01.07.2017

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OMA IDA FÄHRT SCHWARZ

 

Vor einiger Zeit las ich in der Zeitung eine Notiz über eine 84-jährige Frau, die wegen wiederholten Schwarzfahrens von der Deutschen Bahn in Polizeigewahrsam genommen und gerichtlich belangt wurde. Ich habe vergessen, ob sie 22 mal ohne Fahrschein unterwegs war oder ob sie 22 Jahre lang auf diese Weise mit der Bahn gefahren ist. Für die Beantwortung der Frage nach dem „Warum“ ist es auch unerheblich. Bis zu Beginn des Prozesses traf eine Flut von Protesten gegen ihre Festsetzung bei Gericht ein und zahlreiche Bekundungen von Mitgefühl. Ein Gutachter bescheinigte ihr eine gewisse geistige Verwirrtheit, sodass sie noch vor den Weihnachtsfeiertagen wieder auf freien Fuß kam.

Beim Lesen dieser Nachricht dachte ich spontan: Die arme Frau! Da hat sie nun ihr ganzes Leben lang geschuftet, hat Kinder zur Welt gebracht und für eine Familie gesorgt. Hat womöglich Schicksalsschläge erlitten und steht nun im Alter möglicherweise allein und ziemlich mittellos da. Die Deutsche Bahn, obwohl im Recht, handelt in üblicher Beamtenmanier, korrekt, aber herzlos.

Aber dann kam mir angesichts der ungewöhnlich hohen Zahl der begangenen Verfehlungen unterschwellig der Gedanke, dass es auch ganz anders gewesen sein könnte.

 

FREIE FAHRT

Oma Ida hat eine Einladung zum Klassentreffen erhalten. Das findet immer noch in 5-jährigem Rhythmus statt, aber das letzte Mal konnte sie krankheitshalber nicht teilnehmen. Diesmal möchte sie unbedingt dabei sein. Seit ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich verstorben ist, hat sie kaum noch Kontakt zur Welt außerhalb ihres Wohnortes. Das Autofahren musste sie vor einem halben Jahr nach einer Augenoperation aufgeben. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln hat sie keine Erfahrung.

Aber sie weiß, dass es an ihrem einstigen Schulort einen Bahnhof gibt. Also wird sie mit dem Zug zum Klassentreffen fahren. Ihre freundliche Nachbarin sucht ihr im Internet eine passende Verbindung und wünscht ihr viel Spaß.

Auf dem Bahnhof trifft sie unerwartet ihre Physiotherapeutin. Da fällt ihr ein, dass sie lange keine manuelle Therapie für ihr schmerzendes Hüftgelenk mehr erhalten hat. Sie beschließt, gleich morgen zu ihrem Arzt zu gehen und ihn daraufhin anzusprechen. Sie fragt die Physiotherapeutin nach möglichen freien Terminen und lässt sich in ein längeres Gespräch verwickeln. Inzwischen ist der Zug pünktlich in den Bahnhof eingefahren. Sie verabschieden sich. Oma Ida steigt in den Zug und findet einen freien Platz am Gang. Sie bleibt in der Nähe des Ausstiegs, denn laut ihrer Nachbarin dauert die Fahrt nur 20 Minuten und sie hat vergessen, wie viele Haltepunkte es bis dahin sind. Deshalb lässt sie auch Hut und Mantel an und blickt abwechselnd aus den Fenstern rechts und links. Das Abteil ist nur mäßig besetzt. Neben ihr sitzt ein junger Mann mit Ohrstöpseln. Sie erkennt den jazzigen Sound, obwohl ihr Gehör nicht mehr das beste ist.

Auf der anderen Seite arbeitet ein adrett gekleideter Herr am Laptop. Die ihm gegenüber sitzende junge Frau telefoniert schon seit dem Einstieg und spricht unentwegt, ohne Punkt und Komma. Die anderen Plätze sind frei.

„Die Fahrkarten bitte bereithalten“.

Ach, du Schreck! Sie hat über ihrem Gespräch mit der Physiotherapeutin ganz vergessen, eine Fahrkarte zu lösen.

„Kein Problem!“, sagt der Kontrolleur. „Ich stelle Ihnen einen Fahrschein aus. Kostet allerdings zwei Euro mehr.“

„Was kostet denn die Fahrt sonst?“

„3,70 Euro, also bitte jetzt 5,70 Euro.“

Oma Ida seufzt und fragt: „ Ist das denn verhältnismäßig?“, zückt aber ihre Geldbörse und reicht ihm einen 50- Euro-Schein.

„Gute Frau,“ stöhnt der Kontrolleur, „haben sie es nicht kleiner? Sie sind schon die dritte Person mit einem großen Geldschein. So viel Wechselgeld habe ich nicht.“

Er wendet sich an die Mitreisenden: “Kann jemand von Ihnen 50 Euro wechseln?“

Keine Reaktion. Ja, was nun? In dem Moment hält der Zug an Oma Idas Zielort. Der Kontrolleur ist zugleich auch Zugbegleiter und muss darauf achten, dass alle Fahrgäste unbeschadet aus- bzw. einsteigen und der Zug pünktlich abfährt.

„Ich komme gleich wieder“, wendet er sich an Oma Ida.

„Aber ich muss hier aussteigen! Ich bin hier zur Schule gegangen. Heute ist doch Klassentreffen. Alle warten auf mich!“ Ihr steht die Panik im Gesicht.

Der Kontrolleur hat jetzt keine Zeit für Diskussionen.

„Steigen sie aus“, sagt er, “aber das nächste Mal kaufen sie vorher den Fahrschein!“

„Ja, aber sicher“, flötet Oma Ida erleichtert, steckt den Geldschein wieder ein und schlüpft eilends aus dem Zug. Das ist gerade noch mal gut gegangen, denkt sie und hat schon ihre ehemaligen Klassenkameraden vor Augen, denen sie ihr brandaktuelles Erlebnis gleich erzählen wird.

 

 

GLÜCK GEHABT

Ein halbes Jahr später. Oma Ida hat eine Verabredung mit ihrem Jugendfreund, den sie zufällig bei einem Strandspaziergang wieder getroffen hat. Sie hat sich schick angezogen, war beim Friseur und nach langer Zeit mal wieder zur Kosmetik. Ein gutes Gefühl.

Am Bahnhof geht sie zielstrebig auf die Schalterhalle zu. Aber was ist das? Die Halle ist zu und es sieht auch nicht danach aus, als ob heute noch jemand käme. Ratlos sieht sie sich um.

„Der Fahrkartenschalter ist schon lange geschlossen“, klärt sie ein freundlicher Herr auf. „Die Bahn muss sparen. Da muss zuerst Personal abgebaut werden. Die Reisenden können ja sehen, wie sie zurecht kommen.“

Das hat ihr gerade noch gefehlt. Sie kann doch nicht schon wieder ohne Fahrkarte in den Zug.

„Auf dem Bahnsteig steht ein Fahrkartenautomat. Dort können Sie ihre Karte lösen.“

Der gute Mann hat ihr wohl ihre Ratlosigkeit angesehen. Sie begibt sich auf den Bahnsteig und sucht den Automaten. Tatsächlich, gleich neben der Tür steht ein graues Ungetüm, das sich Fahrkartenautomat nennt. Aber wie funktioniert er nun? Aufmerksam studiert sie die Hinweise zu seiner Benutzung und findet nach einigem Suchen das Auswahlfeld für Fahrkarten. Was für eine braucht sie denn? Tageskarte, Wochenkarte, Monatskarte, Kurzfahrt, Einfache Fahrt, Hin-und Rückfahrt, Erwachsener, Ermäßigt, Fahrrad. Wer kann ihr hier helfen? Sie blickt nach rechts. Sie blickt nach links. Sie ist die einzige Reisende, die um diese Zeit den ungewöhnlichen Wunsch hat, mit dem Zug zu fahren. Schließlich entscheidet sie sich für eine einfache Fahrt, ermäßigt. Schließlich ist sie schon seit geraumer Zeit im Rentenalter und da ist ermäßigt wohl angemessen. Der Automat kann leider nicht sprechen, aber in einem Sichtfeld erscheint ein Betrag, den Oma Ida unter Zuhilfenahme ihrer Brille als 4,50 Euro entziffert. Waren es nicht vor einem halben Jahr noch 3,70 Euro?, glaubt sie sich zu erinnern. Wahrscheinlich hat die Bahn die Preise mal wieder erhöht. Sie liest so etwas ja öfter in der Zeitung. Also 4,50 Euro. Sie entnimmt ihrer Geldbörse einen nicht mehr ganz neuen 5-Euro-Schein und steckt ihn in den dafür vorgesehenen Schlitz. Nach kaum einer Minute spuckt der Automat den Schein wieder aus. Warum? Wahrscheinlich hat sie ihn falsch herum hineingesteckt. Sie entnimmt den Schein und dreht ihn um. Es ist das gleiche Spiel. Der Automat gibt das Geld zurück. Na, zwei Möglichkeiten hat sie noch, aber allmählich wird die Zeit knapp. Bis zur fahrplanmäßigen Ankunft des Zuges sind es nur noch zwei Minuten. Glücklicherweise muss sie nicht auch noch auf einen anderen Bahnsteig. Sie probiert die dritte Variante mit dem 5-Euro-Schein und siehe da, er behält den Schein. Aber wo ist nun die Fahrkarte? Und das Wechselgeld ? Sie greift in das dafür vorgesehene Fach, das mit einem Plexiglasdeckel versehen ist, aber keine Spur von Fahrschein oder Wechselgeld. Hat sie etwas falsch gemacht? Hat sie vergessen, einen der roten oder grünen Knöpfe zu drücken? Sie hat keine Zeit mehr für ein erneutes Durchlesen der Instruktionen. Der Zug ist bereits eingefahren und hält nur 5 Minuten. Sie rüttelt an dem Automaten, klopft erst mit der Hand, dann mit der Faust gegen den blechernen Vertreter der Deutschen Bahn, aber er rückt und rührt sich nicht. Na, dann eben nicht. Sie steckt erbost die Geldbörse in ihre Handtasche und steigt in den Zug.

Immer noch leise vor sich hin schimpfend, betritt sie das Abteil und findet es menschenleer. So kann sie nicht einmal jemanden fragen, ob so etwas schon öfter vorgekommen ist. Soll sie jetzt zum Fahrkartenkontrolleur oder besser Zugbegleiter gehen und ihm von ihrem Malheur berichten? Der noch nicht verebbte Zorn trifft die ablehnende Entscheidung. Er wird schon von selbst kommen und dann kann sie immer noch von ihrem Reinfall berichten.

Sie schaut in den Waggon hinter dem ihren. Der ist auch fast leer. Nur zwei Personen sitzen ziemlich weit hinten. Das Abteil vor dem ihren ist auch nicht voller. Vom Zugbegleiter keine Spur. Suchen wird sie ihn nicht. Soviel steht fest. Allmählich beruhigt sie sich und kann sogar innerlich ein bisschen schmunzeln über ihre erste Erfahrung mit einem Fahrkartenautomaten. Ihr Gewissen ist auch ganz ruhig. Schließlich hat sie ja mehr als das notwendige Fahrgeld entrichtet. Hat der Bahn sozusagen noch etwas gespendet.

Bis zu ihrem Zielbahnhof lässt sich kein Kontrolleur mehr blicken. Das nimmt sie ihm nicht übel. Frohgelaunt steigt sie aus und eilt ihrem Rendezvous entgegen.

 

ALLE GUTEN DINGE SIND DREI

Oma Ida ist nicht vermögend. Ihre Rente ist auch nicht gerade üppig. Sie bewohnt seit 35 Jahren eine kleine 2-Zimmerwohnung mit Balkon und genießt Bestandsschutz, was die Miete angeht. Ihre Ansprüche an die Garderobe sind bescheiden, aber nicht altmodisch. Sie ernährt sich gesund, verzichtet aber nicht auf den einen oder anderen guten Wein. Sie gönnt sich ab und zu einen Cafèbesuch und leistet sich Schokolade und Pralinen, in Maßen natürlich. Kultur gehört ebenso zu ihrem Leben wie einmal wöchentlich die Betätigung in der Seniorensportgruppe. Zusammen mit der Witwenrente kommt sie einigermaßen gut über die Runden. Trotzdem muss sie darauf achten, dass sie ihr Budget nicht überschreitet, denn auch die Kinder und Enkelkinder wollen bedacht sein. Reisen standen bisher nicht auf ihrem Programm. Ihre Fahrten in die Stadt waren daher eine echte Bereicherung ihres Lebens in mehrfacher Hinsicht.

Deshalb freut sie sich sehr über das Weihnachtsgeschenk ihrer Kinder, die sie zu einem Konzert in die Landeshauptstadt einladen. Sie wird schon zeitiger in die Stadt fahren, dort noch ein bisschen bummeln und sich das Schloss ansehen.

Zur Landeshauptstadt kann sie mit der Regionalbahn fahren. Das ist billiger als mit einem IC.

Diesmal gibt sie sich erst gar nicht mit dem Fahrkartenautomaten ab. Sie wird das Ticket im Zug kaufen. Der Zug hat 10 Minuten Verspätung, aber sie hat es ja nicht eilig. Es ist Freitag und der Zug ist gut besetzt. Sie muss ein Weilchen suchen bis sie einen freien Platz findet.

„Ich kann Ihren Mantel hier am Fenster anhängen“, hilft ihr die Frau, die auf dem Nebenplatz sitzt.

Sie hat bemerkt, wie Oma Ida vergeblich versucht hat, an den Haken heran zu kommen, ohne ihr auf die Füße zu treten. Oma Ida reicht ihr den Mantel und bedankt sich. Dann macht sie es sich auf dem Nachbarsitz bequem, soweit das möglich ist, denn die Rückenlehnen der Sitze sind sehr gerade. Der Zug rattert in gemächlichem Tempo dahin. Die Reisenden gehen ihren Beschäftigungen nach oder schlafen. Früher haben sich die Leute unterhalten, denkt Oma Ida. Heute bleibt jeder für sich. Die überwiegend jungen Leute haben Stöpsel in den Ohren und hören Musik, daddeln irgendwelche Spiele auf dem i-Pot oder wischen mit dem Mittelfinger unentwegt über das moderne Smartphone, um aufregende Fotos zu betrachten oder die Werbung für Dinge, die kein Mensch wirklich braucht. Sie weiß das, denn ihre Enkel machen es ebenso. Wenn jemand spricht, dann nicht etwa zu seinen Mitreisenden sondern in ein Handy mit lieben Menschen, von denen sie sich gerade erst verabschiedet haben.

Oma Ida blickt zu ihrer Platznachbarin. Sie hat ein Rätselheft auf dem Schoß und arbeitet gerade an einem Sudoku. Das gehört auch zu Oma Idas Leidenschaften, Kreuzworträtsel und Sudokus. Unwillkürlich verfolgt sie die Eintragungen.

„Nein“, mischt sie sich ein, „da gehört eine Vier hin. Die Zwei steht schon rechts außen. Entschuldigen sie, wenn ich das sage, aber Sudokus sind wie mein täglich Brot. Da fällt es mir schwer, mich zurück zu halten.“

Die Nachbarin sieht sie verwundert, aber nicht unfreundlich an.

„Ich komme selten dazu, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen“, sagt sie. „Die Arbeit frisst mich auf. So eine Fahrt mit dem Zug für mich wie ein Kurzurlaub. Da habe ich auch mal Zeit für solche Sachen. Sudoku ist ja schließlich auch ein kleines Gehirntraining. Da kann man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.“

„Ja, so ist das, wer arbeitet, weiß oft nicht, wo ihm der Kopf steht und andere würden gern arbeiten, finden aber keinen Arbeitgeber. Aber ich wollte Sie nicht in ihren Überlegungen stören. Es ist mir einfach so herausgerutscht.“

„So erging es mir auch, aber jetzt bin ich mein eigener Arbeitgeber, habe mich selbstständig gemacht mit einer kleinen Boutique.“

Das Gespräch entwickelt sich. Sie kommen von einem Thema zum anderen. Da nähert sich der Zugbegleiter und beginnt mit der Fahrkartenkontrolle im hinteren Teil des Wagens. Oma Ida öffnet ihre Handtasche und sucht ihr Portemonnaie. Dabei erzählt sie ihrer neu gewonnenen Zuhörerin von ihrem letzten Erlebnis mit dem Fahrkartenautomaten.

„Ich kaufe meine Fahrkarte jetzt nur noch im Zug, auch,wenn ich jetzt wieder einen Zuschlag bezahlen muss.“

„Nein, warten Sie. Stecken Sie das Geld wieder ein“, hindert sie ihre Nachbarin am Herausnehmen des Geldscheines.

„Ich habe ein M/V-Ticket, damit können bis zu 5 Personen mitfahren. Sie müssen nur sagen, dass Sie zu mir gehören. Die beiden jungen Leute da gegenüber fahren auch auf meine Karte.“

Oma Ida schaut sie überrascht und etwas ungläubig an. Dann sieht sie hinüber zu den beiden, die wie Studenten aussehen und gar keine Notiz von ihrer Umwelt nehmen.

„So etwas gibt es wirklich?“, fragt sie.

„Ja sicher, auf diese Weise erhöht sich die Zahl der Reisenden, was in der Statistik für die Bahn von Vorteil ist, wenngleich es aus ökonomischer Sicht etwas fragwürdig klingt.“

„Und die jungen Leute fahren alle umsonst?“

„Meistens nicht. Aber sie teilen den Fahrpreis entsprechend der mitreisenden Personen und kommen damit zu einem für sie günstigen und erschwinglichen Fahrpreis.“

Während Oma Ida immer noch verblüfft das soeben Gehörte verarbeitet, hat der Zugbegleiter den „Fahrtausweis“, wie er sagt, kontrolliert und die dazu gehörenden Personen einschließlich Oma Ida in Augenschein genommen. Er hat keine Beanstandungen und setzt die Kontrolle im Nachbarabteil fort. Oma Ida zückt erneut ihre Geldbörse.

„Vielen Dank für Ihr freundliches Entgegenkommen. Aber dann will ich zumindest meinen Anteil bezahlen. Können sie wechseln?“

„Lassen sie es gut sein“, antwortet ihre Nachbarin, „als Selbstständige kann ich die Fahrt als Reisekosten abrechnen. Das mindert meinen Gewinn und damit auch die Steuer. Davon entrichten wir alle eh` noch genug. Außerdem hatte ich selten so eine interessante Reisebegleitung.“

Oma Ida kramt schon wieder in ihrer Handtasche. Diesmal fördert sie eine Tafel Schokolade zutage.

„Dann nehmen Sie wenigstens diese Kleinigkeit als Dankeschön. Ein bisschen Hüftgold ist nicht schädlich und sorgt für ein paar Glückshormone.“

In angeregter Unterhaltung setzen sie die Fahrt fort.

Was habe ich doch für ein Glück, sagt sich Oma Ida als sie in der Landeshauptstadt auf der Bummelmeile schlendert. Reisen kann so schön sein. Besonders, wenn es nichts kostet.

 

GLÜCK IM UNGLÜCK

Oma Ida ist mal wieder auf Reisen. Ihre Enkeltochter hat vor einem Jahr ein Baby bekommen. Sie hat ihre Urenkelin noch nicht gesehen. In ein paar Tagen wird sie schon ein Jahr alt und kann einige Schrittchen allein gehen. Höchste Zeit, sie endlich kennen zu lernen. Ihre Enkelin wohnt weiter westlich an der Grenze des Landes. Die Regionalbahn braucht über drei Stunden, wenn alles pünktlich verläuft. Da kann sie nicht am gleichen Tag wieder zurück fahren. Deshalb hat sie ein kleines Köfferchen gepackt, einen Trolley, den man bequem hinter sich her rollen kann.

Oben auf dem Trolley sitzt das Geburtstagsgeschenk, ein cremefarbener Plüschteddy. So einen hätte sie in ihrer Kindheit auch gerne gehabt. Zu jener Zeit aber waren die Teddybären nur außen kuschlig. Innen waren sie mit Holzwolle oder Stroh gestopft, was sie steif und ziemlich unbeweglich machte. Trotzdem hat sie ihn geliebt, besonders die braunen Knopfaugen und die weichen Ohren. Letztere waren schon fast kahl gewesen, weil sie ihn immer daran herum getragen hat.

Der Zug hat keine Verspätung. Er ist, wie schon so oft, nicht voll besetzt. Oma Ida verstaut ihren Trolley unter der Sitzbank. Den Teddy setzt sie neben sich auf den freien Platz am Fenster.Sie sitzt lieber am Gang. Da zieht es nicht so. Die beiden gegenüber liegenden Plätze sind auch noch frei. Aber sie sitzt lieber in Fahrtrichtung. Weil die Fahrt diesmal etwas länger dauert, hat sie sich ein Buch mitgenommen und ihre Lesebrille. Ihre Tochter hat ihr zum Geburtstag ein E-Book geschenkt. Das ist nicht so schwer zum Halten und nimmt auch nicht so viel Platz weg. Aber es hat den Nachteil, dass man vorher nicht genau sagen kann, wann der Akku leer ist und dann verabschiedet sich das Gerät vielleicht gerade an der spannendsten Stelle und man steht dumm da. Oma Ida liest gern Krimis, vor allem von Donna Leon, aber auch von Elizabeth George. Da will sie kein Risiko eingehen. Deshalb hat sie sich für das gute alte Buch entschieden. Sie ist so in die Lektüre vertieft, dass sie das Herannahen des Zugbegleiters nicht wahrgenommen hat. Plötzlich steht er vor ihr und verlangt ihren Fahrtausweis. Es dauert eine kleine Weile bis sie sich orientiert hat und begreift, dass sie jetzt nicht in die Fänge des Verbrechers geraten ist. Der Mensch vor ihr bekundet ein berechtigtes Interesse an ihrem legalen Aufenthalt in diesem Zug. Dass er ein wenig verschwommen bleibt, liegt an ihrer Brille. Allmählich wird ihr auch klar, was er von ihr will.

„Ich habe noch keine Fahrkarte. Die möchte ich jetzt erst bei Ihnen kaufen“, sagt sie.

„Wann sind Sie denn zugestiegen?“ fragt er. Nun muss sie ein bisschen flunkern, denn sie hätte natürlich gleich auf die Suche nach ihm gehen und ihr Anliegen vortragen müssen.

„In Schwerin“, antwortet sie. Das war der letzte Halt. Sie hat das zufällig gesehen, weil ein Mensch mit einem großen Rucksack auf dem Rücken sie anrempelte. Dabei wäre ihr beinahe das Buch aus der Hand gefallen.

„Das macht dann 22,40 Euro“. Oma Ida öffnet den Reißverschluß ihrer Handtasche und will das Portemonnaie herausnehmen. Sicher ist es wieder ganz unten. Sie beginnt zu kramen, kann es aber nicht finden. Nun wird sie langsam nervös. Der Zugbegleiter auch. Er hat schließlich noch mehr zu tun.

„Am besten räumen Sie erst einmal alles aus“, empfiehlt er.

Oma Ida findet ihr Notizbuch, die Brillenhülle, ein Päckchen Tempotaschentücher. Sie legt alles auf den Sitz gegenüber, der noch immer frei ist. Kalender, Lippenstift, Brillenputztuch, Kamm, ein Schokoriegel, Wohnungsschlüssel, ein Tütchen Schokolinsen, die ihre Enkeltochter so gern isst. Keine Geldbörse!

Der Zugbegleiter hat während dessen sechs weitere Fahrgäste kontrolliert und kehrt wieder zu ihr zurück.

„Na, Muttchen, noch nicht fündig geworden?“ Oma Ida tritt der Angstschweiß auf die Stirn.

„Sie muss mir gestohlen worden sein! Oder habe ich sie irgendwo liegen gelassen?“

„Nun mal ganz ruhig. Wann haben Sie das gute Stück denn zuletzt in den Händen gehabt?“

Sie überlegt: Am Bahnhof war noch Zeit gewesen. Sie hat beim Lila-Bäcker eine Streuselschnecke für die Fahrt gekauft. Am Zeitungskiosk sah sie sich die neue „Wohnen im Grünen“ an, nahm sie jedoch nicht. Und danach? Ihr Blick fällt auf die Schokolinsen. Richtig, die hat sie auch noch gekauft. Mehr nicht. Der Zug kam und sie ist eingestiegen. Wo kann sie dann das Portemonnaie gelassen haben? Vielleicht in der Manteltasche. Oma Ida steht auf und krempelt die Manteltaschen um. Kein Portemonnaie. Sie sieht den Zugbegleiter ratlos an. Was nun?

„Haben Sie es vielleicht in den Koffer gelegt?“

„Koffer?“

Richtig. Sie reist ja heute mit Koffer. Aber warum sollte sie es dort hineingelegt haben? Höchstens in die kleine Klapptasche außen. Sie holt den Trolley unter der Bank hervor und überprüft das Klappfach. Sie findet noch ein dünnes Schaltuch und ihre Sonnenbrille, aber keine Geldbörse.

„Da sehe ich nur noch zwei Möglichkeiten“; sagt der Kontrolleur, „entweder ich nehme jetzt ihre Personalien auf und Sie erhalten dann Post von der Bahn mit der Aufforderung, den ausstehenden Fahrpreis zuzüglich Mahngebühr zu bezahlen, oder Sie steigen an der nächsten Station aus.“

„Oder! “, sagt Oma Ida. „Ich steige an der nächsten Station aus.“

„Na, gut. Angesichts des Tatbestandes, dass ihr Portemonnaie offensichtlich irgendwie verschwunden ist, will ich mal von einer Nachzahlgebühr für die bereits zurück gelegte Strecke absehen. Das nächste Mal kaufen Sie aber besser vorher die Fahrkarte.“

Sie verspricht es , hoch und heilig. Oma Ida ist noch einmal mit dem Schrecken davon gekommen. Hastig verstaut sie all ihre Habseligkeiten wieder in den Taschen und bereitet sich auf den Ausstieg vor. Bis zu ihrem eigentlichen Ziel ist es Gott sei Dank nicht mehr weit. Vielleicht findet sie ja jemanden, der sie per Anhalter mitnehmen kann. Oder sie ruft ihre Enkeltochter an, die sie dann mit dem Auto abholt. Alles besser, als Post von der Deutschen Bahn. Sie zieht ihren Mantel an, holt den Trolley unter dem Sitz vor, hängt sich die Handtasche über die Schulter und klemmt sich den Teddy unter den Arm. Auf dem Bahnsteig sieht sie sich nach einer Bank um. Sie muss alles in Ruhe noch einmal durchdenken. Der Teddy sieht sie mit seinen schwarzen Knopfaugen unbeteiligt an. Da wird ihr auf einmal ganz heiß. Sie weiß jetzt, wo ihr Portemonnaie ist.

„Du hättest es mir wirklich sagen können!“, herrscht sie den Teddy an.

Er hat in seinem Rücken eine kleine Reißverschlusstasche. In die kann man das Nachthemd oder den Schlafanzug stopfen oder aber eben auch, wie in ihrem Fall das Portemonnaie. Dass ihr das nicht wieder eingefallen war! Das Gedächtnis ist eben auch nicht mehr das, was es einmal war. Dafür hat sie 25,00 Euro gespart. Vielleicht, denn noch ist sie nicht am Ziel.

 

DER LETZTE COUP

Oma Ida ist noch oft mit dem Zug gefahren. Fortuna ist ihr gewogen, sodass die Deutsche Bahn kaum etwas an ihr verdient. Aber zu viel Glück kann wirken wie eine Droge. Man will immer mehr davon haben und immer öfter. Es verleitet zu Überschätzung und Leichtsinn. In Oma Idas Fall weckt es sogar eine gewisse kriminelle Energie. Sie geht prinzipiell ohne Fahrschein auf Reisen. Sie lernt viele schöne Gegenden, Städte und Orte kennen, schließt nette Reisebekanntschaften, lernt freundliche und hilfsbereite Zugbegleiter kennen und saubere Züge und Bahnhöfe. Sie erlebt aber auch alle Unbilden beim Fahren mit der Deutschen Bahn, Zugverspätungen, im Winter kalte und im Sommer überhitzte Abteile, Zugausfälle, Doppelbelegung von Sitzplatzreservierungen, genervtes Zugpersonal und unverständliche Durchsagen. Sie lernt auch viele Tricks, wie man Kontrollen der Fahrtausweise umgehen kann und nutzt sie schamlos. Ja, es bereitet ihr sogar ein gewisses Vergnügen, wenn sie wieder eine Fahrt ohne dazugehörenden gültigen Fahrtausweis absolviert hat. Sie glaubt, sie brauche diesen Nervenkitzel. Was gibt es sonst so Aufregendes in ihrem Alter? Einmal jedoch kommt der Zeitpunkt, wo der Krug nicht länger zu Wasser geht, sondern bricht.

Es ist ihre Schuld. Sie weiß es. Sie hat es übertrieben.

Auf der Fahrt von Hintertutzingen nach Oberscheußlich gerät sie mal wieder unvorbereitet in eine Fahrkartenkontrolle. Der Zugbegleiter überrascht sie mitten im Schlaf. Sie hat geglaubt, sich ein kleines Nickerchen so kurz nach der Abfahrt aus Hintertutzingen leisten zu können. Normalerweise werden die Fahrtausweise erst nach ein bis zwei Haltepunkten kontrolliert. In Bayern ist offensichtlich alles ein bisschen anders. Jetzt steht er also vor ihr und möchte ihr „Billettl“ sehen.

Er ist ein gut aussehender „Bub“, hat vielleicht gerade erst vor kurzem ausgelernt. Oma Ida hat eine Vision.

„Heinzelmann, was machst du denn hier“, strahlt sie ihn an. „ich wußte gar nicht, dass Du als Zugbegleiter arbeitest. Ich dachte, Du wärst Triebwagenführer.“

Die Umsitzenden blicken interessiert auf. Der junge Mann wird rot bis unter die Haarwurzeln.

„Was heißt hier Heinzelmann? Ich bin nicht Ihr Heinzelmann.“

„Ach, entschuldige Heinz. Natürlich. Du bist ja im Dienst. Da gehört es sich nicht, Dich beim Kosenamen zu nennen. Wie geht es Dir?“

„Das tut hier nichts zur Sache. Kann ich jetzt bitte Ihren Fahrtausweis sehen?“

„Wie komisch redest Du denn mit deiner Oma? Und was heißt hier Fahrtausweis. Hattest Du mir nicht eine Freifahrt versprochen, wenn ich das nächste Mal hier in Bayern bin?“

Einige Fahrgäste sind jetzt aufgestanden und hören aufmerksam zu.

„Hören Sie mal! Der Spaß ist jetzt zu Ende. Nix mit Oma und nix mit Freifahrtschein. Ihre Fahrkarte bitte.“

Er bleibt immer noch höflich. Die Zuschauer grinsen.

„Na, Franzl, ist `ne fesche Oma, die Du da hast. Brauchst du Hilfe?“

Er ignoriert die Spötter.

„Haben Sie nun einen Fahrschein oder nicht ?“, fragt er.

„Natürlich nicht. Wieso sagen die Leute Franzl zu Dir? Gefällt Dir Heinz nicht mehr?“

„Also, wenn Sie keinen Fahrtausweis haben, nehme ich jetzt Ihre Personalien auf. Kann ich Ihren Ausweis haben?“

„ Ausweis? Nichts kriegst Du. Geht man so mit seiner Oma um? Personalien. Hast Du vergessen, was ich alles für Dich getan habe? Und nun gönnst Du mir die Freifahrt nicht. Du hast sie mir versprochen!“

Der junge Zugbegleiter bekommt jetzt Unterstützung durch einen älteren Bahnbeamten.

„Ich rufe jetzt die Polizei. Bring sie bis zur Tür. Die sollen dann sehen, was sie mit ihr machen.“

Oma Ida sieht ein, dass sie den Bogen überspannt hat. Im bayerischen Hinterland kennt man sich. Dem Franzl seine Oma ist die Wirtin vom Bräustübel. Außerdem gelten Freifahrtscheine nur für Mitarbeiter der Deutschen Bahn, nicht für deren Angehörige. Aber Oma Ida kann nun nicht mehr zurück. Sie muss bei ihrer Geschichte bleiben. In ihrem Alter kann man schon mal ein bisschen durcheinander sein. Wie das wohl endet? Fortuna Ade!

Sie zetert noch ein Weilchen und brubbelt Unverständliches. Dann lässt sie sich ohne großen Widerstand aus dem Zug führen und von der Polizei in Gewahrsam nehmen.

Die Episode Freifahren ist damit ein für alle mal vorbei.



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