13.04.2011

Lebensspuren

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Lebensspuren

 

Große Pause. Peter Völkers, dessen Exfrau ihm gelegentlich wütend an den Kopf geworfen hatte, er sei bestimmt schon als Oberstudienrat zur Welt gekommen, saß im Lehrerzimmer, starrte in seine Kaffeetasse und wartete angespannt auf das Klingelzeichen. Das nervtötende Rasseln der alten Schulglocke löste nahezu regelmäßig einen Spontantinnitus bei ihm aus. Vor einiger Zeit hatte er die Lautstärke mit einem Schallpegelmessgerät persönlich ermittelt und dem Gesundheitsausschuss der Schule mitgeteilt. - Einhundertfünf Dezibel.- Aber wie so oft geschah nichts. Weder gab es ein neues Pausenzeichen, noch wurde eine Reduzierung der Lautstärke vorgenommen. Stattdessen reagierte die Leitung mit der sattsam bekannten Standardantwort: Man wolle sich bemühen, es sei ja bekannt, der Schulträger…bla, bla, bla.

 

Seufzend erhob er sich, die 10b wartete, eine Klasse, die er leidenschaftlich ablehnte, ja beinahe hasste. Pädagogisch zwar kein sehr korrektes Gefühl, aber ihm tat es gut. Er genoss seinen Hass sogar und genoss es, ihn zu genießen. Langsam erhob er sich, ergriff seine Tasche und machte sich auf den Weg. Wie ein Wolfsrudel lungerten die Schüler vor der verschlossenen Tür des Unterrichtsraumes. Sie hofften auf Beute, nur heute würden sie sich wundern. „Darf ich mal!“ Ruppig, aber nicht zu ruppig, bahnte er sich seinen Weg durch die Gruppe dampfender Leiber. Sie kamen vom Sport. Warum hatte immer er nach Sport bei ihnen Unterricht? Darüber musste er unbedingt mit dem Stundenplaner sprechen. Der Deo Gestank war unerträglich, süßlich, irgendwie billig, ein olfaktorischer Frontalangriff auf seine Nase. Auch ein Fall für den Gesundheitsausschuss.

 

Die Schüler lümmelten sich hinter ihren Tischen, während er seine Tasche auspackte. Rückgabe der Klassenarbeit, schlecht wie immer. Ein vielstimmiger Chor des Entsetzens, als er ihre geistigen Ergüsse auf sein Pult knallte. Oder war es eher geistiger Ausfluss? Ihm war es gleich. Warum sollten sie sich nicht gruseln, das hatte er auch gemusst, bei der Korrektur. Er lief durch die Reihen und warf ihnen die Hefte auf die Tische. Staub wirbelte auf, wenn sie im Licht der fahlen Morgensonne mit sattem Geräusch aufprallten. „Niklas, fünf, mit einem Minuszeichen von hier bis Ochtrup.“  Wohlig registrierte er tief in seinem Inneren Genugtuung.  Schon immer war er der Ansicht, dass es auch in Religion Fünfen geben müsse. Natürlich verteilte er Einsen, aber eben auch Fünfen, er hatte keine Skrupel, jemandem wegen Religion die Versetzung zu versauen. Schon gar nicht gegenüber diesem Niklas, dessen Schrift eine Zumutung war. Die Korrektur seiner Arbeit hatte ihn fast genauso viel Zeit gekostet wie die fünf anderer Schüler. Was er entziffern konnte, und neben Niklas stehend gönnte er sich in Gedanken, nur in Gedanken, diesen Ausdruck, war nichts anderes als „gequirlte Scheiße“. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Jetzt noch die mündliche Bewertung, auch hier würden sie sich wundern. Er gab Noten bekannt, er diskutierte nicht.  

Die folgende Dreiviertelstunde verging wie im Fluge. Zufrieden stellte er fest, dass sie schockiert waren. Endlich hörten sie mal zu, deshalb beschloss er, einen Vortrag zu halten. Er  sprach über die Theologie der Lebensfülle, die Sehnsucht nach dem Guten, Wahren und Schönen und kritisierte leidenschaftlich den Homo Oeconomicus. Es reiche einfach nicht, führte er warnend aus, den Menschen nur als seinen persönlichen Nutzen mehrendes Individuum zu betrachten. Er redete sich in Rage, zugleich in Begeisterung. So musste Unterricht sein, dachte er, ohne methodischen Firlefanz, geradeaus eben. Er liebte es, Schüler direkt mit der Fülle seiner Bildung zu konfrontieren. Wie er diesen Schnickschnack verabscheute, Lernspirale, Schnelllesemethode, Gruppenarbeit, das Gelesene erneut austauschen, den Klassenraum mit Kärtchen und Plakaten füllen, nein zumüllen, überall bunte Farben und Bilder, und am Ende in den Köpfen der Schüler nichts als gähnende Leere. Er hatte es satt, sie durch die PowerPoint – Präsentationen hampeln zu sehen, Zeuge haltlos ins Bild taumelnder Wörter und Buchstaben sein zu müssen, die beinahe symbolisch den Geisteszustand ihrer Autoren repräsentierten. Noch dazu kreischten oder quietschten die alphabetischen Zeichen, wenn sie mit einem Mouse Klick zum Auftritt befohlen wurden, um sich schließlich bestenfalls zu Halbwissen, häufiger noch zu unglaublichem Unsinn zusammenzufügen.

 

Da er mit der Kritik am Homo Oeconomicus nun schon mal grundsätzlich geworden war, ließ er sich auch noch über die Schule aus. Man müsse endlich aufräumen mit dem Missverständnis, sie sei umso besser, je mehr Computer oder Active-Boards sie ihr Eigen nenne, dozierte er kraftvoll. Nicht der sei gebildet, der die Computer dieser Welt bedienen könne, nein, es gehe immer noch um eigenständiges Denken.  Erst die zunehmende Unruhe im Klassenzimmer ließ ihn spüren, dass die Stunde vorbei sein musste. Abrupt brach er ab und ließ sich auf den Stuhl hinter das Pult sinken. Während er seinen Schülern beim Verlassen des Raumes zusah, spürte er Erschöpfung. Hatte er sie erreicht? Er wusste es nicht, denn in ihre Köpfe konnte er schließlich nicht hineinsehen. Aber eins wusste er, für heute war es sein letzter Unterricht. Zum Glück.

 

Wie immer ging er grußlos. Am Fahrradständer schloss er in Gedanken sein Rad auf, es fiel ihm längst nicht mehr so leicht, schwungvoll aufzusteigen. Dreißig Jahre Unterricht waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Er hörte schlecht, sein Rücken machte Probleme und er war sarkastisch geworden, jawohl sarkastisch. Aber wie sollte man sonst den Alltag überstehen? Als er Zuhause die Tür aufschloss, gierte sein Körper bereits trotz der frühen Stunde nach Erholung. Es ging nichts über ein anständiges Lehrerkoma, und dann in den Garten, sein Ein und Alles. Die Pflanzen brauchten seine ganze Aufmerksamkeit. Während  des Mittagsschlafes träumte er, seine Schule, inzwischen ein Bildungsunternehmen, habe belastbare Zahlen vorzulegen, andernfalls werde sie geschlossen. Sein Chef verlangte von ihm bessere Abschlüsse, er müsse Evaluation betreiben, Lernprozesse nur noch moderieren, nicht mehr im klassischen Sinne unterrichten. Und er? Er schmiss einfach hin, zum Moderator sei er nicht geschaffen, brüllte er seinen Chef an, beschimpfte ihn als männliche Wissenshure, keiner wirklichen Bildung zugänglich. Er werfe sich jedem neuen Trend an den Hals, tue für bessere Zahlen einfach alles. Dann wurde er wach. Zu seiner Verwunderung stellte er fest, dass der Traum ihn nicht mal erschreckt hatte, im Gegenteil, er spürte sogar ein Gefühl der Befriedigung.

 

Sich noch einmal streckend, erhob er sich von der Couch, öffnete ächzend die große Schiebetür zur Terrasse und betrat seinen Garten. Versonnen stand er vor dem alten Apfelbaum, der eine wunderbare Symbiose mit der Ramblerrose eingegangen war. Schon jetzt freute er sich darauf, zur Blüte den Merlot zu öffnen. Langsam, ganz langsam und stilvoll würde er sich unter dem Baum und seiner sich lustvoll um ihn windenden Ranke betrinken. Beinahe beneidete er die Pflanzen ob ihrer gegenseitigen Nähe. Liebevoll betrachtete er die kleine Sitzgruppe, ein Naturholztisch und zwei Korbstühle. Das Material war schon lange ergraut, sommers wie winters der Witterung ausgesetzt, aber dennoch trotzten die Möbel den Kräften der Natur. Bei ihm war der Trotz hingegen nahezu aufgebraucht. Die Metamorphose der Schule zu einer Wissensfabrik hatte ihm jede Motivation geraubt und die neue neoliberale Witterung bei ihm nicht nur äußere Spuren hinterlassen. Sein Feuer war erloschen. Dabei hatte er für den Lehrerberuf mal gebrannt.

 

Spät abends setzte er sich wieder ans Korrigieren, diesmal die Deutscharbeit der sechsten Klasse. Ein Glas Cognac gab ihm Halt, fast heiter schlug er das erste Heft auf. Sophie, sie schrieb Seite um Seite, Buchstabe um Buchstabe, absurd groß malend, alle fielen sie ein bisschen nach links und zwischen jeden Absatz hatte sie ein buntes, kitschiges Herz gemalt. Was er las, war flach. Schon nach den ersten Zeilen wusste er, eine Fünf, trotz der Herzchen. Nachdem er einige Aufsätze bearbeitet hatte, erwog er für einen Augenblick seine Mutter anzurufen, aber sie würde doch nur nach seiner Ex fragen. Das wollte er sich nicht schon wieder antun. Lieber weiterkorrigieren. Als er das nächste Heft aufschlug und ihn das tintenfleckgesprenkelte Gekritzel von Dennis entgegen sprang, verging ihm jedoch die Lust. Lieber wollte er sich einen weiteren Cognac gönnen, diesmal den guten. Er hatte ihn gekauft, nachdem seine Frau endlich ausgezogen war. Als er die Flasche aus dem Schrank holte, war er überrascht, wie wenig von dem edlen Tropfen noch übrig war. Dennoch goss er sich ein Glas ein. Den ersten Schluck wusste er zu zelebrieren, eine Weile behielt er ihn im Mund, spürte das würzig-fruchtige Aroma. Dann trank er schneller, goss noch einmal nach und noch einmal und noch einmal. Nicht mehr der Geschmack war entscheidend, ihm ging es um die Wirkung des Alkohols. Schnell breitete sich ein Taubheitsgefühl in seinem Körper aus, das Denken fiel ihm schwerer, das selige Vergessen konnte beginnen.

 

Am nächsten Morgen vermochte er sich im Spiegel kaum zu erkennen, daran änderten auch Dusche und Rasur nicht viel. Er kochte sich einen Kaffee und nahm eine Tablette gegen den Kopfschmerz, irgendwie musste er sich in Form bringen. Im Wohnzimmer schlug sanft die alte Standuhr. Vor Jahren hatte er sie gegen den Widerstand seiner Frau auf einem Flohmarkt erstanden. Schon viertel vor acht, es wurde Zeit. Welche Stunden hatte er heute? Zwei Mal Deutsch und vier Stunden Religion. Schnell die Tasche packen, den Schlips gerade rücken und aufs Rad. Vielleicht tat ihm die frische Luft gut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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