sich anpassen, der Norm entsprechen, deshalb unterscheiden sich die Mitglieder unserer Gesellschaft meiner Ansicht nach nur tief im Inneren erwähnenswert voneinander. Wie ist es bei mir? Ich denke nach, während das Fernsehprogramm vor sich herplätschert, und glaube, erkannt zu haben, dass ich in meinem Leben zwar viel Liebe erfahren habe, jedoch nur sehr wenig weitergegeben habe. Ich schäme mich für mich selbst, erkenne wie wichtig es ist, jemand anderen seine wahren Gefühle zu zeigen. Ich möchte mich ändern, schon morgen. Diese verpasste Gelegenheit, Liebe zu verbreiten, möchte ich nachholen. Nachdem ich den Knopf meiner Fernbedienung gedrückt habe, mit dem man dem Fernsehgrauen ein Ende bereitet, gehe ich ins Bett.

Schon bald schlafe ich tief und fest und träume so deutlich, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Die Träume kommen mir fast realistischer vor als das wahre Leben selbst. Ich gehe auf seidenen Teppichen durch Straßen, die mir sehr bekannt vorkommen. Links und rechts von mir stehen riesige Paläste mit Wachen davor. Goldene Türme ragen in den Himmel, zeigen den Wohlstand aller Menschen in meiner Umgebung. Ich stelle mich auf eine glänzende Verkehrsinsel und rufe laut: 'Zeigt euch, ihr Besitzer dieser Paläste, zeigt euch! Seid ihr glücklich?' Bruchteile von Sekunden später steht jeder einzelne Bewohner vor seinem Tor. Es ist mir ein Rätsel, wie sie so schnell dort erscheinen konnten. Im Traum ist sowas jedoch möglich. Ich schaue in hunderte von Gesichtern, junge, alte, weibliche und männliche. Keines der Gesichter strahlt Freude aus, keines Erleichterung, alle sehen vergrämt und gestresst aus, gestresst anscheinend davon, ihren Standard zu halten, den sie sich so hart erkämpft haben. Ich sehe einen Mann, der den Ansatz von einem Lächeln in seinem Gesicht zu haben scheint. Während ich mich von der Verkehrsinsel auf die Straße begebe, um mich der Person mit der auffallenden Mimik zu nähern, achte ich nicht auf den Verkehr. Ein riesiger goldverzierter PKW überfuhr mich, woraufhin ich laut schreie. Dann bin ich wach. Ich bin schweißgebadet. Ein Blick auf meinen Wecker verrät mir, dass es 4 Uhr nachts ist. Den Rest der Nachtruhe verbringe ich ohne zu träumen.

Am nächsten Morgen nehme ich mir vor, nochmals an den Ort zu gehen, an dem mir tags zuvor so klare einleuchtende Gedanken in den Kopf schossen. Ich gehe wieder in Straße mit den kostspieligen Autos und den gut gepflegten Gärten. Der ersten Mann, den ich sehe, wachst seinen teuren PKW. Von weitem höre ich schon, dass er flucht: 'So ein blöder Kratzer, mein schöner Wagen!' Ich gehe auf ihn zu - anders als im Traum achte ich dabei auf den Verkehr - und spreche den arbeitenden Mann um die 50 an: 'Ist das ihr Wagen?' - 'Na klar, meinen Sie, sonst würde ich den so pflegen?', antwortete der Herr nicht gerade freundlich. 'Ach so, klar', meinte ich, 'der war auch bestimmt teuer!' - 'Das können Sie laut sagen. Der hat mich ein Vermögen gekostet!' Ich verabschiede mich freundlich von dem Mann, da ich mir ja vorgenommen habe, meinen Mitmenschen mehr Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegenzubringen bzw. mehr Nächstenliebe als früher an den Tag zu legen. Der Mann grummelte nur ein wenig und wachste weiter sein Auto. Als ich weiter die Straße entlang gehe, sehe ich diverse Menschen, die ihren Gärten beackern, ihre Auffahrt pflastern, die Fenster putzen usw. usf. Glücklich sehen sie alle nicht aus. Keiner scheint wirklich Spaß an der Arbeit zu haben, jeder scheint es nur dafür zu machen, dass er gut dasteht und niemand schlecht über ihn spricht bzw. dass im besten Fall die anderen sogar neidisch auf die tollen Häuser, Autos und Gärten sind.

Ich sehe wie in meinem Traum eine Verkehrsinsel. Ich stelle mich auf sie und schließe die Augen. Während ich tief einatme, versuche ich etwas wie Liebe oder Wohlempfinden in dieser Gegend zu spüren. Ich gehe in mich und fühle ... nichts. Enttäuscht gehe ich über den Bürgersteig bis ans Ende der aus optischer Sicht gesehen schönen Straße. Auf der Erde sehe ich einen Bettler sitzen, zu dem ich mich niederknie und frage: 'Entschuldigung mein Herr, was ist wichtig für Sie im Leben?' Der Mann auf dem Boden schaut mich verdutzt an, da er mit dieser Frage nicht gerechnet hat. Dann überlegt er kurz und antwortet: 'Das Leben selbst ist wichtig und die Liebe! Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich nette Menschen treffe, wie Sie es zu sein scheinen. Viele schauen mich gar nicht an, als wenn sie sich für mich schämen würden. Sie scheinen anders zu sein. Habe ich recht?' - 'Nun ja, ich habe ein wenig nachgedacht.' Ich schaue die Straße hinab und sehe die emsigen Leute vor ihren Häusern arbeiten, jeder einzelne für sich alleine, durch Zäune getrennt.



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Kommentar von Hanna:
(11.06.2012 um 11:32 Uhr)

Hallo Heinzelmannberater, gerne habe ich deine Lehrgeschichte gelesen. Es gefällt mir, dass du dich selbst in die ständigen Übungen zum "Menschwerden" mit einbeziehst. Du beschreibst anschaulich die mehr oder weniger gelingenden Versuche, die uns helfen sollen, einen Sinn für unser Leben zu finden. Auch deine literarische Idee gefällt mir. Ein winziger Punkt : du beschreibst ausführlich deine Gedanken und Grübeleien. Ich glaube, unsere Welt hat es nötig, dass in zarter, aber sehr deutlicher Form darauf hingewiesen wird, daß die Gefühle und der Umgang damit genauso wichtig für ein "rechtes Leben" sind. LG Hanna




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