14.02.2017

Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

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Es ist später Abend. Mengen von Menschen strömen rein und raus. Kalte Luft bläst von draußen hinein. Überall fröhliche Gesichter und lachende Stimmen. Es wirkt wie ein grelles Licht für ihn. Er ist nicht angewidert, dennoch kann er nicht den Lebensgeist dieser Menschen teilen. Hinter all dem Licht sind dunkle Kinosäle. Dreck und Müll auf dem Boden verteilt. Er fühlt sich hier zwar nicht wohl, ist aber trotzdem davon überzeugt, dass er hier hingehört. Die glücklichen Stimmen kommen näher und er muss sich beeilen, sich und den Müll schnell aus dem Saal zu bekommen. Vor lauter Panik diesem einfachen Job nicht gerecht zu werden, fängt er an unaufmerksam zu arbeiten. Es war zu spät. Die Besucher kamen hinein. Aus ihrem Lächeln wurde ein Lachen und sie traten immer näher an ihn heran. “Riggan, die Putzfrau, he? Leg mal n Zahn zu du Taugenichts”, sagte einer der Männer und warf den Anderen ein arrogantes Lächeln zu. Er, Riggan, hätte diesen Mann aus dem Kino werfen können, doch in seinem Selbsthass konnte er nicht die Kraft aufbringen, etwas zu sagen. Er wusste genau, was der Mann meinte und er wusste genau, das es wahr war. Er ist ein Nichtsnutz und würden nicht ein paar Leute gelegentlich seinen Namen auf seinem Schild sehen, dann würde ihn womöglich niemand auch nur vom Namen her kennen. Riggan machte diesen Job erst seit einigen Wochen. Davor war er anders beschäftigt, doch eines war er schon seit sehr langer Zeit. Austauschbar. Er selbst hatte keinen Wert, nur seine Leistung als Aushilfe oder Putzfrau oder welchen Job er auch immer zu erledigen hatte. Es wurde allmählig sehr spät und seine Schicht war zuende. Da er niemanden hatte, zu dem er hätte gehen können, beschloss er, anders als an allen anderen Tagen, noch ein wenig durch die Straßen zu gehen. Seine Wohnung liegt in Brooklyn und das Kino in dem er arbeitet in Manhattan. Da er selbst keinen Gefallen an sich selbst und seiner kleinen Wohnung hatte, mochte er es anderen Menschen bei ihrem Glück zuzusehen. So ging er also in Richtung der Piere durch den Central Park, in der Hoffnung die Glückseligkeit anderer Leute aufzusaugen und so einen weiteren Tag zu überstehen. Völlig ungeachtet der Zeit erwartete Riggan viele Menschen im Park, doch zu seiner Enttäuschung traf er nur herumirrende Betrunkene, Penner und einzelne in Dunkelheit umhüllte Gestalten. So hatte er sich das nicht vorgestellt und er verlor all seine Hoffnung. Welchen Zweck erfüllt er in dieser Haut, fragte er sich und zweifelte wie schon viele Tage davor die Bedeutung des Lebens an. Fast versunken in seinem Hass und seiner Scham verschwamm seine Umgebung und alles wurde dunkler. Keine Geräusche mehr, kein Umrisse und kein Gefühl. Alles verschwand. Nur noch Dunkelheit. Obwohl er Dunkelheit und Einsamkeit gewöhnt war, kam ihm diese wohl neu vor und aus reiner Neugier holte er wieder Kraft hervor hinzusehen. Vor ihm stand eine Figur. Anders als er selbst, war sie kräftig gebaut und trug eine Maske. “Riggan, sieh her! Öffne die Augen, höre hin!” lautete es hallend von ihr. Riggan hatte nie zuvor so etwas gesehen und dennoch fürchtete er sich nicht. Ganz ohne seinen Wille, begann er hinzusehen und hinzuhören, genau so wie es ihm gesagt wurde. “Du siehst, du hörst, doch du erkennst nicht. Du verstehst nicht! Mache dich frei von deinem Umhang! Er lässt nicht zu, dass du verstehst, er offenbart nicht, wer du bist!”. Wieder und wieder versuchte Riggan diesen Worten zu folgen, doch was er auch tat, er konnte daraus nicht schlau werden. “Was geschieht hier, was meint er?”, fragte er nervös. Nach einer Pause stechenden Schweigens sagte es: “Wer du bist, entscheidest du. Nicht jene Personen die du niemals sein kannst, können dir sagen, wer du bist, sondern jene Personen, die du sein willst!” Es kannte Riggan genau und warf schnell ein: “Geh! Geh los und stoppe nicht, wenn du da bist. Gehe weiter! Übersteige deine kühnsten Vorstellungen und überschreite jede Grenze! Befreie dich von deinem Umhang, deiner Hülle, die dich nach unten zieht, denn sie ist der Hass der dich selbst in Dunkelheit wiegt!” Auf einmal wurde alles klar, die Geräsuche kamen wieder, es war wieder bitter kalt und ein grelles Licht blendete ihn. Er befand sich nicht mehr im Central Park. Vor ihm war ein großes Schild mit der Aufschrift “When we talk about love and hate - Vorpemiere”. Riggan beschleicht immer noch große Unklarheit zu dem, was er eben gehört hat und passt nicht auf, was um ihn rum passiert. Ohne nachzudenken geht er in das Theater und setzt sich in den Saal. Außer ihm scheint dort keiner zu sein, außer ein paar Leute, welche ganz vorne unverständliche Dialoge sprechen. “Steh auf! Komm her! Du bist Herr deiner eigenen Größe!” klang es von Vorne. Riggan wollte meinen dies wäre nicht, was die Leute gesagt hätten, dennoch lässt er sich von einer neuen unbekannten Spontanität leiten und geht nach vorne. Er springt in den Dialog mit ein und fängt an nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem ganzen Körper zu arbeiten. Er ertappt sich dabei, wie aus ihm ein tiefes Lächeln hervorkommt. Ein schriller Stich in seinem Ohr, es schmerzt. Plötzlich verschwimmt sein Bild des Glücks und er findet sich auf einer Bühne wieder. Die Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet und die Menschen, entpuppten sich als Schauspieler. Sie gucken ihn verdutzt an, während das vermeintlich leere Publikum auf einmal anfängt zu klatschen, ohne Pause. An diesem Punkt erkennt Riggan, was die Figur im Park meinte. Das blendende Licht der Scheinwerfer wirkte wie ein Spiegel und Riggan sah in diesem Bild nicht sich selbst, sondern die Figur von vorhin. Es war ein Vogelartiger Mensch. Ein Mensch der Riggan zum Einen genau gleichte aber zum Anderen eine absolute Diskrepanz darstellte. Nun kam es von der einen Erkenntnis zur Anderen und Riggans gesamtes Bild vom Leben wurde von einem dunklen verschwommenen Fleck zur klaren, scharfen Vision. Er verlor seine Angst gegenüber dem Vogelmann und speiste Mut aus seinem Selbsthass. Dieser plötzliche Mut stieß ihn zurück ins Geschehen und seine neue Kraft, die Kraft des Vogelmanns brachte ihn dazu, sich vor dem applaudierenden Publikum zu verbeugen, den Akteuren die Hand zu schütteln und hinter den Kulissen zu verschwinden. Es war ihm nun völlig gleich, was als nächstes passieren würde, denn er verstand jetzt, was er selbst vor sich immer verborgen hatte. Was sein Umhang des Hasses ihm immer verwehrt hatte. Es war ihm egal, wer ihm nun sagte, er könne nicht mehr sein, als er es bisher je war, denn er hatte nun den Mut nach dem zu Streben, was ihm seither immer verborgen war.

Seine improvisierte Darbietung auf einer Bühne des Broadways von New York brachte viel Aufsehen und Bewunderung ihm und dem Theater ein und durch seinen Mut zur Überzeugung wurde er nach dieser Aufführung weltweit bekannt als Birdman, ein fiktiver Charakter, welcher sich in seinen neuen Stücken immer wieder als tiefer philosophischer und übergeordneter Held erwies.



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