31.05.2011

Der kleine Mung und die Beutelmäuse

() Märchen & Fabeln 2011

von

Marc Wormskirch

 

 

Kapitel 1

„Was ist das für ein Tierchen?“

Wenn die Mittagssonne ihren Zenit erreicht hatte, suchten alle Tiere der Wüste unter Steinen, in Erdlöcher oder unter den schattigen Palmenblättern der Oase Schutz vor den sengenden Strahlen.

Die Oase war wie eine Insel inmitten eines brennenden Ozeans aus Sand und Steinen.

Die Beutelmäuse Frieder und Ingo hatten die Oase noch nie verlassen. Sie durchstreiften das Unterholz auf der Suche nach Beeren, ihrer Lieblingsspeise.

„Wie gern wäre ich jetzt unten am Wasserloch“, seufzte Ingo, des Beerensammelns schon überdrüssig.

„Sei ruhig, Ing“, rügte ihn Frieder, „du weißt doch, dass wir wieder Ärger bekommen, wenn wir nicht genug Beeren für die anderen mitbringen.“

Ingo, den alle Beutelmäuse nur Ing nannten, weil er seit einem Vorfall in seiner Kindheit penibel vermied O-Laute von sich zu geben, schwieg. Ing war ein schwieriges Kind gewesen. Als er das Sprechen lernte, hatte er jeden immer damit genervt hatte, dass er zu allem was ihm neu war, nur ein erstauntes „Oh!“ von sich gab. Eines Tages war er zum Essen bei Maximilian, dem Stammesvater der Beutelmäuse. Ing beobachtete die ganze Zeit nur den dicken, alten Maximilian mit aufgerissenen Augen, wie er seine Nahrung verschlang. Jeden seiner großen Happen kommentierte Ing immer wieder mit „Oh“. Am Tag darauf verboten ihm die anderen Beutelmäuse, noch mal „O“ zu sagen.

„Hast du das eben auch gehört?“ Frieders Schnurrhaare vibrierten.

„Nein, was denn?“ fragte Ing in Gedanken versunken,

weil er von einem kühlen Bad am Wasserloch träumte.

„Da ist es wieder, es kommt von dahinten“, erwiderte Frieder nach einer kurzen Pause, in der er seine kleinen Ohren spitzte. Er zeigte auf einige Blätter, die am Boden lagen.

Ein leises Pfeifen, fast wie ein wehleidiges Wimmern drang von dort jetzt auch zu Ings Ohren. Die beiden Beutelmäuse wollten nachsehen, was denn so jammervolle Geräusche machte. Sie schoben die Blätter zur Seite.

Vor ihnen kauerte ein Tierchen mit dunklen, runden Augen, dessen Fell noch so flaumig war, dass man seine helle Haut darunter durchschimmern sehen konnte.

„Wo ist denn seine Mama?“, fragte Ing.

„Woher soll ich das wissen, vielleicht fort?“

„Aber das ist doch noch ein Baby, eine Mama lässt doch nicht ihr Junges allein!“

Frieder runzelte seine flache Stirn. Das possierliche Tierchen sah zu ihnen auf, schien aber keine Angst vor den beiden zu haben.

„Und was sollen wir jetzt machen?“ Ing kratzte sich am Ohr. Doch noch bevor Frieder antworten konnte, unterbrach ein Rascheln und Knacken von kleinen Zweigen sein Nachdenken.

Die Beutelmäuse erschraken und fühlten sich bei etwas Verbotenem ertappt.

„Schnell, leg´ die Blätter wieder darüber, das wird seine Mama sein, die ist sicher sauer, wenn sie uns hier entdeckt.“ Ing bedeckte das Kleine hastig, danach sprangen sie in schnellen Sätzen hinter einen Baumstamm.

Das hilflose Baby pfiff und fiepte wieder. „Siehst du, Ing, es ruft nach seinen Eltern.“ flüsterte Frieder.

Das Rascheln aus dem Unterholz näherte sich. Die zwei freuten sich schon zu sehen, wie das Kleine wieder zu seiner Mutter finden würde, als die Stille von einem lauten Zischen zerrissen wurde. Den Beutelmäusen stellten sich die Nackenhaare auf und ihre kleinen Mäuler wurden vor Schreck trocken.

Ing packte Frieders Hand.

Es zischte wieder lang und scharf und eine dunkelrote, dünne Zunge, die an ihrer Spitze gespalten war, suchte sich ihren Weg aus dem Gestrüpp. Die Zunge wippte einige Male durch die Luft, als ob sie die Umgebung absuchen würde, dann verschwand sie, während sich ein riesiger Schlangenkopf über das Laub erhob.

Frieder und Ing schlotterten die Knie. Jetzt drückte auch Frieder Ings Hand und er war froh, dass jemand bei ihm war.

Das Tierbaby piepste wieder. Der Kopf der Schlange schwenkte ruhig in die Richtung der Palmenblätter. Ihr Körper war so lang, dass die Beutelmäuse sein Ende nicht sehen konnten. Die Schlange bewegte sich lautlos auf die Beute zu.

„Wir müssen was tun“, flüsterte Frieder wieder „das Monster wird den Kleinen verschlingen!“

Ing sah ihn nur ängstlich an.

„Geh, lauf zu den anderen, Ing. Ich werde das Ungetüm ablenken.“ Frieder schüttelte Ings Hand ab.

Ing sah ihn immer noch ängstlich an.

„Lauf!“ sagte Frieder.

Ing wandte sich mit einem Ruck um und lief auf das Dorf der Beutelmäuse zu.

Vom Heldenmut gepackt sprang Frieder aus seinem Versteck, fuchtelte mit den Armen umher und rief der Schlange entgegen: „Fang mich doch, wenn Du kannst.“

Sofort reagierte die Schlange mit einem lauten, drohenden Zischen und bäumte sich vor Frieder auf.

Ing blickte sich um während er rannte, er sah, dass die Schlange sich vor Frieder aufgerichtet hatte und ihn um mindestens fünf Längen in der Höhe überragte. Die Schlange breitete ihren Nacken aus und Ing konnte die schaurig-schöne Zeichnung auf ihrem Körper unterhalb des Kopfes betrachten.

Frieder stand wie angewurzelt vor der Schlange und hatte aufgehört mit den Armen in der Luft herumzuwirbeln. Ing erschreckte der Anblick und er rannte so schnell ihn die Beine trugen weiter, ohne sich noch mal umzusehen.

Im Dorf lief Ing schnurstracks zum Bau des alten Maximilian. Der alte Maximilian hatte, wie meistens gerade Besuch von Bernd und seinen Männern. Bernd nannte die Handvoll Beutelmäuse, die ihm folgten, nur seine Männer. Es waren aber Teenager, die zu alt waren, um noch auf dem Rücken ihrer Mütter herumgetragen zu werden und zu jung und unerfahren, um sich wirklich nützlich zu machen. Also folgten sie Bernd, der der älteste von ihnen war, aber nur, weil sie es gern hörten, wenn Bernd „Männer“ zu ihnen sagte.

„Also meine Männer …“, tönte Bernd gerade als er von Ing unterbrochen wurde, der keuchend hereinplatzte. Ing war völlig aufgelöst und außer Atem, so sehr, dass er keinen einzigen Ton von sich geben konnte und nur mit einem Arm in die Richtung deutete, aus der er gekommen war und sich mit dem anderen Arm leicht gebeugt auf seinem Knie abstütze, um besser Luft holen zu können. Maximilian legte seinen Zeigestock auf den Boden, den er sonst immer benutzte, um Bernd und seinen Männern etwas zu erklären und fasste Ing an der Schulter.

„Ing, was ist passiert?“ Ing hatte sich noch nicht beruhigt, er keuchte und ächzte und seine Laute bibberten einen Takt, den sein ausgestreckter Arm dirigierte. Er griff in seiner wortlosen Verzweiflung nach Maximilians Zeigestock und malte damit auf den sandigen Boden ein Zeichen, das er nie wieder vergessen konnte.

Er zeichnete ein V, dessen oberen beiden Spitzen in je einem kleinen Kreis endeten.

Es ähnelte einer Brille, die genau in der Mitte am Bügel, der die beiden runden Gläser zusammenhielt, spitz nach unten zusammengeknickt war. Das Zeichen ließ ihn selbst

wieder zusammenfahren, nachdem er es auf den Boden gemalt hatte. Es war das Zeichen der Schlange.

Maximilian wich einen Schritt zurück, als er Ings Botschaft begriff. Mit tiefem, bedächtigem Ton sagte er nur ein    Wort: “Saphira!“ und stockte selbst vor dem Klang dieses Namens, den er nur mit Angst und Schrecken in Verbindung brachte.

Hedwig, Maximilians Frau und Mutter der meisten Beutelmäuse im Stamm, kam gerade mit einer Schüssel Teig, für einen Johannisbeerkuchen, aus der Küche.

Als sie die kleine Versammlung sah, wollte sie erst, wie üblich, dem alten Maximilian eine Rüge erteilen, weil sich vor dem Hereinkommen mal wieder niemand die Füße abgetreten hatte. Hedwig war die einzige Beutelmaus, die mit Maximilian, dem Stammesvater der Beutelmäuse schimpfen durfte.

Als sie aber sah, dass alle Mannen um den keuchenden Ing herum standen und stumm auf den Boden blickten, schwieg sie.

Sie drängte sich durch den Kreis und kreischte auf, als sie die Zeichnung am Boden bemerkte. Die Schüssel entglitt ihren Händen und zerschellte vor ihren Füßen. Dicke Teigspritzer trafen die Gruppe ins Gesicht. Ing wurde ohnmächtig und fiel um.

Einige Minuten später, es hatten sich alle wieder beruhigt, beugte Hedwig über Ing und wedelt ihm mit ihrer Schürze aus Palmenblätter Luft zu. Als ob sie ein schlafendes Kind sanft wecken wollte, sprach sie in weichem Ton: „Ing, Iiiing, Iiiiing.“

Ings Augenlider öffneten sich langsam und er rollte mit den Augen umher, um sich neu zu orientieren. Maximilian trat jetzt vor: „Sprich Ing, was ist passiert?“

„Frrr, Frrr, Frrr“, stammelte Ing.

„Wo hast du das gesehen, Ing?“ Maximilian deutete mit dem Finger auf die Zeichnung am Boden, ohne selbst dabei noch mal darauf zu schauen.

„Ing!“, wiederholte er energisch.

„Frrrrieder…“, sagte Ing in weinerlichem Ton und deutete wieder, diesmal ohne zu Zittern, nach draußen.

Leopold, einer von Bernds Männern, sagte, dass er vorhin gesehen habe, wie Frieder und Ing zusammen zum Beerensammeln gegangen waren.

„Warum ist Frieder noch nicht zurück?“, sorgte sich Hedwig und befahl den Beutelmäusen in einem scharfen Ton: „Na los ihr Nichtsnutze, geht und sucht ihn!“

Maximilian gehorchte als erster, er wusste, dass man besser nicht mit Hedwig diskutieren sollte, wenn sie in diesem Ton sprach. Dicht gefolgt von Bernd und seinen Männern, verließ Maximilian mit Ing im Schlepptau die Höhle, um sich auf die Suche nach Frieder zu machen.

Von dem Tumult, der auf dem Weg über den Dorfplatz von den Beutelmäusen ausging, wurde Calvados aufmerksam, der unter seinem selbst geflochtenem Strohhut, der eine riesengroßen Hutkrempe hatte - eine ganze Mäusefamilie fände darunter Schatten vor der Nachmittagssonne – neugierig hervorlugte. Er lehnte am großen Dorfstein, der zwischen den Eingängen der Wohnhöhlen lag und beobachtete, wie die Gruppe an ihm vorüber schritt. Calvados, der von Auswärts kam und etwas dunkler war als die übrigen Beutelmäuse, nahm einen Schluck aus seinem Bodijo, einem Trinkgefäß, das er von Auswärts mitgebracht hatte. Dann schloss er sich der Truppe aus Langeweile an und wurden von Ing mit einem „Hallo, Calle!“ begrüßt.

So verließen Ing, Calle, Maximilian, Bernd und drei seiner besten Männer den Schutz der Wohnhöhlen und gingen hinaus in das Grün des Dschungels.

Ing ging voraus, weil ihm der alte Max aufgetragen hatte, den Weg zu zeigen, wo er Frieder zuletzt gesehen hatte.

Nach kurzer Wanderung erreichten sie die Stelle mit den Beerensträuchern, den abgefallenen Palmenblättern und den Baumstümpfen. Der Boden war an manchen Stellen aufgewühlt und hinterließ tiefe rinnenartige Abdrücke, die bis hinaus in die Wüste führten. Gepflückte Johannisbeeren lagen verstreut am Boden, aber von Frieder war weit und breit keine Spur. Bernd sah sich die Abdrücke genauer an, die sich vom staubigen Boden, zwischen dem Unterholz, hinaus in die offene Wüste schlängelten. Immer wieder gab er ein nachdenkliches Brummen und zwischendurch ein „Aha!“ von sich. Maximilian hob eine Beere auf „Sie müssen Frieder aus dem Beutel gefallen sein“, sagte er. Calvados nahm auch eine der herumliegenden Beeren und steckte sie in seinen Mund.

„Genau hier habe ich Frieder zuletzt gesehen“, rief Ing.

„Und Saphira?“, fragte ihn Maximilian, während er ihm einen ernsten Blick zuwarf.

Ing fing wieder an zu stottern: „D.. d.. die war dort.“ Er zeigte auf den Boden unter Maximilians dünnen Beinchen.

„Was ist dann passiert?“, fragte Maximilian weiter. Noch bevor Ing antworten konnte, klang ein helles Fiepen über die Lichtung, auf der die Mäuse nach Frieder suchten. Neugierig spitzen alle Beutelmäuse ihre Ohren, um den Quell des hohen Tons ausmachen zu können.

„Es kommt von da drüben“, sagte Bernd und deutete auf einen umgekippten Baumstumpf, der von Blättern bedeckt war.

Die Beutelmäuse versammelten sich rings um die am Boden liegenden Blätter. Das Fiepen verstummte.

Zaghaft schob Maximilian ein großes Palmenblatt zur Seite und rief dann laut: „Beim Monsun!“. Erstaunte Oh-Rufe und ein einzelnes „Ah…“ raunte durch die Gruppe der Beutelmäuse, als sie das kleine Tier entdeckten, das sie mit großen, pechschwarzen Knopfaugen anblickte. Es hatte vier Füßchen, wie die Beutelmäuse und runde Öhrchen, die ebenso von weichem Flaum überzogen waren, wie sein dicker Schwanz.

„Was ist das für ein Tierchen?“, fragte Bernd. Auch die anderen hatten ein solches Wesen noch nie gesehen.

Maximilian brachte nur ein nachdenkliches „Hm“ hervor.

„Wer ist das?“, fragten jetzt auch die anderen und richteten ihren Blick auf den alten Max, der seine Augen nachdenklich zum Himmel richtete. Dann trat er in die Mitte der Fragenden und verkündete mit all seiner Weisheit: „Dies ist keine Beutelmaus!“

Wieder tönten die Beutelmäuse ein erstauntes „Oh“ hervor,  dem ein einzelnes „Ah“ folgte.    

„Was sollen wir mit ihm machen?“,

„Ist es gefährlich?“,

„Ist es giftig?“,

„Wir können es doch nicht hier lassen?“,

„Wo ist Frieder?“ redeten die Beutelmäuse durcheinander und Calvados fragte, wann es etwas zu essen gäbe. 

„Frieder ist fort“, seufzte der alte Max „Saphira hat ihn mitgenommen.“

„Er ist fort? Wann kommt er denn wieder?“, wollte Ing wissen. Maximilian sah traurig zu Ing hinüber.

„Das Kleine werden wir mitnehmen“, sagte er dann und hob das Tierbaby auf.

Die kleine Gruppe verließ die abgelegene Lichtung im Palmenwald, um ins Dorf zurückzukehren.

Nach einem kleinen Fußmarsch erreichten sie den staubigen Dorfplatz am Rand des Dschungels. Während sie alle auf Maximilians Bau zugingen, schlossen sich ihnen auch die anderen Dorfbewohner an, weil sie neugierig auf das junge Wesen waren, das Maximilian fürsorglich in seinen Armen trug.

In der Wohnhöhle des Stammesvaters drängten sich die Mäuse und konnten ihre Blicke nicht von dem Mitbringsel lösen. In ihrer Mitte saß Maximilian auf einem kleinen Holzstuhl und wiegte das seltsame Pelztierchen wie eine Babymaus in seinen Armen. Das Kleine fiepte ängstlich mit geschlossenen Augen. Als es die Äuglein öffnete und die vielen erstaunten Gesichter um sich herum erblickte, verstummte es. Hedwig kam von der Küchenhöhle herein und stimmte wieder ihre Belehrung an, um die kleine Dorfgemeinde anzuweisen, dass sie sich gefälligst die schmutzigen Füße abzutreten hatten, wenn sie die Wohnhöhle betraten. Als sie das Jungtier in Maximilians Armen sah, brach sie ihre Ansprache ab. Sie ging näher an Maximilian heran, um das Kleine besser betrachten zu können.

Das Tierchen in seinen Armen begann wieder in hellem Ton zu fiepen und Hedwig sagte: „Habt ihr ihm den etwas zu essen gegeben? Ihr seht doch, dass es Hunger hat.“ Sie verschwand eilig in die Küche und kam mit etwas Milch zurück, die sie in einem geschickt gefalteten Palmenblatt trug. Sie hielt das Blatt an das Schnäuzchen des fremden Wesens und ließ die Milch vom Blatt tröpfeln. Das Tierchen leckte erst vorsichtig mit seiner Zunge nach der frischen Milch, dann schleckte es immer hastiger, bis es alles getrunken hatte. Dann säuberte es sich den weißen Milchbart an Maximilians dicken Bauch, kuschelte sich tiefer in seine pelzigen Arme und schlief zufrieden ein.

Bernd erhob seine Stimme: “Was sollen wir mit ihm machen?“

„Pssst“, ermahnte ihn Hedwig, „siehst du nicht, dass es schläft?“

„Was sollen wir mit ihm machen?“, flüsterte Bernd.  

„Es bleibt heute Nacht bei uns“, gab Maximilian zurück.

„Und wenn es gefährlich ist und uns fressen will?“, erwiderte Bernd besorgt.

„Ach, Papperlapapp“, sagte der alte Max in ruhigem Ton, um das Kleine nicht zu wecken. “Gleich Morgen werde ich mich auf die Suche nach Valkyra machen. Sie kennt alles und jeden auf der Welt. Sie wird uns schon sagen, ob es uns gefährlich werden kann oder nicht.“

Daraufhin begann Hedwig die Beutelmäuse leise aus der Höhle zu drängen, weil bald die Nacht anbrechen würde und da sollten alle Bewohner in ihren eigenen Höhlen sein.

Als sie endlich alleine mit dem Tierjungen waren, richtete Hedwig mit etwas Stroh eine Nachtstätte neben der eigenen in der Höhle ein, auf das Maximilian das Kleine sanft bettete, ohne es zu wecken. Dann legten sich auch der alte Max und Hedwig in ihr Bettchen und als die Nacht anbrach, schlief das Beutelmausdorf tief und fest.

 

Kapitel 2 

Der kleine Mung

Als die ersten Sonnenstrahlen ihr Licht über die Eingänge der Wohnhöhlen des Beutelmausdorfes gossen, war der alte Max schon aufgestanden und baute aus einem dicken Palmenblatt und einigen Stricken aus Baumrinde einen kleinen Rucksack, indem er den kleinen Findling tragen wollte. Als er damit fertig war nahm er das Tierjunge, legte es in das Palmenblatt und band es sich auf den Rücken. Dann nahm er seinen Spazierstock und verließ die Höhle. Als er draußen auf den Dorfplatz trat, wurde er schon von Ing erwartet, der ebenso wie Maximilian heute Morgen vor den anderen Beutelmäusen aufgestanden war.

„Darf ich den Kleinen sehen, Maximilian?“, Ing hatte nicht bemerkt, dass Max das Tierchen im Palmenblattrucksack auf dem Rücken trug.

„Das geht jetzt nicht, Ing. Ich gehe in den Dschungel und werde Valkyra suchen, damit sie uns sagt, was das für ein Tierchen ist.“

„Ach bitte, Maximilian, ich möchte Mal sein weiches Fell streicheln.“

Der alte Max drehte seinen dicken Körper um, so dass Ing den Kleinen, eingewickelt im Palmenblatt, auf seinem Rücken sehen konnte. „Ah“, tönte Ing freudig hervor, als er das Tierchen sah, wie es auf Maximilians Buckel zufrieden schlief.

„Wer ist Valkyra?“, fragte Ing neugierig.

„Ach, Ing mein Junge, Du kannst doch nicht alles wissen.“ Da Maximilian selbst nicht ganz wohl dabei war, ganz allein mit dem Kleinen in den tiefen Dschungel zu gehen, sagte er: “Wenn du willst, kannst du mich begleitet und wir werden gemeinsam nach Valkyra suchen.“ Ing lächelte. Er freute sich sehr darüber, dass nur er allein mit dem Stammesvater der Beutelmäuse zusammen in den tiefen Dschungel durfte.

Bevor es sich Maximilian anders überlegen konnte, packte Ing ihn an der Hand und so verließen die drei das Beutelmausdorf.

Sie folgten einem immer schmaler werdenden Pfad in das Dunkel des wild bewachsenen Teils der kleinen Oase. Maximilian, der in einer Hand seinen Spazierstock schwang und in der anderen Ing hielt, musste bald mit seinem Stock einige der Ranken des dichter werdenden Gestrüpps vom Weg schlagen, damit sie sich nicht darin verfingen. Ing schwieg den ganzen Weg über und blickte nur einige Male grinsend zu Maximilian hoch.

Als der Weg, auf dem sie schritten, sich im Grün verlor und keiner Richtung mehr zu folgen schien, blieb Max stehen.

„Wohin müssen wir jetzt?“, fragte Ing. Der alte Max blickte nach oben durch die Spitzen der Sträucher, bis über die Wipfel der großen Palmen. „Wir müssen dort hin, wo die Sonne auf geht“, sagte er.

„Gehen wir zur Sonne?“, fragte Ing.

„Aber nein, Ing. Siehst du, die Sonne geht morgens auf und versinkt abends wieder hinter dem Horizont.“ Ing blickte jetzt auch nach oben und kniff die Augen zusammen, als er in die Sonne sah. „Was ist der Horizont, Maximilian?“ Der alte Max achtete nicht mehr auf Ings Fragen, stattdessen deutete er mit seinem Spazierstock in eine Richtung und sagte: “Hier geht’s lang, komm!“ Zwischen den alten Bäumen und den dornigen Sträuchern setzten sie ihren Weg fort, immer tiefer ins Ungewisse.

Sie waren schon ein ganzes Stück weit gegangen, da sagte der Alte mit bedächtigem Blick nach oben gerichtet: „Bald kommt der Monsun...“

„Der Mansun?“

„Monsun, es heißt Monsun. Er kommt immer zu dieser Jahreszeit, dann wird der Himmel ganz dunkel, auch am Tag, und die Luft und die Erde werden ganz nass, als ob überall ein Wasserloch ist. Er zerstört alles, was wir aufgebaut haben und wenn er wieder fort ist, machen wir alles neu und besser.“

„Ah, der Mansun“, sagte Ing von Maximilians Weisheit berührt. Nachdem der Alte noch etwas über die Natur, in der sie lebten berichtete, weil sich Ing vor den vielen exotischen Vogellauten fürchtete und nicht glauben wollte, dass es Vögel waren, die so seltsame Rufe von sich gaben, schlug das Trio seinen Weg durch das dichte Gewächs des tropischen Waldes fort.

Bald wurde es immer dunkler und auch kühler unter den hohen Palmen und Bäumen, die den Himmel ganz verdeckten. Ing wurde wieder bange. Er hielt Maximilians Hand fester und drängte sich ein wenig näher an seine schützende Seite.

„Wann sind wir endlich bei Valkyra?“, fragte er und hielt es mittlerweile für keine gute Idee mehr, den Stammesvater und den kleinen Fremden auf diesen Pfaden zu begleiten.

„Bald sind wir da, mein Junge. Wir müssen aber noch tiefer in den Wald.“

„Noch tiefer in den Wald?“, erwiderte Ing und rückte beim Gehen so dicht an Max´ Seite, dass dieser bald über Ing stolperte. Das helle Krächzen der unsichtbaren Vögel wurde bald abgelöst von düster klingendem Gurren noch seltsamerer Vögel. Ing glaubte, dass der Dschungel selbst zu ihm sprechen würde, um ihn zu warnen, nicht weiter zu gehen. „Bitte Maximilian, lass uns zurückgehen, der Dschungel will nicht, dass wir weiter gehen.“ Maximilian, dem selbst nicht mehr wohl war beim durchstreifen der dichten Sträucher und riesigen Baumstümpfen, wäre am liebsten Ings Vorschlag gefolgt, doch tat er so, als ob er nichts hörte und ging vorsichtig weiter. Ihr Weg wurde nur noch von ganz wenigen, einzelnen Sonnenstrahlen erhellt, die ihre Lichtbahn zwischen dicken Baumstämmen und wild gewachsenen Schlingpflanzen bis auf den zugewachsenen Boden fanden.

Immer wieder wurde das Rauschen der Blätter und das dumpfe Tönen unsichtbaren Flugtiere von einem lauten Rascheln in den Wipfeln über ihnen unterbrochen. Dann schien der Dschungel zu schweigen und die Beutelmäuse, hörten nur wie einige Zweige krachend barsten und sich etwas über ihnen seinen Weg durch die Bäume bahnte. Als das laute Rascheln verstummte, begannen wieder die vielen anderen Stimmen des Dschungels ihr warnendes Lied weiter zu singen. Die Sonne über ihnen hatte der alte Max schon lange aus den Augen verloren und so gingen sie immer weiter, ohne zu wissen wohin. Es raschelte wieder über ihnen, diesmal war es ganz dicht. Maximilian ging schneller, um das unheimliche Wesen in den Bäumen über ihnen endlich hinter sich zu lassen. Bald lief er so schnell, dass er Ing hinter sich herziehen musste, damit er nicht zurück blieb. Ängstlich sah Ing immer wieder den Weg zurück und dachte nur daran, niemals die Hand, die ihn hielt, los zu lassen. Wieder hörten sie, wie Zweige über ihren Köpfen knickten. So schnell der alte Max mit der kleinen Last auf seinem Rücken und der jungen Beutelmaus, die er hinter sich herzog auch lief, er konnte  den unsichtbaren Verfolger aus dem Dunkel des Geäst nicht abschütteln – immer war er direkt über ihnen.

Da sah Maximilian durch die vielen Gräser und seltsam geschwungenen Wurzeln am Rande ihres Weges, wie immer mehr Licht durch den Schatten der exotischen Pflanzen schimmerte.

Eilig steuerten sie auf die Sonnenstrahlen zu, in der Hoffnung Valkyra endlich zu finden. Als sie den kalten Schatten des Dschungels entflohen, standen sie unter klarem Himmel am Rand der Oase. Sie blickten hinaus in die offene Wüste, deren unendliche Weite sich in einem Flimmern und Wabern verlor, das den Himmel mit der Erde verband.

Ing war beeindruckt von der unendlichen Weite und fragte erstaunt, was denn dahinter sei.

Maximilian antwortete ihm, dass es zu gefährlich sei, hinter den Horizont zu gehen. Der Horizont ist dazu da, erzählte er Ing weiter, um den Himmel mit der Welt der Beutelmäuse zu verbinden. Nachdem sie noch etwas in die Ferne geblickt hatten, setzten sie ihren Weg fort.

Sie marschierten am Rand der Oase weiter, auf der rechten Seite die offene Wüste und links von ihrem Pfad der dichte Dschungel. Plötzlichen hörten sie ein dröhnendes Brummen, das näher kam. Eine große Wanderheuschrecke landete vor ihren Füßen. Die Heuschrecke drehte ihren gepanzerten Kopf zur Seite hin und her, um die beiden Beutelmäuse, die vor ihr standen, genau sehen zu können. Kalt und leblos glänzten die schwarzen Augen des Insekts im Sonnenlicht.

Ing erschrak als die Heuschrecke den Rückenpanzer öffnete und sie die dünnen Flügel darunter zum Vorschein brachte. Daraufhin begannen sie wild zu vibrieren und das laute Brummen klang wieder durch die Luft.

„Keine Angst, das ist nur eine Heuschrecke“, flüsterte Maximilian, mehr zu sich selbst, als zu seinem jungen Gefährten.

Die Heuschrecke stelzte auf ihren sechs drahtigen Beinen näher an Maximilian und Ing heran, damit sie die Beutelmäuse mit ihren langen Fühlern betasten konnte. Wie versteinert verharrte Ing, als die harte Spitze eines Fühlers über seine Seite strich.

„Wenn sie alleine sind, stellen sie keine Gefahr dar, Ing. Nur wenn es viele sind, können sie alles fressen, was ihnen unter die Fühler kommt“, beruhigte ihn Maximilian.

Als der Fühler der Heuschrecke Ings Kopf abtastete, drehte sich Ing abwehrend zur Wüste. „Wie viele meinst du, Maximilian?“

Ing sah gebannt zum Horizont, vor dem eine riesige schwarze Wolke erschien, die sich in ständiger Bewegung verformte. Wie ein dunkler Krake am Himmel, dessen gigantische

Fangarme in alle Richtungen wild wedelten.

Maximilian keuchte kurz auf, als er auch die schwarze Wolke sah, die sich entgegen der Windrichtung auf die Oase zu bewegte.

„Ist das der Monsun?“, fragte Ing.

Maximilian antwortete nicht und starrte gebannt auf das Schrecken verheißende Schauspiel am Himmel.

„O je!“, sagte er entsetzt „Wenn der Heuschreckenschwarm über die Oase fliegt, wird er nur noch Wüstensand zurücklassen.“

Das tiefe Brummen, das aus weiter Ferne zu den Beutelmäusen drang, ließ sie schaudern.

Die Wanderheuschrecke, die direkt vor ihnen saß, fing wieder an mit den starren Flügeln zu schlagen und erhob sich brummend in die Luft.

Maximilian und Ing verfolgten die Flugbahn des Insekts, bis es in einem der riesigen Fangarme des schwarzen Kraken am Himmel verschwand.

Aus Angst das Unglück heraufzubeschwören, packte der alte Max Ing am Arm und zog ihn mit sich wieder in den Dschungel hinein.

Nach einer Weile mühsamen Fußmarsches durch das Dickicht, fing das Tierchen im Rucksack an zu fiepen. An einem Baumstamm, der hundertmal so dick war wie Maximilian, hielten sie an.

„Was hat es denn?“, wollte Ing wissen.

„Vielleicht hat es Hunger“, antwortete Max.

„Ich habe auch Hunger“, erwiderte Ing darauf.

Maximilian zog aus seinem Beutel einige Johannisbeeren, die er vor der Reise eingesteckt hatte. Er gab Ing eine zum Essen und zerdrückte eine weitere in seiner Hand, damit das fiepende Wesen den Saft aus der Johannisbeere schlecken konnte. Er hielt ihm die Beere vor die Nase, und das eingewickelte Tierchen leckte bis es satt war. Dann schloss es seine Augen und schlief auf Maximilians Rücken wieder ein.

„Komm, wir müssen weiter“, sagte er zu Ing.

„Kann ich noch eine habe, Maximilian?“, Ing wischte sich den Johannisbeersaft vom Mund.

„Erst wenn wir Valkyra gefunden haben.“ Er nahm Ing an der Hand, um die Suche fortzusetzen.

Als sie wieder tiefer in das Pflanzenreich eindrangen, fühlte Maximilian sich beobachtet.

„Warum läufst du denn wieder so schnell?“, wollte Ing wissen, weil er kaum noch Schritt halten konnte.

„Jemand ist hier“, erklärte ihm der alte Max mit leise bebender Stimme. Maximilian hatte Angst.

Ing schaute sich um „Aber ich sehe niemanden“.

Kaum hatte Ing ausgesprochen, da schreckte ihn das laute Rascheln in den Baumkronen auf, das sie zuvor schon begleitet hatte. Ihm stockte der Atem.

„Wir müssen uns beeilen, Ing, der Dschungel steckt voller Gefahren.“ Die Beutelmäuse begannen zu rennen.

Im nächsten Augenblick schmetterte lautes Gekreische von oben auf die Wanderer herab. Von den Bäumen flogen pelzige Kreaturen mit donnerndem Kampfgebrüll auf den Boden.

Ing klammerte sich ängstlich an Maximilians Bein und kniff die Augen zusammen.

Die Dschungelwesen umzingelten Maximilian und seine Schützlinge, so dass sie nicht flüchten konnten.

„Beim Monsun, Flughunde!“ zischte der alte Max erbost und hob seinen Zeigestock, wie ein Schwert zur Verteidigung, in die Luft. Die Dschungelwesen waren kaum größer als eine Beutelmaus. Sie hatten eine dünne Haut zwischen Armen und Körper, die sie wie Flügel ausbreiten konnten.

Sie waren Wilde und nannten sich Flughunde, um den anderen Tieren der Oase Angst zu machen.

„Kommt nur her!“, schimpfte Maximilian den Flughunden entgegen. Er wirbelte den Stock über seinen Kopf herum, um den erst besten in seiner Reichweite damit zu schlagen.

Die Flughunde knurrten und geiferten. Vorsichtig tasteten sie sich heran und ließen den Ring, den sie um die Beutelmäuse geschlossen hatten, immer enger werden.

Plötzlich krächzte etwas so laut, dass den beiden Beutelmäusen das Blut in den Adern gefror. Ing umklammerte noch fester mit allen Vieren Maximilians Bein. Sogar die Flughunde zuckten bei dem fürchterlichen Geräusch zusammen. Dem alten Max stellten sich die Nackenhaare.

Als ob der Schatten der Baumwipfel lebendig wurde, bewegte sich ein Mantel aus Dunkelheit auf die Tiere am Boden herab, so gewaltig, dass er drohte die Flughunde und die Beutelmäuse gleichzeitig mit seinem schwarzen Schatten zu verschlingen.

Wieder durchdrang das Mark und Bein erschütternde Krächzen den Dschungel und die Luft wirbelte um die Beutelmäuse herum, wie im Sturm.

Die Flughunde flüchteten in alle Richtungen. Maximilian hielt mit einem Arm schlotternd seinen Stock in die Höhe, mit dem anderen hielt er Ing fest an seiner Seite.

Als sich die Luft beruhigte, setzte sich eine riesige schwarze Krähe mit ausgestreckten Flügeln vor Maximilian und Ing.

„Valkyra!“, atmete der alte Max erleichtert auf und senkte den Stock in seiner Hand.

Ihre Flügel waren so groß, dass sie von einem Ende des Dorfplatzes der Beutelmäuse, bis zum anderen reichen konnten und ihr schwarzer Schnabel war so lang, dass sie hätte zwei Flughunde auf einmal darauf aufspießen können.

„Es ist Valkyra, Ing“, beruhigte er seinen jungen Weggefährten. Ing blinzelte mit einem Auge, um sie zu sehen. Das andere Auge hielt er noch aus Angst fest geschlossen.

„Es ist lange her, Maximilian“, krächzte die Krähe „was suchst du so tief im Dschungel?“

„Wir haben etwas gefunden und wissen nicht, was es ist, Valkyra.“ Maximilian holte das Tierchen aus seinem Rucksack und hielt es im Arm, um es Valkyra zu zeigen.

Als die Krähe das kleine Wesen sah, streckte sie ihren langen schwarzen Schnabel in die Luft und begann zu Krächzen.

„Potzblitz, beim Monsun, Maximilian, ihr wisst nicht, was das ist? Wo sind seine Eltern?“

„Es hat keine Eltern. Wir haben es im Wald bei den Beeren gefunden.“

Die Krähe neigte ihr schwarz gefiedertes Haupt zu Boden und zeichnete mit der Schnabelspitze das Symbol der Schlange in den Sand: „Es ist ein Schlangentöter!“

Maximilian sah ratlos auf das Pelztierchen in seinen Armen. „Aber es ist doch noch so klein.“

Ing öffnete beide Augen als er hörte, wie Valkyra vom Schlangentöter sprach und sah zu dem kleinen Tier auf.

„Ihr müsst es beschützen und groß ziehen“, sprach Valkyra weiter „eines Tages wird er euch vor der Schlange Saphira retten, denn es ist sein Bestimmung die Schlange zu töten.“

Maximilian war erstaunt. Ing verstand nicht, worüber Valkyra sprach.

„Seine Bestimmung?“, fragte er.

„Ja, mein kleiner Freund“, antwortete ihm die Krähe, „nur er kann es mit Saphira aufnehmen und sie besiegen.“

„Aber es ist doch nichts Besonderes an ihm, er sieht fast aus, wie eine Beutelmaus“, erwiderte Ing.

„Das Besondere“, erklärte die Krähe, „ist sein Schicksal. Du kannst es nicht sehen, aber nur deshalb ist er auf der Welt.“ 

„Ahhh“, entglitt es Ing voller Bewunderung, „und wie heißt es?“, fragte er erneut.

„Es ist ein kleiner Mungo“, sagte Valkyra, „derjenige, der es gefunden hat, muss ihm einen Namen geben.“

„Frieder und Ing haben es gefunden, aber die Schlange Saphira hat Frieder mitgenommen.“ sagte der alte Max der Krähe.

Ing war so fasziniert von Valkyras Worten, dass er sie wiederholen musste: „Ein kleiner Mung…?“

„Ja, der kleine Mung“, bestätigte ihm die weise Krähe und breitete ihre großen Flügel aus.

Die Luft wirbelte den Beutelmäusen wieder um die Ohren, als die Krähe vom Boden abhob.

„Beschützt den kleinen Mung und er wird euch beschützen!“ krächze sie laut, bevor ihr dunkler Schatten zwischen den Baumkronen verschwand.

Ing sah lächelnd zum Stammesvater der Beutelmäuse: „Der kleine Mung.“

„Komm, Ing, wir müssen wieder zurück zum Dorf, bevor es dunkel wird.“

Er schnallte sich den Rucksack mit dem jungen Mungo wieder auf den Rücken und schwang freudig seinen Spazierstock auf dem Nachhauseweg.

Nachdem sie schon ein ganzes Stück des Weges gegangen waren, fragte Ing: „Du, was ist denn das Schicksal?“

„Das Schicksal ist das, was aus dir werden soll, mein Junge.“

„Ah, werde ich denn auch ein Schlangentöter?“

„Nein, nein, Ing, dein Schicksal ist es wohl immer nur Ing zu bleiben, der keine ´O´s sagen kann und immer hinfällt“, antwortete ihm Maximilian und sah ihn mitleidig an.

Während Ing noch über sein Schicksal nachdachte, achtete er nicht auf den Weg und stolperte über eine Wurzel die aus dem Boden ragte. „Aua“, klagte er, als er hinfiel, dann stand er auf, wischte sich den Staub von seinen Knien und ging mit dem alten Max weiter.

„Du, Maximilian, woher weißt du, was mein Schicksal ist?“ nervte Ing den alten Max.

„Ach, Ing, es steht dir auf der Nase geschrieben“. Ing fasste sich an die Nase.

„Aber da ist nur meine Nase, woher weiß ich, was meine Bestimmung ist?“

Maximilian wurde sauer wegen den nervigen Fragen seines jungen Wegbegleiters.

„Hör´ einfach immer auf dein Herz und stell mir nicht solche Fragen“, fuhr er Ing an.

Ing fasste sich an seine Mäusebrust und senkte den Kopf, um zu lauschen, ob sein Herz etwas sagte.

„Du, Maxmilian…?“

„Sei sofort ruhig! Ich will jetzt keinen Piep mehr von dir hören, bis wir zuhause sind“.

Der alte Max grollte für den Rest des Weges vor sich hin und Ing schwieg.

Als sie schon fast das Dorf erreicht hatten, sah Ing einen Beerenstrauch durch das Grün des Urwaldes schimmern. Er riss sich von Maximilians Hand los, um von den saftig roten Johannisbeeren zu kosten.

„Ing!“, rief ihm der alte Max hinterher, aber Ing hörte nur noch auf seinen leeren Magen, den er mit seiner Lieblingsspeise füllen wollte.

„Sei vorsichtig, Ing!“, warnte ihn der Alte, da er um die vielen Gefahren des Urwaldes wusste, doch es war bereits zu spät.

Ing stürzte beim Laufen über eine feine weiße Schnur, die über den Boden gespannt war und landete direkt in einem Spinnennetz zwischen den Bäumen. Je mehr er sich bewegte, um sich aus dem Spinnennetz zu befreien, desto fester hielten ihn die klebrigen Fäden. Durch sein Gerangel im Netz zuckte ein Signalfaden, den die Spinne vom Netz bis in ihre Höhle gelegt hatte. Es dauerte nicht lange und aus dem Erdloch kroch eine Tarantel mit ihren acht Beinen, vier Augen und dicken, schwarzen Haaren, die über ihren ganzen Körper verteilt waren, hervor.

„Ahhhh!“, Ing schrie laut auf, als er sah, wie das schwarz behaarte Untier langsam auf ihn zu kroch.

„Beim Monsun!“ rief Maximilian entsetzt, als er Ings Rufe hörte. Sofort eilte er ihm zu Hilfe.

Die Tarantel war gerade dabei den kleinen Körper ihrer frischen Beute einzuspinnen, als der alte Max das Spinnennetz erreichte.

Die Spinne zischte ihn an, doch der alte Max nahm seinen Spazierstock und stach damit auf den Kopf der Spinne ein. Wieder zischte sie wutentbrannt, doch wich sie vor Maximilians piekenden Spazierstock zurück in ihre Höhle. Eilig half der Alte Max Ing aus dem Netz zu befreien, bevor die Tarantel wieder zurückkommen würde. Mit aller Kraft zerriss er die klebrigen Spinnenfäden, bis Ing aus dem Netz herunterpurzelte. Dann packte er ihn am Arm und rannte, damit sie schleunigst von der Spinnenhöhle weg kamen.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass du vorsichtig sein sollst. Immer bringst du dich in Schwierigkeiten“. Ing sagte nichts, weil er noch so erschrocken von dem fürchterlichen Anblick der Spinne war.

Als die beiden erschöpft vom Rennen waren, setzten sie sich auf einen Baumstumpf, um zu verschnaufen. Da schlenderten Bille und Reiner an ihnen vorüber.

„Hallo Max, hallo Ing“, grüßte Bille freundlich, während er Hand in Hand mit Reiner zum Beerensammeln ging.

„Geht ihr Beerensammeln?“, fragte Ing neugierig und rieb sich dabei den Bauch.

„Ja, magst du mitkommen?“, fragte Reiner.

Ings Schrecken von der Begegnung mit der Tarantel war im Nu verflogen und er dachte bloß daran, wie er sich haufenweise saftige Johannisbeeren in den Mund stopfen konnte.

„Tschüss Maximilian, tschüss kleiner Mung“, sagte er und griff nach Reiners freien Hand, damit er ihn mitnahm.

„Wer ist der kleine Mung?“, fragte Reiner.

„Das ist mein Freund, ein Schlangentöter.“

„Ein Schlangentöter?“, Reiner war erstaunt.

„Ja, ihr müsst wissen, dass ich auch ein Schlangentöter werde“, verkündete Ing voller Stolz den beiden.

„Da musst du aber aufpassen, Ing, damit du nicht über sie drüber stolperst, bevor du sie tötest“, erwiderte Bille. Ing sagte nichts mehr und freute sich auf die Johannisbeeren.

Maximilian und der kleine Mung sahen den dreien hinterher, wie sie im Waldstück auf Beerensuche gingen. Der alte Max raffte sich auf, um zum Dorf zu gehen.

Als er über den Dorfplatz spazierte, kamen ihm Bernd und seine Männer entgegen. Sie waren alle neugierig darauf, was die weise Krähe Valkyra gesagt hatte und Maximilian zögerte nicht lang, um ihnen vom kleinen Mung und Valkyras Prophezeiung zu berichten.  

Der Stammesvater erzählte von den Flughunden, der Heuschrecke und der Tarantel, die unweit des Dorfes wohnte. Der Tag ging bald zu ende und Maximilian richtete dem kleinen Mung seine Schlafstätte in der Wohnhöhle. Er bettete das Junge darauf und deckte es mit Stroh zu, damit es in der Nacht nicht fror.

„Ich werde ihm alles beibringen, was er wissen muss“, sagte er zu Hedwig, als sie das schlafende Kind betrachteten. Dann gingen auch sie zu Bett.

 

 

Kapitel 3

Saphira

Der kleine Mung wuchs schnell heran. Bald schon war er so groß, wie eine erwachsene Beutelmaus, während die Kinder in seinem Alter noch wachsen mussten. Der alte Max brachte ihm bei, wie man auf zwei Beinen ging, doch der kleine Mung rannte und sprang lieber auf allen Vieren.

Hedwig fütterte und wusch den Kleinen, bis er alt genug war und ihre Hilfe nicht mehr brauchte.

Die Vormittage verbrachte der kleine Mung mit dem Stammesvater in der Wohnhöhle. Max zeichnete mit seinem Spazierstock alles auf den Boden, was eine Beutelmaus wissen musste. Er zeichnete Johannisbeeren und den Dschungel, damit sein Schüler wusste, wo die leckeren Speisen zu finden waren. Als er sich selbst in den Grund malte und viele Beutelmäuse darunter, um zu zeigen, dass er der Anführer war, verstand der kleine Mung nicht. Er betrachtete die feinen Zeichnungen der Tiere mit den Spitzen Nasen, den glatten Ohren und den dünnen Schwänzen, dann sah er auf seine breite Nasenspitze und seinen Pelzschwanz. Ratlos sah der kleine Mung seinen Lehrer an, denn er selbst konnte sich nicht unter den Tieren, die auf den Boden gemalt waren, erkennen.

Maximilian senkte seinen Spazierstock wieder zu Boden und malte ein Tierchen mit dickem Fell, kleinen Ohren und scharfen Krallen. Zuerst freute sich der kleine Mung, dass jetzt ein Tierchen in der Zeichnung war, das so aussah wie er, doch dann trübte sich seine Freude wieder.

„Ach, kleiner Mung, ich verstehe dich“, sagte sein Lehrer „Du bist nun mal keine Beutelmaus.“

Traurig blickte ihn der Mungo an. Maximilian zeichnete dann viele Tierchen dazu, die alle kleine Ohren, dicke Felle und einen wuscheligen Schwanz hatten. Der kleine Mung machte großen Augen, als er das Bild auf dem Boden betrachtete. Maximilian zeigte mit seinem Stock auf den Höhlenausgang: „Irgendwo da draußen gibt es viele, die so sind wie du. Wenn der Monsun kommt, wirst du alt genug sein, um dich auf die Suche nach ihnen zu machen.“ Der kleine Mung schaute durch den Höhlenausgang nach draußen, als er dort niemanden sah, ließ er seine Öhrchen hängen. Maximilian seufzte. „Für heute ist der Unterricht beendet, geh ruhig hinaus zum Spielen.“

Die Tage vergingen rasch für den kleinen Mung. Wenn Maximilian ihn am Vormittag unterrichtete, schien es, als ob die Zeit langsamer vergeht, doch am Nachmittag, wenn er mit Ing in den Wald ging, verging der Tag wie im Flug. 

Ing zeigte ihm, wo die saftigste Johannisbeeren zu finden waren und wie man Calles Bodijo verstecken konnte, wenn er in der Mittagssonne schlief. Sie beobachteten Calle, wenn er aufwachte, um einen kühlen Schluck aus seinem Trinkgefäß zu nehmen. Er schaute dann verlegen unter seinem großen Hut hervor, wenn er den Bodijo nicht fand und fragte sich immer selbst, wo er ihn zuletzt gelassen hatte. Ing und der kleine Mung freuten sich über Calles Verwunderung und auch über sein strahlendes Gesicht, wenn er ihn unter Palmenblätter, in einer Wohnhöhle oder in einem Grasbüschel steckend wieder fand.

Wenn die Sonne unterging, saßen die beiden Freunde meist am Wasserloch und beobachteten, wie der große Feuerball am Himmel hinter dem vor Hitze flimmernden Horizont verschwand.

„Siehst du, kleiner Mung, da hinten wird die Welt zum Himmel“, sagte Ing und deutete auf den verschwommenen Horizont. Der Sonnenuntergang am Abend färbte den Himmel in das glühende Rot des Wüstensandes.

Am nächsten Morgen zeichnete der kleine Mung mit seinen Krallen den Horizont auf den Boden und darüber ein Tierchen, das so war wie er selbst. Maximilian sah sich das Bild seines jungen Schülers an, dann zeichnete er zwischen dem Horizont und dem Tierchen viele Spitzen, die aussahen wie die Zähne einer wilden Bestie.

„Das sind die Berge“, sagte er, „dahinter hört unsere Welt auf und eine andere beginnt. Es ist ein steiniger und sehr gefährlicher Weg, wenn du auf die andere Seite willst.“

Mit gespitzten Ohren lauschte der kleine Mung Maximilians Worten. Der Stammesvater wischte mit seinen Füßen das gemalte Tierchen, die Berge und den Horizont vom Boden, dann zeichnete er das Zeichen der Schlange darüber und sah den kleinen Mung mit ernstem Blick an. Sein Schüler sah ängstlich auf das Symbol, denn er hatte es schon mal gesehen und kannte es.

„Valkyra sagte, dass du eine Bestimmung hast“, er deutete mit dem Stock auf das Schlangensymbol „wirst du uns vor Saphira beschützen?“ Der kleine Mung schüttelte sich aus Furcht vor dem Zeichen der Schlange.

Maximilian seufzte: „Wer weiß, vielleicht hat sich die Krähe getäuscht.“ Dann ließ er den kleinen Mung wieder hinaus zum Spielen.

Eines Nachts träumte der kleine Mung von der Ferne. Er träumte davon, wie er mit seinesgleichen zusammen im Sand spielte und um die Wette rannte. Dann waren plötzlich alle weg und er war allein.

Im Traum wurde ihm ganz kalt und er lief durch die Dunkelheit, um nach den anderen zu suchen. Der sandige Boden wurde hart und der weiche Sand verwandelte sich in kalten Fels.

Als er an einem finsteren Höhleneingang vorüber lief, blieb er stehen und sah ins Innere des Felsen, dort hinein, wo die Dunkelheit zuhause war. Magisch angezogen schritt er in die Höhle. Bald sah er keinen Höhlenausgang mehr aus dem Inneren. Der kleine Mung blieb schlagartig stehen, als ein bedrohliches Zischen die Stille in der Höhle zerriss. Das Zischen wurde immer lauter und kam näher, doch der kleine Mung konnte sich nicht bewegen, um weg zu laufen. Es kam aus allen Richtungen und es hallte vielfach von den kalten Steinwänden wider.

„Wach auf!“, flüsterte Ing und rüttelte ihn sanft am Pfötchen „Wach auf!“.

Der kleine Mung zwinkerte müde mit den Augen, gähnte und streckte seine Füße von sich.

„Komm, wir gehen murmeln“, sagte Ing.

Der Langschläfer schüttelte sich den Schlaf vom Pelz und folgte Ing hinaus ins Freie.

Ing hatte eine Lieblingsstelle zum Murmelspielen nahe am Wasser. Der Grund dort war fest und eben, so dass die Murmeln weit rollen konnten.

Als sie angekommen waren, kniete sich Ing auf den Boden und öffnete sein Murmelsäckchen.

Heraus kamen viele bunt bemalte Nüsse, die Ing zwischen dem kleinen Mung und sich aufteilte. Er legte eine Murmelnuss vor sich hin und beugte sich tief darüber, um die Richtung, in der er die Nuss stoßen wollte, genau anzuvisieren. Dann schnippte er mit einem Finger gegen die Nuss und beobachtete freudig strahlend, wie sie rollte. Der kleine Mung tat es ihm gleich und legte eine Nuss vor sich hin. Mit einem Fingerstoß setzte sich die Nuss in Bewegung. Ing beobachtete ihn dabei genau, doch als die Nuss schon längst ausgerollt war, sah Ing immer noch den kleinen Mung an. „Warum bist du eigentlich größer, als die anderen Beutelmäuse?“

Der kleine Mung blickte verwundert auf Ing, „und dein Fell ist auch anders. Es ist viel dicker“, Ing streichelte mit seiner Hand das fremdartige Fell.

„Ach, ich hab´ dich trotzdem gern“, sagte er dann und griff nach einer neuen Murmelnuss.

Der Morgen verging rasch und die ansteigende Hitze des Mittag ließ die beiden Freunde vom Spielen müde werden. Sie machten sich auf den Weg zum Wasserloch, um sich abzukühlen.

Nach einem kleinen Fußweg erstreckte sich in einiger Entfernung die glänzende Wasserfläche vor ihnen. Ing rannte sofort los, um als erster ins Wasser zu springen, doch bevor er das Ufer erreichte, sprang die Tarantel aus dem Gebüsch und stellte sich vor Ing.

Immer noch wütend darüber, dass Maximilian ihre Beute weggenommen hatte, wollte sich die Tarantel dafür rächen und sie sich wieder zurückholen.

Als Ing die Spinne sah, schrie er sofort los:„Ahhhh“, doch lief er so schnell zum Wasserloch, dass er nicht mehr bremsen konnte. Er rannte direkt auf die Tarantel zu, worauf diese erschreckte auf ihren acht Beinen ein Stück zurück wackelte. Gerade noch rechtzeitig, bevor er mit ihr zusammenstieß, blieb er stehen und machte kehrt, um zurück ins Dorf zu rennen.

Die Tarantel sprang wieder nach vorne, doch Ing war schneller.

„Igitt, die Tarantel!“, rief er dem kleinen Mung zu, als er an ihm vorüber rannte.

Als der kleine Mung sah, wie die wütende Vogelspinne vom Wasserloch heraneilte, rannte er auch los.

Mit großen Sätzen hatte der kleine Mung seinen Freund schon bald überholt und als erster das Beutelmausdorf erreicht. Als Ing ins Dorf gerannt kam, schrie er wieder laut “Igitt, die Tarantel!“, um die anderen Mäuse zu warnen.

Einige Beutelmäuse tummelten sich um den großen Dorfstein in der Mitte des Beutelmausdorfes und hatten sich schon so daran gewöhnt, Ing schreiend herum rennen zu sehen, dass sie keine Notiz mehr von ihm nahmen. Als kurz darauf die Tarantel über den Platz krabbelte, rannten auch die anderen schreiend vor ihr davon.

Aufgeschreckt eilte der alte Maximilian aus seiner Wohnhöhle „Was ist denn hier los?“, rief er Sebastian hinterher, der geradewegs an ihm vorbei rannte.

„Igitt!“ antwortete Sebastian, als er schon fast das dichte Gras am Dorfrand erreicht hatte.

„Eine Tarantel? Wo?“, der alte Max blickte sich hektisch um.

Als er sah wie die Spinne die Beutelmäuse umherjagte, lief er wieder in die Höhle, um seinen Spazierstock zu holen, damit er sie vertreiben konnte. Wieder auf dem Dorfplatz angekommen, rannten der kleine Mung und Ing an ihm vorbei, um sich in der unterirdischen Wohnhöhle zu verstecken.

Die Tarantel folgte gerade Calle, der mit beiden Händen die Hutkrempe seines Sombrero festhielt, damit er ihm nicht beim Rennen vom Kopf flog. Mutig lief der alte Max mit seinem Spazierstock im Anschlag auf das Spinnentier zu, als aus dem Wald pfeilschnell die Schlange Saphira herausgeschossen kam. Das große Schlangenmaul packte die Tarantel und während sich Saphira aufrichtete, hob es die zappelnde Spinne weit über die Köpfe der Beutelmäuse. Der Tarantels kugeliger Körper knackte, als Saphira versuchte, sie mit ihrem Maul zu zerquetschen. Doch weil der Schlange Beutelmäuse besser schmeckten als Spinnen, spie sie die Tarantel geradewegs wieder aus. Die Spinne knallte auf den Boden und flüchtete sofort zurück in den Wald.

Gerade kam Bernd und seine Männer aus dem Dschungel zurück.  Sie hatten Steine und Stöcke geholt, um sie nach der Tarantel zu schmeißen, doch als sie damit auf den Dorfplatz gerannt kamen, war ihre Überraschung groß, als sie sahen, dass statt der Spinne jetzt die Schlange hinter ihren Kameraden her war. „Beim Monsun!“, keuchte Bernd als er Saphira erblickte. Saphira zögerte nicht lange als die kleine Gruppe um Bernd herangestürmt kam. Sie stieß zum Angriff auf sie herab. Im nächsten Moment hatte sie schon Jens in ihrem Maul gepackt. Jens ließ die Steine fallen, die er mit sich trug und quiekte ängstlich, während Saphira ihn weit vom Boden hoch hob und verschlang. Bernd und die übrigen rannten in alle Richtungen auseinander, um sich in den Wohnhöhlen zu verstecken.

Saphira schlängelte ihnen in die unterirdischen Gänge des Beutelmausdorfes hinterher, damit sie sich noch eine weitere Mahlzeit schnappen konnte. Der dicke Schlangenkörper füllte die unterirdischen Verbindungsgänge von einem Wohnraum zum anderen vollkommen aus, so dass niemand mehr an ihr vorbeirennen konnte. Bernd und seine Männer drängten sich aneinander durch einen schmalen Eingangsschacht, dicht gefolgt von der Schlange.

Im geräumigen Wohnraum teilten sie sich auf und rannten in die verschiedenen Verbindungsgänge zu den nächsten Räumen. Als Saphira den Wohnraum erreichte walzte sie mit ihrem Körper alle Möbel platt und streifte die gemalten Bilder von den Wänden. Das gewaltige Schlangentier passte nicht in ganzer Länge in die Aushöhlung unter dem Boden und ein Stück ihres Schwanzes steckte noch im Gang fest, der nach oben führte.

Sebastian hatte sich in die Vorratskammer geflüchtet, aus der kein weiterer Gang hinausführte. Als Saphira ihren Kopf in den Eingang des Vorratsraumes steckte, war der Ausweg für Sebastian versperrt. Er kroch dicht an die Wand des kleinen Kämmerchen und bibberte. Saphira riss ihr Maul so weit auf, dass ihre kleinen Nasenlöcher an die Decke der Vorratskammer stießen. Bibbernd blickte Sebastian in Saphiras dunklen Rachen bevor sie ihn verschlang.

Rückwärts quetschte sich die Schlange aus der Sackgasse und bog in den nächsten Verbindungsgang ab, der aus dem Wohnraum führte. Die Erde bröckelte von der Decke und den Wänden, als Saphiras Panzerschuppen daran entlang streiften.

Der alte Max beobachtete vom Dorfplatz aus, wie die Schlange Bernd und seine Männer in die Beutelmaushöhlen gefolgt war. Er lief hinterher, um ihnen zu helfen. Als er das Ende des   Schlangekörpers im Eingangsschacht stecken sah, schlug er mit seinem Stock darauf, doch konnte er gegen Saphiras Panzerschuppen nichts ausrichten. Das Schwanzende wurde tiefer in die Höhlen hineingezogen. Auf dem Dorfplatz hetzten Ing und der kleine Mung an Maximilian vorbei, auf der Suche nach einem sicheren Versteck. Wie der Blitz verschwanden beide in einem Erdloch. Kurz darauf stürmten Ing und der kleine Mung wieder aus demselben Loch heraus. Hinter ihnen purzelt Bernd aus dem Bodenloch, dann seine Männer. Maximilian rannte zu ihnen, um gemeinsam einen Platz zu finden, an dem sie vor dem Ungeheuer sicher waren. Wie angewurzelt blieb er stehen, als aus dem Erdloch, wie eine Wasserfontäne, Saphira herausgeschossen kam und gleich versuchte nach den flinken Beutelmäusen zu schnappen.

„Lauft in den neuen Bau! Lauft in den neuen Bau!“, rief Maximilian den flüchtenden Mäusen zu und zeigte mit dem Stock fuchtelnd in die Richtung der frisch gegrabenen Wohnhöhle. Der Zugang der neuen Wohnhöhle war noch nicht ganz ausgegraben, so dass er breit genug war, dass eine Beutelmaus hindurchpasste, jedoch zu schmal für Saphira, um durchzuschlüpfen. Bernd reagierte sofort auf Maximilians Rufe, seine Männer, Ing, der kleine Mung und die anderen Beutelmäuse folgten ihm auf dem Tritt.

„Komm´ her Du Biest, ich schlag´ dich!“, drohte Maximilian der Schlange mit seinem Stock. Er wollte sie ablenken, damit sich alle anderen in die neu gebaute Wohnhöhle retten konnten.

Saphira reagierte prompt auf Maximilian, der wild vor ihr her sprang. Sie beugte ihren langen Hals zu Boden, damit sie nach dem alten Max schnappen konnte, doch Maximilian entwischte ihr und rannte in eine benachbarte Wohnhöhle.

Die anderen Beutelmäuse zwängten sich nacheinander durch den engen Eingang in das frisch gegrabene Erdloch. Von dort verzweigte sich kein anderer Gang an die Oberfläche. Nur spärliches Licht schien durch den engen Eingang hinein. Die Beutelmäuse kauerten unten im Halbdunkel aneinander.

Keuchend rannte Max durch die verzweigten Röhren unter der Erde mit dem Untier im Nacken. Da die Schlange ständig mit ihrem breiten Leib an den Wänden und an der Decke rieb, kam sie nicht so schnell voran, wie der alte Max.

„Sind alle da?“, sorgte sich Bernd, der es mit seinen Männern in die sichere Wohnhöhle geschafft hatte. Die Beutelmäuse sahen sich seufzend an. Bille und Reiner hielten sich in den Armen und schluchzten vor Angst.

„Zählung! Zählung!“, kündigte Bernd an, um die Anwesenheit zu prüfen, dann sagte er „Eins …“

Es folgte ein „Zwei!“, nach der Nummer fünf war Stille. „Sechs?“, fragte Bernd, doch bekam keine Antwort.

„Wer hat die sechs?“, fragte er wieder.

„Jens hat die sechs“, sagte Augustin, „er ist immer eins vor mir dran und ich habe die sieben.“

„Der arme Jens“, seufzte Bernd.

„Wo ist denn der Jens?“, wollte Ing wissen. Bevor ihm Bernd antworten konnte, verdunkelte sich der Eingang, aus dem zuvor das dünne Tageslicht hinein schien. Die Beutelmäuse erschreckten. „Saphira!“, schrie jemand in Panik und Reiner musste Bille trösten, weil er fürchterlich anfing zu weinen.

„Ich bin es, ich bin es!“ keuchte Maximilian völlig außer Atem. Er versuchte sich durch den engen Eingangsschacht zu quetschen, aber weil er so dick war, blieb er in der Mitte stecken.

„Schnell zieht mich rein, ich stecke fest!“ geriet er in Panik und aus Angst vor dem Ungeheuer, das ihm auf den Fersen war. Bernd packte den alten Max an den Armen und versuchte ihn durch die enge Stelle im Gang zu ziehen. Ing stand hinter Bernd und streckte einen Arm aus, um ihm dabei zu helfen. Er konnte Maximilians Ohr greifen und zog fest daran. „Aua, Aua, Ing lass das!“, wehrte sich der alte Max, doch bewegte er sich keinen Zentimeter, so fest steckte er. Plötzlich zischte es hinter Maximilian und ein ängstliches Raunen ging durch die Schar der Beutelmäuse, die unten im Bau hockten. Bernd ließ Maximilians Arme los und wich erschrocken zurück. Saphira schob ihr Haupt von oben in den Gang. Aus Angst selbst von Saphira geschnappt zu werden, lief Bernd wieder zu den anderen. Der alte Max stöhnte und bibberte, als ihn die Schlange an den Füßen packte. Der kleine Mung wurde ganz aufgeregt, beim Zischen der Schlange und fauchte in hellem Ton zurück.

Von der Schlange die ihn gepackt hatte, wurde Maximilian herumgerüttelt. „Beschützt den kleinen Mung!“, rief er den anderen zu. Der kleine Mung wurde immer wilder und wollte dem Alten Max zu Hilfe eilen, doch Bernd und Augustin hielten ihn fest, damit er bei ihnen blieb. „Ihr müsst ihn beschützen!“, rief Maximilian erneut. Der kleine Mung fauchte und geiferte. Mit seinen Krallen grub er tiefe Rillen in den trockenen Boden, doch die Beutelmäuse packten ihn an seinem dicken Fell und hielten ihn fest.

Maximilian wusste, dass der kleine Mung noch zu unerfahren war, um mit der Schlange zu kämpfen.

Mit einem Ruck wurde Maximilian, wie ein Korken aus einer Flasche, aus dem Erdloch herausgezogen.

Nur noch sein Echo hallte durch den schmalen Gang „Beschützt den kleinen Mung!“, dann war er verschwunden.

Die Beutelmäuse heulten alle auf, als von ihrem Stammesvater nichts mehr zu sehen war.

Einige Sonnenstrahlen erreichten durch den freien Gang wieder das Innere der Höhle, doch niemand traute sich nach oben. Der kleine Mung beruhigte sich wieder als die Schlange verschwunden war, doch im nächsten Moment verfinsterte sich der Höhleneingang wieder.

Die Mäuse bibberten und Bille brach erneut in Tränen aus.

„Ach, hier seid ihr“, sagte Calle und schaute von oben in die neu gebaute Höhle hinein. Sein Sombrero deckte dabei den ganzen Eingang ab und er musste ihn absetzen, damit er hinunter zu den anderen gehen konnte.

„Ich habe meinen Bodijo verloren, als ich vor Saphira weggelaufen bin“, sagte er zu den traurig dreinblickenden Mäusen. Als ihm niemand antwortete, blickte er durch die Reihen und fragte, wo Maximilian sei.

„Er ist fort. Saphira hat ihn mitgenommen“, antwortete ihm Bernd.

Calle dachte einen Moment betrübt darüber nach. „Dann werde ich jetzt meinen Bodijo suchen gehen“, sagte er und lief wieder nach oben auf den Dorfplatz.

Die anderen zögerten erst, doch folgten sie ihm aus der Höhle.

Als alle wieder an der Oberfläche waren, bot sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Der Boden um den Dorfstein war aufgewühlt. Überall waren tiefe Furchen von Saphiras schwerem Körper im Grund und Palmenblätter, die sie auf einem Haufen neben Maximilians Wohnhöhle gesammelt hatten, lagen überall verstreut herum.

Einige Beutelmäuse gingen in ihre Behausungen, doch überall dort, wo Saphira auch gewesen ist, war alles zerstört.

Ohne etwas zu sagen, begann Friedolin die einzelnen Palmenblätter aufzusammeln und sie wieder auf einen Haufen zu stapeln. Die anderen taten es ihm gleich und räumten die Verwüstungen auf, die die Schlange auf dem Dorfplatz und in den Höhlen hinterlassen hatte.

Am Abend versammelten sich alle Bewohner des Dorfes in Maximilians Höhle. Bernd ergriff das Wort: „Ich habe mit meinen Männern beschlossen, dass wir uns davor schützen müssen, wenn Saphira zurückkehrt. Beim Monsun, das Ungeheuer wird es büssen, wenn es uns noch mal angreift!“ Die Beutelmäuse jubelten ihm zu und fassten Mut, das Dorf neu aufzubauen.

Der kleine Mung saß auf seiner Liegestätte, die er sich wieder hergerichtet hatte, und lauschte Bernds Worten.

Mit traurigem Blick suchte er nach dem alten Max zwischen den Beutelmäusen, doch konnte er ihn nicht finden.

„Hast Du gehört, kleiner Mung?“, flüsterte Ing seinem Freund zu, „wir werden alles wieder neu aufbauen“. Der kleine Mung blickte ihn traurig an. Um ihn aufzumuntern äffte Ing Bernds Stimme nach „…beim Monsun!“, doch der kleine Mung wollte den alten Max nicht vergessen.

 

Kapitel 4

Die Festung der Beutelmäuse

Nach einigen Wochen hatten die Beutelmäuse das Dorf wieder aufgebaut. Da Maximilian fort war, gab es niemanden der die kleine Meute anführte. Bernd stieg auf den großen Dorfstein und rief alle Bewohner zusammen, um zu ihnen zu sprechen: „Liebe Beutelmäuseriche und Beutelmäuserinnen!“ Die Beutelmäuse schauten verdutzt auf Hedwig. Bernd sprach weiter: „Unser aller Stammesvater Maximilian ist fort und ich habe mit meinen Männern beschlossen eine Festung zu bauen, damit Saphira nicht noch mehr von uns fortholen kann.“ Sein Publikum raunte und dachte über seine Worte nach. Dann nach einer Weile rief einer aus den Reihen der begeisterten Zuhörer: „Bernd, der neue Stammesvater!“. Die Beutelmäuse freuten sich und jubelten Bernd zu, bis sie schließlich alle riefen „Bernd unser Stammesvater!“. Mit einem Satz sprang Bernd vom Stein herunter und freute sich zusammen mit den anderen.

Auch Ing und der kleine Mung freuten sich, dass sie wieder einen Stammesvater hatten. Nachdem Bernd allen Johannisbeerkuchen versprach, freuten sich alle noch mehr und Hedwig war einverstanden einen Kuchen für alle zu backen.

„Komm kleiner Mung“, sagte Ing zu seinem Freund, „lass uns runter ans Wasserloch gehen, bis der Kuchen fertig gebacken ist.“ Der kleine Mung nickte Ing zu und die beiden verließen gleich darauf die Versammlung.

Hinter dem Wasserloch begann die offene Wüste. Als sie ankamen, schaute der kleine Mung in die Ferne. Doch er konnte nicht erkennen, was hinter dem Horizont lag.

Ing sah den sehnsüchtigen Blick seines Freundes und fragte ihn, wonach er denn in der Ferne suche. Der kleine Mung sah traurig zu Ing hinüber.

„Wir können ja näher dran gehen, wenn du dir den Horizont ansehen willst“, sagte er, „Komm!“, packte er den kleinen Mung an der Hand und zog ihn mit sich. Sie gingen an der Wasserstelle vorbei über den heißen Sand der Wüste.

„Siehst du“, sagte Ing und deutete auf die kleinen Fußspuren, die sie im Sand hinterließen, „so finden wir immer zurück, wir müssen nur unseren Spuren folgen.“ Ihre Fußspuren waren wie eine gepunktete Linie, die sich über die weiten, glatten Flächen der Wüste zog.

Als sie schon ein Stück von der Oase weg waren, blieben beide erschrocken stehen, weil sich der Sand vor ihren Füßen plötzlich zu bewegen begann. Aus der glatten Wüstenoberfläche wuchs mit einem Mal ein kleiner Hügel, der groß genug war, dass Ing und der kleine Mung sich darauf setzen konnten.

„Ah?“, sagte Ing, „die Wüste lebt.“

Der kleine Mung starrte gebannt auf den lebendigen Sand.

Mit einem Mal flog der Sandhügel auseinander und ein schwarzes Tier auf sechs Beinen und mit großen Scheren statt Krallen, krabbelte aus dem Sand. Lautlos stieß es auf Ing zu und packte Ihn mit einer Schere am Bein.

„Ihhh“, schrie Ing. Das schwarz glänzende Tier hatte einen gewaltigen gepanzerten Schwanz, an dessen Ende ein gefährlicher Stachel saß. Es hielt den Schwanz über seinen Kopf, um seine Beute in den Zangenhänden mit dem Stachel stechen zu können.

Gerade als der Stachel auf Ing niedersauste, sprang der kleine Mung dazwischen. Der Stachel traf den kleinen Mung, doch war sein Fell so dick, dass er ihn nicht verletzen konnte. Der kleine Mung biss mit aller Kraft in die Klaue, die Ing am Bein fest hielt. Darauf öffnete sich die Scherenhand und die beiden Freunde rannten so schnell sie konnten von diesem gemeinen Wüstenbewohner davon.

Sie schauten nur auf den Boden, um ihren Fußspuren zu folgen, bis sie endlich den Schutz der Oase erreicht hatten.     

Sie liefen erschöpft zurück ins Dorf und wollten es an diesem Tag nicht mehr verlassen.  

Am nächsten Tag saßen Bernd und seine Männern in Maximilians Wohnhöhle, die jetzt ihr Hauptquartier war, und berieten sich darüber, was zu tun war. Hedwig und der kleine Mung wohnten jetzt auch im Hauptquartier. „Wir brauchen etwas, um die Höhleneingänge zu verstecken“, sagte Bernd.

„Einen großen Zaun um das Dorf brauchen wir auch, damit wir geschützt sind“, schlug Leopold vor. Die Männer nickten und auch Bernd war von der Idee begeistert. Jeder dachte sich etwas aus und platzte mit einer neuen Idee heraus. Als die Männer so durcheinander redeten, dass niemand mehr etwas verstand, stand Bernd auf: „Ruhig Leute, seid ruhig!“, beschwichtigte er den Tatendrang seiner Männer, „einer nach dem anderen“, forderte er sie auf, nicht mehr durcheinander zu reden.  Alle waren jetzt still. Harry hob seine Hand in die Höhe und brummte mit geschlossenem Mund und aufgeblasenen Backen vor sich hin. „Ja, Harry?“, forderte Bernd ihn zum Sprechen auf.

„Wir können uns Waffen zur Verteidigung bauen“, sagte Harry und nickte dabei grinsend mit dem Kopf.

„Eine gute Idee, Harry“, stimmte Leopold zu und erwiderte Harrys Nicken. Die anderen waren ebenfalls von  Harrys Idee begeistert und stimmten ihm zu. „Wir können uns Speere, so spitz wie der Schnabel der Krähe bauen!“ rief einer in die Meute, „Ja, und aus Seilen bauen wir Schleudern für Steine!“, rief ein anderer.

„Und wir können Körbe aus Palmenblätter machen und mit Wasser füllen, dann verpassen wir Saphira eine kalte Dusche, wenn sie kommt!“, sagte ein dritter.

„Eine kalte Dusche! Ja!“, begeisterten sich die Beutelmäuse für die Idee mit den Wasserkörben. Der kleine Mung schaute teilnahmslos von seinem Liegeplatz auf, als die Meute wieder laut wurde. Bernd musste wieder für Ruhe sorgen, weil alle wieder anfingen sich ihre Ideen entgegen zu rufen.

Als sich die Beutelmäuse wieder beruhigt hatten, zeichnete Bernd mit einem Stöckchen das Dorf auf den Boden.

Er bohrte mit der Stockspitze sieben kleine Löcher in den Grund „Das sind unsere Wohnhöhlen“, erklärte er.

Dann nahm er ein Steinchen und setzte ihn zwischen die kleinen Löcher, „Unser Dorfstein …“. Jetzt zog er mit dem Stock einen großen Kreis um alles „Und das wird der Zaun, den wir um das Dorf bauen.“ Seine Männer betrachteten sich die Zeichnung genau. Sven sah Bernd verwundert an und sagte dann: „Aber Bernd, wie sollen wir denn zum Wasserloch kommen, wenn überall ein Zaun drum herum ist? Und in den Wald zum Beerensammeln?“ Die anderen Beutelmäuse überlegten kurz und befanden Svens Frage für berechtigt.

„Ja, Bernd, wie sollen wir hinaus kommen?“ wiederholte Leopold Svens Frage. August klopfte Sven für seine gescheite Überlegung auf die Schulter.

Bernd wischte daraufhin mit einem Fuß ein Loch in die Linie, die er um das gemalte Beutelmausdorf gezogen hatte. Neben der Öffnung in der Linie markierte er mit dem Stöckchen ein Kreuz. „Wir werden einfach eine Öffnung lassen, durch die wir hindurchgehen können und daneben bauen wir einen Wachturm. Wenn Saphira kommt, sind wir rechtzeitig gewarnt vom Ausguck auf dem Wachturm und können die Öffnung schließen, damit sie nicht ins Dorf kommt.“

Wieder überlegten die Männer kurz Bernds Worte, um dann begeistert von seiner Klugheit zuzustimmen: „Toll Bernd!“, riefen sie und jubelten: „Bernd unser Stammesvater!“.

„Kommt Männer, wir werden große Stöcke für den Zaun sammeln und genug Baumrinde, aus der wir Schnüre machen, die den Zaun zusammenhalten.“ forderte Bernd seine Männer auf.

Die Meute marschierte aus dem Hauptquartier, um im Wald alles zusammen zu suchen, was sie für den Bau benötigten.

Drei Tage lang sammelten die Beutelmäuse lange Stöcke aus dem Wald und Rinde, die von den Bäumen abgefallen war. Einige Dorfbewohner entfernten die Blätter und dünnen Äste von den Stöcken, damit sie glatt wurden und aneinander gereiht werden konnten, andere zogen aus den Baumrinden dünne Fäden, die sie zu festen Schnüren verknoteten. Die besonders geraden Stöcke legten sie zur Seite, um spitze Speere daraus zu machen. Aus den gesammelten Palmenblättern flochten die Beutelmäuse Körbe für Wasser.

Sven, der sehr klug war, bastelte aus einem Stock und einem Seil eine Steinschleuder, die er stolz Bernd vorführte. „Sieh her Bernd, so funktioniert sie“. Sven hatte einfach einen dünnen Ast etwas gebogen und an seinen Enden eine Schnur verknüpft, die sich straff spannte. Er nahm den gebogenen Ast in eine Hand und hielt ein kleines Steinchen in der anderen, mit der er dann die Schnur vom Ast wegzog und mit einem Mal los ließ, so dass das Steinchen von der Schnur weit weg katapultiert wurde. Bernd war begeistert von der Kraft der neuen Waffe und sagte: „Mach doch mehr davon, damit werden wir Saphira auf den Kopf schießen – das tut bestimmt weh.“ Stolz machte sich Sven daran, noch mehr Steinbögen zu basteln.

Der Bau des Zaunes ging schnell voran und schon bald war ein Teil des Dorfes von Holzpalisaden umgeben, die fest im Boden steckten. Der Zaun war so hoch, dass die Beutelmäuse nicht darüber schauen konnten.

In einem Nebenraum vom Hauptquartier sammelten sie die Speere, Steinbögen und Wasserkörbe, damit sie nicht verloren gingen. Hedwig war dagegen den Nebenraum, den sie immer als Vorratskammer für Johannisbeeren nutzte, für eine Waffenkammer aufzugeben, aber Bernd konnte sie davon überzeugen, die gefährlichen Waffen zusammen zu lagern, damit niemand vergessen konnte, wo sie im Ernstfall zu finden waren.

Der kleine Mung half den Beutelmäusen dabei Stöcke für den Zaun zu sammeln. Mit seinen scharfen Zähnen, die viel größer waren, als die der Beutelmäuse, konnte er sie leicht von einem Baum abbeißen. Wenn Ing und der kleine Mung in den Wald zum Sammeln gingen, kamen sie immer mit einem großen Scheit aus langen Stöcken zurück. Manchmal auch nur mit ein paar Johannisbeeren im Beutel, roten Mündern und vollen Bäuchen.

Nach einer Weile hatten die Beutelmäuse rings um ihr Dorf den Zaun aufgerichtet. In der Richtung, in der es zum Wasserloch ging, ließen sie als Durchgang eine große Öffnung im Zaun. Mit dem übrigen Holz bauten sie ein Tor, das sie vor die Öffnung stellen konnten, wenn Gefahr drohte. Sie bauten auch kleine Tore, mit denen sie die Eingänge ihrer Wohnhöhlen verschließen konnten.

Weil keiner über den Zaun sehen konnte, errichteten sie einen kleinen Turm mit einer Holzleiter neben dem Tor. Abwechselnd sollte eine Beutelmaus darauf steigen, um zu sehen, was auf der anderen Seite des Zaunes war.

Damit Bernd und seine Männer üben konnten, wie man mit den neuen Waffen umging, rollten sie eine Kokosnuss ins Dorf. Mit Erdfarbe malten sie das Zeichen der Schlange auf die Kokosnuss, damit sie darauf zielen konnten. Nacheinander durfte jeder seinen Speer auf die Zielscheibe werfen oder seinen Steinbogen darauf abfeuern. Ing und der kleine Mung wollten auch mitmachen und stellten sich hinten an der Reihe von Bernds Männern an. Einige der Speere trafen die Kokosnuss, aber die Steinchen, die sie mit den Steinbögen abfeuerten, flogen immer daran vorbei. August hatte einen Korb mit Wasser in beiden Händen, als er ihn über die Kokosnuss ausschütten wollte, plätscherte das Wasser jedoch nur vor seine Füße – das Ziel war einfach zu weit entfernt. Als Ing an der Reihe war, fiel ihm auf, dass er vergessen hatte Steinchen für den Bogen zu sammeln. Er nahm einfach seinen dünnen Speer, spannte ihn in den Bogen und feuerte damit auf die Kokosnuss. „Treffer!“, jubelte Ing und lief zur Kokosnuss, um seinen Pfeil aus ihr herauszuziehen. Die anderen sahen ihn verwundert an, doch gefiel ihnen das surrende Geräusch des Pfeils, als er vom Steinbogen flitzte so gut, dass sie es ihm gleichtaten und nur noch ihre Speere, statt Steine, mit dem Bogen verschossen. Als der kleine Mung an der Reihe war, hatte er nichts, das er auf die Kokosnuss werfen konnte. Aber weil er so gut springen konnte, nahm er einfach etwas Anlauf, rannte auf die Kokosnuss zu und sprang ihr entgegen. „Treffer!“, jubelte Ing wieder, als der kleine Mung mit der großen Nuss zusammenprallte. Die Kokosnuss bewegte sich von der Wucht, mit der sie angeschubst wurde und rollte quer durch das Dorf. Als ob die Runde Frucht gar nicht mehr aufhören wollte weiterzurollen, kullerte sie über den ganzen Dorfplatz direkt auf Calle zu. Calle hatte sich seinen Sombrero tief ins Gesicht gezogen und schlief an den Dorfstein gelehnt. Er bemerkte nicht, was auf ihn zukam. Bernd und seine Männer liefen der Kokosnuss hinterher, um sie festzuhalten, doch die Nuss war schneller als die Beutelmäuse rennen konnten. „Achtung, Calle! Achtung!“, rief Sven Calle zu, als er sah, dass die Nuss ihn überrollen würde.

Calle blinzelte müde unter seinem Hut hervor und erschrak im nächsten Moment, als er die riesige braune Kugel auf ihn zurollen sah. Sofort sprang er auf und rannte vor der Kugel, die ihn schon fasst erreicht hatte, davon. Calle hatte seinen Bodijo mit einem Stück Schnur an sein Bein gebunden, damit er ihn nicht mehr verlieren konnte. Das Trinkgefäß flog beim Rennen hoch in die Luft und stieß abwechselnd auf den Boden und an die Kugel, die dicht hinter Calle rollte. Bernd und seine Männer liefen der Kokosnuss hinterher. „Achtung, Calle! Achtung!“, riefen sie im Chor. Calle warf beim Rennen die Hände in die Luft und schrie aus Angst davor, überrollt zu werden. Noch nie hatten die Beutelmäuse Calle so lebendig gesehen. Der kleine Mung sprang allen hinterher und im Nu hatte er die Beutelmäuse überholt. Mit großen Sätzen erreichte er die Kugel und spurtete neben ihr her. Mit einem Schubs brachte er die Kokosnuss aus der Bahn, so dass sie statt hinter Calle her, jetzt auf den Holzzaun zurollte.

Calle hatte nicht bemerkt, dass die Kugel nicht mehr hinter ihm war und er rannte kreischend aus dem Tor hinaus in Richtung des Wasserlochs, bis ihn die Beutelmäuse im Dorf nicht mehr sahen und nur noch seine Hilfe-Rufe und das Klappern des Bodijos, den er hinter sich her zog, hörten. Die Kokosnuss durchbrach mit einem lauten Krachen den Zaun und kullerte in das nahe gelegene Waldstück, wo sie dann zum stehen kam. Erschöpft blieben die Beutelmäuse vor dem zerbrochenen Zaun stehen und keuchten.

„Oh je, jetzt ist noch ein Loch im Zaun“, bemerkte Augustin. „Wir haben noch Stöcke übrig, damit können wir den Zaun reparieren“, antwortete Bernd noch völlig außer Atem. „Ich muss erstmal was trinken“, sagte Leopold. Die Männer und auch Bernd stimmten ihm zu. So gingen die Beutelmäuse zum Wasserloch, um sich eine Erfrischung zu gönnen und nach Calle zu suchen.

Das Loch im Zaun wurde schon am nächsten Tag geflickt und die Dorfbewohner konnten wieder im Schutz der Festung ruhig schlafen.

Eines Nachts weckte ein furchtbar lauter Donnerschlag die Beutelmäuse auf. Bernd stürzte aus seiner Höhle, um nachzusehen, was das Krachen verursacht hat. Als er über den Dorfplatz lief, kam ihm Reiner entgegen, der in dieser Nacht auf dem Wachturm Ausschau gehalten hatte. Reiner schlotterte am ganzen Leib „Ein Feuervogel! Ein Feuervogel, Bernd! Da hinten“, er zeigte verängstigt auf eine Palme hinter dem Zaun, die lichterloh brannte.

Ein Blitz hatte in die Palme eingeschlagen und sie entzündet. Bernd lief zu dem Feuer, das immer größer wurde und schon alle Palmenblätter aufgefressen hatte. Zwei seiner Männer kamen ihm hinterher und staunten mit ihm über die gewaltig lodernden Flammen, die weit in den Nachthimmel um sich schlugen. Die anderen Beutelmäuse trauten sich nicht aus ihren Höhlen. Plötzlich brach die Palme auseinander und fiel direkt auf den neuen Zaun. Die Stricke aus Rinde brannten zuerst, dann auch die langen Stöcke, aus denen der Zaun gefertigt war. Die Beutelmäuse wurden hektisch, als sie sahen, dass ihr Schutzzaun in Flammen aufging.

„Wir müssen was tun!“, rief Sven zu Bernd. Bernd stand wie gebannt vor den wilden Flammen. „Schnell Bernd, es macht uns den ganzen Zaun kaputt!“, rüttelte ihn Sven am Arm. „Holt schnell die anderen!“, antwortete Bernd, „wir nehmen Palmenblätter und machen so viel Wind, dass wir damit die Flammen ausblasen.“ Sven lief in die Wohnhöhlen, um die anderen zu Hilfe zu holen, während Bernd und Reiner sich jeweils ein großes Palmenblatt suchten und dem Feuer damit zuwedelten. Schon bald waren fast alle Bewohner um Bernd und Reiner versammelt. Einige hatten sich auch ein Palmenblatt gesucht und wedelten damit Luft zum Feuer. Andere bliesen ihre Backen auf und pusteten so fest sie konnten in die Flammen. Calle nahm seinen Sombrero in die Hand und fächelte damit den Flammen entgegen. Je mehr Luft ans Feuer kam, desto gefräßiger wurde es. Bald waren die Flammen, die den Holzzaun einhüllten, riesengroß. „Bernd, Bernd, es wird immer größer!“, rief Reiner, „wir müssen etwas anderes machen!“. Bernd hörte auf mit dem Palmenblatt zu wedeln und sagte dann: „Los, Männer, wir verpassen ihm eine kalte Dusche!“. Die Beutelmäuse ließen die Blätter fallen und Calle setzte seinen Hut wieder auf. Bernd rannte so schnell er konnte ins Hauptquartier, um sich einen Wasserkorb zu holen. Die anderen folgten ihm. Als sie in die kleine Waffenkammer drängten, um sich mit Körben zu bewaffnen, schaute ihnen der kleine Mung ängstlich nach. Er hatte seine Nasenspitze mit dem Stroh von seinem Liegeplatz zugedeckt und zitterte immer noch wegen dem lauten Donnerschlag und wegen dem Aufruhr, den die Meute in der Waffenkammer veranstaltete. Als alle Wasserkörbe verteilt waren, liefen die Beutelmäuse zum Wasserloch, um sie zu füllen. Einer nach dem anderen kam mit einer vollen Ladung wieder am Brand an und schüttete das Wasser darauf. Es zischte und weißer Dampf stieg in die Luft. Das Feuer hatte schon ein großes Stück aus dem Zaun gefressen, doch die Beutelmäuse gaben nicht auf. Immer wieder rannten sie zum Wasserloch, um die Körbe zu füllen. Leopold musste einen Moment verschnaufen, nachdem er schon zum dritten Mal vom Wasserloch mit einem vollen Korb zurückkam. Als er dicht am Feuer nach Luft schnappte, bemerkte er nicht, dass ein Funke des brennenden Holzes auf seine Schwanzspitze flog. Es kribbelte ihm so an seinem Schwanzende, dass er sich umschaute, um zu sehen, was ihn dort piekste. Die Schwanzspitze rauchte von einem winzige Feuer und als Leopold das sah, vergaß er sofort seine Erschöpfung, kreischte auf und rannte schneller zum Wasserloch wie zuvor. Am Wasserloch angekommen sprang er direkt hinein. Es zischte kurz und Leopold atmete wieder auf. Die ganze Nacht liefen die Beutelmäuse hin und her, bis das Feuer endlich besiegt war.

Als es am Morgen hell wurde, sahen sie, dass fast die Hälfte des Zaunes abgebrannt war. Nur noch die schwarz verkohlten Holzstümpfe ragten an weiten Stellen der Palisaden aus dem Boden. Alle die das Feuer gelöscht hatten saßen jetzt müde auf dem Dorfplatz zusammen. Betrübt sahen sie auf den hoffnungslos zerstörten Zaun.

„Wie soll es denn jetzt weitergehen, wenn wir keinen Schutz mehr vor Saphira haben?“, seufzte August.

Bernd wusste keinen Rat. „Ich weiß es nicht, August“, sagte er erschöpft. Da legte sich ein dunkler Schatten zwischen der aufgehenden Sonne und den Köpfen der Beutelmäuse. Es wurde plötzlich sehr kühl. Die Luft wirbelte wild herum und der Schatten breitete sich über die Mitte des Dorfplatzes aus.

Bernd und seinen Männern wurde bange. Doch als sie sahen, dass sich die Krähe Valkyra vor ihnen niederließ, atmeten sie erleichtert auf.

„Valkyra?“, begrüßte der erstaunte Bernd die Krähe.

„Ich habe den Rauch über eurem Dorf gesehen“, krächzte das schwarze Federvieh.

„Ein Feuervogel ist in der Nacht gekommen und hat den halben Schutzzaun gefressen“, erklärte ihr Bernd.

„Das war ein Vorbote des Monsun“, antwortete Valkyra, „der Monsun wird noch viele schicken, um sich anzukündigen.“

Die Beutelmäuse lauschten mit gespitzten Ohren auf Valkyras Worte.

„Und der kleine Mung? Ist er noch bei euch?“

„Er hat sich in der Höhle vor dem Donnern der Vorboten versteckt“, berichtete ihr Bernd.

„Und wo ist der alte Max? Ich kann ihn nirgends sehen.“ Bernd ließ den Kopf hängen.

„Maximilian ist fort – Saphira hat ihn mitgenommen.“

Die Krähe hob ihren Schnabel in die Luft und krächzte so laut, dass sich die Beutelmäuse die Ohren zuhalten mussten. Dann senkte sie traurig den Kopf „Der arme Maximilian…“, sie breitete ihre Flügel aus und schüttelte das Gefieder, so dass die Luft wieder herumwirbelte. „Aber ihr habt den kleinen Mung. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er euch von dem Übel der Schlange befreien – es ist seine Bestimmung.“

„Aber er ist doch noch ein Kind“, erwiderte Bernd.

„Ein Unglück wird mit dem Monsun über euch hereinbrechen – ihr müsst den kleinen Mung beschützen!“

Valkyra schlug mit ihren Flügeln und erhob sich in die Luft. „Wenn die Zeit gekommen ist…“ krächzte sie den Beutelmäusen zu und flog immer höher, bis sie hinter den Baumkronen des Waldes verschwunden war.

Nachdenklich sah Bernd seine Männer an. Niemand ließ mehr seine Ohren hängen und einige lächelten sogar.

„Also kommt, Männer, wir bauen den Zaun wieder auf“, munterte er die Meute auf und ging mit ihnen frisch ans Werk.

Sie zogen die verkohlten Überreste der Stöcke aus dem Boden heraus und ersetzten sie durch neue.

Schnell waren noch ein paar Schnüre gemacht, die den Zaun zusammenhielten. Mit den schwarzen Kohlestücken malten sie überall das Zeichen der Schlange von außen auf den Zaun, damit sich jeder, der der Festung der Beutelmäuse zu nahe kam, fürchten sollte. In der Mitte des Dorfplatzes stellten sie einen Stock auf, der doppelt so lang war, wie die Stöcke des Zauns und an dessen Spitze schnürten sie ein Palmenblatt, auf dem mit Kohlefarbe das Symbol der Schlange abgebildet war. Die Fahne wedelte sanft im Wind.

 

 

 

Kapitel 5

Der Monsun

Als die Beutelmäuse am Morgen aus ihren Höhlen kamen, sahen sie, wie am Horizont ein dunkler Wolkengürtel den Himmel bedeckte. „Das ist ein Vorbote des Monsun“, erklärte Bernd

seinen Männern, die auf dem Dorfplatz um ihn versammelt waren und auf den grau-schwarzen Wolkenteppich in die Ferne starrten.

Ing, der neben dem kleinen Mung stand, wiederholte ehrfurchtsvoll flüsternd Bernds Worte: „Der Monsun…“.

Ein kalter Windhauch streifte über den Dorfplatz hinweg, so dass sich die feinen Nackenhaare der Beutelmäuse zitternd aufrichteten.

„Ach kommt“, sagte Augustin, „lasst uns wieder hineingehen, hier draußen ist es doof.“

Wortlos stimmten ihm die anderen Beutelmäuse zu und so verzogen sie sich in ihr Hauptquartier.

Die Monsunwolken kamen näher und tauchten das Dorf der Beutelmäuse in finstere Schatten. Das Gras und die Palmenblätter wogen sich, wie hin und her gerissen im aufkommenden Wind.   

In der Höhle hörten die Beutelmäuse, wie die Regentropfen auf die Erde trommelten, zuerst Vereinzelte und dann mit einem Schlag Tausende auf einmal. Das dumpfe Grollen am Himmel wuchs zu lautem Donnern an.

Mit jedem Donnerschlag zuckten die Beutelmäuse zusammen und rückten in ihren Höhlen näher aneinander.

Der kleine Mung rollte sich auf seiner Liegestätte zusammen und zitterte. Ing rutschte zu ihm hinüber und fing auch an zu zittern, als er seine Hand nahm.

Niemand wollte bei dem heranziehenden Unwetter alleine sein.

Bernd sagte mit tiefer Stimme: “Die Prophezeiung der Krähe wird wahr: heute bricht das Unglück über alle Beutelmäuse herein.“

Erschreckt schnauften die Mäuse auf. Bernd setzte sich und ließ hoffnungslos den Kopf zwischen seinen Schultern hängen. Als er ein schrilles Kreischen einer der Mäuse hörte, schaute er auf.

„Calle ist nicht da!“, rief Bille entsetzt.

Die Beutelmäuse wurden unruhig. Bernd versuchte als Stammesführers einen kühlen Kopf zu bewahren und rief: „Zählung! Zählung! Eins…“ es folgten seine Männer und die anderen, die alle ihre Nummer zur Zählung aufriefen, bis sie bei der Nummer 14 stockten.

„15?“, fragte Bernd.

Alle schwiegen betreten.

„Weiß jemand wer die fünfzehn hat?“, fragte er erneut.

Es war still, bis ein Blitz gefolgt von einem Krachen über ihren Köpfen auf den Dorfplatz einschlug. Die Mäuse rutschten schlotternd noch näher zusammen.

„Calle ist nicht da“, rief  Bille wieder.

„Ich werde hinausgehen und Calle finden.“ entschloss sich Bernd. Alle sahen ihn mitfühlend und mit Ehrfurcht vor seinem Mut an.

Bernd ging zuerst in die Waffenkammer, die sie im Nebenraum eingerichtet hatten. Er bewaffnete sich mit einem Speer und trat vor die Dorfgemeinschaft: „Wenn der Monsun mir zu nahe kommt, steche ich ihm meinen Speer ins Auge!“ sagte er mit erboster Mine. Die Beutelmäuse sahen ihn mit aufgerissenen Augen fragend an.

Bernd marschierte mit ernster Mine auf den Höhlenausgang zu. Wieder schlug laut donnernd ein Blitz in die Oase ein und für einen Moment verharrte Bernd, wie angewurzelt im Eingangstunnel, bevor er etwas vorsichtiger weiter nach oben stieg.

Als er aus der Höhle trat, sah er erschrocken über den Dorfplatz. Der Boden hatte sich in ein Meer aus braunen Schlamm verwandelt. Der Sturm wirbelte lose Blätter durch die Luft und die Fahne, die sie aufgestellt hatten, flatterte wild am Mast.

Die dicken Regentropfen prasselten auf Bernd nieder. Er kniff die Augen zusammen, um in dem dichten Regen und der Dunkelheit Calle ausfindig zu machen.

Der Dorfstein glänzte durch die Blitze, die vom Himmel schlugen, wie ein Edelstein.

Bernd stapfte vorsichtig durch den Schlamm. Große Pfützen hatten sich gebildet und die Regentropfen platschten wild in die Wasserflächen, die mit jedem Blitzschlag in der Dunkelheit hell reflektierten.

Als es abermals laut krachend über ihm explodierte, konnte er am Dorfrand Calles Sombrero sehen.

„Calle!“, rief er, „Calle!“.

Doch der große Hut rührte sich nicht, nur eine Schwanzspitze schaute heftig vibrierend darunter hervor.

Bernds Füße waren verklebt von Schlamm, der sie schmatzend festhielt. Jeder Schritt war mühselig. Nur langsam näherte sich Bernd Calles Sombrero.

Im nächsten Augenblick schlugen zwei Blitze in eine Palme am Dorfrand ein, die darauf sofort krachend auseinanderbrach und umstürzte. Bernd bibberte am ganzen Körper.

Wieder schlugen Blitze in das Waldstück ein und als Bernd sah, was der Blitzschein erhellte, erschrak er so sehr, dass er laut schreiend die Arme in die Luft warf und den Speer fallen ließ.

Direkt hinter dem Zaun richtete sich das Unheil laut zischend über ihm auf und breitete seinen Nacken aus. Das Zeichen der Schlange leuchtet lebendig zwischen den donnernden Blitzen auf. Als die Schlange Bernd sah, krachte sie durch den Schutzzaun, als ob es nur Grashalme auf einer Wiese waren. Der Zaun splitterte auseinander und Saphira schlängelte sich auf den Dorfplatz.

Mit funkelnden Augen fauchte sie Bernd an. Bernd lief sofort los, zurück zum Hauptquartier. Die Dunkelheit und der undurchdringliche Regen verschafften ihm einen winzigen Vorteil, um nicht augenblicklich von Saphira gefressen zu werden. So schnell er konnte watete er durch den schlammigen Grund. Vor dem Höhleneingang rutschte er aus und fiel in eine große Pfütze am Boden. Als er sich wieder aufrappelte sah er Saphiras langen Schatten, der sich in den hellen Blitzen über ihn neigte. Auf seinen Knien robbend schrie Bernd wieder auf, schlitterte wild mit den Beinen im Schlamm umher, bevor er wieder festen Stand hatte und entwischte durch den Höhleneingang und schloss sofort die Eingangstür, damit Saphira ihm nicht folgen konnte.

Über und über mit braunem Matsch bedeckt, lief er keuchend zu den anderen Beutelmäusen, die ihn nicht gleich erkannten und laut aufschreckten, als sie ihn sahen.

Bernd keuchte, dann hielt er einen Augenblick die Luft an und es platzte aus ihm heraus: „Saphira!“

Sofort liefen die Beutelmäuse hektisch umher. In der Menge begann Bille zu weinen und rieb seine Augen. Reiner musste Bille wieder in den Arm nehmen. Bernd, der noch außer Atem war, befahl seinen Männern, die Waffen zu holen.

Ing und der kleine Mung beobachteten zusammengekauert das aufgeregte Treiben in Maximilians Wohnhöhle. Bernd und seine Männer stürzten in die Waffenkammer, um die Ausrüstung, mit der sie Saphira abwehren wollten, zu holen.

Als er sich vor den Höhleneingang stellte und seinen Männern befahl, ihm zu folgen, sagte Augustin aus Angst hinausgehen zu müssen: „Bernd, die Prophezeiung, weiß du noch, Valkyra und der kleine Mung.“  Bernd überlegte und erinnerte sich an das, was der alte Max und Valkyra ihm und seinen Männern erzählt hatte.

„Komm, kleiner Mung!“, rief er zur Liegestätte hinüber, auf der Ing und der kleine Mung zusammengekauert lagen.

„Komm!“, wiederholte Bernd, „du musst uns helfen, Saphira zu vertreiben.“

Der kleine Mung zitterte und zog seinen Freund Ing, der mit ihm zitterte, näher an sich heran.

„Valkyra hat gesagt, dass du uns helfen kannst“, sagte Bernd, doch der kleine Mung rollte sich nur fester zusammen und vergrub die kleine Nasenspitze in sein dichtes Fell. Da sprang Ing auf, lief in die Waffenkammer und holte einen Speer. Als er zurück zu den anderen lief, stolperte er über den langen Speer und fiel hin. “Aua!“, sagte er und sortierte seine Füße. Dann rief er mit lauter Stimme: „Ich werde euch helfen, lasst den kleinen Mung in Ruhe, ich helfe euch.“

Ohne Ing zu beachten wandten sich Bernd und die Beutelmäuse dem Höhlenausgang zu und rannten hinauf. Ing lief ihnen hinterher. Der kleine Mung blieb zurück und blinzelte ängstlich.

Als die Beutelmäuse aus der Höhle in den wütenden Regen gestürmt kamen, tastete Saphiras gespaltene schwarze Zunge gerade den Sombrero-Hut ab, unter dem sich Calle versteckte.

Bernd rief: „Da ist sie! Da ist sie!“ und schleuderte kurz entschlossen seinen Speer auf Saphira.

Der Speer prallte ab wie die Regentropfen von Saphiras Schlangenhaut, sie ließ von Calles Sombrero ab und bewegte sich blitzschnell auf die Gruppe der Mäuse zu.

„In Deckung!“, schrie Augustin, als er sah, dass Saphira einen von den Mäusekämpfern schnappen wollte. Wild liefen die Mäuse durcheinander. Einige von ihnen fanden Schutz hinter einem kleinen Erdwall zwischen den Höhleneingängen. Während die übrigen ziellos über den nassen Platz rannten, stieß die Schlange ein, zwei Mal ihren riesigen Kopf mit weit aufgerissenem Maul zum Boden, um eines der Wuseltiere zu packen. Die flinken Mäuse schlugen immer wieder Haken, so dass das Ungeheuer erst beim dritten Zubeißen eine Beutelmaus erwischte und mit hoch gestrecktem Haupt sofort verschlang.

Die Truppe hinter dem Erdwall spannte die Bögen, um Saphira mit den Pfeilen zu beschießen.

Surrend sausten die Pfeile durch den Regen, einige erreichten die Schlange nicht, die anderen flitzten gegen den Schuppenpanzer und fielen zu Boden. „Noch mal!“, feuerte Bernd die Bogenschützen an, „Noch mal!“. Die Mäuse, die die Bögen hatten, schauten zuerst Bernd und dann einander verdutzt an. Leopold zuckte mit den Achseln und warf den Bogen weg. „Na los Leute, schießt!“, befahl Bernd aufgeregt.

„Jeder hat doch gerade seinen Pfeil geschossen!“, rief Harry zu Bernd hinüber. Bernd sah die Beutelmäuse fassungslos an, während sich die Schlange ihnen näherte. „Lauft, lauft so schnell ihr könnt!“, tönte es aus dem kleinen Trupp und die Kämpfer flüchteten ins Unterholz des angrenzenden Waldes. Ing blieb zurück. Mutig hielt er der Schlange seinen Speer entgegen. „Du böses Tier!“, brüllte er ihr entgegen, schloss seine Augen und rannte schreiend auf die Schlange zu.

Das Untier holte weit über Ings Kopf aus und breitete zischend ihren Nacken auseinander, so dass das Zeichen der Schlange ihr Opfer vor Schreck lähmte.

Die Blitze, die der Monsun zu Boden schleuderte, schlugen immer wieder um das Dorf der Beutelmäuse ein und ließen Saphiras schwarze Augen funkeln.

„Komm kleiner Mung, du musst uns helfen, Saphira zu vertreiben!“, sagte Sven, der sich zurück ins Hauptquartier geflüchtet hatte, um den kleinen Mung zu holen.

Der kleine Mung sah noch ängstlicher wie zuvor von seinem Strohbettchen auf. „Komm, kleiner Mung!“, wiederholte Sven sanft, doch der kleine Mung blinzelte ins Nichts.

Sven rannte in die Waffenkammer, um einen neuen Pfeil für seinen Bogen zu holen. Dann rannte er hastig durch den Höhlenausgang ins Freie, um den anderen zu helfen.

Oben angelangt nahm er sogleich Saphira ins Visier. Der Kopf der Schlange, der bedrohlich über den Beutelmäusen ragte, stürzte in diesem Moment zum Grund, um Ing zu schnappen. Ing rannte mit geschlossenen Augen und vorgehaltenem Speer so schnell an Saphiras dicken Rumpf vorbei, dass ihn das Schlangenmaul nicht mehr packen konnte.

Als Ing stolperte und in einer tiefen Wasserpfütze landete, aus der nur noch seine Nasespitze heraus ragte, verlor ihn die Schlange aus dem Blick.

„Komm hier rüber, Ing!“, rief Bernd, der die Gelegenheit nutzte, um aus seiner Deckung hervor zu kriechen, während Saphira ihm ihren langen Rücken zuwandte.

Ing schleppte sich aus der Pfütze und lief unbemerkt vom Blick der Schlange zu Bernd.

„Komm schnell, Ing!“, feuerte Bernd den flüchtenden Ing an und hob dann einen Stein vom Boden auf, den er auf Saphiras Rücken schleuderte. Die Schlange drehte sich wütender als zuvor um. Ihr Schwanzende peitschte wild wie ein Lasso und spritzte die Regentropfen in alle Richtungen. Als Bernd sah, dass die Schlange auf ihn zukam, rief er hektisch zu Ing: “Nicht hierher, Ing, nicht hierher!“ Er winkte wild mit seinen Armen, bevor er selbst wieder hinter seiner Deckung Schutz suchte. Ing blieb augenblicklich stehen und überlegte, wo er jetzt hinrennen sollte. Da hatte ihn Saphira erneut entdeckt und hob ihren langen Schlangenkörper wieder in die Höhe, um Ing besser schnappen zu können.

Ing hatte Angst davor von dem Ungeheuer gefressen zu werden und fing fürchterlich an zu weinen.

Da hörte der kleine Mung das ängstliche Wimmern von Ing. Er spürte, dass sein Freund in Not war.

Mit einem Mal sprang er von seinem Liegeplatz auf und schüttelte die Angst von sich ab. In Windeseile rannte er den schmalen Höhlenausgang hinauf, um Ing zu helfen.

Gerade als die Schlange ihr Maul aufriss und ihr heiserer Atem kleine Wolken in den kalten Regen blies, durchdrang ein helles Fauchen den kleinen Dorfplatz der Beutelmäuse.

Das Monsungewitter ließ nach, aber immer noch überdeckte dunkel und grollend die schwarze Wolkendecke die kleine Oase.

Wieder fauchte es laut in hellen Tönen, als ob eine Armee von Beutelmäusen gleichzeitig durch ihre Nagezähne pfiff.

Als die Schlange sah, woher das bedrohliche Geräusch kam, bewegte sich ihr Körper wie Wellen in der Luft und ihr Kopf wippte kampflustig hin und her.

Der kleine Mung hatte sich hervor gewagt und fletschte seine spitzen Zähnchen. Er bewegte sich ohne zu zögern auf die Schlange zu. Mit seinem Kopf dicht über dem Boden und seinem Rücken nach oben gekrümmt, tastete er sich Schritt für Schritt dem Untier entgegen, während sein Blick mit dem der Schlange verbunden blieb.

Die Schlange achtete nicht mehr auf Ing oder einer der anderen Beutelmäuse als sie sah, dass sich ihr der kleine Mung entgegenstellte. Ihr Körper wand und bog sich über den Boden, während sie vor dem hellen Fauchen zurück wich. Ihr Zorn und ihr Zischen wurden dabei immer heftiger.

Ein weiterer Blitz schlug in den Boden ein. Als der kleine Mung für einen Moment inne hielt, stieß die Schlange mit Furcht erregender Geschwindigkeit nach vorne, um ihren Gegner zu beißen. Gerade bevor die Maulspitze den kleinen Mung erreicht hatte, sprang er mit einem Satz nach vorn, so dass ihn Saphira um Haaresbreite verfehlte. Mutig sprang er erneut, direkt auf Saphiras Rücken. Saphira wirbelte mit dem kleinen Mung auf dem Rücken wild herum. Ihr langer Schwanz schlug dabei auf den Wachturm, der daraufhin krachend zusammenstürzte. Der kleine Mung wollte sie beißen, aber die harten Panzerschuppen der Schlange boten keine Möglichkeit sich festzuhalten. Saphira schlängelte und drehte sich, bis das tapfere Tierchen von ihrem Rücken fiel.

Bevor der kleine Mung zum nächsten Sprung ansetzte, spürte er, wie etwas Hartes auf seinen Pelz schlug. Die Schlange war schneller und hatte ihn erwischt, doch das Fell auf dem Rücken des kleinen Mung war so dick, dass die gefährlichen Giftzähne der Schlange es nicht durchdrangen. Sofort riss sich der Mungo los und sprang aus dem Maul. Kaum hatte er festen Boden unter den Füßen, stieß die Schlange wieder zu und er sprang ihr wieder entgegen, anstatt zurück.

Als ob es der kleine Mung wusste, war dies die einzige Möglichkeit dem Biss der Schlange zu entgehen, da sie mit ihrem langen Schlangenkörper nicht zurück konnte, wenn sie ihre Beute schnappte.

Wütend wälzte Saphira längs über den Boden und reckte ihren Kopf in die Höhe. Der kleine Mung setzte an, um dem Monster einen erneuten Biss zu verpassen, der sie endlich vertreiben würde. Saphira wippte hastig hin und her. Sie stieß heisere Laute aus. Der kleine Mung ging in die Hocke, um erneut anzugreifen. Weit hat er sein kleines Maul aufgerissen, so dass alle seine spitzen Zähne zu sehen waren und fauchte so heftig, wie nie zuvor.

Seine kleinen Füße waren dick mit Schlamm bedeckt, es war schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Saphiras Körper dagegen glitt geschmeidig durch den Schlamm.

Im nächsten Augenblick sauste das Pelztier wie der Wind durch die Luft, doch wich ihm die Schlange aus und er landete mitten in einem Schlammloch.

Vom nassen Grund eingehüllt versuchte der kleine Mung wieder auf seine Füße zu kommen, da beugte sich Saphira schon über ihn und zielte auf die kleine Stelle mit der hellen Haut am Bauch ihres Gegners, die so dünn war, dass sich ihre beiden Fangzähne leicht in den Körper des kleinen Mung bohren konnten.

Hilflos wälzte der kleine Mung im Schlamm, als Saphira zustieß. Doch bevor sie ihn erreicht hatte, zuckte ihr ganzer Körper, wie vom Blitz getroffen zusammen.

„Du böses, böses Tier“, geiferte Ing, der mit einem Pfeil, den er aufgelesen hatte, am Schwanzende der Schlange stand und damit genau in die schmale Lücke zwischen zwei Panzerschuppen stieß. Ing schaute auf das lange Schwanzstück und stieß wieder zu: „Lass meinen Freund in Ruhe, du böses Tier!“

Sofort drehte das gewaltige Haupt der Schlange zu der kleinen Beutelmaus an ihrem Schwanz.

„Lass – meinen – Freund – in – Ruhe!“, schimpfte Ing und stieß mit jedem Wort die Pfeilspitze in das Fleisch der Schlange. Ein Hieb mit dem Schwanzende schleuderte ihn zur Seite.

Der kleine Mung schüttelte sich heftig, so dass der Schlamm, der seine Füße bedeckte, von ihm abflog. Mit einem kleinen Sprung hechtete der kleine Mung auf den Dorfstein, neben dem Saphira stand, und mit einem gewaltigen Satz stieß er sich vom Dorfstein ab und durchschnitt dabei, wie ein Pfeil, die Regentropfen in der Luft. 

Ehe sich die Schlange versah, sauste der kleine Mung wieder auf ihren Kopf zu und biss sie in den Hals. Da er sich nicht am glatten Körper des Untiers festhalten konnte, grub er seine Zähne tiefer in den Hals der Schlange. Hektisch schwang Saphira in alle Richtungen, um ihn abzuschütteln, aber es gelang ihr nicht. Als beide, wie verwachsen auf den nassen Boden stürzten, schleuderten sie soviel Schlamm in die Luft, dass die übrigen Beutelmäuse, die den Kampf beobachteten, nicht mehr sehen konnten, was passierte. Kreischen und Fauchen drang aus den aufspritzenden Schlammwellen.

Auch Ing sah nicht mehr, was mit seinem Freund passierte. Als er ihm zu Hilfe eilen wollte, knallte der Schlangenkopf mit ganzer Wucht direkt vor ihm auf den Boden. Ing blieb wie angewurzelt stehen. Als er sah, dass sich der Kopf nicht mehr bewegte und reglos vor ihm lag, begann er gleich wieder zu schimpfen und benutzte den Pfeil, wie einen Besenstiel, um damit auf den Schlangenkopf einzuschlagen.

Als ob der Schlammboden hinter der Schlange lebendig wurde, löste sich der kleine Mung von der Erde. Er schüttelte sich wieder, um sein Fell vom braunen, nassen Schlamm zu befreien und tapste dann erschöpft zu Ing und dem leblosen Schlangenkopf hinüber.

Ing freute sich so sehr, als er seinen Freund sah, dass er sofort seinen Pfeil fallen ließ und mit den Händen wild fuchtelnd dem kleinen Mung entgegen rannte. Freudig schloss er ihn in seine Arme.

Der kleine Mung hatte die Schlange besiegt.

Zaghaft streckten die übrigen Beutelmäuse ihre Köpfe aus ihren Verstecken. Zwischen den Palmenblättern, aus den Eingängen der Wohnhöhlen und hinter den Erdwällen schauten ihre spitzen Nasen hervor. Vorsichtig krochen sie aus ihren Deckungen heraus.

„Der kleine Mung…!“, rief Ing voller Freude allen zu, „Der kleine Mung hat Saphira besiegt!“ Dabei hielt er die kraftlos gewordene Hand des kleinen Mung fest und hielt sie nach oben. Der Mungo selbst ließ die Ohren hängen und schaute ungläubig auf die vielen Beutelmäuse, die sich in einem Kreis um ihn und dem Schlangenkopf, der am Boden lag, versammelten.

„Der kleine Mung!“, rief Ing wieder und gleich stimmten einige Beutelmäuse mit ein und wiederholten es: „Der kleine Mung!“, „Der Schlangentöter!“, rief Friedolin.

Die dunklen Wolken zogen über das Dorf hinweg und gaben den Sonnenstrahlen wieder freien Lauf auf die kleine Oase der Beutelmäuse.

Der kleine Mung achtete nicht auf die Jubelrufe, die ihm galten. Er schaute über die Wüste in die Ferne, wo die Sonne hinter den Wolken hervorkam. Ing bemerkte, was der kleine Mung sah: es waren die Berge am Horizont. Die kalte Luft, die der Vorbote des Monsun über die Welt der Beutelmäuse brachte, ließen den Horizont nicht mehr verschwommen aussehen. Die Umrisse der rauen Bergspitzen hinter dem Horizont waren jetzt deutlich zu sehen. So weit hatte Ing noch nie geschaut. Mit traurigen Augen blickte ihn der kleine Mung an. Er schüttelte Ings Hand ab, die ihn immer noch festhielt. Ing schaute seinen Freund an und er wusste, dass er sich jetzt verabschieden musste. Eine Träne rann über Ings krumme Nasenspitze und tropfte wie einer der vielen Regentropfen des Monsuns auf den Boden.

Die anderen Beutelmäuse verstummten, auch sie erkannten, dass sie der kleine Mung verlassen wollte.

Der Mungo schaute traurig über die Schar und wieder zurück zum klaren Horizont. Dann lief er los.

Die Blicke der Beutelmäuse folgten ihm lange Zeit stumm, bis er in einigem Abstand von der Oase, hinter einer Sanddüne verschwand.

„Ing, der Schlangentöter!“, rief jetzt eine Beutelmaus und gleich stimmten alle Mäuse wieder ein und freuten sich, dass Saphira besiegt war. „Ing!“, „Ing!“ hallten die Rufe und Ing verstand gar nicht, wie ihm geschah.

„Ing hat Saphira besiegt!“, riefen alle und schnell ließ sich Ing von den Freuderufen anstecken.

Er sprang in die Höhe, warf lachend beide Arme über seinen Kopf und antwortete was ihm gerade in den Sinn kam: „Johannisbeerkuchen! Johannisbeerkuchen!“, weil es das schönste war, das sich Ing vorstellen konnte. Als er außer Atem war und nicht mehr springen konnte, fiel er auf den Boden, direkt auf seinen Hintern und blieb freudestrahlend in der Menge sitzen. Die Beutelmäuse drängten dicht um ihn, einige klopften ihm auf die Schulter „Gut gemacht, Ing“, lobte ihn Bernd.

„Ing, der Schlangentöter“, bestätigte Bille und streichelte ihn am Arm. Es war der glücklichste Tag in Ings Leben.

Über den Köpfen der Beutelmäuse drang Valkyras Krächzen zu ihnen hinunter und alle schauten nach oben. Mit ihren schwarzen Schwingen flog die Krähe über das Dorf der Beutelmäuse hinweg und flog auf das Blau des Himmels zu, das sich vom Horizont über die ganze Welt erstreckte. Als Ing ihr nachsah, konnte er weit weg einen kleinen Punkt sehen, der über eine Sanddüne hastete und gleich darauf wieder hinter der nächsten verschwand.

Er sah wieder den kleinen Punkt die Dünen hinaufeilen und er wusste, dass es sein Freund der kleine Mung war.

Ing schaute lange in die Ferne und beobachtete, wie sein Freund rannte und immer weiter rannte.

Ing flüsterte nur zu sich selbst:

„Komm bald wieder, kleiner Mung.“


Ende 



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