22.03.2010

Ein kapitalistisches Märchen der modernen Art

()

Ich bin ein normaler Mann. Meine 48 Lebensjahre sind zwar nicht spurlos an mir vorübergegangen, jedoch bin ich durchaus noch vorzeigbar, wenn auch von äußerst attraktiv ein Stück weit entfernt. Das Leben hat es nicht schlecht mit mir gemeint, aber auch nicht übermäßig gut. Ich habe einen mittelmäßigen Job, wohne in einer mittelmäßigen Wohnung, habe ein mittelmäßige Frau, alles in allem ist bei mir alles mittelmäßig.

An einem wunderschönen Tag mitten in der Woche nehme ich mir vor, aufgrund des unvergleichlichen Wetters einen langen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Da meine Frau keine Lust hat und ihre Zeit lieber mit dem Lösen von Kreuzworträtseln verbringt, verlasse ich schließlich alleine die Wohnung und gehe weiter, als ich je zuvor in meinem Leben gegangen bin. So komme ich zu einer Wohngegend, die ich vorher nie gesehen habe.

Bereits das erste Haus auf der rechten Seite versetzt mich bei dessen Betrachtung in eine Art ehrfurchtvollen Zustand. Ich habe selten ein so großes Privathaus gesehen. Vor den 3 Garagen stehen Sportwagen von immensem Wert, die ich bisher nur aus Katalogen oder aus dem Fernsehen kannte. Ich kann mir nur zwei Berufe vorstellen, die der Besitzer dieser teuren Karossen ausüben muss. Entweder war er Pop- oder Schlagerproduzent oder ein professioneller Fußballspieler.

Ohne lange im Unklaren über meine Annahme zu sein, öffnet sich schon bald die Haustür des großen teuren Anwesens. 'Mach dich da weg', ertönt es aus der geöffneten Tür, 'so ein Gesindel wie dich können wir hier nicht gebrauchen. Ich möchte bei der Produktion meiner kreativen Schlagermusik nicht von solch einem Pack wie dir gestört werden.' Obwohl ich sehr gutaussehende Sachen an diesem Tag trage, scheint das geschulte Auge des Multimillionärs offensichtlich sofort erkannt zu haben, dass es sich bei meiner Kleidung nicht um hochpreisige Markenartikel handelt. Wie anders hätte er sicher gehen können, dass ich nicht auch ein Großverdiener bin.

Aufgrund des geschulten Blicks des Schlagproduzenten steigt meine Ehrfurcht vor diesem Herrn noch um ein Vielfaches an, so dass ich genauso unauffällig, wie ich gekommen bin, von dannen schleiche. Die nächsten Häuser verbessern an meiner Haltung wenig, sie lassen mich hingegen sogar immer mehr in mich zusammensacken. Von Haus zu Haus laufe ich gebückter, so dass ich schließlich zu Boden falle und mich nur noch kriechend fortbewegen kann.

Da öffnet sich plötzlich die Tür eines komplett vergoldeten Hauses und eine alte von der Körperhaltung nach zu urteilen adlige Dame faucht in böser Art und Weise in meine Richtung: 'Du arme unwertige Gestalt. Was treibst du dich in dieser schönen Gegend herum? Krieche zu deines unbedeutenden Gleichen und lass uns Höhergestellte in Frieden.'

Nachdem die bedeutsame Frau ihre goldene Tür zugeschlagen hat, bohre ich mich unauffällig in den hochwertigen Asphalt des Bürgersteigs, damit ich diese Gegend quasi unsichtbar verlassen kann. Als ich endlich das Ende der prunkvollen Straße erreicht habe, lehne ich mich an einen Baum und atme ein paar Mal tief durch. Diesen Spaziergang habe ich mir wirklich schöner vorgestellt. Aber die Reichen haben schon Recht. Ich sollte sie nicht stören, sie nicht belästigen, ihre Zeit war so wertvoll.

Nachdem ich ein paar mal tief ein- und ausgeatmet habe, schaue ich nach oben und sehe auf einem Baumzweig einen grauen hässlichen Vogel sitzen: 'Keine Angst, mein Herr, die Reichen werden ihr blaues Wunder erleben. Ich habe es mir lange genug angesehen. Wie sie dich vorhin behandelt haben, war einfach unmenschlich.' - 'Meinst du?' antworte ich. 'Aber ich hatte bei denen doch auch nichts zu suchen. Ich bin für diese Gegend doch unwürdig gewesen.' - 'Papperlapapp', meint der Vogel, 'jeder Mensch ist gleich. Du armes Würstchen bist genauso viel Wert wie diese reichen Volltrottel. Jetzt ist Schluss. Ich zaubere diesen ganzen überflüssigen Schnickschnack weg.'

Plötzlich sehe ich einen hellen Blitz, der eindeutig dort einschlägt, wo ich vorhin noch ehrfürchtig davongekrochen bin. Im nächsten Augenblick sehe ich nichts mehr. Keine riesigen Häuser, keine Villen, keine pompösen Gartenanlagen, keine teuren Fuhrparks. Ich sehe nur noch Menschen in Stofffetzen jammernd auf dem Boden sitzen, die von der einen auf die nächste Sekunde den Großteil ihrer Kraft verloren zu haben scheinen. Sätze wie 'Ich bin nichts mehr, ich habe nichts mehr' und 'Man hat mir alles genommen' vernehmen meine Ohren, während ich zu dem Vogel schaue und ihn frage: 'Warst du das?'

'Klar, sowas ist ein Klacks für mich. Ich öffne gerne die Augen solcher Kreaturen, die an irdischem Schnickschnack hängen und sich dadurch definieren. Wichtig ist, was du bist, unabhängig von all dem oberflächlichen Zeug drumherum. Jetzt geh nach Hause und mache dir einen schönen Abend mit deiner Frau. Ich mache jetzt noch einen kleinen Rundflug.' Ich bedanke mich bei dem Vogel, verabschiede mich von ihm und gehe hocherhobenen Hauptes nach Hause.



Literatur News

Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp




Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Mann, achtundvierzig, normal, durchschnittlich, Spaziergang, Frau, Kreuzworträtsel, Reich, Häuser, Autos, kriechen, Gesindel, golden, Adel, adlig, Schnickschnack, Vogel, verzaubern, jammern, Wertigkeit, bedanken, verabschieden
nach oben