22.10.2010

Bild zu Es würde endgültig sein. Mein Entschluss steht fest. Ich werde heute Zone 4 verlassen und in das Ungewisse gehen, obwohl ich vom Status her hier leben darf und als Dokumentalist der menschlichen Geschichte unter dem besonderen Schutz des Hohen Rates stehe. Vor dreiundfünfzig Jahren wurde ich hier in Zone 4 geboren. Meine Eltern kamen als einige der letzten aus dem alten Europa hier her. Als Ärzte konnte man sie gut gebrauchen, und so gab es keine Probleme mit der Aufnahme. Aber als sie die Altersgrenze von fünfundsiebzig Jahren erreicht hatten, kam sofort der Ausweisungsbescheid. Das war vor fünf  Jahren. Seit her sind fast alle Bestimmungen verschärft worden. Bei jeder Gelegenheit tönt es von den Vertretern des Rates, jetzt gehe es „nur noch um das Überleben der Menschheit“.
Wie ein Film spult sich nochmal mein Leben in Zone 4 der untergehenden Erde ab. Als Mitglied der historischen Kommission von Zone 4 war ich mit meinem Team dafür verantwortlich, alles zu dokumentieren, was später einmal Beleg für die Existenz der Menschheit sein könnte.

Alles begann - oder endete, wie man es sehen möchte - im Jahre 2011. Von Januar bis April tobte sich in Europa und großen Teilen Asiens der härteste Winter seit Menschen Gedenken aus. Anfang Mai 2011 stand die Bilanz fest: fünfhundert Millionen Tote in Europa, Teilen Asiens und Nordamerikas. Russland existierte als Staat faktisch nicht mehr. Die USA befanden sich in der schwersten Wirtschaftskrise aller Zeiten und zogen die Weltwirtschaft mit in den Strudel hinab. Im Sommer 2011 fegte eine Serie bis dato nicht da gewesener Wirbelstürme und Tornados über die Karibik und Mittelamerika. Kuba verlor zwei Drittel seines Territorium. Die Bahamas und die kapverdischen Inseln gingen unter. In Zentralasien und Indien regnete es fast das ganze Jahr 2011 durchgehend. Die Staaten Pakistan, Bangladesh und Indonesien gab es Ende 2011 nicht mehr. Fast eine Milliarde Menschen waren umgekommen. Im Sommer 2012 nutzten radikale islamistische Kreise im Iran die Lage aus und griffen Israel mit Kernwaffen an. Der Gegenschlag, ebenfalls mit Kernwaffen geführt, machte die arabische Halbinsel und Teile Nordostafrikas unbewohnbar. Als Vergeltung griffen die USA Afghanistan mit Kernwaffen an. Das führte zur Verwüstung des Hochlandes von Iran und großen Teilen des mittleren Ostens.
Als mir das so alles durch den Kopf ging und ich ein Fahrzeug suchte, das mich von der Hauptstadt der Zone 4 dem ehemaligen Mogadischu zu einer der nördlichen Schleusen am Rande der Sahara in der Nähe von Khartum bringen sollte, wurden meine eigenen privaten Katastrophen ziemlich klein. Aber der Reihe nach.

Im Winter 2012 wiederholten sich die Dramen, wenn auch nicht so gravierend und verheerend wie im Jahr zuvor. Aber es sollte noch schlimmer kommen. 2013 brach die Weltwirtschaft endgültig zusammen. Logistik und Energieversorgung konnten nur mühsam aufrecht erhalten werden. Wovor viele gewarnt hatten, wurde nun zur Gewissheit. 2011 erstmals bemerkt, führten die schwindenden Sonnenflecken zu einer weltweiten Abkühlung. Viele Wissenschaftler, wie auch mein Großvater, hatten immer wieder gebetsmühlenartig vor einer neuen Eiszeit gewarnt. 2014  war alles was nördlich des 60. Breitengrades lag nicht mehr bewohnbar. Dann ging alles sehr schnell. Im Januar 2015 kam es zum schwersten Erdbeben in der Menschheitsgeschichte. Die pazifische-  schob sich unter die indische Platte. Japan hörte physisch und politisch auf zu existieren, Teile Indonesiens wurden von Tsunmais für immer unbewohnbar gemacht und die meisten pazifischen Inseln verschwanden. Ein Drittel der Erdbevölkerung war in nur fünf Jahren umgekommen. Was dann politisch passierte, war ebenfalls ein Albtraum. Kriege, Hungerrevolten und politische Scharlatane als selbsternannte „Große Retter“ stürzten fast alle Staaten, so sie überhaupt noch handlungsfähig waren, ins Chaos. 2025 blieben die Temperaturen nördlich des 40. Breitengrades ganzjährig unter null Grad Celsius. Endlich fanden sich die Reste der UNO zu einer Konferenz in Kinshasa zusammen, seit 2022 Sitz der UN. Dort einigte man sich nach zähen Debatten darauf, die Erde in13 Zonen auf zu teilen und mit der Umsiedlung der Menschheit zu beginnen. Für den Zuzug in diese Zonen sollten strenge Aufnahmeregeln gelten: Gesundheitsstufen, Altersgrenzen, Berufe und anfangs auch finanzielle Mittel, davon kam man aber sehr schnell wieder ab. Wer die Kriterien nicht erfüllte oder aber die Altersgrenze erreichte, musste die Zonen verlassen und in angrenzenden Regionen sehen, wie er zu Recht kam.

Heute gibt es nur noch 3 Zonen: Zone 2 Südamerika, Zone 3 Australien und Teile Neuguineas mit den verbliebenen Inseln und Zone 4 Afrika ca. 2000 km nördlich und südlich  des Äquators. Die Zonen wurden in den letzten hundert Jahren fast vollständig vom Rest der Welt isoliert. In den Zonen war man sich sicher, dass in den  Randgebieten fast eine Milliarde Menschen, dem sicheren Tod geweiht und von Banden chaotischer Herrscher und terroristischen Regimen  drangsaliert und ausgebeutet wurden. In der einzigen noch funktionierenden Universität der Zone 4 in Mogadischu gingen alle Wissenschaftler davon aus, dass der Menschheit höchsten noch fünfhundert Jahre verblieben. Ich selbst war in den letzten Jahren daran beteiligt, so viel wie möglich an Dokumenten, Gegenständen usw., dass über das Menschenzeitalter Auskunft geben kann, zu archivieren und zu sichern. In fast viertausend Metern Höhe nutzten wir dazu ein Höhlensystem des Hochlandes von Äthiopien und natürlich modernste Speichermedien.
Hier in Zone 4 ist es jetzt im Sommer kaum wärmer als 25-30°C und im Winter schneit es, wo früher jahrelang  kein Regen gefallen war. Flora und Fauna haben sich total umgestellt. Jeder hier hat eine Aufgabe, der Rat regelt das Leben mit eiserner Hand und mit Hilfe von Polizei und Militär. Anfangs mussten die Menschen noch gewaltsam aus der Zone entfernt werden, wenn sie eines der Auswahlkriterien nicht mehr erfüllten. In der Zwischenzeit ist die Resignation soweit, dass viele auch freiwillig gehen. „Da draußen stirbt man schneller, aber freier“ ist zum geflügelten Slogan geworden. Auch hier gibt es jedes Jahr neue Einschränkungen, keine privaten Fahrzeuge, keine Ipads, nur noch altertümliche Radios sind erlaubt. Monatliche Meldepflicht und die Ein-Kind-Ehe machen das Leben auch nicht gerade attraktiv. Jede Art der Religionsausübung ist streng verboten und wird im schlimmsten Fall mit dem Tode bestraft.

Ich war so in Gedanken vertieft, dass ich das Auto, einen alten, museumsreifen LKW neben mir nicht bemerkte. „Sie wollen zum Tschadsee? Zu den nördlichen Schleusen? Steigen Sie schnell ein, ich nehme Sie mit.“ Ich wollte etwas sagen, aber der Fremde brubbelte nur: „Schnell, es muss ja keiner mit bekommen. Ziehen Sie den Kittel über, dann fallen Sie nicht auf, die Papiere liegen im Handschuhfach.“ Es war streng verboten, Fremde ohne Passagierschein zu den Schleusen mit zu nehmen. Nachdem wir eine Weile gefahren waren  und die Stadt schon weit hinter uns lag, blickte mich mein Fahrer kurz an und schüttelte den Kopf. „Sie wollen wirklich raus? Das ist Ihr Tod! Der Herr Professor hat mit zwei Lebensmittelkarten und einen Energiebezugsschein gegeben. Dafür fahre ich Sie bis zum Nordpol. ... Entschuldigung, war ein Scherz.“ Wir mussten beide lachen, obwohl mir mehr zum Heulen war. „Sie sind noch nicht alt, gesund, haben eine Aufgabe, was wollen Sie da draußen?“ „Ich will frei sein.“ erwiderte ich ihm nach einer kurzen Pause. „Frei zu sterben?“ Dann begann ich doch zu erzählen. Es tat gut, alles los zu werden, bei diesem freundlichen Menschen. Ich erzählte ihm also von meinen Eltern, die man pünktlich mit Erreichen der Altersgrenze ausgewiesen hatte, obwohl sie noch mindestens fünf bis zehn Jahre ihre Aufgaben als Ärzte erfüllt hätten. Von meinem Bruder, der plötzlich diesen Husten bekam und bei der Kontrolle aus der Gesundheitsgruppe A1 raus fiel, Ausweisung. Aber das Schlimmste, im letzten Monat wurde meine kleine Tochter krank. Vor drei Tagen wurde sie mit zwanzig anderen Kindern ausgewiesen. Meine Frau ging mit. Sie war die einzige Mutter, die ihr Kind begleitet hat. „Sie ist Afrikanerin, wie Sie, und deshalb gehe ich aus dieser sterilen und unmenschlichen Gesellschaft. Milliarden von Menschen sind umgekommen, die Menschheit wird es nicht mehr lange geben. Warum soll ausgerechnet ich an einer Verlängerung dieses Elends beteiligt sein?“ Mein Begleiter sagte nichts, aber ich merkte, wie es in ihm arbeitete.
„Gleich kommt die Nacht. Wir werden im Auto schlafen. Den Rest des Weges schaffen wir dann Morgen.“ Ich merkte sehr wohl, wie er hinter dem Auto verschwand und sein Abendgebet nach dem Ritus der Moslems verrichtete. Auch ich betete an diesem Abend. Das erste mal seit über zehn Jahren. „Wenn es Gott oder Allah gibt. Warum?“ mein Begleiter lächelte nur und wünschte mir eine gute Nacht.

Am nächsten Morgen ging es  weiter und wir kamen trotz mehrerer Kontrollen pünktlich am Tschadsee an.
Mein Fahrer, der jetzt alles von mir wusste ich aber nichts von ihm gab mir zum Abschied die Hand. „Allah möge Euch schützen, Efendi. Ich glaube, Ihr habt richtig gehandelt. Mir fehlt dazu der Mut.“ Dann drehte er sich um und entfernte sich, ohne dass ich etwas sagen konnte.
Vor mir war dieses mächtige Bauwerk: Mauer, Drahtzäune, Gräben und der Eingang zur Schleuse.
Keiner durfte etwas mitnehmen, ganz gleich, ob Ausgewiesener, freiwillig Gehender oder wer auch immer, und es gab keinen Weg zurück. Da es seit fast dreißig Jahren keine Aufnahmen mehr in die verbliebenen Zonen gab, ging es nur in eine Richtung.

Nach der Kontrolle wurden mir alle Papiere abgenommen und dann ging es durch den Tunnel ins Ungewisse.
Auf der anderen Seite bot sich mir ein überwältigendes Bild. Dort, wo nach Meinung aller Bewohner der Zone 4, nur Wüste sein durfte, sah ich plötzlich eine blühende Landschaft. Mischwald, Felder und unweit des Tunnelausgangs verlief eine Art Autobahn nach Norden. Ich musste mich erst mal kneifen. Alles war echt. Am Rand der Straße standen zwei Fahrzeuge, ein alter Mercedes und ein Polizeijeep. Als sie mich kommen sahen, stieg aus dem Mercedes ein Mann und ein Frau aus. Ich konnte nicht sehen, wer das war. Die Uniformierten im Jeep blieben sitzen. Also ging ich auf sie zu. Da plötzlich kam mir jemand entgegen gesaust. Nein - ich konnte es nicht glauben. Es waren meine Tochter, meine Frau und mein Bruder. Ich weiß nicht, wie lange wir uns in den Armen lagen, jedenfalls habe ich hemmungslos geheult. Mein Bruder fand als erster seine Stimme wieder. „Willkommen in der Nordafrikanischen Union. Wir haben dich erwartet. Unsere Leute in Zone 4 haben dein Kommen avisiert. Du bist in Freiheit. Zone 4 ist ein Auslaufmodell, ein antihumanistisches Gebilde, das es bald so nicht mehr geben wird. Sie haben euch in Dummheit gehalten, um sich ihren großen Irrtum nicht eingestehen zu müssen. Seit zwei Jahren wird es wieder wärmer. Das Eis geht zurück. Bis ca. zum 45. Breitengrad haben wir wieder fast normale Verhältnisse, das Mittelmeer ist ganzjährig eisfrei, die Sahara ein Garten Eden und auch Asien wird wieder bewohnbar,die Unwetter haben nachgelassen, die Menschen gehen in ihre Länder zurück. Noch sind wir nicht aus dem `Schneider`. Aber der Weg ist gut. Vor einem halben Jahr wurde Zone 3 geöffnet und auch diese Mauer wird fallen. Auf unserer Seite gibt es nur Polizeikräfte, kein Militär und schon seit zwanzig Jahren keine bewaffneten Konflikte mehr. So -  alles andere später. Wir fahren jetzt nach Hause, und das ist jetzt Algier, die Hauptstadt der Union.“
Noch einmal drehte ich mich um und dachte so bei mir, immer noch meine Frau im Arm und die Tochter auf den Schultern, wird es der Mensch jetzt besser machen, haben wir den Untergang noch einmal abwenden können?
Die unsägliche Mauer verschwand sehr schnell am Horizont, und mein Schritt in ein neues Leben, ein hoffentlich besseres war vollzogen.



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