21.12.2012

Waldgeister oder Wilhelms Belohnung

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Vor vielen Jahren, als die Menschen noch glaubten, die Erde sei eine flache Scheibe und mit güldenen Ketten am Himmelsgewölbe befestigt, lebte in einem Waldstück, weitab von den Siedlungen der Menschen, eine Köhlerfamilie. Sie hatten nur einen Sohn namens Wilhelm, wofür sie täglich dem "Lieben Herrgott" dankten, denn ein zweites Kind oder gar mehrere hätten sie, arm wie sie waren, gar nicht ernähren und großziehen können.

So aber nur mit Sohn, der, als er groß geworden war, kräftig dem Vater zur Hand ging, hatte die Familie ihr, wenn auch bescheidenes, Auskommen. An manch Winterabend, wenn draußen der Sturm brauste und wie man sagte: "Die Windbraut mit dem wilden Jäger unterwegs war", hatte die Mutter, Wilhelm, als der noch klein war, viele, viele Märchen erzählt. Eines wunder-

schöner als andere und sie alle waren fröhlich. Nie wäre der Mutter eingefallen, ihren Sohn Geschichten von grässlichen Gespenstern, abgrundtief bösen Menschen, Hexen oder teuflischen Zaubermeistern zu erzählen. Freilich war die Rede von Faulpelzen, Zankteufeln, Geizhälsen, die am Ende bestraft wurden, aber da sie reuige Sünder waren, immer ernstlich Besserung gelobten, war die Strafe nie schlimm. Keiner musste sich in glühenden Eisenschuhen zu Tode tanzen oder wurde in ein mit Nägel gespicktes Fass gesperrt und den Berg hinunter gerollt.

Die Guten, die Fleißigen, Tüchtigen und Hilfsbereiten wurden natürlich belohnt. Sie heirateten die Königstocher oder bekamen, von einer, als altes Mütterchen verkleideten, Waldfee, einen Sack pures Gold geschenkt. Wilhelm gefielen die Märchen sehr und auch als schon fast Erwachsenen gingen sie ihm nie gänzlich aus dem Kopf. "Hätte ich Gelegenheit eine gute Tat zu tun, den Sack mit Gold möchte ich mir nur allzu gern verdienen", dachte Wilhelm so manches Mal und seufzte, weil sich einfach keine Gelegenheit bot jemanden zu helfen, außer dem Vater bei seiner schweren Arbeit. Eines Tages, Vater und Sohn hatten am Vortage ein paar Bäume gefällt und schon aufgespalten, hatte der Vater so starke Rückenschmerzen bekommen, dass an Arbeiten gar nicht zu denken war. Das war so schlimm nicht, denn Wilhelm, inzwischen 17 Jahre alt, war ein kräftiger Bursche, der das Holz, mit dem großen, stabilen Handwagen, auch alleine nach Hause bringen konnte. Hatte es der Vater nicht früher ohne Hilfe mit dem beladen Wagen bis in die umliegenden Dörfer geschafft. Gesagt- getan- die Mutter gab dem Sohn noch ein paar belegte Brote und eine Kanne Kräutertee zur Arbeit mit. Es war ein schöner Maientag, die Sonne schien, aber da es in der Nacht geregnet hatte, waren die Bodensenken mit Wasser gefüllt. Diese  mit dem Wagen zu umfahren war ebenso kräftezehrend wie zeitaufwendig. Die Sonne hatte schon ihren höchsten Stand erreicht, als Wilhelm endlich am Ziel war. "Eine Pause, und etwas zu Essen und zu Trinken habe ich mir verdient", meinte er, setzte sich auf den Wagen und entnahm der Reisetasche, das Päckchen mit Broten und die Teekanne. Er wollte gerade das Päckchen öffnen, als plötzlich, wie aus heiterem Himmel gefallen, ein altes Mütterchen vor ihm stand. Auf dem Rücken trug sie eine große mit Brennholz bis zum Rand gefüllte Kiepe, die sie vergeblich versuchte abzusetzen. Wilhelm sprang vom Wagen und nahm ihr vorsichtig die Kiepe ab. Sie war so schwer von Gewicht, dass es Wilhelm wunderte, wie ein so altes, allem Anschein nach schwaches Mütterchen, solch eine Last hatte tragen können. "Danke, Söhnchen, das war sehr lieb von dir, mir geholfen zu haben. Wenn du mir noch einen Schluck von deinem Tee und einen winzigen Biss vom Brot abgibst, wäre ich wieder soweit in Kraft, dass ich es bis nach Hause schaffe. Ich wohne nämlich nicht weit von hier." Wilhelm war erstaunt, hatte er doch nie gehört, dass außer seinen Eltern hier in der Gegend jemand wohne, aber es sagte nichts, sondern reichte der Alten Tee und das Päckchen mit Broten. Die Alte nahm einen winzigen Schluck und einen ebenso winzigen Bissen vom Brot, dann gab sie Wilhelm alles zurück. "Weißt du mein Junge, ich fürchte; selbst wenn ich die Kanne austrinke und all deine Brote esse, die Kraft, die brauche, um meine Kiepe nach Hause zu bringen, wird mir dadurch nicht zuteil." "Wohnst du weit von hier  ,Mütterchen", fragte Wilhelm. "Einen Katzensprung weit, und wenn du mir meine Kiepe nach Hause bringst, schmort schon für dich ein Huhn im Ofen und eine gute Flasche Wein steht auch bereit.""Iss dein Huhn selbst und auch an deinem Weine labe dich, Mütterchen, eine so kleine Hilfeleistung ist unter Nachbarsleuten, die wir, wie es scheint, sind, selbstverständlich." Die Alte erwiderte nichts, nickte nur freundlich mit dem Kopf. Wilhelm huckte sich die schwere Kiepe auf und lief der Alten nach. Die Kiepe war derart schwer, dass Wilhelm der Schweiß von der Stirn tropfte, "Nein", sagte sich Wilhelm, ein altes gebrechliches Mütterchen, dass eine solche Last zu tragen imstande war- kann keine gewöhnliche Frau sein und die Märchen seiner Mutter fielen ihm ein ... "Halt, Söhnchen, wir sind am Ziel. Stelle die Kiepe hier ab." Wilhelm tat wie ihm geheißen, obzwar weder Haus noch Hütte zu sehen waren. Der Eichenbaum zu dessen Füße Wilhelm die Kiepe der Alten abstellte, war von einer Dicke,die mehrere Männer mit ihren Händen nicht hätten umfassen können. Die Alte trat an den Baum, klopfte mit dem Knöchel ihrer Hand, einen Wilhelm nicht verständlichen Spruch murmelnd, an seine Rinde. Aus dem Stamminneren klang wie ein Ächzen oder Stöhnen heraus und war es erst ein mannshoher Spalt, der sich öffnete, wurde der breiter und breiter, bis eine richtige Tür sichtbar wurde, die von selbst aufschlug. Wilhelm sah eine Art Wendeltreppe, auf die die Alte ihren Fuß setzte und Wilhelm bedeutete ihr zu folgen. Um den Bogen herum waren es bloß noch vier Stufen und dann stand Wilhelm wieder zu ebener Erde, vor sich einen Saal sehend, der in ein Lichtermeer getaucht schien. Inmitten des Raumes war eine festlich angerichtete Tafel, aufgetürmt mit Köstlichkeiten, wie sie Wilhelm noch nie gesehen, geschweige denn ähnliches je gegessen oder getrunken hatte. "Setz dich, Söhnchen", sagte freundlich die Alte, "einer Kleinigkeit bedarf es noch zum Festmahl." Wilhelm nahm in einem reich mit Schnitzwerk versehenen Sessel Platz, immer noch geblendet von der Lichterfülle und wie betäubt von den köstlichen Gerüchen, die von den auf der Tafel vorhandenen Gerichten ausgingen."Ich bin im Märchen", sagte Wilhelm zu sich und fühlte sich alsbald bestätigt, denn die nun Zurückkehrte, hinter seinem Rücken hervortretende war nicht mehr das alte Mütterchen, sondern eine, in ein goldweißfarbenes Gewand gekleidete junge, wunderschöne Frau. "Für deine uneigennützige Hilfe, lieber Wilhelm, hast du dir eine Belohnung verdient, nach der Art, wie wir freundlichen Waldgeister sie zu vergeben haben", kam es aus ihrem Munde und es war wie der zarte Klang von Silberglöckchen. Einmal die Schönheit der jungen Frau und zum anderen die Aussicht auf eine Belohnung, die ihm ermöglichen würde, mit seinen Eltern ein besseres Leben zu führen, hatten Wilhelm vor Freude die Sprache verschlagen. Die Frau trat nun wieder einen halben Schritt hinter ihn, legte von hinten  ihren linken Arm um seine Schulter. Wilhelm spürte die Bewegung wie eine Liebkosung, nahm wahr, dass ihrer beringten Hand Edelsteine funkelnd und blitzend ihr Licht versprühten.

Nicht wahrnahm er, dass die Frau mit der rechten Hand, ein versteckt gehaltenes großes Schlachtmesser an seinen Hals führte und den- mit einem einzigen kräftigen Schnitt- von einem Ohr bis zum anderen reichend- aufschlitzte ........



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