13.04.2011

Gewähr mir einen letzten Blick

() Gsf Storyaktion 2011

Die Frau im Spiegel an diesem klirrend kalten Dezembermorgen, die kannte ich nicht. In den vergangenen Monaten war ich mit meinem Mann mitgestorben. Vor wenigen Tagen hatte er aufgehört zu atmen und ich nicht. Und zum ersten Mal, knapp nach meinem 40igsten Geburtstag, wurde mir in diesem Augenblick bewusst, wie schnell ein Mensch altert, wenn man ihm dabei für einige Zeit nicht zusieht. Die Frau im Spiegel hatte alle ihre Farbe verloren. Und mir wurde - auch in diesem Augenblick - bewusst, dass ich seinen letzten Wunsch nicht erfüllen konnte.

 

„Wenn sie mich in die Grube senken, gewähr mir einen letzten Blick auf Deine schönen Beine“. Das hatte er sich gewünscht, nachdem wir mit großem Vergnügen den Film „Der Duft der Frauen“ angeschaut hatten. In der Anfangsszene betrachtet Al Pacino, dieser Womanizer, aus seinem offenen Grab die vorbei defilierenden Beine all seiner Geliebten und erfreut sich ein letztes Mal an der langen Reihe schöner Anblicke. „Natürlich, Lieber. Gib mir eine Liste mit all meinen Vorgängerinnen und ich werde dafür sorgen, dass sie zur Stelle sind.“ Damals wussten wir schon, dass dieses Ereignis nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.

 

Als ich ihm dieses Versprechen gab, war mir nicht bewusst, dass meine Rolle als Ehefrau mit seinem letzten Atemzug abrupt beendet war. Die Kleinstadtgemeinde hatte mit ihm ihren Pfarrer im Amt verloren und für diese Ereignisse gibt es feste Regeln. Die Organisation seiner Beerdigung lag minutiös in den Händen der landeskirchlichen Würdenträger und der lokalpolitschen Entscheider. Vielleicht war es gut so, ich wäre sicher nicht fähig gewesen nach diesen letzten intensiven Monaten ein öffentliches Großereignis zu planen, geschweige denn durchzuführen. Unser Pfarrhaus schwirrte von Helfern und Organisatoren jeglicher Herkunft. Es wurden Ablaufprotokolle erstellt, die die Reihenfolge der Traueransprachen festlegten, wobei natürlich die festgefügten hierarchischen Vorrangstellungen zwischen Kirche und Politik genauestens zu beachten waren. Bleche von Butterkuchen und Riesenthermoskannen mit Aufklebern Kaffee, Tee und heißes Wasser waren an diesem Morgen schon durch unser Wohnzimmer getragen worden, es musste alles seine Ordnung haben. An der ich – wie gesagt – in den letzten Tagen nicht beteiligt worden war.

 

In all diesem geschäftigen Hin-und Hergelaufe traf mich eine Freundin an diesem klirrend kalten Dezembermorgen vor dem Spiegel an, heulend wie ein Schlosshund. „Sie beerdigen ihren Pfarrer. Und ich will meinen Mann beerdigen.“ Sie war wohl die einzige außer mir, die von seinem letzten Wunsch wusste und griff beherzt ein. Den Rest der Geschichte kann ich eigentlich nicht selbst erzählen, ich nehme die, die diese Freundin schon für lange Jahre immer wieder gern mit leuchtenden Augen kolportiert.

 

Der Beerdigungszug hat Aufstellung genommen. Vorne hinter dem Sarg die lange Reihe von schwarzen Talaren, kirchlichen Honorationen und Pfarrkollegen. Dahinter die Ortsbürgermeister und Stadtverordneten, die Kirchenvorstände und danach die Gemeinde. Für die Pfarrwitwe war in dieser Reihe kein fester Platz vorgesehen, jedenfalls wusste ich nichts davon. In diesem Augenblick fuhr ein mit der Pfarrfamilie besetztes Auto an das Ende des wartenden Trauerzuges. Und diesem entstieg eine Vision. Eine junge, tiefschwarz gekleidetete Frau, deren wehendes Cape die Sicht auf einen hochgeschlitzten Rock und seidenbestrumpfte Beine freigab. Sie stöckelte lasziv auf ihren Highheels und einer langstieligen Bacchara an der wartenden Reihe vorbei und übernahm direkt hinter dem Sarg die Führung des Zuges. Nahm am Grab ihres Mannes als erste und allein Aufstellung und gewährte ihm einen letzten minutenlangen Blick auf ihre schönen Beine. Und jedem, der dabei war, wurde bewusst, dass hier nicht der Pfarrer, sondern ein charismatischer Mann zur letzten Ruhe getragen wurde. Und erst, als das erledigt war, erst dann gab sie ihren Mann frei für die Feier. So, wie sie geplant war.



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