05.01.2011

Feuerwerk FxF

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Warung vorweg: Es handelt sich hier um eine Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen. Wer sich daran stört, sollte es nicht lesen.

Da war sie wieder.
Die roten Haare fielen Ella immer als erstes an ihr auf. Es gab nicht so viele Frauen mit so schönen, eher glatten, roten Haaren. Noch viel weniger, mit diesem besonderen Rotton, der ein wenig ins Braun, eher schon ins Ockerfarbene überging und Ella ein wenig an ein warmes Kaminfeuer erinnerte. Wenn die Sonne schien, leuchteten ihre Haare beinahe golden auf, schienen winzige Bernsteine darin zu funkeln.

In weichen Wellen fielen die offenen Haare bis zur Schulter hinab, umrahmten das hübsches Gesicht mit den Sommersprossen auf den Wangen. Nicht viele, nur ein paar, gerade mal, dass es auffiel. Viele Rothaarige hatten dutzende von Sommersprossen auf der blassen Haut. Sie nicht. Ihre Haut war auch nicht so hell und sah im Sommer normal gebräunt und nicht rot verbrannt aus.

Ella sah die roten Haare hinter dem Brotregal verschwinden und schob ihren Einkaufwagen rasch weiter. Wenn sie sich beeilte, erreichte sie das Ende der Regalreihe und würde sie im anderen Gang ganz sehen können.

Ihr Herz hüpfte ungehörig freudig, während sie versuchte unauffällig und doch zügig an zwei anderen Kunden, einem älteren Ehepaar, vorbeizukommen, die noch unentschlossen vor dem Konservenregal standen und mit ihrem Einkaufswagen den Gang blockierten.

Warum mussten solche Leute aber auch immer ihren Wagen mitten im Gang parken? Es wäre doch gar kein Problem, ihn einfach vor das Regal zu stellen und sich dann in Ruhe zu überlegen, ob Erbsen und Möhrchen aus der Dose wirklich zu dem geplanten Braten passten oder man nicht besser Tiefkühlkost nehmen sollte.

„Darf ich mal vorbei?“
Ella schob den störenden Wagen einfach energisch zur Seite, kassierte dafür einen pikierten Blick des älteren Herrn in dem hellbraunen Mantel, beachtete ihn aber nicht weiter. Es war ihr völlig egal, was er von ihr denken mochte.

Glück gehabt. Die junge Frau mit den roten Haaren packte gerade eine Tüte Aufbackbrötchen in ihren noch fast leeren Einkaufswagen, als Ella in den Gang einbog und hastig ihren Schwung abbremste.
Langsam holte sie tief Luft, trat an das Regal mit dem Müsli heran und tat so, als ob sie sich eins aussuchen würde, beobachtete dabei aber die junge Frau, die nun etwa vier Meter von ihr entfernt nachdenklich die angebotenen Marmeladen betrachtete.

Heute trug sie abermals die beigefarbene, schmal geschnittene Jacke, die ihr so gut stand. Ihre Jeans verschwand in langen, hellbraunen Stiefeln, die am oberen Rand mit dunklem Webpelz gefüttert waren und ihre langen Beine betonten. Ein warmer, langer, eierschalenfarbener Schal lag um ihren schlanken Hals. Die Fransen mogelten sich am unteren Ende schon wieder so frech unter der Jacke hervor.

Jedes Mal, wenn sie sie so sah, war Ella in Gedanken versucht, ihr die Jacke zu öffnen, den Schal sorgfältig nochmal um den Hals zu legen damit es ihr warm genug war und diese störenden Fransen da unten nicht mehr zu sehen waren. Verrückte Wünsche. Vor allem deshalb, weil sie nicht mal ihren Namen kannte, noch wusste, wo sie wohnte und was noch viel schlimmer war: ob sie überhaupt Ellas Interesse im Entferntesten teilte.

Seit gut fünf Monaten begegneten sie sich regelmäßig in dem Supermarkt und jedes Mal verließ Ella erst dann den Laden, wenn die junge Frau ihr mindestens ein Mal ihr nettes Lächeln geschenkt hatte.
Immerhin brauchte Ella da nie lange drauf warten, denn jedes Mal, wenn die rothaarige Schönheit sie erkannte, nickte sie ihr freundlich zu und lächelte dieses wundervolle, schöne Lächeln, welches die Schmetterlinge in Ellas Bauch frei flattern ließ, Frühlingsgefühle auslöste und Träume anregte.

Leider hatte sich Ella bislang nicht getraut, sie anzusprechen. Mehr als ein kurzes Kopfnicken, ein Lächeln zurück, hatte sie nie hinbekommen. Dabei würde sie so gerne mehr von ihr wissen.

Ella verliebte sich nicht so leicht. Bislang hatten es nur ein Mensch geschafft, ihr Herz zu erobern. Sonja war in ihre Parallelklasse gegangen, ein Jahr älter gewesen und sie hatten sich im Sportunterricht kennengelernt. Sie waren ein paar Mal ausgegangen und nach und nach hatte sich mehr ergeben. Für sie beide war es die erste Liebe gewesen. Ein Ausprobieren, Erkunden, eine vorsichtige Annäherung in aller Heimlichkeit, denn jede von ihnen fürchtete das Schimpfwort: „Lesbe!“ aus dem Mund ihrer Mitschüler wie den Untergang ihrer heilen Welt.
Zwei Jahre waren sie zusammen gewesen und hatten allen erfolgreich verheimlicht, was sie wirklich füreinander empfanden. Dann war es langsam, klammheimlich abgekühlt. Unmerklich hatte es angefangen. Missverständnisse, Kleinigkeiten, die sie oder Sonja verärgert hatten, über die keine von ihnen direkt sprach, die im Grunde unwichtig waren, sich jedoch summierten und schließlich in einem großen, bösen Krach unversöhnlich endeten.

Danach war Ella vorsichtiger gewesen, hatte sich ganz auf ihren Schulabschluss, dann auf ihre Lehre als Buchhändlerin konzentriert und doch immer irgendwie heimlich gehofft, sich irgendwann wieder auf eine Beziehung einlassen zu können. Der Schmerz und die Unfähigkeit ihre Probleme mit Sonja effektiv zu lösen, hatte sie  jedoch verschreckt und übervorsichtig werden lassen. Unter diesen Voraussetzungen war es doppelt schwer, jemanden zu finden. Dabei sehnte sie sich gerade in diesen kalten, viel zu kurzen Tagen des kalten Winters nach Gesellschaft, nach jemandem, mit dem man Zeit verbringen, lachen, reden, sich warm aneinander kuscheln konnte.

Ellas Eltern wohnten in München und sie war vor einem Jahr erst nach Hamburg gezogen, hatte bislang nur wenige Freunde gefunden. Heute an Silvester waren diese alle auf irgendwelchen Partys. Natürlich hatte Ella auch ein paar Einladungen bekommen, doch ihr war nicht so recht nach Feiern zumute und daher hatte sie abgelehnt. Letztes Jahr hatte sie ein wenig wehmütig all jene glücklichen Liebespärchen um sich beobachtet, die sich Punkt 0 Uhr küssend in den Armen lagen. Es tat weh, alleine, davon ausgeschlossenen da zu stehen und in den Himmel mit dem bunten Feuerwerk zu schauen. Daher würde sie dieses Jahr den Wechsel lieber alleine verbringen.

„Hallo“, unterbrach eine Stimme Ellas wehmütige Überlegungen und sie wandte sich überrascht um. Braune, hellbraune Augen blickten sie an, umrahmt von jenen wundervollen rotgoldenen Haaren. Ella schluckte hart, bemerkte just in dem Moment, dass sie noch immer eine Müslipackung in der Hand hielt, als ob sie die Rückseite durchlesen würde.

Die junge Frau vor ihr lächelte sie freundlich an. Ihr schöner, fein geschwungener Mund öffnete sich dabei ganz leicht und ließ ihr hübsches Gesicht regelrecht erstrahlen. Wahrhaftig, als ob es durch einen besonderen Lichtschein direkt beleuchtet werden würde, fand Ella.  Beinahe entschlüpfte ihren Lippen dabei ein leises Seufzen.

Sie war so wunderschön! Diese zarte Haut, die braunen Augen, die sie sie immer so zaghaft anblickten. Da waren niedlich, kleine Grübchen neben den Mundwinkeln, ließen ihr Gesicht unglaublich apart wirken. Die junge Frau war schlank, beinahe zierlich und in etwa so groß wie Ella. Unter der dicken Winterjacke konnte man natürlich nicht viel davon erkennen. In der wärmeren Jahreszeit hatte Ella sie jedoch oft genug in anderer, viel figurbetonterer Kleidung gesehen.

Sie war wunderschön! Genau jene Mischung, aus Eleganz und Sportlichkeit, die Ella so mochte. Ihr Parfüm umwehte sie nun wie eine Sommerbrise, war dezent und angenehm, trug die Erinnerung an einen warmen Sommer mitten hinein in den grauen Wintertag. Und bewirkte sehnsüchtige Frühlingsgefühle in Ellas Herzen.

„Hallo“, antwortete sie ein wenig verspätet, stellte die Müslipackung hastig wieder zurück. Ihr Blick wanderte über die junge Frau, die sie heute zum ersten Mal angesprochen hatte. Ella hatte sich nie getraut, immer gehofft, dass es mal einen richtigen Moment geben würde. Zu groß war ihre Angst vor einer Abfuhr, einer dummen und peinlichen Fehleinschätzung oder einer weiteren Enttäuschung. Träumen war leichter, gefahrloser, unkomplizierter, wenngleich natürlich auch weniger befriedigend.

„Sieht ja nach einem eher ruhigen Silvesterabend heute aus“, meinte die junge Frau mit einem Blick auf Ellas Einkaufswagen, der neben einer Flasche Sekt nur ein wenig Aufschnitt, einen Ofenkäse, Schokolade, drei Joghurts, Milch und ein Glas Preiselbeeren enthielt.

Ella blickte automatisch in ihren Wagen. Stimmt. Ihre bisherigen Einkäufe sahen definitiv nach dem von ihr geplanten Singleabend aus. Automatisch blickte sie zu dem fremden Wagen hinüber und musste unwillkürlich schmunzeln. „Bei dir ja auch“, meinte sie, betrachtete interessiert die Packung Brötchen, Milch, Quark, eine Pizza, eine Packung fertigen Salat, Butter und eine Flasche Rotwein.

„Stimmt!“, antwortete die junge Frau lächelnd. „Ich feiere auch nicht großartig, schaue mir nur gerne das tolle Feuerwerk an.“ Ella nickte, noch völlig verblüfft darüber, dass sie endlich, endlich mal mit dieser hübschen Frau ein paar Worte wechseln konnte.
„Dann gehst du zum Hafenfeuerwerk?“, erkundigte sich Ella, spürte ihr schnell pochendes Herz überdeutlich, hoffte nur, ihr Gesicht würde nicht wiedergeben, wie sie sich gerade fühlte, wenngleich ihr Wangen sich heiß anfühlten.

„Nein, muss ich gar nicht“, meinte die junge Frau, schmunzelte verschmitzt. „Ich habe zum Glück eine Wohnung mit Balkon von dem aus man das Feuerwerk sehr gut sehen kann. Ich selbst mag keine Raketen abfeuern. Den, vom Feuerwerk der ganzen Stadt, hell erleuchteten Himmel finde ich hingegen wunderschön.“

Abermals nickte Ella. Natürlich, von einem Balkon aus musste das Feuerwerk um Mitternacht wundervoll anzusehen sein. Von ihrem Fenster aus konnte sie nur einen kleinen Ausschnitt des Himmels über Hamburg zwischen den Mehrfamilienhäusern erkennen. Wenn sie mehr sehen wollte, musste sie hinunter auf die Straße, wo die Jugendlichen vor allem laute Böller abfeuern und Betrunkene herumgrölen würden. Dazu hatte sie nicht wirklich Lust.
„Das ist bestimmt schön“, vermutete Ella daher, ein wenig bemüht freundlich. Sie würde sich wohl eher ein Feuerwerk irgendwo im Fernsehen anschauen.

Die beiden Frauen schwiegen, freilich machte keine Anstalten, zu gehen. „Lebst du denn alleine?“, fragte Ella plötzlich mutig geworden nach. Wann immer sie die junge Frau gesehen hatte, kaufte sie so wenig ein, dass sie einfach daraus geschlossen hatte, dass sie wohl Single war. Vielleicht war es ja aber auch nur unsinniges Wunschdenken.

„Ja!“, antwortete die rothaarige, junge Frau jedoch, ließ die fröhlichen Schmetterlinge in Ellas Bauch erneut begeistert aufflattern. „Du doch auch, oder?“ Hastig schluckte Ella, wollte nicht recht glauben, dass sie sich gerade wirklich unterhielten, sich tatsächlich mal, nach all diesen, nur verstohlenen ausgetauschten Blicken, näher kamen. Sie nickte, streckte dann spontan ihre Hand aus. „Ich bin Ella“, stellte sie sich vor, hoffte inständig, das die andere Frau nicht bemerken würde, wie feucht ihre Handfläche war, wie sie leicht bebte in Erwartung der Berührung durch diese feinen, schlanken Finger der anderen Hand.

„Freut mich. Ich bin Clara“, antwortete Selbige, drückte Ellas Hand weich und doch erstaunlich fest. „Ich habe dich schon sehr oft hier einkaufen sehen“, ergänzte sie und ihr Lächeln wurde für einen Moment unsicherer, schüchterner, beinahe schon verlegen. In Ella löste es das fantastische Wohlgefühl eines tagelang ersehnten Sommerregens auf erhitzter Haut aus. Sie hatte sich doch gerade nicht getäuscht, oder? Hatte Clara sie wahrhaftig so angesehen? Interessiert, zärtlich, liebevoll? War es das in ihrem Blick gewesen?

„Ich habe dich auch schon oft hier gesehen“, gab Ella zögernd, sich nervös die Lippen befeuchtend, zu. „Wohnst du in der Gegend?“ Beinahe schrak sie vor ihrem Mut zurück, nur was hatte sie zu verlieren? Gerade rein gar nichts.
Claras weiche Lippen veränderten sich, ihre Mundwinkel hoben sich zu einem neuen Lächeln. „Gar nicht so weit weg“, bestätigte sie. „Offenbar kaufen wir gerne zu den gleichen Zeiten ein“, fügte sie hinzu, machte eine unbestimmte Geste durch den leeren Laden. „Wenn es ruhiger ist. Dann wenn alle anderen bereits Zuhause sind. So wie heute, wenn sie schon Fondue oder ein anderes Festessen für ihre Lieben vorbereiten.“ Sie lachte auf. Ein helles, freundliches, warmes Lachen, in welches Ella einstimmen wollte, musste, durfte! Es war ansteckend, herzerwärmend und es tat so gut wieder mit einer anderen Frau so ein Lachen zu teilen.

„Bei mir gibt es nur Ofenkäse mit Preiselbeeren“, deutete Ella auf ihre Einkäufe, als ihr Lachen abebbte. „Bei mir Kartoffeln und Quark“, erzählte Clara achselzuckend, besah sich neugieriger Ellas Wagen. „Ofenkäse habe ich noch nie probiert. Schmeckt der denn so gut, wie man sich erzählt?“
„Ja, sehr gut sogar“, behauptete Ella überzeugt. „Solltest du mal probieren. Du wirst begeistert sein.“ Claras Blick galt nicht länger den Einkäufen, sondern Ellas Gesicht. Sie biss sich kaum merklich auf die Unterlippe, holte tief Luft und meinte dann leiser, ein wenig schüchtern: „Ich weiß ja nicht, ob es ein faires Angebot ist, aber du könntest dir mit so einem Ofenkäse vielleicht einen exklusiven Fensterplatz für das Feuerwerk heute Abend auf meinem Balkon erkaufen.“

Ella stockte der Atem. Überrascht sah sie Clara an, die den Blick nicht abwandte, sie weiterhin direkt ansah, nur verstohlen schluckte. „Vielleicht?“, hakte Ella unsicher nach. „Und was, wenn ich auch noch Preiselbeeren und eine Flasche Sekt bieten kann?“
„Dann ist dir der Logenplatz sicher“, antwortete Clara erleichtert schmunzelnd und fügte hinzu: „Ist doch traurig, Silvester ganz alleine zu verbringen, oder?“ „Ja!“, kam es ein wenig zu schnell von Ella, die ihr Glück gar nicht fassen konnte, ihr freudig hüpfendes Herz gerade noch so gebändigt bekam. „Ist viel besser.“

„Sehr schön“, antwortete Clara, strahlte Ella nun so direkt an, dass dieser in ihrem langen Mantel sehr warm wurde. „Moment, ich gebe dir meine Adresse und Telefonnummer. Du kannst ja vorbeikommen, wann du möchtest, ich bin da.“
Sie tauschten ihre Nummern aus. Mit bebenden Finger tippe Ella die Nummer ein, fühlte sich in einem Traum gefangen aus dem sie ganz gewiss nicht so schnell aufwachen wollte. Die Bedenken waren alle da, lauerten am Rande, flüsterten in ihrem Hinterkopf. Die Aussicht jedoch, kein einsames Silvester zu Hause zu verbringen, sondern in Claras Gesellschaft, verdrängte alle Wenns und Abers.

„Dann sollte ich noch einen Ofenkäse besorgen und magst du Meerretich dazu?“, erkundigte sie sich, als sie nebeneinander ihre Wagen durch den Gang zur Kühltheke schoben. „Gerne“, antwortete Clara, schenkte Ella noch ein Lächeln.

Gemeinsam gingen die beiden jungen Frauen schließlich zur Kasse, bezahlten und verabschiedeten sich vor dem Supermarkt erst voneinander.

Ella beeilte sich, heim zu kommen. Sie wollte duschen, sich umziehen, und fragte sich bereits, als sie die Einkäufe in ihrem Kühlschrank unter brachte, wann sie wohl frühestens bei Clara auftauchen konnte.
Die meisten Silvesterpartys begannen ja nicht so früh, doch sie beide wollten ja auch noch zusammen den Ofenkäse vernichten und vielleicht noch ein Glas Wein trinken. So beschloss sie, gegen 19 Uhr loszugehen.

Nach dem Duschen verbrachte sie recht lange damit, zu entscheiden, was sie anziehen sollte, denn natürlich wollte sie unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen. Clara wirkte immer so elegant gekleidet, gewiss legte sie darauf Wert. Ella entschied sich schließlich für einen schmalen, knielangen, dunklen Rock, zog eine dunkle, passende Strumpfhose darunter und lange, schwarze Stiefel an. Bei der Bluse entschied sie sich schließlich für eine elegante dunkelgrüne.
Kritisch musterte sie sich im Spiegel, bevor sie sich zu stylen und zu schminken begann. Sie hatte kurze, modisch geschnittene, dunkelbraune Haare, die sich mit Gel und Fantasie herrlich vielfältig formen ließen und Ella testete verschiedene Versionen, bis sie endlich mit einer sportlich und doch edel wirkenden zufrieden war.
Sorgfältig schminkte sie sich passend und sehr dezent, betonte nur ihre grünen Augen ein wenig mehr als sonst. Ihre Augen fand sie selbst an sich besonders hübsch und sie war nie sehr angetan von Frauen gewesen, die sich tonnenweise Makeup ins Gesicht schmierten, bis man von der echten Farbe der Haut nichts mehr erahnen konnte. Clara war immer sehr dezent geschminkt. Ab und an hatte sie sie sogar auch ganz ohne gesehen und es hatte ihr an ihr besonders gut gefallen.

Draußen heulten und krachten bereits die ersten Böller ungeduldiger Kinder. Morgen würden die Straßen wieder voll von den schmierigen, verbrannten, papiernen Überresten dieser Jahresfeier sein, dachte Ella. Vielleicht würde aber auch der angekündigte Schnee alles gnädig bedecken.

Es schneite ganz leicht, als sich Ella endlich auf den Weg machte. Es war ein ganz feiner Schnee, beinahe schon so feucht wie Regen und sie hoffte nur, er würde nicht wirklich in Regen übergehen und alles mit Blitzeis überziehen.

Clara wohnte zum Glück nicht sehr weit weg. Es war ein Fußweg von wenigen Minuten. Sehr gut, falls sie sich nach diesem Abend noch mal sehen würden. Ella zwang sich dazu, positiv zu denken und nicht wieder an Konsequenzen oder gar Komplikationen zu denken. Natürlich wusste sie noch nicht viel über Clara, genau genommen gerade mal ihren Namen, ihre Adresse und ihre Telefonnummer, wobei sie gedachte dies bald schon zu ändern. Ob sie sich gut genug verstehen würden und die Anziehungskraft, die Clara auf sie ausübte, mehr sein würde oder könnte, ob diese ihre Gefühle erwidern würde?
Immer waren da diese tausend Fragen, tauchten ungefragt auf und machten es ihr schwer sich nur auf den nächsten Augenblick zu freuen, einen Schritt nach dem anderen zu gehen.

Ella wollte nicht wieder verletzt werden, nicht wieder selbst verletzen, sich nicht jeden Tag fragen müssen, was sie hätte anders machen sollen. Clara war die erste Frau, die sie seither so faszinierte, dass sie es erneut wagen wollte und das machte sie kribbelig und nervös.

Sie fand Claras Namen sofort, denn er war mit gut leserlichen Druckbuchstaben geschrieben, klingelte und hörte schon im selben Moment Claras Stimme in der Gegensprechanlage. „Willkommen, Ella! Ich wohne im dritten Stock, linke Tür“, sagte sie, klang fröhlich und gleich darauf ertönte schon der Summer.

Clara erwartete sie schon in der Tür, trug noch immer Jeans und einen cremefarbenen, weichen Pullover unter dem der Kragen einer beigebraunen Bluse zu erkennen war. Sie sah umwerfend aus. Ihr Haar umfloss ihr Gesicht und Ella wäre gerne mit der Hand hindurchgefahren, unterband den Impuls und drückte ihrer Gastgeberin zur Begrüßung die Flasche Sekt in die Hand.
„Schön, dass du gekommen bist!“, begrüßte Clara sie, nahm den Sekt entgegen, zeigte Ella, wo sie ihren Mantel aufhängen konnte. Sie warf ihrem Gast einen offenbar bewundernden Blick zu, der Ellas Knie weich werden ließ und ging dann in die Küche voraus.

Es war eine recht kleine Küche und die beiden Frauen waren bald schon mit den Vorbereitungen für ihr Essen beschäftigt, unterhielten sich dabei recht angeregt und Ella erfuhr, dass Clara in einer Werbeagentur als Grafikerin arbeitete, 26, also zwei Jahre älter, als Ella war, in Bonn geboren, studiert hatte und seit etwa einem Jahr nun in Hamburg lebte. Sie hatte zwei Geschwister, erfuhr von Ellas wesentlich jüngerem Bruder, wie auch von deren Familienverhältnissen.
Ihr Gespräch blieb locker und oberflächlich, dennoch verspürte Ella immer mehr das Gefühl, dass auch Claras Gefühle für sie tiefer sein könnten.

Später saßen sie im gemütlichen Wohnzimmer und aßen den Ofenkäse und Salat, tranken dazu den Rotwein und unterhielten sich immer besser. Irgendwann fragte Clara Ella dann doch etwas unvermittelt: „Hast du denn eigentlich keinen Freund?“ Ella schüttelte den Kopf, wagte es kaum, Clara anzusehen, schluckte und beschloss, dass es das Beste wäre, einfach ehrlich zu sein.
„Nein“, antwortete sie daher, holte Luft und blickte Clara dann direkt an. „Und auch keine Freundin. Meine letzte Beziehung mit meiner Schulfreundin hat nur zwei Jahre gehalten.“ Ganz genau beobachtete sie Claras Gesicht dabei, doch kein Erschrecken, kein Ekel zeigte sich darin, nur ein sich langsam ausbreitendes, glückliches Lächeln.

„Und ich war mir nicht sicher, ob ich dich überhaupt ansprechen sollte“, seufzte Clara erleichtert, nahm einen Schluck von ihrem Rotwein und strahlte Ella begeistert an. „Ich mochte dich schon vom ersten Mal an, als ich dich da gesehen habe und du kamst immer alleine in den Supermarkt, aber ich war mir nicht sicher.“ Ella fühlte, wie sich ein breites, sehr zufriedenes Grinsen in ihrem Gesicht ausbreitete.
„Mir bist du auch gleich aufgefallen“, gab sie zu. „Vor allem deine schönen Haare. Ich mag rote Haare.“ Clara griff sich selbst in ihre Haare und lachte glucksend auf. „Wirklich? Mich treiben sie dauernd zur Verzweiflung, denn sie lassen sich im Grunde kaum frisieren und am besten nur offen tragen.“
„Ich finde sie schön so“, meinte Ella ehrfürchtig, setzte ihr Glas ab und hob langsam ihre Hand, griff nach einer Strähne und berührte sie zaghaft.
Clara hielt ganz still, sah sie dabei nur an und ließ sie gewähren. Ihre hellen, braunen Augen waren weit geöffnet und von ihren weichen, zart rosa geschminkten Lippen streifte ein ganz feiner, warmer Hauch Ellas Gesicht.

Versunken in den Anblick dieser schönen, bernsteinfarbenen Augen, erschrak Ella beinahe, als sich Claras Hand weich und sanft an ihre Wange legte, sie zärtlich zu streicheln begann. Keine von ihnen sagte einen Ton, sie sahen sich nur an, genossen die sanfte Berührung der anderen, den kostbaren Moment, wo zwischen ihnen mehr entstand.
„Du bist so schön“, flüsterte Clara, umfing nun Ellas Gesicht ganz mit ihren Händen und fuhr mit dem Daumen weich und liebevoll über Ellas feuchte Lippen. Deren Herz schlug schnell, ihr Atem beschleunigte sich und sie schloss die Augen, kostete diesen zärtlichen Augenblick mit ihrem ganzen einsamen Herzen aus.

Wie ein warmer Sommerwind legten sich Claras Lippen auf ihre, zart, weich, mit nur ganz wenig Druck, berührten sie ihre, das Versprechen von mehr. Claras Duft umhüllte sie und sie zog ihn tief in sich auf, erwiderte den vorsichtigen, unendlich sanften Kuss, verstärkte ihn vorsichtig und spürte tief in sich das glückliche Gefühl aufsteigen, was sie so lange schon vermisst hatte. Liebe ...

Ellas Hände fanden den Weg zu Claras Schultern, wanderten zu ihrem Hals, legten sich weich auf die warme, bebende Haut. Keine von ihnen löste sich lange aus ihrem Kuss. Zaghaft erkundeten sie ihre Lippen, berührten sich ihre Zungen, umwarben einander in einem zärtlichen Tanz, während Ellas Finger sich höher tasteten in Claras wunderschönes Haar und liebevoll hindurchfuhren.

Lange küssten und streichelten sie sich, bis sie sich zögernd von einander lösten, das Gesicht der jeweils anderen in den Händen haltend. Lächelnd, glücklich blickten sie einander an.
„Wir sollten jetzt hinaus gehen, sonst verpassen wir noch den Jahreswechsel und das Feuerwerk“, raunte Clara, hauchte noch einen flüchtigen Kuss auf Ellas Nase und stand dann auf, griff nach deren Hand und zog sie mit sich hoch.

Schnell füllten sie ihre Gläser, denn die Uhr am DVD-Player zeigte schon 23: 49 Uhr und stellten sie auf dem gläsernen Couchtisch für später parat. „Komm, lass uns das Feuerwerk genießen“, forderte Clara Ella auf, öffnete die Balkontür und zog sie an der Hand mit sich hinaus in die Kälte. Der Balkon lag windgeschützt und hatte sogar ein Dach, daher trafen sie nur wenige feine Tropfen des feinen Sprühregens, der längst unbemerkt den Schneefall ersetzt hatte.
Das Geländer des Balkon glänzte bereits silbrig, im wenigen Licht des Mondes, wirkte wie mit Glas umhüllt, war bereits ganz überzogen von einer feinen, glitzernden Eisschicht, die das graue Metall ganz verdeckt hatte. Erstarrte Tropfen funkelten wie Brillanten daran, spiegelten das rote Licht einer einsamen Leuchtkugel am Himmel schimmernd wieder.

„Da unten ist bereits alles spiegelglatt geworden“, stellte Ella bedrückt fest, als sie über das Geländer hinab zur Straße schaute. „Ich werde kaum nach Hause kommen, ohne Hinzufallen und mir was zu brechen.“

Claras Händedruck wurde abrupt kurz fester, dann ließ sie Ella jedoch los, wandte sich ihr nun halb zu. Sie fuhr sich nervös durch die Haare und biss sich kurz auf die Unterlippe, saugte sie dann nachdenklich ein und ließ sie hastig wieder los. „Du kannst gerne hier übernachten, wenn du es möchtest“, bot sie leise, etwas schüchtern an und schluckte sichtlich.

Wärme überflutete Ellas Herz, vertrieb endlich die kalte Einsamkeit und ersetzte sie mit einer zittrigen, heiß glühenden Hoffnung, die sie lange entbehrt hatte. Da waren natürlich Zweifel, Bedenken, Ängste, doch sie wischte sie entschlossen, mit einem Blick in Claras wunderschöne Augen weg. „Wenn es für dich okay ist?“, fragte Ella unsicher nach, kaum ihr Glück, ihren Mut fassend.
Bedächtig nickte Clara und fügte ebenso leise wie zuvor hinzu: „Ich würde mich sehr freuen, wenn du bei mir bleiben würdest.“

Hinter ihnen heulte eine voreilig gezündete Rakete gen Himmel, überzog den Himmel mit einem weißblauen Funkenregen, der sich in Claras Augen widerspiegelte. Ella nickte stumm, trat neben Clara und sah hinauf, in den Himmel über den nun Wolken zogen, das Mondlicht immer wieder verdeckten.

Die beiden Frauen standen nebeneinander, lauschten auf die Geräusche der Stadt unter ihnen, sogen die frische, kalte Luft ein, die sie umhüllte und drängten sich unwillkürlich dichter zusammen. Ella schob ihre Hand vorsichtig an deren Rücken unter Claras weichen Pullover. Der Regen machte kaum Geräusche, nur ab und an schien das Eis leise zu knacken, als der Eispanzer Tropfen für Tropfen an Stärke zunahm.

Ella schob ihre Hand weiter, legte sie weich an Claras Hüfte, spürte die andere Frau unter ihrer Berührung leicht schaudern und zog sie sanft dichter an sich. Clara reagierte augenblicklich, wandte sich ihr zu und legte ihre Arme nun ihrerseits um Ella, drückte sich weich gegen sie. Ella spürte Claras schnell pochendes Herz ganz dicht an ihrer Brust, im Gleichtakt mit ihrem schlagen. Claras hektischerer Atem strich über ihr Ohr, ihren Hals und verursachte eine feine Gänsehaut und ein erregendes Gefühl in ihrem Unterleib.

Als die ersten Glocken zu läuten begannen, die ersten Raketen in den Himmel zischten, ihn mit einem bunten Kaleidoskop an Farben, sprühenden Funken, grellen Leuchtkugeln, explodierenden Sternen und funkelndem Goldregen überzogen und ringsum donnernd die Böllerei begann, versanken die beiden jungen Frauen in einem tiefen, innigen Kuss. In Claras Augen und ihrem Haar funkelte das Feuerwerk viel schöner als am nächtlichen Himmel, tanzte wie Flammen darin, loderte wie wärmende Glut.

Ganz dicht aneinander gekuschelt, gefangen in der Sicherheit und Wärme ihrer Umarmung, ihren immer stärker erwachenden Gefühlen füreinander, begannen sie gemeinsam ein neues Jahr.

End



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