13.11.2009

Beobachter

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Ich erinnere mich nicht mehr. Ich erinnere mich an so vieles nicht mehr. Während ich so umherwabere und dahinschwinde, verblassen meine Erinnerungen. Bald werden sie ganz verschwunden sein, so wie ich, und dann ist es zu spät, dann kann ich sie euch nicht mehr erzählen, die letzte Widerstand leistende Erinnerung, die noch nicht aus meinen Finger, in die endlose Weite, geglitten ist, die mich umgibt.

Ich bin ein Beobachter, ein stummer Beobachter, kleiner als ein Staubkorn, kleiner als etwas das man mit bloßem Auge sieht. Ich bin noch weniger als ein Sonnenstrahl, auch wenn ich auf ihm dahin gleite und mit ihm erlebe und beobachte. Ich bin ein kleiner kaum sehbarer Blitz, ein Lichtblitz, und ich genoss es. Auch wenn es jetzt vorbei ist.

Aber diese Erinnerung lässt mich nicht los, sie will erzählt werden und ich kann sie euch nicht länger vorenthalten.

Ich war auf meiner ersten großen Reise, eine lange Reise, bis sich vor mir die Erde zeigte. Eine große blaue Kugel in Mitten der  endlosen dunklen Weite, durch die ich glitt. Viele meiner Brüder und Schwestern, haben sie schon gesehen, aber nur wenige waren jemals zurück gekehrt um von ihrer Schönheit zu erzählen. Die, die zurück gekehrt waren, wussten nicht, dass sich vieles hier verändert hatte und diejenigen, die vor mir aufbrachen, kamen entweder gar nicht mehr oder sollten erst lange nach meinem Reiseantritt zurück kehren.

Ja, auf den ersten Blick hin war sie schön, wunderschön sogar. Ich war nicht alleine unterwegs. Alle waren wir aufgeregt, es war unsere Reise, eine Reise, die uns verändern würde, auch wenn wir uns nicht vorstellen konnten, was wir sein würden, wenn das nächste Ziel unserer Reise, die Erde, diese schön anzusehende Kugel, hinter uns lag.

Wir tauchen in die Atmosphäre ein. Das war schwierig, für die Schwächeren von uns war es unmöglich, sie scheiterten an der Ozonschicht und nahmen eine andere Route und suchten sich ein anderes Ziel. Wie weise sie doch waren, nicht auf die Erde zu gehen.  

Aber auch diejenigen, die es schafften mit mir durch die Atmosphäre zu dringen, sollten nicht alle dieselbe Veränderung durchmachen wie ich. Viele wurden von gigantischen Eisfeldern reflektiert und kehrten zurück in die dunkle Schwärze, aus der wir stammten. Nein, so kann man das nicht sagen, wir stammten nicht aus der Schwärze, der Ort an dem wir geboren wurden, war warm und voller Licht gewesen, oder war es nur das Licht, das von jedem einzelnen von uns ausging, ich erinnere mich nicht mehr richtig.

Ich traf in jenem Moment auf Erdboden auf, weiche Erde, die sich an mich schmiegte und mich veränderte. Es ging schnell, diese Veränderung und kaum hatte ich dem warmen Boden berührt, verließ ich seine schützenden Hände wieder. Ich war immer noch ich, aber ich war anders, ich fühlte mich anders. Ich war von meinem schönen gelb in ein feuriges rot übergegangen, aber ich war so klein, niemand hätte es gesehen, niemand der von der Erde stammte.

Meine Begleiter sahen die Veränderung und sie freuten sich für mich und ich freute mich für sie, bis ich erkennen musste, dass wir Gefangene waren. Die Atmosphäre schien viel dicker geworden zu sein, als wir weiter ziehen wollten. Sie ließ uns nicht frei. Nur wenige schafften es. Sie kamen durch das Gemisch, das nun ein Brei aus heißen Gasen war und erreichten die Ozonschicht und verließen diesen Ort. Wie glücklich sie doch waren, sie waren wieder frei, sie waren dort draußen.

Die Zurückgebliebenen und ich hingegen wurden zurück geschleudert zum Boden, zu der warmen Erde, die uns zuvor noch so herzlich empfangen hatte. Ging es Stunden oder Minuten, oder Tage, ich erinnere mich nicht mehr. Aber irgendwann war das hin und her zwischen Treibhausgasen, so nannten es die Menschen, und Erdboden vorbei. Ich landete im Wasser, im salzigen Wasser und seither bin ich hier und verschwinde um mich herum ist alles dunkel und es ist kalt, so kalt.

Und die Erinnerungen verblassen.

Wenn ich noch mal entscheiden könnte, würde ich diese Reise nicht antreten, und wenn ich doch so töricht wäre, würde ich schwach sein und umkehren müssen, wenn man die Ozonschicht vor Augen hat oder ich wäre ein Glückspilz und ich würde die Erde wieder verlassen können, aber ich würde nicht zurück bleiben, nicht wie jetzt.

Ihr fragt euch sicher, warum ich euch meine Erinnerung erzählt habe. Nun ich möchte ehrlich sein. Es ist eure Schuld. Ihr wart es, die mich gefangen haben, die mich zurück hielten, die mich veränderten. Aber es werden andere kommen, viele andere und es werden mehr sein, wenn ihr nicht aufhört eure Luft zu verpesten und dann irgendwann, sind es so viele, dass die Erde sich verändert und ihr verändert euch und wenn ihr nicht schnell genug, stark genug, glücklich genug seid, bleibt ihr zurück, so wie ich. Und verschwindet, so wie ich. Das habe ich beobachtet und nun ist es für mich zu spät, für euch vielleicht noch nicht, aber für mich.

Lebt wohl.



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