25.11.2007

Schwarz und Weiß - Ein modernes Märchen

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Es war an einem Sonntag Abend, als ich mir einen Schwarzweiß-Film im Fernsehen anschaute. Ich liebe diese alten Schinken aus Zeiten, zu denen man sich nicht vorstellen konnte, dass die bewegten Bilder auf der Mattscheibe jemals in Farbe dargestellt werden konnten. Es schien noch alles so viel einfacher damals, nicht so schnelllebig und hektisch. Die Menschen waren mit weniger zufrieden und auch die Filme waren größtenteils noch nicht so actiongeladen und dramatisch wie heute. Da auch der Film, den ich mir an diesem Abend ansah, nicht mit rasanten Verfolgungsjagden gespickt war, sondern eher die heile Welt von damals repräsentieren sollte, saß ich mit niedrigem Puls und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen auf meiner Couch. Nachdem der Film beendet war, war ich sehr ausgeglichen aber auch schläfrig, so dass ich entschloss, ins Bett zu gehen. Am nächsten Tag begann schließlich die neue Woche, die ich ausgeschlafen beginnen wollte...

Der Wecker schellte um 6:40 Uhr. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach dem lärmenden Zeitmesser um ihn abzustellen. Beim fünften Versuch fand ich die entsprechende Taste, durch deren Drücken ich mein Ziel erreichte. Es war endlich Ruhe und ich konnte noch 1 bis 2 Minuten vor mich hinschlummern, bevor ich mich entschloss aufzustehen. Ich knippste die Nachtischlampe an und erhob mich langsam aus meinem Bett. Dachte ich anfangs noch, ich würde mich irren, merkte ich beim zweiten und dritten Mal hinschauen, was geschehen war. Ich sah alles in schwarz-weiß, genauso wie am Abend zuvor in dem alten Film, den ich mir angeschaut hatte. Mein Schrank, mein Bett, der Fußboden, nichts war farbig. Auch der Blick durch mein Schlafzimmerfenster verriet mir, dass meine Augen keine Farbtöne mehr wahrnehmen konnte. Alles was ich durch die Scheiben erblickte, sah ich in unterschiedlichen Grautönen. Bei keinem Baum und bei keinem Strauch konnte ich auch nur den Ansatz eines Grüntons erkennen. Selbst die parkenden Autos sahen nicht so schön farbig aus wie am Tag zuvor. Was war mit mir passiert über Nacht? Ich konnte es mir nicht erklären. Aber es half ja alles nichts. Das Leben ging weiter, auch in schwarz-weiß.

Ich duschte in meinem grauen Badezimmer und kleidete mich mit Sachen, bei denen ich nicht wusste, ob sie farblich zusammenpassten, aber ich war mir sicher, dass mich später meine Arbeitskollegen darauf aufmerksam machen würden, wenn dies nicht der Fall war. Das Frühstück in meiner schwarz-weißen Küche bestand an dem Morgen aus einem Ei, einer Tasse schwarzen Tee, einer Scheibe Weißbrot mit einer Nuß-Nougat-Creme und einer Scheibe Schwarzbrot mit Marmelade bestrichen. Ich konnte leider nicht erkennen um welche Konfitüre es sich genau handelte. Selbst Etiketten konnten mir dabei nicht helfen, da es diese im ganzen Haushalt auf keinem meiner Marmeladengläser gab. Die von meiner Mutter selbstgemachte Marmelade befand sich in Behältern ohne Aufschritt, da dies im Normalfall auch nicht nötig war. Schließlich verriet mir die Farbe, um welche Sorte Marmelade es sich handelte. Doch an diesem Morgen war alles anders.

Bei der Fahrt zur Arbeit war mir nicht nur deshalb komisch zumute, weil ich meinen Arbeitsweg mit ganz anderen Augen sah, sondern auch, weil ich nicht wusste, wie sich so ein Arbeitstag in schwarz-weiß gestalten würde. Ich überquerte die letzte Ampel, bevor ich schließlich den Firmenparkplatz erreichte. - In diesem Zusammenhang ist noch erwähnenswert, dass mir das Erkennen der Ampelfarben zwar nicht möglich war, dass ich aber schlau genug war zu wissen, dass ich beim Leuchten des oberen Lichtes anhalten musste und beim Leuchten des unteren Lichtes fahren durfte. Allerdings bedurfte es an diesem Tag etwas mehr Konzentration als sonst, da das Rot und Grün der Ampeln in schwarz-weiß nicht so kräftig leuchteten. - Ich stieg aus dem Auto und näherte mich mit zitternden Knien dem Firmengebäude. Nachdem ich im Flur angekommen war, begegnete ich dem ersten Arbeitskollegen und grüßte ihn freundlich. Er grüßte zurück und brach kurze Zeit später in ein Gelächter aus. Er sagte, dass ich einen guten Sinn für Humor hätte und spielte auf die Farbkombination meiner Kleidung an. Ich hatte es doch geahnt. Meine Kollegen hatten mich niemals im Stich gelassen, wenn es darum ging, meinen Modeberater zu spielen. Doch diesmal muss die Wahl meiner Kleidung wirklich gewagt ausgefallen sein. So hatte sich der Kollege über meine Hosen und Hemden noch nie amüsiert.

Als ich an meinem Schreibtisch angekommen war, begrüßte ich die zwei Arbeitskollegen, mit denen ich das Büro teilte. Auch sie hielten sich nach einem gemeinsamen 'Guten Morgen' die Bäuche vor Lachen. Frau Fliederhorst lag fast am Boden, während Herr Hornkraut es noch schaffte, ein paar Worte hervorzubringen: 'Ein grünes Hemd und ein gelbe Hose, unglaublich... Hahahahaha!!!' Zumindest wusste ich jetzt, welche meiner vielen Hemden und Hosen ich gewählt hatte und wusste schon jetzt, dass ich diese in dieser Kombination nicht mehr anziehen würde. Einige Minuten später erholten sich die beiden Kollegen von meinem Anblick, so dass wir zum Tagesgeschäft übergehen konnten. Trotz der widrigen Umstände meiner Schwarz-Weiß-Sichtigkeit versuchte ich, die mir am Tag zuvor vom Chef gestellten Aufgaben zu lösen. Den PC hatte ich mittlerweile hochgefahren, die Arbeit konnte also beginnen.

Es war sehr ungewohnt, die Oberfläche meines Betriebssystems in verschiedenen Graufstufen zu betrachten. Ich war mir jedoch sicher, dass dieser Umstand meine Arbeit nicht beeinflussen würde, denn als die Entwicklung der PCs noch nicht so weit vorangeschritten war, arbeitete man ja schließlich auch nicht mit Farbmonitoren und es funktionierte trotzdem. Die verschiedenen Farbtöne waren nur dazu da, einem den Arbeitsalltag zu verschönern, wirklich nützlich waren sie nicht, dachte ich. Allerdings habe ich mich bei dieser Annahme getäuscht. Am Tag zuvor hatte mir mein Chef kurz vor Feierabend eine Aufgabe gegeben, die nun zu erledigen war. Ich sollte Formulare mit Hilfe meines Computers ausfüllen, was allerdings durch meine Farbenblindheit gar nicht so leicht war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auf dem Bildschirm las ich in Fettbuchstaben: 'Die rot markierten Felder müssen nicht ausgefüllt werden!' Ich stellte mir die Frage, wie es mir möglich war, die rot gekennzeichneten optionalen Felder zu erkennen und hatte darauf auch schnell eine Antwort: Es ging nicht. Also füllte ich vorsichtshalber alle Felder aus, was mehr Konzentration und Arbeitszeit in Anspruch nahm als ich ursprünglich eingeplant hatte. In meiner misslichen Lage versuchte ich, mich positiv zu stimmen. Mir kam der Gedanke, dass eine bevölkerungsübergreifende Farbenblindheit Arbeitsplätze schaffen würde, da man mehr Kräfte bräuchte um dieselbe Arbeit in derselben Zeit zu erledigen. Die Arbeitslosigkeit ginge zurück und es käme zu einem volkswirtschaftlichen Aufschwung. Schwarz-Weiß-Sichtigkeit könnte also die Lösung einiger Probleme sein.

Nachdem ich ein paar Formulare ausgefüllt hatte, meldete sich mein Magen, und ich beschloss, zu einem nahegelegenen Supermarkt zu fahren um mir etwas zu Essen zu kaufen. Nett und hilfsbereit wie ich war, fragte ich meine Arbeitskollegen, ob ich ihnen etwas mitbringen sollte. Frau Fliederhorst hatte Brote von zu Hause mitgebracht und wollte deshalb nichts. Herr Hornkraut wollte zwei schöne grüne Äpfel, die er, im Gegensatz zu den roten, sehr gerne aß. Die Problematik dieser Bestellung war mir schnell bewusst und ich überlegte schon auf dem Weg zum Supermarkt, wie ich dieses Problem lösen sollte. Als ich mein Fahrtziel erreicht hatte und in die Obstabteilung ging, sah ich von weitem schon die Äpfel in verschiedensten Grautönen liegen. Ich konnte beim besten Willen nicht feststellen, welche von den Äpfeln rot und welche grün waren. Wenn ich jemanden gefragt hätte, hätte ich das Problem wohl schnell lösen können, aber ich wollte nicht ein weiteres mal an diesem Tag ausgelacht oder seltsam angeschaut werden. Eine Frage meinerseits, welche der Äpfel nun grün wären, hätte wohl niemand als normal angesehen. Also nahm ich einfach 2 Äpfel und hoffte, dass ich die richtigen gewählt hatte. Ich bezahlte die Früchte, kaufte für mich noch etwas beim Bäcker und fuhr zurück ins Büro.

Im Supermarkt schien ich die richtige Wahl getroffen zu haben, den Herr Hornkraut war mit seinen scheinbar grünen Äpfel zufrieden und verspeiste sie mit großem Genuss. Im weiteren Verlauf des Nachmittags erlebte ich solange keine unangenehme Situation, bis mich Frau Fliederhorst fragte, ob ich ihr meinen gelben Textmarker leihen könnte. Ich schaute in meinen Stifthalter und sah darin meine drei Textmarker. Ich konnte mich erinnern, dass sie am Arbeitstag zuvor noch grün, orange und gelb gewesen waren. Doch an diesem Nachmittag waren sie alle grau. Ich hätte mich aus der misslichen Lage befreien können, in dem ich meiner Arbeitskollegin gesagt hätte, sie solle sich den Stift ruhig nehmen, doch das wäre schier unhöflich gewesen. Frau Fliederhorst saß auf der anderen Seite des Raumes, und es wäre für sie sehr aufwändig gewesen, sich den Marker zu holen. Für mich hingegen waren die Stifte nur einige Zentimeter entfernt. Ich griff also zielsicher den orangen Textmarker und warf ihn meiner Kollegin zu. Sie fing den Stift und schaute mich verwundert an. 'Ich wollte doch den gelben haben!' sagte sie. Dann fuhr sie fort: 'Irgendwie machen Sie auf mich heute einen fahrigen und unkonzentrierten Eindruck. Was ist denn mit Ihnen los? Was haben Sie den gestern abend so getrieben?'-'Nichts Besonderes,' antwortete ich, 'ich habe mir nur einen Film im Fernsehen angesehen.' Frau Fliederhorst schaute immer noch mit einem fragenden Blick zu mir herüber, bis sie schließlich den Kopf neigte und mit meinem Marker etwas anstrich. Die orange Farbe schien sie gar nicht mehr zu stören. Manchmal schien es also doch egal zu sein, ob man etwas in gelb oder orange oder grau sieht. Trotzdem wollte ich unbedingt, dass alles wieder so werden würde wie vorher.

Als ich am Abend von den Ereignissen des Tages erschöpft auf meiner Couch saß und mit meiner Fernbedienung durch die verschiedenen Fernsehsender zappte, kam mir plötzlich eine Idee. Wieso sollte es nicht auch anders herum funktionieren? Vielleicht würde ich am nächsten Morgen wieder in einer bunten Welt erwachen, wenn ich mir einen Film in Farbe ansah. Ich beschloss, mir einen modernen Actionthriller anzuschauen, dessen Farben ich nicht wahrnehmen konnte. Trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass es sich bei dem recht neuen Film nicht um einen Schwarz-Weiß-Film handelte. Nachdem ich den Actionstreifen, in dem es reichlich Schießereien und Explosionen gab, zu Ende gesehen hatte, ging ich ins Bett und war sehr gespannt, was passieren würde.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war alles wieder bunt. Ich sah die Welt mit ganz anderen Augen. Ich genoß die Farben in meiner Wohnung, ich freute mich über die verschiedenen wunderschönen Farbtöne in der Natur, ich bewunderte die unterschiedlichen Autolackierungen und kam mir vor wie neugeboren. Ich war dankbar für den Tag in schwarz-weiß. Er hat mich gelehrt, Dinge nicht als selbstverständlich anzusehen. Ich hatte vorher schon fast vergessen, wie schön unsere Welt doch ist.



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Kommentar von pusteblume:
(07.12.2012 um 16:19 Uhr)

Dieses märchen ist wunderschön und man kann wirklich daraus sehen dass nicht alles selbstverständlich ist!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!ALSO WIRKLICH TOLL:)GROßES KOMPLIMENT!!!!!;);););):-)

Kommentar von djkuddel:
(25.11.2007 um 18:52 Uhr)

Ein sehr schönes Märchen, das einem die Augen öffnet. Weiter so!!!




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