08.10.2011

Das TWITTERium

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Ich kann mich nicht mehr entsinnen, wie das Lachen mein Innerstes berühren vermochte, als ich noch zutage den Keller für wenige Stunde verließ.
Es war der helle Schein, der mich anzog. Er war wie das Versprechen des Sonnenlichts, dass mir irgendwie ein Stück Erinnerung zurückgeben wollte.
Ich war schon auf unzähligen Seiten gewesen,
um zu Suchen - nach was?
Sucht nicht jeder irgendwas? Das Glück, die Anerkennung, den Anschluss am Leben, das Gefühl nicht allein zu sein, das innere Lächeln?
Zig Milliarden Menschen über endlose Datenleitungen verbunden und ich war immer im Irgendwo dazwischen, wo kein einzelnes Bit jemals einen anderen
Adressaten fand, als mich selbst. Ich hab mir wohl in den letzten Jahren mehr Selbstgespräche per Mail zugeführt, als manch so ein Big-Player, Medien-Konzern oder sonst was!
Jeden Tag flogen mir die unterschiedlichsten Mails hinzu.
Die Realität mit der Virtualität absprechen; sie ignorieren, sie komplett verneinen!
Falls irgendwann mal jemand mein Mail-Fach durchblättern sollte, war ich vorbereitet. Ich würde nicht auffallen, so wie ich in meiner kompletten
Umgebung - meiner kleinen Welt - nicht wirklich wahrgenommen wurde.
Der immer Freundliche, der immer gut Gelaunte, der rund um mit sich und der Welt zufrieden zu sein scheint.
Da fragt man doch nicht, wie es einem geht?
Und selbst wenn, hatte diese Frage nur den Wert eines Lückenfüllers zwischen weiteren Belanglosigkeiten!

 

 

Nun sitz ich hier vor dem vielversprechend blinkenden, hoffenden Pixelhaufen und was mach ich? Ich zweifel darüber, ob hinter dem kleinen
Feld "Sign In" nur ein großes Meer mit Wellen aus Nichts wartet. Ich werde unter einer dieser Wellen verschwinden, einen letzten Atemzug von mir geben und dann
ertrinken. Es wird kein Schiff da sein, was mich retten könnte. Dergleichen wird auch kein einziges Land am Horizont auftauchen, um auch nur einen Moment der
Hoffnung zu schenken.

Twitter ich frage dich: "Soll ich oder soll ich nicht?"

 

Erst einmal zünde ich mir eine Zigarette an, sowie ich es immer mach, wenn mein letztes Häuflein Mut zu zittern beginnt und zwischen einem Herzschlag zum Nächsten gefühlte

Ewigkeiten vergehen wollen.

Ich inspiziere in detektivischer Kleinarbeit; suche nach Neuigkeiten im großen Datenstrom, die mir auch nur ansatzweise helfen könnten, dass ich nicht auf die Maustaste

drücke, um mich bei diesem Twitterium anzumelden.

Twitter scheint hier und da Probleme mit seinem Modell zu haben, da es viel weniger Nutzer hat, als ich es erwartete. Na geht doch!

Der erleichterte Ausstoß rauchenden Qualms vernebelt für kurze Zeit das blinkende Etwas - aber nur für Sekunden.

Es blinkt weiterhin.

Das Nikotin schmeckt mir nicht mehr. Warum hat sich die komplette Seite nicht gleich mit dem Nebel in Luft aufgelöst?

Warum quält mich nun die Frage, ob ich es doch nicht versuchen sollte?

Abwägen ist angesagt. Abwägen ist immer gut, da man bei der ganzen Gewichterei mit rationalen Argumenten nicht über Gefühle sprechen braucht!

Also fang ich mal genau damit an."Was habe ich zu verlieren?"

Sofort schießt mir die pistolenkugelschnelle Antwort durch den Kopf:"Nichts!"

Hmm o.k., dann halt mit der Negation:"Was habe ich nicht zu verlieren?"

Ich habe nicht die Freude zu verlieren, da ich keine Freude besitze!

Mist, jetzt entgleisen mir doch schon wieder die Gefühle. Ich wollte doch mit rationalem Kalkül vorgehen - und nun das!

Ich brauch eine weitere Zigarette, um meinen Nerven Herr zu werden.

 

 

Ich führe die Hand mit dem Glimmstängel in der Art, dass ich nicht direkt auf das Blinken schauen muss!
Aber mir ist klar, dass es immer noch auf mich wartet.

"Etwas wartet auf dich!", stelle ich schmunzelnd fest.
Es hat keine Vorurteile, es stellt keine Urteile, es wartet einfach!
Ich senke die Hand und mein Blick pendelt zwischen der Maus und der Bildschirmanzeige hin und her.
MOMENT MAL. WAS WAR DENN DAS?
Sowie der rückwärtsblätternde Leser eines Buches nach einer bestimmten Textstelle sucht, spule ich kurzfristige einen Moment zurück und blick mit meinen leicht, durch qualm gereizten und tränenden Augen
auf einen kleinen Schwarz-Weiß-Film, in dem ich die Hauptrolle habe. Ich sitze vor einem PC und da blinkt was . Irgendwo da muss es sein. Ja ich sehe die Stelle nun genau, wo ich anfing
zu schmunzeln!
Immer wieder von vorne leuchtet der Film vor meinen Augen ab.
Mehr und mehr ziehen sich meine Mundwinkelspitzen nach oben.
Ich kann nichts dagegen unternehmen.
Und auf einmal schreit es aus mir heraus!

 

Ich lache durch ein Tränenmeer hindurch und die kalten, weißen Wände um mich herum, scheinen sich
zu erwärmen. Ich fühle eine Erinnerung; ich sehe, rieche und schmecke sie zwischen dem salzig, süßen
Geschmack warmer Tränen auf meiner Unterlippe.
In diesem kurzen Moment wird mir klar, dass das Twitterium mir selbstlos und ohne es zu Verlangen
meinen sehnlichsten Wunsch erfüllte.


Ich hole ein letztes Mal tief Luft und springe in das besagte Meer.
Da sind keine Wellen! Das hellklare, blauwarme Nass wiegt mich sachte hin und her. Ich spiegel mich an seiner Oberfläche und sehe zum ersten Mal meinem eigenen Lächeln in die Augen.
Als ich meinen Blick weiter zum Horizont führe, sehe ich unendliche viele weitere lächelnde Menschen um mich herumschwimmen - es ist ein Willkommenslächeln.
Kurzfristig erkenn ich am Horizont wieder ein blinkendes Etwas - ein Leuchtturm am gesteinigen Gestade einer mir unbekannten Insel. Der pulsierende Schein erinnert mich an was.


Danke!

 

 

HarryKlopperson 10/2011



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