19.08.2016

Beitrag zur Anthologie „Schaffen wir das?“ der Frankfurter Verlagsgruppe AG

()

Beitrag zur Anthologie „Schaffen wir das?“ der Frankfurter Verlagsgruppe AG zur Internationalen Buchmesse Okt. 2016

Schaffen wir das? Vielleicht – bestimmt aber nicht, wenn die Debatte weiterhin mit so wenig Realitätssinn und so unehrlich geführt wird. Sollen, ja wollen wir es überhaupt schaffen? Es wird nur gelingen, wenn es Europa insgesamt  schafft, wenn die EU an diesem Jahrhundertproblem nicht zerbricht oder sich auflöst. Deutschland als Hauptbeteiligter war leider noch nie so isoliert oder gar unbeliebt wie zurzeit. Weshalb wohl? Legitimerweise muss erlaubt sein zu fragen, was hat die Kanzlerin denn geschafft, was ist bisher erschreckend schief gelaufen? Warum ist fast kein Land der EU bereit, ihr zu folgen und mehr Flüchtlinge aufzunehmen? Warum gelang es nach vielen Monaten nicht einmal, die zugesagten 160.000 zu verteilen? Auch die zweifelhafte Vereinbarung mit der Türkei ändert daran nichts, sondern schafft nur neue Aversionen und Abhängigkeiten. Was geschieht – wie vorhersehbar – wenn wieder mehr Flüchtlinge über das Mittelmeer kommen und einfach nach Norden durchgeleitet werden? Ehrlichkeit gebietet, sich klar zu machen, dass „gut gemeint nicht gut gemacht“ ist. Dass nicht jeder, der einen Kasten Mineralwasser gespendet oder einige Nachmittage bei der Flüchtlingsaufnahme geholfen hat, das Recht erwirbt, von einer überhöhten moralischen Position aus zu argumentieren oder sich ethisch anderen gegenüber überlegen zu fühlen oder zu verurteilen. Warum glauben bestimmte Moderatoren, Politiker, Kirchenleute oder selbsternannte Eliten, mit viel Pathos zu fordern, Deutschland als reiches Land habe die Pflicht und müsse alle Flüchtlinge aufnehmen, um dann bei anderer Gelegenheit die zunehmende Armut und das Elend der Kinder und Teile unserer Gesellschaft zu beklagen? Ehrlich wäre es auch von der Wirtschaft, offen zu sagen, dass unser Facharbeiterproblem nicht von Migranten gelöst werden kann. Die überwiegende Mehrzahl der Ankommenden sind eben nicht der syrische Zahnarzt, der gesuchte IT-Techniker oder die ausgebildete Krankenschwester, sondern Menschen, deren Bildungsniveau nicht reicht, um in unsere hochentwickelte Arbeitswelt integriert zu werden oder angestrebte Jobs auszufüllen. Ehrlich wäre es, zu sagen, dass unsere Sozialsysteme und der Arbeitsmarkt auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte belastet werden. Wenig geistreich sind Vergleiche mit den deutschen Flüchtlingen nach dem Krieg oder gar mit den Hugenotten im 16./17. Jahrhundert. Ja, ich bin sehr dafür, Menschen in Not und wirkliche Kriegsflüchtlinge aufzunehmen und dafür auch Opfer zu bringen und liebgewordene Gewohnheiten und Trägheiten aufzugeben. Ich glaube, Deutschland sollte wieder weltoffener, dynamischer und innovativer werden – offener für Neues und für neue Ideen und Kulturen. Ich bin aber fest überzeugt, dafür dürfen wir nicht unsere Werte und die Basis und Errungenschaften unserer westlichen, abendländischen Gesellschaft opfern oder auch nur verwässern. Anpassen sollten sich zunächst die, die zu uns flüchten, hier geschützt und versorgt werden und ein neues Leben suchen. Andersherum kann es schnell zu sozialen Unruhen oder zu schlimmen Brüchen in der Gesellschaft führen. Nicht, weil die kritischere Hälfte unseres Landes weniger gebildet, human, offen oder hilfsbereit ist, sondern weil sie die Lebenswirklichkeiten und die sozialen und wirtschaftlichen Möglichkeiten besser einschätzt und andere Lehren aus der Geschichte zieht. Ja, wir können es schaffen. Die vielen ehrenamtlichen und selbstlosen Helfer haben dies bewiesen – wir können stolz darauf sein. Es wird nicht klappen, wenn Medien weiterhin immer nur schreckliche Bilder verzweifelter Menschen (vor allem von Kindern) zeigen und überwiegend pro Flüchtlinge berichten und fast ausschließlich unsere angebliche Verpflichtung schildern und das schlimme Los der Migranten in den Mittelpunkt stellen.  Schaffen werden wir es nur, wenn im selben Umfang (mit derselben Sendezeit) Ursachen und besonders Folgewirkungen hier verständlicher und fairer erklärt und Belastungen und seriöse Zahlen offen genannt werden. Warum meinen gewisse TV-Größen, uns immer mit erhobenem Zeigefinger und moralinsauer  belehren zu müssen und nur am Rande, ab und zu und viel leiser über Auswüchse, Betrügereien und schwerwiegende Konsequenzen der Immigrantenströme berichten? Faire und besonders ausgewogene Berichterstattung sieht anders aus. Es hilft nicht, mantraartig europäische Solidarität und das Bekämpfen vor Ort einzufordern, wenn offensichtlich ist, dass dies außerhalb des deutschen Einfluss- und Machtbereichs liegt. Das einzusehen sollte inzwischen auch deutschen Politikern möglich sein. Wie können wir es schaffen? Indem mehr Realismus und Wahrheit  einkehren, wenn Fakten und Schwierigkeiten – auch Notwendigkeiten – den Bürgern schonungslos und ohne ideologische Scheuklappen erklärt werden. Wenn berechtigte Sorgen ernst genommen und berücksichtigt werden und die Zahlen deutlich und nachvollziehbar zurückgehen. Es muss klar sein, dass EU-Außengrenzen wirksam geschützt werden, dass nur Menschen in Not aufgenommen werden können und dieser Staat nicht – gegen den Willen der Bürger – bis zur Unkenntlichkeit verändert wird (wer hat der Kanzlerin oder irgendeinem Politiker ein so weitreichendes Mandat gegeben?).

Ich bin sicher, dieses großartige Land kann es schaffen und will es schaffen. Aber nur mit den Menschen und der überwältigenden Mehrheit seiner großzügigen, hilfsbereiten und willigen Bürger. Fremde Kulturen mögen bereichernd sein, wir nehmen sie gerne auf. Jedoch nicht, wenn sie überbewertet und die damit verbundenen Gefahren, Unsicherheiten und Schwierigkeiten verniedlicht oder gar verneint werden. Wir können es nur schaffen, mit Europa und mit unseren europäischen Mitbürgern. Auch da gilt, deren Vorbehalte und deren Ängste ernst zu nehmen und in politische Entscheidungen seriös einzubinden.

 

Heinz Werner

März 2016



Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Schaffen, Staat, Bürger, Jahrhundertproblem, Immigranten, Flüchtlinge
nach oben