08.09.2017

Carmen im Regen

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CARMEN im REGEN

 

Auf in den Kampf, Torero!

Stolz in der Brust, siegesbewusst ...“

 

Wer in meiner Altersgruppe hat nicht schon einmal diese eingängige Melodie geschmettert, wenngleich vielleicht auch mit einem anderen Text.

Welchem Sänger ist dabei bewusst gewesen, dass es sich hierbei um den Beginn einer Arie aus der Oper „Carmen“ handelt, dem wohl bekanntesten und berühmtesten Werk des französischen Komponisten Georges Bizet.

Wenn der Name „Carmen“ in der Erinnerung etwas auslöst, dann erscheint mit Sicherheit das Vollblutweib im Hinterkopf, die rassige, Schwarzhaarige, die erst den Sergeanten verführt, ihn um den Verstand und seine Ehre bringt, um sich im nächsten Augenblick dem siegreichen Matador in die Arme zu werfen. Natürlich nimmt das kein glückliches Ende.

„Carmen“, eine Oper voller Leidenschaft und Dramatik und beinahe zeitlos in ihrer Aussage. Dazu eine bewegende, temperamentvolle, mitreißende Musik.

Schon immer wollte ich sie noch einmal auf der Bühne sehen und hören.

Wie konnte ich da der Verlockung widerstehen, zu den Bregenzer Festspielen nach Österreich zu fahren, wo in diesem Jahr die Oper auf der Seebühne am Bodensee zu erleben ist. Open Air, versteht sich.

Meine Tochter war sofort begeistert von der Idee und auch unsere Männer sagten spontan zu. Gemeinsam suchten und fanden wir ein Reisebusunternehmen, das dieses Highlight im Rahmen einer Kurzreise anbot. Wir buchten, noch bevor der Sommer sein kühles, tränenreiches Gesicht zeigte, und hofften, dass Petrus uns gewogen sei. Inzwischen informierten wir uns vorab schon mal über die örtlichen Gegebenheiten und die Veranstaltungsstätte.

„Die erste Bregenzer Festwoche fand schon 1946 auf zwei Kieskähnen statt,“ entnahmen wir einem Opernreiseführer. „Sie war zwar eine Notlösung, da Bregenz kein Theater hatte, aber bereits ein voller Erfolg...Heute ist sie die größte Seebühne weltweit. Tausende Musikliebhaber...beeindruckt nicht nur das spektakuläre Bühnenbild und die wunderbare Musik – für das besondere Ambiente sorgt die natürliche Kulisse des Bodensees und seine malerischen Sonnenuntergänge.“

In diesen Genuss würden wir wohl leider nicht kommen. Anfang August nahm uns die Wettervorhersage den Glauben an Petrus`s Gunst, denn ausgerechnet für den Tag der Opernaufführung waren für die Stadt Bregenz und Umgebung dicke Regenwolken angekündigt.

Aber, wie man so schön sagt: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern...“

Der Anreisetag führte uns bei heiterem Himmel über Nürnberg und Ulm in das „Hotel zum Lamm“ in Bregenz. In Ulm musste der Fahrer eine längere Pause einlegen und wir hatten Gelegenheit, das imposante Bauwerk des Ulmer Münsters zu bewundern. Sein Kirchturm ragt 161 Meter in die Höhe und ist begehbar. Leider, oder auch Gott sei Dank, reichte die eine Stunde Freizeit nicht, die 768 Stufen zu erklimmen, um die zweifellos schöne Aussicht von oben zu genießen.

Bregenz erreichten wir in den frühen Abendstunden bei leicht bewölktem Himmel.

Da waren wir noch voller Hoffnung.

Am nächsten Morgen hatte sich Klärchen bereits hinter grauen Wolken versteckt. Die Stadtführung durch Bregenz bis hinauf zum Martinsturm, verleitete nicht zu gemächlichem Spaziergang, denn leichter Nieselregen und ein ungemütlicher Wind trieben uns voran. Als wir das Wahrzeichen der Stadt gerade erreicht hatten, begann es zu schütten und so eilten wir willig in die Martinskapelle, um die aus dem 14./15.Jahrhundert stammenden, teilweise kaum zu erkennenden Fresken zu bewundern. Glücklicherweise war unterdessen der Schauer in einen erträglichen Regen übergegangen, aber der steile Abstieg auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster forderte unsere ganze Aufmerksamkeit. Die Stadtführerin erwies sich als wetterfest und gab uns unverdrossen wichtige Hinweise auf die Geschichte, die wirtschaftliche Entwicklung und weitere Sehenswürdigkeiten, die uns jedoch nur bedingt erreichten.

Endlich wieder am Bus angekommen, tröstete uns die Reisebegleiterin des Busunternehmens mit der Aussicht auf eine Fahrt in die Berge zu einer namhaften Schnapsbrennerei. Die kaum drei Meter breite, einspurige Straße wand sich wacker den Berg hinauf und wir beteten, dass uns kein anderes Fahrzeug entgegenkommen möge.

Der Chef der Schaubrennerei und Imkerei empfing uns wohl gelaunt. Wir wurden in die Feinheiten der Schnapsbrennerei eingeweiht und probierten den vorzüglichen Marillenbrand, die Spezialität des Hauses. Aber auch andere Brände, ein breites Sortiment bäuerlicher Spezialitäten und Massageprodukte durften probiert und natürlich gekauft werden. Mit Prospekten und Einkaufstüten beladen und leicht angeheitert, fiel die Rückfahrt wesentlich unbeschwerter aus.

Der Regen hatte auch nachgelassen und ein Fünkchen Hoffnung keimte auf, „Carmen“ doch noch im Trockenen zu erleben.

Für den Nachmittag stand eine Führung hinter die Kulissen der Seebühne auf dem Programm. Darauf freuten wir uns sehr, denn die Fotos und Prospekte der Seebühne und der Kulissen waren spektakulär. Wir hatten durch Zufall im Fernsehen bereits eine Reportage darüber gesehen. Die Zuschauertribüne bietet 6800 Gästen Platz. Man könnte sich glatt in einem Fußballstadion wähnen. Das hatte uns veranlasst, die Übertragung der Premiere vorab im Fernsehen zu verfolgen, denn, wer weiß, was man von den Vorgängen auf der Bühne von den obersten Rängen aus noch erkennen würde. Dass wir weder VIP- noch Logenplätze belegen würden, war uns vollkommen klar.

Auf alle Fälle müssten wir ein Fernglas mitnehmen. Die Übertragung der Premiere ermöglichte uns darüber hinaus, auch den Künstlern einmal näher kommen und ihnen ins Gesicht sehen zu können. „Carmen“ war auch auf der Bühne eine wahre Schönheit mit einer großartigen Stimme. Die einzigartige Gestaltung der Kulissen zu bewundern und ihre Wirkung im Operngeschehen wahrzunehmen, ist jedoch nur vor Ort möglich.

„Habt Ihr Euch auch die Premiere im Fernsehen angesehen?“, fragten wir unsere Kinder. „Nein, ging leider nicht. Wir hatten Gäste. Aber auf alle Fälle haben wir die Operngläser dabei.“

Wir trafen uns unter dem offenen Stahlgerüst, das die Tribünenplätze der Ränge E,F,G und H trägt und den leichten Regen ein wenig auffing. Nachdem unsere Reisegruppe geteilt wurde, folgten wir einem netten jungen Mann, Student der Kunst- und Theaterwissenschaften, ins Innere des angrenzenden Festspielhauses.

„Ich begleite Sie jetzt zum Fahrstuhl, den Sie in der zweiten Etage bitte wieder verlassen. Wer sich in der Lage fühlt, die Treppen bis in die zweite Etage zu steigen, kann mir bitte folgen.“

Sehr höflich, der junge Mann. Wir nahmen die Treppe und gelangten über einen schmalen Gang in die überdachte VIP-Lounge. Von hier aus blickt man direkt auf die Mitte der imposanten Bühnenkonstruktion.

„Gemeinsam mit dem Regisseur Kasper Holten entwarf die britische Bühnenbildnerin Es Devlin ein ausgefallenes Bühnenbild für die Bregenzer Festspiele. Sie ist eine rennomierte Bühnenbildnerin und hat schon Räume für Theaterhäuser wie das Londoner Royal Opernhaus oder die New Yorker Metropolitan Opera entworfen. Die Gestaltung der Seebühne war jedoch auch für sie eine Herausforderung. Wie Sie sehen, ragen rechts und links zwei kräftige Unterarme aus dem See. Sie ziert eine leichte Tätowierung rankender Rosen. Ihre „Haut“ ist nicht ganz rein.Auch die knallig rot lackierten Fingernägel sind nicht makellos. Das hat seinen Grund, denn Sie sehen hier die Arme einer Arbeiterin,“ erklärt unser Führer. „Carmen ist nicht wie im Original zu Zeiten Bizets eine Zigeunerin. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Unsere Carmen ist eine Waise und arbeitet in einer Zigarettenfabrik.“

„Ach, so! Jetzt verstehe ich auch, warum diese naturgetreuen, wenn auch überdimensionierten Gliedmaße eine Zigarette zwischen den grazil gespreizten Fingern halten,“ flüsterte ich meiner Tochter zu.

„Genau“, antwortete sie, „aber was sollen diese riesigen Tafeln zwischen ihren Händen?“

„Die Bühne selbst ist wie ein, beim Mischen in der Luft zerfallenes, Kartenspiel gestaltet und veranschaulicht den Zeitvertreib der Wachsoldaten der ansässigen Garnison. Sie ist in drei Ebenen gegliedert: Die mittlere Ebene ist die eigentliche Bühne und wird durch mehrere quer, aber versetzt übereinanderliegende Spielkarten gebildet, die zudem leicht zum Wasser hin abfallen. Davor befindet sich der untere Bühnenteil direkt über dem Wasser. Er ist ähnlich gestaltet, aber die sogenannten Gitterkarten sind rau und rutschfest. Der gesamte Bereich kann je nach Wasserstand bis zu einem Meter abgesenkt werden. Den Bühnenhintergrund bilden die scheinbar beweglich in der Luft hängenden Spielkarten, die zugleich die gebirgige Gegend widerspiegeln sollen, in der ein Teil der Oper spielt.“

„Tolle Technik“, sagte mein Mann. Mein Schwiegersohn war auch sehr beeindruckt und sogleich fachsimpelten beide,wie das wohl funktionieren mag.

„Bevor wir jetzt nach unten und über einen Steg hinter die Kulissen gehen, darf ich Sie bitten, noch einen Blick in den Festsaal zu werfen, denn hier spielt das Orchester, die Wiener Symphoniker. Auch der Chor ist hier untergebracht. Auf der Seebühne wäre dafür nicht genug Platz . Außerdem vertragen die empfindlichen Instrumente keine Feuchtigkeit.“

„Die Wiener Symphoniker waren auch schon bei der ersten Aufführung auf den provisorischen Kieskähnen dabei,“ flüsterte ich meinem Mann zu. „Woher willst Du das wissen,“ fragte er. „Das stand in dem Opernreiseführer.“

Der junge Mann eilte unterdes voran zum Fahrstuhl, denn es ging in den „Keller“. Wir waren erstaunt, hinter einer zweiflügeligen Tür einen großen Konzertsaal vorzufinden, auf dessen Bühne die Notenständer für das Orchester und das Podest für den Dirigenten bereits in Position gebracht waren.

„In diesem Saal haben 1500 Personen Platz. Er dient als Ausweichspielstätte, wenn eine Vorstellung wegen Gewitters oder Sturm abgesagt werden muss. Zum Glück ist das in diesem Jahr noch nicht passiert.“

„Da werden wohl nur die VIP´s und die besseren Ränge in den Genuss der Veranstaltung kommen“, flüsterte meine Tochter, aber unser junger Führer hatte es trotzdem gehört.

„Eine Karte in der VIP-Lounge kostet zwischen 325 und 345 Euro, ein Premium-Ticket zwischen 250 und 350 Euro. Da ist es verständlich, dass man diesen Gästen die Möglichkeit einräumt, die Oper auch bei schlechtesten Wetterbedingungen zu erleben.

Alle anderen Gäste bekommen den entsprechenden Kartenwert rückerstattet oder können auf einen späteren Termin umbuchen.“

Das ist ein echtes Entgegenkommen. Uns wäre es aber doch lieber, die Vorstellung würde nicht ins Wasser fallen – im wahrsten Sinne des Wortes.

„Regen und Wind sind jedoch kein Hinderungsgrund für eine Aufführung. Wasser spielt ohnehin eine große Rolle auf der Seebühne und ist fester Bestandteil der Handlung.“

Ja, das hatte ich schon bei der Premierenübertragung im Fernsehen gesehen als der Tanz der Zigeunerinnen, nein falsch, der Schmugglerinnen auf den Karten der unteren Bühne stattfand und die Tänzerinnen sich teils bis zu den Hüften im Wasser bewegten.

Ein überraschendes, aber sehr eindrucksvolles Bild.

Inzwischen waren wir über schmale Holzstege hinter die Seebühne gelangt. Vorbei an etlichen Baracken mit Aufschriften wie Teeküche, Umkleide, Maske, Geräte oder Technik standen wir mit einem Mal hinter den Spielkarten und den langen Armen Carmens. Gewaltige Stahlträger ragten vor uns auf. An ihnen waren die von Metallrahmen gehaltenen Spielkarten fest verankert. Faustdicke Kabel gingen hinauf bis in den letzten Winkel. Die Arme waren von innen hohl. Metallische Leitern führten bis in die Fingergelenke. Über die aufrechte Karte in Carmens linker Hand führte eine Leiter zu einer Brückenkonstruktion, an der weitere Spielkarten befestigt waren. Erst jetzt konnten wir die Größe und Stabilität der Bühnenaufbauten ermessen. Es verschlug uns die Sprache.

„Kannst Du irgendwo ein Scharnier oder Kugellager entdecken mit dem die Karten gedreht werden?“, fragte ich meinen Mann. „Nein“, antwortete er. „Es sieht eher aus,als sei alles fest und stabil miteinander verbunden.“

„Aber in der Fernsehaufführung drehten sich die Karten doch. Anfangs waren sie bis auf zwei alle nur mit der Rückseite zu sehen und dann, mitten im Spiel erschien auf einer Karte die Herzdame und auf einer anderen der Kreuzbube. Und später wechselten auch andere Karten noch das Bild. Man sah doch, wie die Karten sich drehten.“

Wieder hatte der aufmerksame Theaterführer unsere Diskussion gehört. Das Thema beschäftigte auch andere Mitreisende. Er bat um Aufmerksamkeit und erklärte dann: „Das Bühnenbild umfasst 59 Spielkarten. Wie Sie sehen, sind sie von beachtlicher Größe. Jede Karte umfasst etwa 30 Quadratmeter und wiegt circa zweieinhalb Tonnen. Es bräuchte die Kräfte eines Riesen, wenn man sie umdrehen wollte. Sie haben nur auf einer Seite ein Muster in zarten Beigetönen auf weißem Grund, so wie eben die Rückseite einer Spielkarte sein kann. Während der Vorstellung werden die Karten zu Projektionsflächen, die per Video zum Leben erwachen. Das war eine Idee der Bühnenbildnerin Es Devlin. Die Umsetzung wurde in einem Londoner Studio entwickelt und wird digital nach Bregenz übermittelt. Dazu mussten wir uns eine spezielle technische Ausstattung anschaffen. Nur zwei dieser Karten sind beweglich auf einer drehbaren Platte im Zentrum der Bühne platziert. Darüber hinaus war es nötig, die begehbaren Karten mit einem speziellen Schutzanstrich zu versehen damit sich die Darsteller darauf ungefährdet bewegen können. Sie können gern mal eine Karte anfassen. Dann fühlen Sie wie rau sie sind.“

„Das muss doch enorm teuer sein.“

„Ja, billig ist es nicht. Das Bühnenbild kostet insgesamt fast sieben Millionen Euro.“

„Dafür muss eine Frau aber lange stricken. Kein Wunder, dass die Eintrittspreise so hoch sind.“

Es war kein Schwabe, der das äußerte. Wir stimmten ihm zu. Trotzdem, es ist einfach grandios, was hier geschaffen wurde.

„Die sogenannten Flying-Cards haben noch eine weitere Funktion,“ fährt unser Führer fort, „sie dienen als Soundwände für Lautsprecher, die, wie auch in den Händen und Armen, hinter den Karten versteckt sind. Keine leichte Aufgabe für die Techniker, denn die Membranen müssen in die Ferne wirken, aber für die Zuschauer unentdeckt bleiben.“

Selbst von hinten fiel es uns schwer, die Geräte zu finden.

„Wie ist das überhaupt mit der Akustik? Die Bühne ist nach oben hin offen und der See bietet keinen Widerhall. Außerdem sitzen die Musiker im Festsaal. Wie bekommen denn die Sänger ihren Einsatz?“, wollte mein Schwiegersohn wissen.

„Das ist genau so ein Meisterwerk der Technik,“ gab der junge Mann bereitwillig Auskunft. „Sehen Sie die breiten, dunklen Bänder, die die Tribüne einrahmen? Das sind Lautsprecher. 750 Stück insgesamt. Auf sie wird die Musik aus dem Festsaal direkt übertragen. Rechts und links der Tribüne befindet sich jeweils eine Videoleinwand, auf der der Dirigent zu sehen ist und manchmal auch einzelne Solisten oder Teile des Chores. Sie stören das Bild des Zuschauers nicht, sind aber von den Darstellern auf der Bühne gut zu sehen.“

Uns lagen noch tausend neugierige Fragen auf der Zunge, aber die Zeit der Führung war leider schon vorüber und die nächste Gruppe wartete darauf, hinter die Kulissen schauen zu können.

Wir bedankten uns herzlich und verabschiedeten uns mit allen guten Wünschen für sein weiteres Studium von dem netten jungen Mann.

Dass es die ganze Zeit geregnet hatte, war uns kaum bewusst geworden. Ein Blick auf die Wetter-App und den grauen Himmel machte uns klar, dass wir heute „Carmen im Regen“ erleben sollten. Darauf waren wir gründlich vorbereitet. Schon einmal hatten wir Theater Open Air bei Regen „genossen“. Das letzte Mal war es „La Traviata“ in Schwerin, mit dem Schloss als zusätzlicher Kulisse im Hintergrund. Die Künstler waren in durchsichtige Regenumhänge gekleidet und gaben ihr Bestes. Wir saßen, bis zur Nasenspitze zugedeckt, unter unseren Regencapes und folgten gespannt der Aufführung.

Diesmal hatten wir außer den erprobten Sitzkissen und Regencapes sogar noch ein Reiseplaid zum Abdecken der Knie mitgenommen. Außerdem zogen wir warme Pullover und imprägnierte Anoraks an, wohl wissend, dass die lauen Sommerabende, die man hätte erwarten können, in diesem Jahr ausfielen.

So gerüstet, erklommen wir die steil aufragende Tribüne und richteten uns in der 37. Reihe – fünf Reihen vor der letzten – auf den Plätzen 136 bis 140 häuslich ein. Nachdem wir die Hartschalensitze notdürftig mit Papierhandtüchern, die wir nach der Taschenkontrolle ausgehändigt bekamen, getrocknet hatten, hüllten wir uns in unsere Vermummung. Der Regen fiel gleichmäßig auf uns herab, konnte aber unsere gute Laune nicht verderben. Das Theaterforum füllte sich. So weit wir sehen konnten, blieb kein Platz frei. Allerdings hatten die wenigen Spätankömmlinge Mühe, ihre Plätze in der Mitte einer Reihe einzunehmen, denn kaum jemand mochte sich noch einmal von seinem Platz erheben.

Pünktlich um 20.00 Uhr hob der Dirigent der Wiener Philharmoniker den Taktstock und sogleich umgab uns die schwungvolle, emotionsgeladene Musik und nahm uns gefangen. Auf der im Scheinwerferlicht erstrahlten „Kartenbühne“ erschien Carmen, als Waise, noch im Kindesalter, von den Gleichaltrigen gehänselt und bedrängt. Sie wehrte sich auf ganz eigene Art. Statt der erwarteten Ohrfeige küsste sie den Widersacher und ließ den verblüfften Rüpel einfach stehen.

„Keine schlechte Idee! Wenn sich alle Konflikte auf der Welt so lösen ließen...“, flüsterte ich meiner Tochter zu.

„Kann aber auch schief gehen. Was ist, wenn der Kerl sich sexuell bedrängt sieht? In der heutigen Zeit weiß man nie...!“

Für weitere Debatten blieb keine Zeit. Die Wachsoldaten füllten die Bühne und vertreiben sich die Zeit mit Kartenspiel und Rauchen. Auch Carmen erschien und nahm die Komplimente und Anzüglichkeiten der Soldaten gelassen entgegen. Sie reizte vielmehr einer, der sie bisher kaum zur Kenntnis nahm, Sergeant Don Josè. Ihm warf sie eine Rose zu, die ihm ihre vermeintliche Liebe vorgaukeln sollte.

Das Bühnenbild hatte sich unterdes verändert. Die zuvor mit der Rückseite zum Publikum zeigenden Karten wurden zu Spielkarten „umgedreht“. Ganz oben in der Mitte erschien die Herzdame. Etwas weiter links unten der Kreuzbube. Diese Drehung war so gekonnt, dass man überhaupt nicht auf den Gedanken kam, es könnte eine optische Täuschung sein.

In der nächsten Szene, die ohne Pause folgte - wie überhaupt die ganze Oper ohne Pause aufgeführt wurde - erschien Michaela, die Geliebte Don Josès aus der Heimat. Sie überbrachte die Grüße der Mutter und einen Kuss. Don Josè war hin-und hergerissen. Nun quollen die Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik zur Mittagspause mit Geschrei aus der unteren Bühne hervor. Jetzt erschien Carmen in einem ganz anderen Licht. Sie hatte eine tätliche Auseinandersetzung mit einer anderen Arbeiterin, woraufhin sie verhaftet wurde. Ausgerechnet Sergeant Don Josè wurde beauftragt, sie zu fesseln und in Gewahrsam zu nehmen. Carmen gelang es jedoch, ihn zu betören. Auf halbem Weg konnte sie sich von den Fesseln befreien, warf ihre Schuhe über eine Mauer (in diesem Fall eine schräg auf der Bühne installierte Spielkarte), rutschte die knapp vier Meter hinunter und warf sich barfuß in den Bodensee. Schwimmend verschwand sie hinter der Bühne.

Ich merkte, wie ich während dieser dramatischen Vorgänge die Luft angehalten hatte. Der Regen schien die Dramatik noch zu verstärken.

„Alle Achtung“ , sagte mein Mann, „eine Opernsängerin, die barfuß über die Bühne rutscht und auch noch schwimmen kann!“

„Kein Wunder, dass hier mit einer Dreifach-Besetzung gespielt wird. Wenn sie hier jeden Abend ins Wasser springen müssten, wäre eine Erkältung wohl garantiert.“

Während die Soldaten sich mit den Zigarettenarbeiterinnen die Zeit vertrieben, wurde Don Josè aus der Haft entlassen, die er an Carmens Stelle antreten musste. Schon von Weitem ertönte die bekannte Arie des Stierkämpfers Escamillo und beinahe zeitgleich betraten Don Josè, Escamillo und die nun wieder getrocknete Carmen den Platz.

Wieder veränderte sich das Bühnenbild. Auf den Rückseiten der Karten erschienen jetzt die Stadtansichten von Sevilla und Cordoba, auf der rechten oberen Karte der Pikbube.

Wie bekannt, verliebte sich Carmen aus dem Stand in Escamillo, aber noch war sie bei Don Josè nicht am Ziel. Deshalb umgarnte sie ihn mit allen ihren Reizen bis er schließlich unterlag, seine Pflicht als Wachsoldat vergaß und letztlich den Zapfenstreich versäumte. Das war gleichbedeutend mit dem Ende seiner militärischen Laufbahn. Er musste nun bei den Schmugglern bleiben, zu denen, wie sich herausstellte, auch Carmen gehörte. Gemeinsam mit ihnen zog er in die Berge.

Die Seebühne war jetzt in ein romantisches Licht getaucht. Die unentwegt fallenden Regentropfen glitzerten. Die Spielkarten zeigten ihre einheitliche Rückseite. Überall flackerten kleine Lagerfeuer. Die Frauen der Schmuggler unterhielten sich mit Tanzen und Karten legen. Auch Carmen wollte wissen, welches Schicksal ihr bevorstand. Zweimal zogen die Wahrsagerinnen den Tod. Dessen ungeachtet träumte sie von einem Leben mit dem Stierkämpfer, denn Don Josè`s war sie längst überdrüssig. So schloss sie sich den Frauen an, die übermütig zu temperamentvoller Musik tanzten.

Dieser immer wieder gern gehörte, ausgelassene Tanz fand auf der Seebühne natürlich im Wasser statt und hieß demnach auch „Wassertanz“. Die Tänzerinnen leisteten hier Außerordentliches, denn die Kostüme werden durch das Wasser extrem schwer. „Sie tragen auch besondere Schuhe, die sicher, rutschfest und trotzdem komfortabel sein sollten. Wenn die Witterung besonders kalt ist, müssen sie unter die Kostüme sogar noch Neoprenanzüge anziehen. Das verlangt viel Kraft und Energie.“ Das hatte uns schon unser Kulissenführer am Nachmittag erzählt. Für uns erschien das Wasserballett leichtfüßig und beschwingt. Es war eine Augenweide. Die Zuschauer sparten nicht mit Applaus. Auch ich wollte es ihnen gleichtun. Als ich jedoch die Hände unter dem Regencape bewegte, wurde ich gewahr, dass selbiges von innen tropfte. Vorsichtig befühlte ich meinen Anorak und die Decke auf meinen Knien und musste feststellen, dass beides feucht war. Nicht so nass, dass es unangenehm war, aber immerhin feucht. Mit jeder Bewegung fielen weitere Tropfen von der Innenseite meines Capes. Jegliche Beifallsbekundungen klatschender Art fielen damit aus. Schade, denn die Akteure auf der Bühne waren großartig und verdienten Applaus.

Das Leben im Schmugglercamp stellte sich auch für den desertierten Sergeanten anders als erhofft dar. Er blieb als Wache zurück, als die Schmuggler sich auf ihren nächsten Beutezug begaben. Schwer beladen stiegen sie die Schlucht hinab zu den Booten, die das Schmuggelgut eiligst abtransportierten. Auch die Leiche eines Zöllners, den Don Josè versehentlich erschossen hatte in dem Glauben, es sei sein Rivale Escamillo, verschwand auf diese Weise.

Hoch oben, in den Bergen, beobachtete Michaela heimlich das Geschehen.

Sie stand tatsächlich hoch oben in luftiger Höhe. Auf Carmens ausgestrecktem Daumen stand sie und sang inbrünstig ihre mahnenden Worte, ungehört von Don Josè. Über ihr qualmte die zwischen Zeige- und Mittelfinger gehaltene Zigarette, emotionslos, wie schon den ganzen Abend über. Dann begab sich Michaela auf den schwankenden Steg zwischen den Karten und hangelte sich die „Schlucht“ der (Karten-)Berge hinunter bis zur Bühne. Mit einer weiteren Arie versuchte sie, Don Josè an das Sterbebett der Mutter zu rufen.

„Noch eine Diva mit sportlichen Fähigkeiten“, raunte mein Mann. „Wer hat so etwas je gehört oder gesehen?“

Ich konnte meinen Kopf nicht bewegen, ohne dass es innen tropfte. Der Regen hatte längst meine Brille erobert und Tropfen rannen am Kinn entlang bis in den Pulloverkragen.Wahrscheinlich hatte ich die Kapuze des Regencapes nicht ordentlich über die des Anoraks gezogen. Ich blieb die Antwort schuldig. Aber auch ich fand das ganz enorm, konnte es kaum glauben.

Nachdem die Schmuggler mitsamt Schmuggelgut und Leiche auf ihren Booten hinter der Bühne verschwunden waren, wandelte sich das Kartenspiel der Kulisse erneut. Herzdame und Kreuzbube waren wieder präsent. Auch Pikbube, Kreuzdame und einige Luschen prägten das Bild. Cordoba leuchtete auf und die Arie des siegreichen Matadors ertönte, begleitet von echtem Feuerwerk, das auf dem Bodensee gezündet wurde.

Don Escamillo erschien, umjubelt von den Zuschauern des Stierkampfes. Carmen wollte sogleich zu ihm eilen, bereit, sich in seine Arme zu werfen. Don Josè konnte und wollte sie jedoch nicht kampflos gehen lassen. Nachdem alle Liebesbeteuerungen, Schwüre und Drohungen nicht fruchteten, stieß er sie ins Wasser und erwürgte sie.

Sie lag tatsächlich im Wasser, wehrte sich mit Händen und Füßen, ermattete schließlich und rührte sich nicht mehr. Sie blieb im Wasser liegen. Es vergingen die Minuten, doch sie rührte sich nicht. Keiner sprang auf und kam ihr zu Hilfe. Alle sahen wie gebannt nur auf das Wasser. Hatte vielleicht jemand die SMH angerufen? Es war nichts zu hören, kein Tatü Tata. Nur das Orchester setzte den dramatischen Schlußakkord.

Für einen kurzen Augenblick war es ganz still. Dann erstrahlte die Bühne wieder in vollem Scheinwerferlicht.

Die Sängerinnen und Sänger, die Tänzerinnen und Soldaten erschienen auf der Bühne und verbeugten sich und da kam auch Carmen, mit nassem Haar, aber trockenem Kleid und holte sich den verdienten Applaus.Trotz Regens, der kaum nachgelassen hatte, gab es stehende Ovationen. Auch ich erhob mich von meinem Platz und klatschte kräftig in die Hände, ungeachtet weiterer, nach innen rinnender Regentropfen. Nach drei Verbeugungen und wiederholtem Hervortreten der Hauptakteure leerten sich allmählich die Plätze und die Künstlerinnen und Künstler begaben sich, wohlverdient, in ihre trockenen Garderoben.

Die Bühnenbeleuchtung erlosch und die Karten zeigten erneut ihre blassen Rückseiten.

Den Weg bis in das Hotel legten wir schnell und schweigend zurück. Auch mein Schwiegersohn war nicht mit trockener Haut davon gekommen. Sein Regencape war zu eng und zu kurz gewesen. So war sein Rücken nass geworden und die Decke , die auf den Knien gelegen hatte, war zum Auswringen nass.

Nach einer heißen Dusche trafen wir uns noch zu einem Absacker im Vestibül.

„Wie haben die das bloß gemacht, dass die Carmen so lange im Wasser bleiben konnte?“

Die Frage beschäftigte uns ganz besonders, denn auch meine Tochter und selbst die Männer hatten den Atem angehalten, als sie sich nicht mehr rührte.

„Vielleicht hatte sie eine Sauerstoffflasche im Wasser, sodass sie atmen konnte.“

„Aber sie war doch auch ganz schnell wieder oben auf der Bühne bei der Abschiedsszene.“

„Vielleicht hat sie sich aus dem Kleid gezwängt und ist unbemerkt unter die Bühne geschwommen.“

„Es kann aber auch sein, dass es gar nicht Carmen sondern ein Double war. Ich habe gelesen, dass in einigen Szenen die Künstler durch Stuntmans ersetzt werden.“

„Ja, das wäre eine Möglichkeit.“

„Bei dem ersten Sprung Carmens ins Wasser und bei der Hangelei Michaelas über die Bühne kann ich mir das gut vorstellen, aber zuletzt hat Carmen doch bis zum Schluß noch gesungen. Selbst, als sie schon im Wasser standen. Da müssen sie es anders gemacht haben.“

„Am besten, wir gehen morgen noch mal hin und fragen den jungen Führer. Der weiß das bestimmt.“

Auf jeden Fall war das eine grandiose Vorstellung. Darin waren wir uns alle einig. Das konnte auch der Regen nicht verderben.

„Schon das allein wäre die Reise wert gewesen, aber morgen fahren wir noch zur Insel Mainau und rund um den Bodensee.“

Hoffen wir, dass es sich Petrus bis dahin noch mal überlegt, ob er wieder den Wasserhahn anstellt.“

In der Nacht hatte es tatsächlich aufgehört, zu regnen. Der Himmel war noch grau verhangen, aber es war trocken. Nach einer halben Umrundung des Bodensees, vorbei an Lindau und Friedrichshafen, stiegen wir in Mersburg auf das Fährschiff und fuhren zur Insel Mainau. Das graue Gewölk hatte sich mittlerweile gelichtet. Als wir nach 20 Minuten auf der Insel ankamen, brachen die ersten zaghaften Sonnenstrahlen hervor. Bei so einem Wetter ist die Welt doch gleich noch mal so schön.

Während des dreistündigen Spazierganges über die Insel hatten wir genügend Gelegenheit, die vielgestaltigen Anlagen zu bewundern. Die Staudenrabatten und Blumengestecke leuchteten in der mittlerweile in Sonnenlicht getauchten Parkanlage.Die Fotografen kamen zu ihren Schnappschüssen und sogar ein Zeppelin konnte auf die Linse gebannt werden. Es war ein erholsamer Tag bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein.

Wieder im „Hotel zum Lamm“ angekommen, erhob sich die Frage: Wie den Abend gestalten?

„Ich gehe noch mal zur Seebühne. Vielleicht kann man ja von der Seite durch die Tribünenaufbauten auch auf die Bühne sehen und wenigstens ein paar Fotos von dem einzigartigen Bühnenbild machen“, sagte mein Schwiegersohn.

Das Filmen und Fotografieren war nämlich während der Aufführung nicht gestattet. Trotzdem hatten natürlich einige Wenige das Verbot umgangen und heimlich gefilmt. Wir aber nicht.

„Wir kommen mit“, antworteten wir wie aus einem Mund. „Vielleicht haben wir ja Glück. Außerdem kann man sehr schön an der Uferpromenade spazieren gehen und noch ein Gläschen Wein trinken. Gaststätten gibt es ja genug.“

Als wir am Festspielhaus ankamen, begann gerade die Vorstellung mit der Ouvertüre. Durch die Lücken im Tribünentrakt erhaschten wir einen Blick auf eine der Videoleinwände und konnten den Dirigenten erkennen. Von der Bühne war nur ein kleiner Ausschnitt erkennbar. Die Karten zeigten alle noch die Rückseiten.

„Kommt mal ein Stück weiter die Promenade hinunter. Von der Seite ist es zum Fotografieren möglicherweise besser.“

Unsere Tochter war schon auf Erkundung gegangen und hatte eine Lücke erspäht. Auf der Promenade wimmelte es von Schaulustigen. Alle wollten einen Blick auf die Vorgänge auf der Seebühne erhaschen. Die Musik war volltönend, sodass man den Eindruck hatte, mit dabei zu sein. Der Abend war nach dem sonnenreichen Tag mild und lud zum Verweilen ein. Ich bummelte mit meiner Tochter die Promenade entlang. Die Männer bemühten sich immer noch um ein gutes Foto. Als sie endlich einsahen, dass Aufnahmen aus der Ferne und bei Dunkelheit nicht die erwarteten Resultate bringen, suchten wir uns ein schönes Lokal in Sicht- und Hörweite der Seebühne, gönnten uns einen Cocktail und genossen „Carmen“ zum zweiten, wir sogar zum dritten Mal. Die Leuchtpunkte der Ausflugsschiffe auf dem Bodensee, die Lichterketten der anliegenden Orte und das Feuerwerk rundeten den schönen Abend ab.

„Carmen im Regen“! Hatte es gestern wirklich geregnet? Wie auch immer – Georges Bizet`s Oper „Carmen“ auf der Seebühne in Bregenz – ein einmaliges Erlebnis!



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