28.11.2007

Seines Glückes Schmied

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Bild zu Es war einmal ein Mann, der war sehr traurig, denn er hatte in seinem Leben kein Glück. Seine Frau und sein einziges Kind waren gestorben. Er hatte auch keine Verwandten, die noch lebten und war deshalb ganz alleine. Auch Freunde hatte er nicht. Arbeit fand er keine, obwohl er weder faul noch dumm war. So saß er eines Tages vor seiner kleinen Holzhütte auf der morschen Bank mit einem harten Stückchen Brot in der Hand und starrte vor sich hin. Er dachte daran, wie es wohl sein würde, wenn alles anders wäre. Bei seinen Gedankenspielen kam ihm auch das Sprichwort 'Jeder ist seines Glückes Schmied' in den Sinn. Es musste doch was dran sein an diesem Sprichwort, dachte er. Er zweifelte zwar daran, dass man sich sein Glück schmieden könne, denn das kam ihm recht einfach vor. Aber was hatte er noch zu verlieren. Schlechter konnte es ihm kaum noch gehen. Also zog er hinaus in die Welt um nach Schmieden zu suchen, die ihm das Glück anfertigen konnten.

Als er beim ersten Schmied angekommen war, fragte er ihn ob er ihm das Glück mit Hilfe seines Werkzeugs und seines Ambosses schmieden könne. Der Handwerker schaute etwas irritiert, als er die Worte des Mannes gehört hatte, sagte dann aber nach einer kurzen Pause: 'Ich bin ein reicher Mann. Ich habe viel Geld und kann mir dafür alles kaufen, was ich möchte. Ich habe eine tolle Frau und wunderbare Kinder. Ich habe ein großes Haus und einen riesigen Hof mit Tieren und einen Garten mit sehr schönen Pflanzen. Wieso sollte ich dir armen Wicht helfen? Was hätte ich davon? Gehe und suche dir jemand anderen, aber lasse mich bitte in Ruhe.' Der Schmied schloss die Tür ohne sich zu verabschieden. Eine normale Reaktion des Mannes wäre gewesen, von der recht unhöflichen Art seines Gegenübers enttäuscht zu sein. Aber es traf das Gegenteil zu. Der Mann lächelte seit langer Zeit wieder einmal, denn er schien den Beweis gefunden zu haben, dass das Sprichwort stimmte. Wie sollte der Schmied anders an sein Glück gekommen sein als durch sein Handwerk. Obwohl er noch nicht zum Ziel gekommen ist, war der Mann sich sicher, dass er dem Glück auf der Spur war. Also begab er sich auf die Suche nach dem nächsten Schmied.

Nachdem er eine Weile unterwegs war, erreichte er einen weiteren Schmied, dem er auch die Frage stellte, ob dieser ihm sein Glück schmieden könnte. Der Schmied schaute genauso verwundert wie der erste über die Frage des Mannes, war aber höflicher als der reiche Handwerker und sagte: 'Lieber Herr, ich würde dir gerne helfen, aber schau mich an. Ich trage Lumpen an meinem Körper und wohne in einem kleinen modrigen Haus. Meine Frau und meine Kinder sind krank und hungern. Ich kann sie kaum ernähren. Glaube mir, wenn man sich das Glück schmieden könnte, hätte ich es längst getan. Ich würde dir gerne zum Glück verhelfen, guter Mann, aber es geht leider nicht!' Der Mann bedankte sich bei dem Schmied und beide verabschiedeten sich freundlich voneinander. Was sollte der Mann nun tun? Er war nicht mehr so hoffnungsvoll wie am Anfang seiner Reise, doch er wollte es nicht wahr haben. Er wollte dem armen Schmied einfach nicht glauben. Es musste möglich sein, sein Glück zu schmieden. Also suchte er einen Schmied, der ihm endlich weiterhelfen konnte.

Um den dritten Schmied zu erreichen, musste der Mann lange wandern. Erschöpft klopfte er an die Tür der Schmiede, aus der Geräusche kamen, die darauf schließen ließen, dass der Schmied gerade arbeitete. Nachdem dieser das Klopfen nicht gehört zu haben schien, trat der Mann vorsichtig ein. Er beobachtete den Schmied eine Weile und war sofort von seinen Fertigkeiten begeistert. Der Mann war sich sicher, dass sein fleißiger Gegenüber ihm sein Glück schmieden konnte. Als der Schmied eine Pause einlegte, sprach der Mann ihn an und stellte ihm die Frage, die er auch den andern beiden Handwerkern gestellt hatte. 'Ich kann dir dein Glück nicht schmieden', antwortete darauf der Schmied. 'Das Sprichwort lautet: Jeder ist SEINES Glückes Schmied. Also musst du dir dein Glück schon selbst schmieden.' - 'Aber ich beherrsche das Schmiedehandwerk nicht,' sagte der Mann, 'wie sollte ich das dann können?' - 'Das ist kein Problem, ich zeige es dir!' sprach der nette Schmied und lehrte dem Mann das Schmieden.

Dem armen Mann gefiel dieses Handwerk sofort, und er hatte darüber hinaus auch noch viel Talent dazu. Auch der Schmied war begeistert von den Fertigkeiten seines Gastes. Nachdem der Mann das Gelernte eine Weile vertieft hatte, unterbrachen die beiden die Arbeit um in dem gemütlichen Haus des Schmieds zu essen. Das Haus war nicht so klein wie das des zweiten Schmieds, aber auch nicht so groß und prunkvoll wie das des ersten. Der Mann fand die Größe genau richtig. Er lernte auch die nette Frau des Schmieds und die zwei lieben Kinder kennen. Nun war der Mann sich sicher, dass er seinem Ziel nah war, da er davon ausging, dass der Schmied sich sein Glück selbst geschmiedet hatte. Also sprach der Mann zum Schmied: 'Da ich jetzt gut erholt und satt bin, möchte ich jetzt, genauso wie du, mein Glück selbst schmieden. Zeige mir bitte, was ich mit dem Metall und dem Werkzeug machen muss um so glücklich zu werden wie du!' Daraufhin antwortete der Schmied: 'Mein lieber Freund. Man kann sich sein Glück nicht schmieden. Es gibt kein Metall auf dieser Welt, mit dem das möglich wäre. Glück kann man nicht in der Hand halten wie ein Stück Eisen. Man kann Glück nur fühlen und erleben, aber nicht anfassen. Je mehr du darüber nachdenkst, ob du glücklich bist, desto schwieriger ist es, es zu sein. Lebe DEIN Leben und schau nicht auf das Glück der anderen. Dann wirst du es bestimmt finden.'

Enttäuschung machte sich im Gesicht des armen Mannes breit. Er glaubte den Worten des Schmieds, denn er wusste, dass er ehrlich war, und wenn so ein guter Schmied nicht wusste, dass es unmöglich war, sein Glück zu schmieden, wer sollte es dann wissen! Also wollte der Mann sich seinem Schicksal beugen und sich verabschieden: 'Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast und für deine ehrlichen Worte. Ich möchte dich nicht weiter bei der Arbeit stören und werde nun zurück in mein kleines Dorf gehen. Auf Wiedersehen!' - 'Ich möchte nicht, dass du gehst,' sagte der Schmied. 'Ich habe soviel Arbeit, ich brauche jemanden, der mir dabei hilft. So einen guten Schmied wie dich könnte ich sehr gut gebrauchen.' Der Mann lachte vor Freude und umarmte seinen zukünftigen Meister. Er verließ sein trostloses Dorf und zog in die Stadt, in der auch sein Arbeitsplatz war. Der Mann lernte eine nette Frau kennen, mit der er ein Kind hatte, und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.



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Kommentar von bruno:
(06.12.2007 um 08:59 Uhr)

Danke für die positiven Kommentare. Zu gütig!

Kommentar von Ruhrpottchrissi:
(30.11.2007 um 16:03 Uhr)

Hallo CattieBrie, ich kann dir gerne ein paar Kinder leasen!!! :-)))))))

Kommentar von CattieBrie:
(28.11.2007 um 22:42 Uhr)

Auja ... das wird bestimmt super! Ich würde nie müde werden, es meinen Kindern vorzulesen. Naja auf jeden Fall wenn ich welche hätte ...

Kommentar von djkuddel:
(28.11.2007 um 22:41 Uhr)

Tolles Märchen. Das nächste Bruno´s Märchenbuch werde ich mir definitiv kaufen. Bruno ist Beste Nachfolger der Gebrüder Grimm :)

Kommentar von CattieBrie:
(28.11.2007 um 22:28 Uhr)

Wieder einmal ein wunderschönes Märchen. Respekt




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