27.09.2017

Schottland-Minitrip mit Kreuzfahrtflair

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SCHOTTLAND – Minitrip mit Kreuzfahrtflair

 

„Jeder Schotte hat in Schottland ein Schottenröckchen an ...“

Sogar Sean Connery habe ich schon im Kilt auf einem Foto gesehen. Sehr sexy!

Wenn das kein Grund für eine Reise ist!

 

An einem schönen Junimorgen werden mein Mann und ich um 5.30 Uhr von unserem heimischen Reiseunternehmen im Kastanienweg, also beinahe vor der Haustür, abgeholt.

„Sie fahren mit Ulli. Das ist einer unserer besten Fahrer. Na, Sie werden schon sehen.“

Die freundliche Mitarbeiterin im Reisebüro hat uns bisher immer gut beraten.

Ulli ist ein Zwei-Zentner-Mann. Sein Umfang ist beachtlich. Er passt kaum hinter das Lenkrad. Aber das soll uns egal sein. Hauptsache, er fährt sicher und erleidet unterwegs keinen Herzinfarkt.

Eine Gruppe der Volkssolidarität aus Grammow sitzt schon im Bus. Die Reisegruppe ist fast komplett. Lediglich ein Ehepaar von der Insel und drei weitere Personen steigen außer uns noch zu. Erwin ist unser Reisebetreuer. Er kennt die meisten Mitreisenden von früheren gemeinsamen Fahrten. So ist die Stimmung bereits um 6.00 Uhr recht aufgelockert.

Während wir die ersten 150 Kilometer auf der Autobahn zurücklegen, bringt Erwin die Kaffeemaschine in Gang und weiht uns in das umfangreiche Angebot des Bordbuffets ein: Würstchen,Suppen aller Art, Kekse, Kaffee, Tee, Bier und alkoholfreie Getränke.

„Vergiss die kleinen Spaßmacher für die gute Verdauung nicht!“, meldet sich Ulli.

Alle zwei Stunden ist Zwischenstopp auf einem Rastplatz. Um die Mittagszeit werden die ersten Würstchen warm gemacht. Schließlich müssen wir ja nicht gleich am ersten Tag unsere kostbaren Euros in die Gaststätte tragen. Die können wir uns für etwas Besseres aufheben. Echten schottischen Whisky zum Beispiel.

Erwin verrät uns schon mal, welche Highlights uns bevorstehen und welche Gefahren uns drohen, wenn wir nicht zur festgelegten Zeit am Bus sind. Es soll schon vorgekommen sein, dass Ehepartner auf dem Parkplatz „vergessen“ wurden. Einmal war die halbe Busbesatzung unterwegs, weil jemand glaubte, die fehlende Person im Shop gesehen zu haben. Er ging sie suchen und verlor dabei jedes Zeitgefühl. Während ein weiterer Mitreisender den Suchenden suchen ging, traf die eingangs gesuchte Person wieder im Bus ein. Die beiden anderen blieben verschwunden, sodass sich ein Dritter auf die Pirsch begab. Wahrscheinlich wären nacheinander alle auf die Suche gegangen, wenn nicht durch einen glücklichen Zufall die beiden Erstgenannten aufeinander gestoßen wären und beschlossen hätten, die Suche abzubrechen und zum Bus zurückzukehren. So liefen sie dem dritten in die Arme und endlich war die Busmannschaft wieder komplett. Die Fahrt konnte weitergehen. Ja, Reisebetreuer haben es nicht leicht. Deshalb zählt Erwin die Anwesenden lieber einmal mehr als nötig, als noch einmal solch einen Albtraum zu erleben.

Mit kleinen Anekdoten, Hinweisen auf die vorüberziehende Landschaft und stimmungsvolle Volksmusik verkürzt uns Erwin die elfstündige Fahrt nach Rotterdam.

Nach einem kleinen Disput mit dem nicht vorhandenen Navi erreichen wir mit Erwins kartenkundiger Unterstützung Rotterdam und das Hafenleitsystem.

Die Fähre nach Hull liegt am Pier 9002. Wir glauben zu träumen, als wir die Hinweise lesen - 9002! Rotterdam ist der größte Hafen der Welt. Kohle, Eisenerz, Industriegüter aller Art und vor allem Öl werden hier umgeschlagen. Beinahe 45 Minuten lang fahren wir an Öltanks und Raffinerien vorüber bis wir den Passagierkai der P&O Ferries erreichen. Gegen 16.30 Uhr checken wir ein. Wir haben Kabine 8161 im Green Deck. Unsere Busnachbarin wohnt gleich gegenüber. Sie kämpft mit dem „Schlüssel“, einer einfachen Pappkarte mit Chiffre, die mit einem kleinen aufgedruckten Pfeil nach vorn in den Schlitz eingeführt werden muss. Sie steckt die Karte in die Öffnung. Es tut sich nichts. Sie dreht die Karte anders herum. Die Tür bleibt zu. Sie versucht es mit Schieben und Drehen, aber es will ihr nicht gelingen. Inzwischen ist die Karte so verbogen, dass auch mein Mann ihr nicht weiterhelfen kann. Da bleibt nur umtauschen. Wir haben mehr Glück. Das Türschloss klickt auf Anhieb und wir können die Kabine betreten. Ein schmaler Gang mit einer Mininasszelle an einem Ende und einem Spiegel am anderen. Gegenüber ein Bett. Wieso hat die Kabine nur ein Bett? Ach so, Doppelstock – das obere Bett muss erst heruntergeklappt werden. Ein Glück, dass mein Mann sich auskennt.

Bis zum Ablegen haben wir noch viel Zeit. Also erkunden wir erst einmal das Schiff. Rezeption, zwei Buffets, zwei Restaurants, eine Weinbar, ein Toberaum für Kinder, Eisbar, Ladenstraße, Showbühne, Sonnendeck. Es ist alles wie bei einem richtigen Kreuzliner.

Nachdem wir wissen, wo das Restaurant ist und die Bar, gehen wir an Deck und blicken in die Runde.

Öltanks, Krananlagen, Raffinerien, Hafengebäude, Industrieanlagen so weit das Auge reicht. Kaum, dass die schmalen Hafenbecken mit den vor Anker liegenden Frachtern sichtbar werden. Ganz in der Ferne ein graues Stück Nordsee.

Metallische Geräusche und dumpfes Rumpeln im Inneren der Fähre deuten darauf hin, dass die Beladung schon in vollem Gange ist. Die Bugklappe ist weit geöffnet und ein Laster nach dem anderen verschwindet im Bauch der Fähre. Gerade wendet ein LKW mit Hänger auf der Zufahrt der Fähre und rangiert dann, präzise rückwärts fahrend, auf der zugewiesenen Spur. Der nächste entgleitet auf der Parallelspur unserem Blick. Nach wenigen Minuten taucht er auf dem nächst höheren Deck auf und ordnet sich millimetergenau in die Lücke zwischen zwei schon fest verzurrte Trailer. Auf dem Hafengelände warten noch unzählige Trucks auf ihre Abfertigung.Ohne Pause weisen die Dispatcher den Fahrern die Spuren und Plätze zu. Wie am Fließband schieben sich die Wagen in den Fährschlund. Da gibt es keine Verzögerung durch ungeschicktes Rangieren, kein Gedrängel, weil jeder der Erste sein will, keine Dispute über die besten Plätze.Die Dispatcher haben hier das Kommando, und ihre Verantwortung ist groß. Schließlich muss das Gewicht so verteilt werden, dass die Lage der Fähre auch bei starkem Seegang stabil bleibt und die Fahrzeuge sich nicht selbständig machen. Es ist unglaublich, wie viele Fahrzeuge in den Schiffsrumpf passen. Bei 86 höre ich auf zu zählen. Der Bordfunk lädt zum Abendessen. Während wir es uns schmecken lassen, geht das Beladen zügig weiter.

Pünktlich um 21.00 Uhr ist auch der letzte Truck platziert, die Bugklappe wird geschlossen und die Motoren laufen an.

Das Ablegemanöver ist nicht weniger aufregend. Langsam rückwärts fahrend, gleitet die Fähre aus der U-förmigen Kaianlage. Fast auf der Stelle wird sie unter Zuhilfenahme seitwärts drehender Schiffsschrauben gewendet und schiebt sich so, Stück für Stück, aus dem Pier. Das Hafenbecken ist gerade so breit, dass die Fähre einmal quer liegen kann. Ich hätte schon Schwierigkeiten beim Ausparken mit dem Auto unter solchen Bedingungen. Dabei lenkt es sich bestimmt leichter als so ein Koloss.

Nachdem die Drehung ohne Blessuren und in unglaublich kurzer Zeit gelungen ist, gewinnt das Schiff zunehmend an Fahrt. Die sinkende Sonne ist hinter einem Wolkenschleier verschwunden. Eine frische Brise weht über die kabbelige See. Zahlreiche Frachter liegen auf Reede und haben schon die Positionslichter gesetzt. Auf dem Wasser treiben kleine Schaumkronen. Schmutzig-grau und kalt, lädt es nicht zum Baden ein. Wir nähern uns einer hellen Stelle, von der wir zunächst glauben, dass es sich um eine Untiefe handelt. Das kann aber eigentlich nicht sein, denn das wäre für die Schifffahrt viel zu gefährlich. Wir fahren mitten hindurch und stellen fest, dass das Wasser hier durchsetzt ist von Tausenden kleiner, heller, fadenähnlicher Schwebstoffe. Was mag das sein? Würmer? Algen? Unrat? Auf jeden Fall sieht es eklig aus.

Diesen Eindruck müssen wir mit einem Absacker wegspülen. Kräuter- und andere Liköre gibt es an der Bar nicht. Auch keinen Schnaps. Wir entscheiden uns schließlich für Rotwein und genießen noch für ein Weilchen den Blick über das weite, nun dunkler und dunkler werdende Meer.

Die Fähre hat mittlerweile ihre Reisegeschwindigkeit erreicht. Die Motoren stampfen und stöhnen dumpf vor sich hin. Ein leichtes Beben erschüttert das stählerne Gefährt. Unsere Kabine scheint direkt über dem Maschinenraum zu liegen. So entschlummern wir für die nächsten Stunden mit einer kostenlosen Rüttelmassage.

*

„Guten Morgen, meine Damen und Herren. Die Fähre hat den Zielhafen Hull erreicht. Das Auschecken beginnt in einer Stunde.“

Aufstehen, duschen, frühstücken – zügig, aber ohne Hast.

„Die Reisegruppen werden zum Verlassen des Schiffes gebeten“.

Unsere Gruppe heißt wie das Reiseunternehmen. Das ist leicht zu merken. Nach und nach treffen die Mitreisenden am Ausstieg ein. Ulli ist schon unten und holt den Bus aus dem Bauch der Fähre. Als wir unter Erwins Führung am Stellplatz ankommen, ist er schon da und putzt die Frontscheiben. Gepäck verstauen, einsteigen und ab geht die Post.

Ulli hat schlecht geschlafen.Die Aufregung wegen des Linksverkehrs macht ihm zu schaffen. Und nun auch noch die Aufforderung der Hafenleitung, mit dem Bus auf die Waage zu fahren. Wo ist nun diese komische Waage? Erst mal fahren wir dem Kreisverkehr entgegen, links, natürlich. Es ist schrecklich ungewohnt, die Fahrzeuge rechts an sich vorbeifahren zu sehen und nach links in einen Kreisverkehr zu fahren. Schließlich folgen wir einem Truck und landen wieder auf dem Hafengelände. „Weight 1“, „Weight 2“, lese ich im Vorüberfahren auf einem kleinen Schild an einem Hafengebäude. Könnte das die besagte Waage sein? Keiner weiß es. Ulli kurbelt die Scheibe herunter und ruft einem Hafenarbeiter „Waage“ zu. Der hat nicht verstanden und kommt näher.

„Ich muss auf die Waage,“ ruft Ulli laut. Er kann kein Englisch und meint, wenn er nur laut genug spricht, wird man ihn schon verstehen. Der Hafenarbeiter zuckt mit den Schultern und wendet sich ab.

„Verdammter Mist! Wo ist denn diese dämliche Waage?“

Ich versuche, meine spärlichen Englischkenntnisse anzubringen, werde aber ignoriert. Ulli fährt bis ans Ende der Straße, wendet und fährt zurück. Am Ausgang des Hafengeländes steht ein Posten, der die Fahrzeuge kontrollieren soll. Ulli hebt grüßend die Hand, nickt freundlich und ruft:“Alles okay“. Und raus sind wir aus dem Hafengelände. Ohne Wägeticket!

Nun brauchen wir nur noch die richtige Ausfahrt nach York zu finden, denn das ist unser erstes Ziel auf der britischen Insel.

Erwin kämpft schon mit der Straßenkarte. Er dreht und wendet sie, um sie in die richtige Position zu bringen. Ulli hat inzwischen den Kreisel schon zweimal umrundet und setzt gerade zur dritten Runde an, als Erwin erleichtert die Europastraßenkennung entdeckt, die nach York führt.

In York erwartet uns eine nette Stadtführerin, die uns im Schnellverfahren mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt vertraut machen soll. Wir haben nur eine Stunde dafür Zeit. Während wir am Stadttor, dem ältesten Bauwerk der ehemaligen Hauptstadt der Provinz Britannia Inferior den Stadtrundgang beginnen, erfahren wir, dass dieses Tor das einzige erhaltene Zeugnis aus der Römerzeit ist und seinerzeit erfolgreich dem Ansturm der Eroberer getrotzt hat. In den Jahren 71 – 74 unserer Zeit erbaut, widerstand es den römischen Legionären. Gleich dahinter und schon von Weitem unsere Aufmerksamkeit erregend, befindet sich das majestätische Minster. Auch heute noch ist York anglikanischer Erzbischhofssitz. Leider können wir weder einen Blick ins Innere der ältesten gotischen Kathedrale Nordeuropas werfen, noch die 275 Stufen des Turmes erklimmen, um die wundervolle Aussicht auf die Stadt und das Umland zu genießen. Der Weg führt uns weiter an einer schönen Parkanlage mit blühenden Rhododendren entlang zum Treasurer`s House, dem einstigen Sitz des Finanzministers. Am Museum für Richard III. verlassen wir den Stadtwall und kehren durch die High Petergade in der malerischen Altstadt zurück zum Bus, nicht ohne zuvor noch im gift shop Upper 10, einem hübschen Fachwerkhaus, nach einem kleinen Mitbringsel gesehen zu haben.

Ulli ist nun schon ein Fuchs auf den Straßen Englands. Lässig agiert er im Linksverkehr, als ob er das seit eh und je so täte.

Irgendwo zwischen Northumberland und Scottland queren wir den legendären Hadrianswall. Einst von Kaiser Publius Aelius Hadrian in den Jahren 122 -128 auf 120 Kilometer Länge zur Abwehr wilder Horden aus dem Norden errichtet, gilt er heute als Weltkulturerbe der UNESCO. Angesichts moderner Waffensysteme hat er für uns allerdings doch etwas von seiner Widerstandskraft verloren, zumal Hunderte zeitgenössische Schafweiden auf diese Weise mit Steinmauern „eingezäunt“ sind.

Die Mittagszeit ist schon vorüber, aber bis zu unserem Tagesziel in der Nähe von Glasgow ist es noch weit. Tankstellen und Rastplätze scheint es auf der Insel nur in Ausnahmefällen zu geben. Wir fahren schon länger als zwei Stunden und noch immer ist keine Tanke in Sicht, weder auf der Karte, noch auf der Straße.

Ulli kann zwar kein Englisch, aber sonst ist er ganz in Ordnung. Er zögert nun auch nicht lange, sondern hält einfach an einer ausgefahrenen Stelle mitten auf der Landstraße.

„Heute wird gegrillt!“, verkündet er. Ruck,zuck hat er einen transportablen Campinggrill und einen zusammenklappbaren Tisch aus dem Bus hervor geholt.

„Einer macht die Dosen auf, einer kümmert sich um das Toastbrot, den Senf und den Ketchup. Erwin, hol mal die Pappteller und die Grillkohle!“

Ein kräftiger Schuss Spiritus auf die Holzkohle, eine kleine Stichflamme, die sofort mit Wasser aus der Würstchendose gelöscht wird, und schon kann die Party beginnen. Funken und Rauch werden von der aufkommenden frischen Brise sofort vertrieben. Leider auch einige Pappteller, Servietten und Papiertaschentücher. Dafür umgibt uns nun der angenehme Duft von gegrillten Würstchen.

Während wir uns stärken, diskutiert Erwin mit den Stammgästen aus Grammow die Vor- und Nachteile deutscher und schottischer Schafweidehaltung. Schafe gibt es hier allerorten. Selbst in den tiefsten Senken, auf den höchsten Höhen, an den steilsten Abhängen kann man zottelige Schafe einzeln, paarweise oder auch in kleinen Grüppchen weiden sehen. Große Herden mit einem Schäfer haben wir noch nicht entdeckt. Die Schafe sind hierzulande völlig autark. Sie entscheiden, wann und wo sie die saftigen Gräser zupfen und wandern eigenständig innerhalb großzügig gesetzter Grenzen umher. Will der Schäfer irgendwann seine Schafe zählen, schickt er die Hunde los und lässt sie zusammentreiben. Es ist jedoch keine Seltenheit, dass das eine oder andere Schaf als Verlust registriert werden muss, weil es entweder in einem der zahllosen, steil abfallenden Felsspalten verunglückte oder mit allen Vieren nach oben auf der Weide liegt, weil es sich überfressen hat an dem taufeuchten Gras. Letzteres gerät als flüchtiges Bild in unser Blickfeld als wir, nunmehr gesättigt und etwas müde, im Bus linkerhand hügelauf und hügelab unserem Tagesziel entgegen fahren.

Gegen 20.00 Uhr erreichen wir das „Ershine-Brigde-Hotel“ unweit von Glasgow, unsere Heimstatt für die folgenden drei Nächte.

*

Die Ershine-Brigde ist ein imposantes Bauwerk, das den River Clyde auf schlanken, hochragenden Stelzen überspannt. Aus unserem Panoramafenster können wir sie in ihrer ganzen Schönheit bewundern. Sie liegt direkt vor uns. Von dem unablässig fließenden Verkehr ist weder etwas zu sehen, noch zu hören. Die Fahrzeuge bewegen sich in einer Wanne aus Beton in beinahe 40 Meter Höhe. Im Morgendunst des heutigen Tages sind die stählernen Spannseile, die noch einmal 20 Meter hoch hinaus ragen, kaum zu sehen.

Eine Rundfahrt zum Loch Lomond, nach Fort William und zur Spean-Brigde Mill stehen heute auf dem Programm. Im grün-rot-blau karierten Schottenrock begrüßt uns Cathrin Clark, unsere schottische Reiseführerin. Sie wird uns die nächsten beiden Tage begleiten.

„Loch“ heißt See und „Ben“ bedeutet Berg, lernen wir ein bisschen Gälisch, die hiesige Landessprache. Der Loch Lomond gehört zu einem Nationalpark, dessen herrliche Landschaft schon seit Jahrhunderten die Fantasie von Malern und Dichtern beflügelt hat. Hier hört das sanfte Tiefland ganz plötzlich an einer großen geologischen Verwerfung auf und bildet die Grenze zum Hochland.

„Hier treffen auch verschiedene Kulturen aufeinander“, erklärt uns Cathrin. „In alter Zeit umfasste dieses Gebiet die Königreiche der Skoten, der Pikten und der Britonen. Der Loch Lomonderstreckt sich über mehr als 30 Kilometer und ist heutzutage ein beliebtes Segelrevier. Der Ben Lomond auf seiner Ostseite ist mit 945 Metern zugleich der höchste Berg der Region. Er ist zugleich einer von 21 „Munros“, Bergen über 3000 Fuß (914m) Höhe.“

Leider ist das Wetter typisch schottisch. Es ist neblig, und nun beginnt es auch noch zu regnen. So begnügen wir uns mit einem kurzen Spaziergang zur Dampferanlegestelle und kaufen eine Ansichtskarte, die uns ein farbenfreudigeres Bild der Landschaft vermittelt. Während wir wieder trockenen Hauptes und Fußes im Bus sitzen und weiter in die Highlands hinein fahren, erzählt uns Cathrin von ihrer Freundin, einer ehemaligen Lehrerin, die sich als Eintritt in den Ruhestand einen Lebenstraum erfüllt hat – eine Wanderung über 156 Kilometer quer durch das Hochland.

„Der West Highland-Way beginnt am Stadtrand von Glasgow und geht am Loch Lomond vorbei in die spektakuläre Berglandschaft von Strathfilan. Nur wenige Berghütten und Rastplätze bieten die Möglichkeit einer Einkehr. Das bedeutet, dass man alles bei sich tragen muss, was man in der Einöde so braucht: Zelt, Schlafsack, Wechselwäsche, Proviant. Wasserflasche und allerhand Kleinkram. Das ergibt etliche Kilogramm, die ständig auf dem Rücken bergauf, bergab über Steine und Geröll, Wiesen und Sand transportiert werden müssen. Diese Wanderung ist eine Strapaze, und man muss eine gute Kondition haben, um das ohne gesundheitliche Schäden durchzustehen. Die Freundin hat dafür mehr als ein Jahr trainiert und ist mächtig stolz, dass sie es geschafft hat. Die vielfältigen Eindrücke der Landschaft, der Wechsel von mit Erika bewachsener Heide, mit Wollgras bestückten Mooren, saftigen Weiden und felsigen Hängen, das unbeschreibliche Farbenspiel der auf- und untergehenden Sonne waren ihr Entschädigung und Ermunterung zugleich.“

Na, für uns wäre das nichts. So viel Enthusiasmus würden wir dafür nicht aufbringen. Aber toll ist es schon und verdient Respekt und Anerkennung.

Mittlerweile haben wir den Loch Lomond verlassen und fahren auf kurvenreicher Straße parallel zu den Straht Fillan, einem Bergmassiv, an dem Aussichtspunkt Tyndrum vorüber in das weite Tal von Glen Coe.

Hier hat sich vor Jahrhunderten, als die Clans noch wie kleine Königreiche herrschten, ein schreckliches Massaker zugetragen, das noch heute in Form einer traurigen Ballade in der Erinnerung der Schotten wach gehalten wird. In diesem Tal lebten einst die Mc Donalds – nein, nicht die mit den Hamburgern – die richtigen alten Adligen. Als die schottischen Fürsten sich nach verlorenem Glaubenskrieg der englischen Krone unterwerfen sollten, wurde ihnen ein Ultimatum gesetzt. Wer bis zu diesem Tag nicht seine Unterwerfung durch persönliches Erscheinen vor den britischen Gesandten bekundet hatte, verlor alles Eigentum an Grundbesitz und musste mitsamt Hofschranzen und Gesinde fliehen.

Besagter Mc Donald nun schob diesen Auftritt bis zur allerletzten Minute auf, was letztlich durch widrige Umstände dazu führte, dass die gesetzte Frist um einen Tag überschritten wurde. Auch hier galt schon das bekannte Motto: Wer zu spät kommt, den bezahlt das Leben. Was heißen soll, seine Unterwerfung wurde nicht akzeptiert und die Strafe folgte auf dem Fuße. Es wurde beschlossen, das Geschlecht der Mc Donalds ein für alle Mal auszurotten. Alle männlichen Clanmitglieder sollten bei einem plötzlichen, heimtückischen Überfall umgebracht werden. Die nahe liegende Garnison wurde mit der Ausführung dieses schändlichen Planes beauftragt. In ihr diente ein gewisser Campbell, der bei den Mc Donalds um die Hand der schönen Tochter des Fürsten angehalten hatte. Nichts lag näher, als diesen Vertrauten in das gut bewachte Haus der Mc Donalds einzuschleusen und ihre Wachsamkeit einzuschläfern. Campbell ließ sich zu diesem Verrat herab, weil er glaubte, dadurch großen Reichtum erwerben zu können. Er klopfte am Vorabend des geplanten Überfalls an die Tür der Mc Donalds, wurde als künftiger Schwiegersohn herzlich begrüßt, speiste und trank mit ihnen bis in die späte Nacht. Als jedoch alle schliefen, öffnete er den Soldaten der Garnison die Pforte und die Mc Donalds wurden auf grausige Weise ermordet. Der Plan, alle männlichen Mitglieder der Familie auszurotten, schlug jedoch fehl. Noch heute gibt es sie und die seitdem währende Fehde zwischen ihnen und den Campbells.

„In diesem Familienzwist muss es aber auch Ausnahmen gegeben haben,“ erklärt uns Cathrin, „denn ich bin eine verheiratete Clark, aber eine geborene Mc Donald und meine Großmutter hieß Campbell.“

Das lässt hoffen.

Mittlerweile haben wir das Glen Coe erreicht und halten an einem Aussichtspunkt. Zu sehen gibt es nicht viel. In einiger Entfernung stehen wenige Fragmente der ehemaligen britischen Garnison versteckt hinter ein paar Bäumen. Von den Mc Donalds gibt es keine Spuren mehr. Das Tal liegt friedlich inmitten felsiger Berge. Nur das Wissen um die Ereignisse wirft einen dunklen Schatten über das Gelände. Der Himmel ist immer noch wolkenverhangen. Ein frischer Wind pfeift von den Bergen herab.

In den Reiseprospekten wird Glen Coe als eine der besten Wander- und Klettergegenden beschrieben. Nach kurzer Pause klettern wir, fast ein wenig erleichtert, wieder in unseren Bus.

Das nächste Ziel und nördlichster Punkt unserer Rundfahrt ist Fort William. Dieses ehemalige Garnisonsstädtchen liegt strategisch günstig an zwei Lochs, die unmittelbaren Zugang zum Meer ermöglichen. Loch Linnhe in südlicher Richtung und Loch Neil in nordwestlicher Richtung. Im Rücken der Stadt erhebt sich mit 1343 Metern der höchste Berg Britanniens, der Ben Nevis. Er hat sich allerdings ein Wolkenhäubchen aufgesetzt, sodass wir die Spitze, die keine Spitze ist, sondern eine kuppelartige Wölbung, nicht erkennen können. In Fort William machen wir Mittagspause. Erwin hatte Cathrin gebeten, uns mal in ein Restaurant mit echt schottischer Küche zu führen. Das brachte sie offensichtlich in arge Verlegenheit, denn die schottische Küche ist nicht so berühmt. Sie hatte uns ja schon von der Nationalspeise „Hugges“ berichtet, einem mit allem Möglichen gefüllten, fetten Schafmagen, auf den allerdings keiner von uns scharf war. Ihr fiel nun zum Glück ein, dass es richtige schottische Küche nur in einem weit von unserer Reiseroute entfernten Lokal gäbe. Außerdem würden dort keine englischen Pfund als Zahlungsmittel angenommen sondern nur schottisches Geld. Da müssten wir wohl alle erst eine Bank suchen, um Geld zu tauschen. Das aber wollen wir nicht.

So lassen wir uns in Fort William eine preiswerte Selbstbedienungsgaststätte zeigen und machen uns auf zu einem Schaufensterbummel. Die Auslagen unterscheiden sich hier nicht wesentlich von denen anderer Orte auf der Insel oder dem Kontinent. Eine Ausnahme machen da nur die mannigfachen Souvenirs im Schottenkaro. Erwin hätten wir bald nicht wiedererkannt, als er mit rot-weiß-karierter Baskenmütze und darunter hervorquellendem, kupferroten Haarschopf am Bus auftaucht. Das wäre noch was für den Fasching! Aber zum Umkehren ist es zu spät. Im Übrigen ist er der erste „Schotte“, den wir im Schottenkaro sehen, wenn auch nur auf dem Kopf.

Über das traditionelle schottische Karo erfahren wir viel Wissenswertes von Cathrin, während wir, am Ben Nevis vorbei, ostwärts in Richtung Spean- Brigde Mill reisen. Die ehemalige Mühle ist heute ein Zentrum schottischer Handwerkskunst. Edle Wollstoffe mit über einhundert verschiedenen Karomustern kann man als Meterware oder in Form von Kilts, Mützen, Schals Tüchern, Plaids, Tischdecken, Platzdeckchen, Untersetzern und wer weiß, was sonst noch,erwerben. Wir hören, dass jeder Clan seine eigenen, traditionellen Muster hat. Ein Kundiger kann also anhand der Farben und deren Struktur und Folge im Gewebe sofort erkennen, zu welchem Clan der Betreffende gehört und weiß, aus welchem Landesteil er kommt. Es soll über 400 verschiedene Muster geben, und es kommen immer noch neue hinzu.

Die Einkleidung eines jungen Mannes mit seinem ersten vollständigen Anzug – Kilt,Ledertasche, Kniestrümpfe, Lederschuhe, Hemd, Jacke und Hut – kommt der Ausstattung einer Braut gleich. Es ist ein Fest für alle Beteiligten und mindestens genauso kostspielig. Unter 1000 Pfund kommen die Eltern da selten davon. Deshalb beginnen sie schon mit dem Sparen, wenn das Kind zur Schule kommt. Vielleicht steckt darin die Ursache für den sprichwörtlichen Geiz der Schotten. Eine Augenweide ist es, wenn die Vertreter der verschiedenen Clans mit ihren Instrumenten zum Zapfenstreich auf dem Burgplatz in Edinburgh aufmarschieren und in die Dudelsäcke blasen. Militärkapellen und die Queens Colour Squadron treten gemeinsam mit spielenden Dudelsackpfeifern, Trommlern und Highland-Tänzern auf und bieten ein mehrstündiges Programm. Für unsere Ohren ist das gewöhnungsbedürftig, aber gefallen würde es uns schon.

Es gibt aber noch Anderes, Lohnenswertes in Spean- Brigde Mill zu sehen und vor allem zu kosten: Whisky!

Schon bald, nachdem uns Cathrin aus dem Hotel abgeholt hatte, und wir die ersten Kilometer der heutigen Rundfahrt hinter uns gebracht hatten, fragte Ulli laut und vernehmlich, wann wir denn nun eine Destille kennenlernen würden und ob man da auch Whisky kaufen könne. „Später!“, hatte Cathrin ihn vertröstet. Jetzt, in der Mühle, stehen wir am Tresen und haben die Qual der Wahl zwischen zwanzig Whisky-Sorten. Von allen dürfen wir probieren. Natürlich nur, wenn wir wollen. Und wir wollen. Nach jeder Probe aus dem Gläschen in Fingerhutgröße gibt es etwas Salzgebäck, damit man den Unterschied besser schmecken kann. Nach acht Proben habe ich genug. Mein Mann schafft zwölf. Dann wanken wir, leicht angesäuselt, ins Freie. Hier sitzt Ulli traurig auf einer Bank und wartet auf uns. Armer Ulli! Nun hat er so nach dem Whisky gelechzt und darf nicht probieren.

„Haucht mich bloß nicht an,“ blufft er los. „Ich fahre sonst Schlangenlinien“.

„Hast du wenigstens eine Flasche für den Feierabend mitgenommen?“

„Auch das nicht,“ brummt er, „Cathrin hat gesagt morgen. Morgen werden wir eine altbekannte Destille besuchen. Da gibt es guten, ungepanschten Whisky.“

Na, das ist doch wenigstens ein kleiner Trost. Wir vermeiden es, Ulli zu nahe zu kommen , nehmen die Plätze im Bus wieder ein und lassen uns heimwärts kutschen.

Immer wieder tauchen Berge vor uns auf, die zu den sogenannten Munros gehören, Berge, die über 3000 Fuß hoch sind. Es gibt davon 210 in Schottland.

„Eine Gruppe eingeschworener Bergsteiger hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Gipfel zu erklimmen und als Krönung ihrer sportlichen Leistung ein Foto vom Gipfelkreuz zu machen“, hören wir von Cathrin. Da die meisten Gipfel sich unter dem wolkenverhangenen Himmel verstecken, wenden wir unsere Aufmerksamkeit den Tälern zu, in denen das leuchtende Gelb des blühenden Ginsters unser Auge erfreut.

„Da, schnell, auf der rechten Seite Galloways!“

Die bekannten zotteligen schottischen Rinder haben wir noch nicht oft zu Gesicht bekommen. Überhaupt ist die Tierhaltung in dieser Gegend offensichtlich nicht so verbreitet wie in den Lowlands.

Unterdessen sind wir unserem Tagesziel schon erheblich nahe gekommen. Die imposante Silhouette der Ershine-Brigde ist bereits in der Ferne zu sehen. Das fördert den Gedanken an das Abendmenue. Wir haben das Vergnügen, in einem Hotel zu wohnen, das ausschließlich von jungen Leuten bewirtschaftet wird. Besonders im Service kann man glauben, dass es sich zu Teil um Azubis handelt. Sie sind nett und freundlich, aber weder besonders aufmerksam, noch besonders schnell. Und sie sprechen überhaupt keine Fremdsprache. Auf der in englischer Sprache verfassten Speisekarte werden zwei verschiedene 3-Gänge-Menues zur Auswahl angeboten. Keiner unserer Mitreisenden weiß, was das heißen soll. Ich kann immerhin Schwein und Rind unterscheiden, gekocht und gebraten, Suppe und Dessert. Aber das will keiner wissen. Also zucken sie mit der Schulter auf die Frage, welches Gericht sie denn nun gewählt haben. Die jungen Mädels wissen sich zu helfen und zeigen jeweils einen Musterteller mit dem entsprechenden Gericht. Aber auch da fällt den meisten die Entscheidung schwer, weil die Gebilde auf den Tellern nicht eindeutig als Kotelett oder Braten definiert werden können. Genervt ziehen die Serviererinnen von dannen und bedienen erst mal an den anderen Tischen. Inzwischen ist unter den Mitgliedern der Volkssolidarität eine heftige Diskussion entbrannt. Die Mehrheit vertritt die Meinung, dass das Hotel uns Deutsche ja schließlich eingeladen hätte und da müssten die Angestellten wenigstens die Speisekarte in Deutsch drucken. Mein Mann und ich sehen das völlig anders. Wenn wir in ein fremdes Land reisen, lernen wir wenigstens so viel von der Landessprache, dass wir Bitte und Danke, Guten Tag und Auf Wiedersehen, wo ist die Toilette und noch so einige Floskeln sprechen und verstehen können. Aber wir möchten nicht als arrogant gelten. Deshalb halten wir uns in der allgemeinen Debatte zurück. Das Ergebnis dieses Disputs ist eine Ausweitung von Cathrins Pflichten als Reisebetreuerin. Sie wird nun allabendlich die Speisekarte übersetzen und damit das körperliche Wohlbefinden unserer Reisegruppe sichern helfen. Zum Glück ist sie schon auf dem Heimweg als die Debatte erneut aufflammt wegen des „dünnen“ Kaffees, der nach dem Essen serviert wird. Im Tea-time-Land sollte man eben besser auf Kaffee verzichten. Der Tee schmeckt nämlich exzellent.

Wir entfleuchen zu einem Spaziergang an den Clyde-River. Er mündet in das westliche Meer und dient somit als Zufahrt für den Glasgower Hafen. Obwohl es bis zur Meeresküste noch etliche Meilen sind, lassen sich Ebbe und Flut am unterschiedlichen Grau des befestigten Ufers gut ausmachen. Jetzt ist Ebbe und die Enten und Reiher nutzen das flache Wasser, um in den feuchten Nischen zwischen den Steinquadern nach Futter zu suchen. Wir wandern bis zur Ershine-Brigde und schauen mit gemischten Gefühlen die schlanken Betonmasten hinauf. Unfassbar, dass diese, beinahe zierlich anmutenden, Gebilde die Last der mehr als zwei Kilometer langen Brücke tragen können.

Mit einem Glas Rotwein beenden wir den Abend und freuen uns auf die morgige Fahrt in die schottische Hauptstadt Edinburgh.

*

Grau und neblig zeigt sich das Land am dritten Tag unserer Schottlandrundreise, aber schon nach dem Frühstück schiebt sich ein fahles Gelb in die Tristess und lässt uns hoffen. Ulli hat sich heute in Schale geschmissen. Dunkle Hose, weißes Hemd, dunkle Krawatte – fit für die Hauptstadt. Auch Cathrin erscheint traditionell im Schottenrock, mit weißer Bluse und schwarzem Wolltuch um die Schultern. Während der Fahrt nach Edinburgh erzählt sie uns die Geschichte vom „Stein des Schicksals“ und den schottischen Kronjuwelen.

„Im zwölften Jahrhundert wurden die schottischen Könige noch unter freiem Himmel in einer feierlichen Zeremonie in ihr Amt berufen. Dabei saßen sie auf einem Findling, dem sogenannten „Stein des Schicksals“. Er symbolisierte den Bund von Herrscher, Land und Volk. Er war sozusagen der Vorläufer des Thrones und spielt noch heute in der Tradition der Schotten eine große Rolle. 1296 wurde der Stein vom englischen König Edward I. entwendet und in der Westminsterabtei in London eingelagert. Erst nach 700 Jahren kehrte er an den schottischen Hof zurück und kann nun in der Burg von Edinburgh bewundert werden.

Ähnlich dramatisch verhält es sich mit den Kronjuwelen. Im Jahre 1306 wurde Robert I., genannt „The Bruce“, mit einem „Reif aus Gold“ gekrönt, weil auch die bis dahin verwendeten Königsinsignien dem Raub durch Edward I. zum Opfer fielen. Zur Krone kamen 1488 das Schwert und Zepter als Geschenke des Papstes anlässlich der Krönung James IV. Der „Reif aus Gold“ erfuhr im Laufe der Jahrhunderte mehrere kostbare Veränderungen und avancierte schließlich zur Krone. Die „Ehrenzeichen“ des Königreiches Schottland sind in der Schatzkammer der Burg heute wohlverwahrt. Sie stellen eine der ältesten Sammlungen königlicher Insignien der Christenheit dar. Nach dem Tode Maria Stuarts auf dem Schafott gelangte ihr einziger Sohn als Thronfolger der englischen Königin Elisabeth I. sowohl auf den schottischen, als auch auf den englischen Thron, was schließlich 1707 in einem offiziellen „Act“ der Parlamente zur Vereinigung der Königreiche Schottland und England führte. Die Kronjuwelen wurden im sogenannten „Crown Room“ in eine Truhe eingeschlossen, die erst 1818 durch den Schriftsteller Walter Scott mit königlicher Vollmacht wieder geöffnet werden durfte. Nun können Sie also auch die Kronjuwelen in der Burg bewundern.“

Unterdessen sind wir auf dem Burgplatz angekommen, wo Ulli von einem uniformierten „Platzanweiser“ eingewiesen wird. Gerade findet die Wachablösung statt. Wir stürzen mit gezücktem Fotoapparat aus dem Bus und kommen gerade noch rechtzeitig am Torwächterhäuschen an, um die beiden Wachsoldaten und den Begleitposten auf die Linse zu bannen. Erfreulicherweise hat auch Klärchen sich inzwischen Platz am Himmel verschafft. So erstrahlt alles in einem freundlichen Licht.

Wir steuern auf den Eingang der Burg zu, werden jedoch gebeten, noch auf dem Vorplatz zu verweilen, denn hoher Besuch wird erwartet. Prinz Charles und seine Frau Camilla geruhen heute im Thronsaal zu speisen.

„Der Sohn William wird morgen feierlich an der Universität von Edinburgh immatrikuliert. Es wird gemunkelt, dass auch die Queen aus diesem Anlass kommen wird“, klärt uns Cathrin auf.

Die Queen bekommen wir nicht zu sehen, aber Prinz Charles und Camilla fahren im schwarzen Audi zügig und viel zu schnell für einen Schnappschuss an den Besuchern vorbei. Nun dürfen wir die Burg besichtigen, die berühmteste aller schottischen Burgen. Sie ist in der Tat ein beeindruckendes Bauensemble und wirkt einerseits trutzig durch ihre wuchtigen Mauern, Türme und Gebäude aus granithaltigem Backstein und andererseits verspielt und leicht durch die zahlreichen Zinnen und Türmchen, Bögen und Applikationen, reichlich verziert mit Ornamenten und Stukkaturen. Wir besichtigen den „Stein des Schicksals“, die Kronjuwelen, das Stübchen, in dem Maria Stuart den ersten König des vereinten Britannien zur Welt brachte. Weiter geht es zu den Kasematten und zum Arsenal, das heute noch eine berittene Garnison beherbergt. Ein Blick in die „Laich Hall“, den Thronsaal, bleibt uns verwehrt, weil Prinz Charles und Camilla verständlicherweise beim Dinner nicht gestört werden möchten. Unser Rundgang endet schließlich an der mittelalterlichen Belagerungskanone „Mons Meg“, aus der noch täglich um die Mittagszeit eine Kugel abgefeuert wird. Von den Festungsmauern haben wir einen grandiosen Ausblick auf die Stadt bis hin zum Firth of Forth, der den Zugang zur Nordsee bildet. Edinburgh ist mir sofort sympathisch.Es erinnert mich an meine Heimatstadt Dresden. Das hoch aufragende und weithin sichtbare Denkmal für den schottischen Nationaldichter Walter Scott könnte auch neben der Katholischen Hofkirche am Elbufer

stehen. Die quadratisch angeordneten Wohn- und Einkaufskomplexe der Queen Street, der George Street und der Princes Street könnten sich rund um den Altmarkt gruppiert haben und das markante Gebäude mit dem Türmchen am Waterloo Place könnte auch das Rathaus der Dresdner Neustadt sein. Nicht umsonst gehören beide Städte zum Weltkulturerbe. Man nennt Edinburgh auch das Athen des Nordens. Wenn man in östliche Richtung blickt, wird auch klar, warum. Auf dem Calton Hill erhebt sich monumental das Nelson-Denkmal, umgeben von einem Halbrund griechischer Säulen.

„Zu Ehren des Sieges in der Schlacht von Trafalgar wollte die Stadt nicht nur den Helden ehren, sondern auch ein Zeichen setzen für das Schönheitsempfinden der Schotten.Weil jedoch das Geld nicht reichte, blieb die „Akropolis des Nordens“ unvollendet und ist nun die „Schande“ Edinburghs“, sagt Cathrin mit Bedauern.

Wir sind wieder auf dem Burghof eingetroffen und warten auf Ulli und den Bus, denn wir wollen noch zu einem kurzen Stadtbummel ins Zentrum. Eine Reisegruppe nach der anderen hat den Platz schon verlassen, aber von Ulli ist nichts zu sehen. Nach einem Telefonat brechen wir zu Fuß auf und finden Ulli ein paar Straßen weiter unten in der Altstadt. Seine Miene ist finster.

„60 Euro wollten die von mir haben“, blubbert er, „und alles bloß, weil ich am Straßenrand geparkt habe.“

Es stellt sich heraus, dass die Busse infolge des Staatsbesuches nicht wie gewohnt auf dem zentralen Platz stehen durften, sondern auf einen etwas entfernteren ausweichen sollten. Alle Fahrer wurden informiert und fuhren los. Da aber Ulli kein Englisch versteht und außerdem ein sturer Mecklenburger ist, blieb er, wo er war. Nach zweimaliger Aufforderung wurde es dem Polizisten zu viel. Er zückte seinen Strafblock und Ulli musste blechen – cash, natürlich.

Zum Glück muss sich Ulli jetzt auf den Verkehr konzentrieren. Das lenkt ihn ab. In der Stadt halten wir unweit des unterirdischen Hauptbahnhofes an der Princes Mall. Wie auf Bestellung spielt und trommelt auf dem Wege zu den Einkaufsstätten eine Dudelsackband im Schottenrock. Dafür opfern wir gern zehn Minuten der Freizeitstunde. Weitere fünfzehn Minuten verbringen wir im Info-Center auf der Suche nach einem Stadtplan, einigen Ansichtskarten und einer Toilette. Im benachbarten Park bewundern wir das Walter-Scott-Monument von einer Parkbank aus und haben zugleich einen schönen Blick auf die alte Stadtmauer und die Burg. Wenn wir noch ein Andenken kaufen wollen, müssen wir uns sputen. Wir finden eine CD mit einem Mix aus Folklore und Dudelsack und eilen zufrieden zum Bus. Hier duftet es schon nach warmen Würstchen. Ulli meint, es sei genug geopfert für die Stadt. Satt werden können wir auch bei ihm. Stimmt.

Ulli fährt langsam vorüber am Holyroodhous, dem Schloss, in dem Maria Stuart als Königin von Schottland residierte, und hält nur kurze Zeit später im Queens Drive am Fuße des Holyroodparks. Am Straßenrand auf einem Stein sitzend, mit dem Würstchen in der Hand und dem Pappteller mit dem Senf auf den Knien, blicken wir zu Admiral Nelson auf, der direkt gegenüber auf dem Calton-Hügel fest auf seinem Sockel steht.

Satt und zufrieden treten wir die Weiterfahrt an. Schon von der Burg aus. Konnten wir den Forth als graublaues Band in der Ferne sehen. Dieser Fluss ist zugleich der verlängerte Meeresarm der Nordsee und beherbergt den Hafen von Edinburgh. Nur wenig weiter den Fluss hinauf, befindet sich das Städtchen Queensferry, das sich zu beiden Seiten des Stromes erstreckt. Ein technisches Denkmal aus den Anfängen der industriellen Revolution verbindet den Süden und den Norden von Queensferry. Die North-Rail-Brigde ist eine gewaltige Stahlkonstruktion, die den Forth auf einer Länge von 8296 Fuß überspannt. Die Gesamthöhe der Eisenbahnbrücke beträgt 361 Fuß. Die Durchfahrthöhe 150 Fuß. Tausende Schrauben, Muttern und Nieten halten die Stahlkonstruktion zusammen. Sie ist noch voll funktionstüchtig. Das finden wir bestätigt, als wir an der Kaimauer stehen und oben ein langer Güterzug über die Brücke donnert. Obwohl mehrere tausend Tonnen Stahl in dem Bauwerk stecken, sieht die Brücke schwungvoll und elegant aus. Wir sind beeindruckt.

Für die Rückfahrt hat sich Cathrin noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Da ein Besuch in einer der zahlreichen Whisky-Destillerien auf unserem Programm steht, besuchen wie eine der besten und schönsten, nämlich die von Glengoyne.

Doch: Ohne Fleiß, kein Preis! Damit wir beim Verkosten auch zünftig „Prost“ sagen können, müssen wir noch einmal schottisch lernen.

„Prost heißt „Slainte Math“ und wird gesprochen wie „Slanshewa“. Nein , nicht „Sansibar“, auch nicht „Schlank sie war“, bitte sprechen Sie mir langsam und deutlich nach - Slanshewa.“, fordert Cathrin. Wir tun unser Bestes.

„Für den Anfang schon ganz gut, aber das üben wir noch“.

Cathrin legt Wert auf vollendete Aussprache. Ulli meint, „Schlank sie war“, gefällt ihm besser und es lässt sich auch leichter merken. Aber Cathrin ist unerbittlich. Alle zehn Minuten fragt sie den Text ab. Als wir endlich in Glengoyne ankommen , klingt es beinahe schon perfekt. Bevor wir jedoch mit unserem Wissen glänzen können, erfahren wir erst einmal etwas über die Geschichte der seit 1833 Whisky herstellenden Brennerei. Wir lernen den Unterschied kennen zwischen Malt und Single Malt und werden schließlich in die Kunst der Herstellung dieses ganz besonderen Single Malt von Glengoyne eingeweiht.

„Der auf die Granitfelsen von Dumgoyne Hill fallende und nach Erika duftende Regen liefert kristallines Süßwasser, das vollständig das Aroma unserer nicht vom Torf verunreinigten Gerste annimmt....Bei der 10 bis 30-jährigen Lagerung in Eichenfässern nimmt der Likör die Farbe des Fasses an, wird am Ende der Prozedur mit Regenwasser von Glengoyne verdünnt, und man erhält auf diese Weise den einzigen echten Single Malt Whisky der Highlands.“

Was haben wir doch für ein Glück: den einzigen echten Single Malt der Highlands!

Wir haben andächtig gelauscht und sind ganz ergriffen. Nun dürfen wir auch die verschiedenen Jahrgänge probieren, nicht ohne zuvor im Chor laut „Slanshewa“ gerufen zu haben. Nach der dritten Probe geht uns das ganz locker von der Zunge, und Cathrin ist stolz auf uns.

Nachdem wir genügend gekostet haben, um in die richtige Kauflaune zu kommen, dürfen wir die Kesselhalle besichtigen. Da die glänzenden Kupferkessel aber gerade für die kommende Inspektion gereinigt werden, gelangen wir ohne Verzögerung in den Shop und finden eine reiche Auswahl an Glengoyne Single Malt vor. Qualität hat natürlich ihren Preis, aber einen 10-jährigen und einen 17-jährigen halben Liter zum Vergleich, wollen wir uns schon gönnen. Ulli hat sich endlich seinen größten Wunsch erfüllt und sich mit Whisky eingedeckt. Es hätte aber natürlich mehr sein können, wenn er nicht in Edinburgh so hässlich ausgenommen worden wäre. Letztlich sind aber doch alle zufrieden und so beenden wir beschwingt den, leider schon letzten, Tag in Schottland.

*

Der allmorgendliche Nebelschleier lässt uns das Abschied nehmen von Schottland nicht allzu schwer werden. Gern hätten wir noch einen Abstecher nach Glasgow gemacht, aber die Fahrt ist noch lang und die Fähre wartet nicht. Erwin hat nun wieder das Sagen. Erneut geht es hügelan und hügelab durch die Lowlands, die uns mit ihren Steinwällen, den Schafweiden, dem blühenden Ginster und den verstreut liegenden Gehöften nun schon sehr vertraut sind. In Edinburgh haben wir eine Postkarte mit den Wahrzeichen Schottlands gekauft, von denen wir jedoch bisher noch nichts in Natura gesehen haben. Die prächtigen Hirsche, zum Beispiel, deren Jagd nur der königlichen Familie vorbehalten bleibt. Oder die schottische Distel, auf die einst ein nordischer Krieger versehentlich trat, und dessen Geschrei den Angriff auf die schottischen Stellungen verriet, sodass er erfolgreich abgewehrt werden konnte. Dem kleinen Yorkshire-Terrier, der 14 Jahre am Grabe seines Herrchens ausgehalten hatte und auf königlichen Erlass dann neben ihm beigesetzt werden durfte, konnten wir keine Ehre erweisen. Und einem richtigen Schotten im Schottenrock und mit Dudelsack sind wir auch noch nicht begegnet. Lediglich zwei Galloways auf einer Weide - und nunmehr auf unserem Foto - können beweisen, dass es sie gibt. Aber noch haben wir Schottland nicht verlassen. So können wir weiter hoffen.

An der Grenze zu Northumberland, das schon wieder zu England gehört, befindet sich in Gretna Green die sogenannte „Hochzeitsschmiede“. Hier konnten sich in früherer Zeit junge Leute, noch bevor sie volljährig wurden, auch ohne Einwilligung der Eltern heimlich trauen lassen. Die Trauung war rechtskräftig und wurde mit einer Urkunde bestätigt. Die Bilder und Schriftstücke in dem dort befindlichen Museum sind interessant und aufschlussreich. So musste eine dieser geplanten Eheschließungen schließlich doch abgesagt werden, weil ein Telegramm mit der Mitteilung eintraf: „Mutter ins Koma gefallen“.

Auch heute noch kann man auf Gretna Green in den heiligen Stand der Ehe treten. Das kostet jedoch eine Kleinigkeit. Daher sind die modernen Paare zumeist die Kinder begüterter Eltern oder Promis. Zur Beurkundung der Ehe stehen der Schmiedehammer und der Amboss in den kleinen Festräumen bereit und ein echter Schotte im Schottenoutfit bläst auf dem Dudelsack den „Triumphmarsch“.

Wir sind schon verheiratet und kommen leider nicht in den Genuss, den Hammer auf den Amboss sausen zu hören. Dafür haben wir aber nun endlich einen echten Schotten auf das Zelluloid bannen können. Er dudelt auch etwas für uns und so können wir hochbeglückt von Schottland Abschied nehmen.



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