21.06.2010

Unsichtbar zur Erkenntnis?

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Ich bin ein Mensch mit wenig Selbstbewusstsein. Woran das liegt, kann ich nicht sagen, allerdings ist es leider so. Fakt ist, dass mir dadurch einiges an Lebensqualität verloren geht, da ich mich oft nicht dazugehörig fühle, weil ich mir in einem sozialen Gefüge keine große Bedeutung beimesse und ich mich selbst glauben lasse, dass sich die Welt ohne mein Dazutun auch ganz gut weiterdreht. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl neigen auch dazu zu glauben, dass sie nicht besonders beliebt bei anderen sind bzw. dass sie den anderen eigentlich relativ egal sind.

Natürlich möchte ich mich ändern. Bei Lebensfragen und Problemen ist mein erster Ansprechpartner ein guter Freund, der sich nicht nur einen Doktortitel in Chemie, sondern auch einen in Medizin erarbeitet hat. Immer wenn ich ihn mal wieder frage, woher er die Kraft nimmt, solche Meisterleistungen zu vollbringen, antwortet er mir: "Selbstbewusstsein ist das wichtigste im Leben, mein Freund. Wenn du an dich glaubst, kannst du alles schaffen. Alles!!!" Obwohl ich diese Antwort so oder ähnlich von ihm schon hundertfach gehört habe, habe ich es trotzdem bisher noch nicht geschafft, mir selbst bewusst zu werden.

Um mein Ziel zu erreichen, war ich letzte Woche mal wieder bei meinem Freund. Wir haben uns ein paar lustige Filme wie 'Zombiepark 4' oder 'Das Beben des Laiens' angeschaut und dabei gekühlten Gerstensaft konsumiert. Anschließend kommunizierte ich dem zweifachen Doktor mein Anliegen: "Horst-Dieter, ich muss was tun! Ich möchte nur halb so selbstbewusst werden wie du. Hast du eine Idee, was ich machen kann?" - "Karl-Friedrich", sagte er zu mir, "ich habe da letzte Woche ein Rezept für einen Trank erstellt, der dich für 24 Stunden unsichtbar macht. Wäre das nichts für dich?" Ich erkannte zwar zu diesem Zeitpunkt noch keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Rezept und meinem Problem, allerdings bat ich Horst-Dieter trotzdem darum, mir ein bisschen Pulver von dem Wunderzeug sowie die Gebrauchsanweisung mitzugeben, bevor ich mich von ihm herzlich verabschiedete und ziemlich angetrunken meinen nicht allzu langen Weg nach Hause antrat.

Vorgestern abend war es dann soweit. Ich entschloss mich, das Pulver gemäß der Anleitung in einem Glas Wasser aufzulösen. Dann trank ich die etwas bitter schmeckende gelbliche Flüssigkeit und legte mich sofort danach schlafen, um gespannt den nächsten Morgen zu erwarten.

Wie an jedem Werktag klingelte der Wecker gestern Morgen unerbittlich um 5.50 Uhr. Unausgeschlafen wie jeden Morgen beendete ich das nervige Weckgeräusch mit einem Tastendruck und quälte mich mühsam aus dem Bett, um mich ins Bad zu begeben. Dort angekommen sah ich in den Spiegel und sah..... Nichts! Das Mittel hatte tatsächlich gewirkt. Horst-Dieter ist nicht nur ein sehr guter Freund von mir, sondern auch ein hervorragender Mediziner sowie ein brillianter Chemiker, dessen Rezepte in den meisten Fällen, wie auch in diesem, Wirkung zeigen. Ich war nun für 24 Stunden unsichtbar. Weder auf dem Weg zur Bushaltestelle, noch auf der Fahrt zu meinem Arbeitsplatz würdigte mich irgendjemand eines Blickes. Wie sollte das auch gehen? Ich war ja unsichtbar.

Kaum war ich an meinem Arbeitsplatz angekommen, merkte ich, dass ich mich anscheinend getäuscht hatte. Ich war offensichtlich gar nicht so unbeliebt, wie ich immer dachte. Meine Arbeitskollegin Bärbel vermisste mich schon nach wenigen Minuten und äußerte das mit den Worten: "Wo ist denn der Karl-Friedrich nur heute? Ohne ihn macht die Arbeit nur halb so viel Spaß. Das kann ja ein langweiliger Tag werden. Hoffentlich hat er keine schwere Krankheit, hoffentlich ist ihm nichts passiert. So einem netten Menschen sollte nur Gutes widerfahren." Während sie die Worte von sich gab, saß ich an meinem Schreibtisch und war völlig überrascht, dass sie so über mich dachte. Dabei hatte ich die ganzen Jahre, die ich mit Bärbel zusammengearbeitet hatte, immer gedacht, sie könne mich gar nicht leiden. So kann man sich täuschen.

Es dauerte nicht lange, da kam Heinz-Rüdiger zur Tür hinein und sah mit sichtlich enttäuschtem Blick auf meinen Bürostuhl. Dort saß ich zwar, jedoch konnte er mich natürlich dank des Tranks meines besten Freundes nicht sehen und ging deshalb davon aus, dass ich nicht an meinem Platz sei. Bis gestern wäre ich in so einem Fall auch davon ausgegangen, dass die gesuchte Person nicht an seinem Platz sei. Aber bis dato kannte ich dieses brilliante Rezept von Horst-Dieter noch nicht. Deswegen werde ich auch nie wieder etwas Schlechtes über eine nicht anwesende Person von mir geben. Wer weiß? Vielleicht ist sie ja zugegen, vielleicht ist sie ja auch, wie ich gestern, unsichtbar.

Heinz-Rüdiger fragte Bärbel nach seinem Blick auf meine Sitzgelegenheit, wo ich denn sei und zog sichtlich beunruhigt von dannen, nachdem sie ihm keine zufriedenstellende Antwort geben konnte. Auch Joachim dachte, dass ich, der sich das interessante Schauspiel auf seinem Stuhl vergnüglich anschaute, nicht da sei und gab in nicht gerade zufrieden klingendem Ton von sich: "Wo ist der Mann? Das kann doch nicht war sein, dass er nicht da ist? Mit wem gehe ich denn heute in die Mittagspause? Wer begleitet mich auf den Wegen zum Kaffeeautomaten? Wer raucht mit mir Zigarren im Raucherraum?" Joachim schaute fragend in Bärbels Gesicht, in dem auch keine Antwort zu finden war. Er drehte sich um und verließ mit hängendem Kopf das Büro.

Ich hätte nie gedacht, dass man sich so täuschen kann, wie ich es die ganzen Jahre getan habe. Dass ich nicht beliebt sei bei anderen Menschen und dass auch ohne mich alles im selben Trott weitergehen würde, das habe ich mir die ganzen Jahre eingeredet. Doch lag ich sichtlich verkehrt. Obwohl ich den ganzen Tag im Büro anwesend war, merkte ich selbst, dass jemand fehlte..... und zwar ich. Ich bewegte den ganzen Tag keine Gegenstände und schaltete auch meinen Computer nicht an, so dass niemand Verdacht schöpfte. Wenn ich durch Türen hindurch wollte, wartete ich, bis sie aufstanden oder schlich mich hinter anderen Kollegen her, um in die entsprechenden Räume hinein- bzw. aus ihnen herauszugehen. Arbeitstechnisch tat ich an diesem Tag überhaupt nichts, ich war ja auch offiziell gar nicht anwesend. Diesen Tag nutzte ich nur, um mich kennenzulernen, um zu sehen wer ich bin und wie andere über mich denken.

Pünktlich zum Feierabend verließ ich glücklich das Bürogebäude, um ein paar Minuten später an der Bushaltestelle erneut etwas Interessantes festzustellen. Die junge Frau, die jeden Tag zur selben Zeit auf den Bus wartete, sah gar nicht so glücklich aus, wie sie es sonst zu sein schien. Sie schaute sichtlich enttäuscht an den Ort, an dem ich mich in der Regel befand und an dem ich mich zu diesem Zeipunkt auch aufhielt. Da sie mich allerdings nicht sehen konnte, wurde ihre Mimik noch frustrierter. Diese sympathische Dame schien mich offenbar ziemlich gut leiden zu können. Das war mir gestern zum ersten Mal bewusst geworden. Blind und unselbstbewusst wie ich war, ist mir das zuvor nie aufgefallen. Der Bus fuhr vor, wir zwei stiegen ein und nahmen Platz. Ich beobachtete die junge Frau die ganze Fahrt lang. Obwohl sie an diesem Tag verständlicherweise ziemlich mürrisch dreinblickte, war sie wunderschön. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tag anzusprechen.

Den gestrigen Abend verbrachte ich vor der Plestayschän mit dem Spiel 'Ceylent Kill' und vor dem Fernseher. Das interessante Fußballspiel wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen.

Als ich heute Morgen aufwachte, war wieder alles wie zuvor. Ich konnte mich selbst im Spiegel sehen und war auch für meine Umwelt wieder sichtbar. Durch diesen gestrigen Tag bin ich mir auf jeden Fall selbst bewusst geworden. Jetzt kommt es darauf an, dass ich aus diesen Erlebnissen lerne und aus ihnen Kraft schöpfe. Ob das Rezept mir helfen konnte, wird die Zukunft zeigen. Das Experiment war ein wichtiger Schritt, doch ich darf mich nun nicht auf dem Erfolg ausruhen. Ich muss weiter an mir arbeiten. Dann wird alles gut.



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