28.01.2014

Erstkontakt

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Völlig geräuschloses Dröhnen, wie das Herannahen eines Zuges, von dem man nur glaubt zu wissen. Bedrohliche Stille. Laute Stille, wie vor dem Abfeuern einer Waffe. Stille mit mehr Lärmpotenzial als das Donnern eines Wasserfalles. Dennoch: Schweigen.
Kein Ton hätte hier auch jemals ein menschliches Ohr erreichen könnte. Das angestrengteste Lauschen half im luftleeren Raum nichts.
Als der gigantische Kreuzer in die Umlaufbahn des Planeten einschwenkte, bekam die Stille zusätzlich noch eine optische Qualität. Triebwerke, so groß wie Kleinfamilienhäuser, und das unheimliche Glühen zweier Sonnen aus ihrem Inneren hätten jedem zufälligen Betrachter das Gefühl vermittelt, definitiv etwas hören zu müssen. Dass dieses Forschungsschiff ursprünglich einem ganz anderem Zweck gedient hatte, verrieten die nun zwar leeren doch immer noch einschüchternden Geschützbatterien.
Langsam entfaltete sich auf der Brücke rege Aktivität. Offiziere begannen eifrig, Daten zu sammeln und Unteroffiziere durch die Gegend zu scheuchen. Unerfahrene Kadetten warfen aus Nervosität Messgeräte um und traten auf unersetzbare Apparaturen. Das übliche Chaos.
Der Admiral stand mit verschränkten Armen vor dem Steuerbordpanorama, sein Gesicht getaucht in das tiefblaue Glühen der Planetenoberfläche. Solch ein Anblick allein versetzt bereits die abgebrühtesten Abenteurer in unbändige Verzückung. Für einen Raumfahrer, dessen Auge monatelang nur leuchtpunktgespickte schwarze Leere oder im besten Fall künstliches Licht schauen durfte, musste diese Aussicht Tod, Erlösung und Reinkarnation gleichermaßen bedeuten.
Der erste Maat eilte mit einem Bogen der ersten Observationsresultate heran. Er blieb neben seinem Kapitän stehen, salutierte wortlos, und richtete einen fragenden Blick auf ihn. Ohne den Blick von der vor ihm schimmernden blauen Wand abzuwenden nickte dieser.
„Der am ehesten bewohnbare Planet dieses Systems“, begann der Offizier. „Mindestens ein Trabant. Temperaturen von –50 bis 60 Grad, sauer- und stickstoffhaltige Atmosphäre, vielfältige Flora und Fauna“
Der Kapitän beendete sein fasziniertes Starren und blinzelte verwirrt. Sollte bereits das erste Ziel seiner Expedition ein solcher Glücksfall sein?
„Intelligentes Leben?“, fragte er, mehr um seine Verblüffung abzuschütteln, als aus Interesse.
„In gewissem ähm... Maße“, zögerte sein Maat.
Der Expeditionsleiter runzelte die Stirn. „Wie darf ich das verstehen?“
„Nun... humanoide Lebensformen. Kultur und Wissenschaft, Religion und Staatswesen, Zivilisationsstufe 0.8.“ Der Maat senkte den Kopf in Erwartung der Reaktion.
Der Kapitän packte seinen Offizier in eine plötzlichen Anflug von hemmungsloser Euphorie an den Schultern und schüttelte ihn heftig: „Mein Gott, sind sie sich bewusst, was sie da sagen? Der Planet ist bewohnt! Bewohnt! Und diese Wesen sind zur Raumfahrt fähig und stehen kurz vor Etablierung der Nanotechnologie! Das ist... mir fehlen die Worte.“
Der Offizier betrachtete erschrocken seinen Vorgesetzten. Dieser hatte sich immer noch nicht wieder gefasst, Tränen rannen von seinen Wangen.
„Sir, es gibt da noch etwas, das sie wissen sollten“
„Erzähl es mir, mein Sohn, erzähl mir alles“, schluchzte der Admiral mit einem Lächeln vollkommener Glückseeligkeit.
Und er erzählte es ihm.
Kurze Zeit Später schwenkte das Expeditionsschiff aus der Umlaufbahn des Planeten, und trat mit einem flüchtigen Aufleuchten in den Hyperraum ein.
An Bord ein völlig aufgelöster Kapitän. Nicht mehr euphorisch, sondern verbittert und zornig.
„Sie zerstören ihre eigenen Lebensräume, sprechen wie viele Sprachen und führen aus was für Gründen Krieg gegeneinander? Das ist keine 0.8, Raumfahrt hin oder her. Das ist auch keine 0.2, das ist unterste Barbarei. Diese Zivilisation ist verloren. Ich will, dass sie die Systemkoordinaten aus der Schiffsdatenbank löschen! Intelligentes Leben, ha!“
Der erste Maat, nicht weniger enttäuscht als sein Kapitän, trat an die Steuerkonsole. Während er noch einmal kopfschüttelnd die Unterlagen durchblätterte, löschte er ,mit seinem dritten und vierten Arm das Terminal bedienend, die Erde und alle zu ihr gehörenden Himmelskörper aus der Datenbank, wie geheißen.
Dann kroch er, völlig außer Atem und nach Stickstoff schnappend, in die Leitzentrale und gab Befehl zur Heimatkurssetzung nach Beteigeuze.



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