14.09.2008

Ein Schutzengel namens Henry

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Henry und Melody waren gerade auf dem Nachhauseweg von dem „Blue-Cat Club“, der berühmtesten Disco in der Gegend. Lachend schlag Melody ihre Arme um Henrys Hals. „Versprich mir, dass du mich niemals verlässt“, sagte Melody und sah ihm tief in die Augen. „Niemals“, schwor Henry. Die zwei Teenager liefen gemeinsam die Strasse entlang, bis sich Henry auf einmal an die Brust fasste und auf die Knie sank. Melody schrie auf. Henry lag jetzt nur noch keuchend auf dem Boden. „Hilfe, helft mir!“, schrie Melody doch niemand war da, der ihnen hätte helfen können. Es war immerhin kurz vor Mitternacht. Schnell nahm sie ihr Handy und gab zitternd die Notrufnummer ein. Als sie sich wieder verzweifelt Henry widmete, lag er nur noch da, die Augen weit geöffnet und reglos. Sie fühlte seinen Puls, da wusste sie, dass jede Hilfe zu spät kam. Noch am selben Abend starb Henry wegen Herzversagen. Melody blieb trotzdem bei ihm im Krankenhaus. Stumm saß sie da und trauerte um den wichtigsten Menschen ihres Lebens. Betrachtete ihn, strich ihm über die kalte Wange und wischte sich immer wieder ihre Tränen vom Gesicht. „Wieso?“, fragte sich Melody immer wieder, als sei es ein Echo.  Irgendwann, früh am Morgen, wurde sie von einer Krankenschwester gebeten, das Zimmer zu verlassen. Nur mühsam löste sich Melodys Blick von dem leblosen Körper ihres Freundes. Sie fuhr mit einem Fahrrad nach Hause. Doch auf dem Weg, fiel ihr ein, das wahrscheinlich das halbe Dorf zu ihr kommen würde, um ihr Beileid auszusprechen. Auf das konnte sie jetzt wirklich verzichten. Melody beschloss, an den kleinen See zu fahren, nahe am Waldrand, wo sie früher mit Henry immer war. Sie wusste, es würde wehtun, alte Erinnerungen wieder hervor zu rufen, doch sie sie sollte es wagen. Auf dem Waldweg achtete Melody angestrengt auf den Waldboden, um nicht über einen holperigen Stein zu fahren. Sie mochte nicht noch mal ins Spital. Plötzlich hörte sie Reifen quitschen. Erschrocken guckte Melody auf, und sah ein Auto, das geradewegs auf sie zuschlitterte. Doch auf einmal wurde sie zur Seite geschubst und landete in einem Gestrüpp. Das Auto kam zu stehen und stand dort, wo zuvor Melody noch gestanden hatte. Verärgert stieß der Fahrer ein paar Flüche aus und sah Melody wütend an. Dann fuhr er weiter. „Wa…was ist geschehen?“, fragte sich Melody. „Ich geh vielleicht doch lieber nach Hause“, dachte sie und machte sich auf den Rückweg.

 

Wie vorhergesagt, sprachen ihr die Leute ihr tiefstes Beileid aus. Weil Melody aber nur ihre Ruhe haben wollte, schlurfte sie in ihr Zimmer und schloss die Türe hinter sich zu. Ihr wurde an diesem Tag von der Schule freigegeben. Sie hatte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als aus dem Fenster zu starren, und nachzudenken. Am Abend legte sich Melody ins Bett, kuschelte sich in ihre Decke, und bildete sich ein, Morgen aufzuwachen und festzustellen, dass alles wieder beim alten war. Das konnte sich Melody aber sparen, denn sie konnte sowieso die ganze Nacht nicht schlafen. Als sie ihre Eltern am nächsten Tag aufwecken wollten, war Melodys Zimmertür immer noch verschlossen. Melody schlummerte weiter, weiter bis in den Nachmittag hinein. Sie wachte gegen Abend schließlich auf. „Ich hab die Schule geschwänzt“, ging es ihr durch den Kopf. „Und ich werde es wieder tun“, beschloss Melody und machte die Augen wieder zu. Eine Woche lang kapselte sich Melody von der Welt ab, ernährte sich von ihren restlichen Erinnerungen an Henry, schlief soviel es ging und verschanzte sich in ihrem Zimmer. Ihre Eltern waren ratlos. Doch dann beschloss Melodys Bruder, dem ganzen ein Ende zu setzen. „Melody, mach die Tür auf. Bitte, ich möchte wegen dir nicht die Polizei alarmieren“, sagte ihr Bruder leicht nervös, doch er versuchte ruhig zu klingen, denn in den letzten Tagen, wurde Melody vor ihrer Tür ständig nur angeschrieen. Anscheinend hatte er mehr Glück. Melody öffnete langsam die Tür. Als er Melody erblickte, war er stumm vor Entsetzten. Sie sah schrecklich aus. Ihr sonst so gepflegtes Haar, war völlig zerzaust, sie roch sehr streng und war bis auf die Knochen abgemagert. Ihr Gesicht wurde von dunklen Augenringen geprägt. „Alles… In Ordnung mit dir?“, fragte ihr Bruder unsicher. „Sehe ich so aus?“, gab Melody grob zurück, doch sie klang erschöpft. Ihr Bruder verstummte. „Wenn du morgen nicht zur Schule gehst, wirst du suspendiert“, raunte ihr Bruder ihr zu und lief in die Küche. „Komischerweise hättest du gestern schon in die Schule gehen müssen um nicht verwiesen zu werden. Hat sich irgendwie geändert… tja, Wunder geschehen!“, rief ihr Bruder ihr zu. „Aha“, murmelte Melody sichtlich uninteressiert. Nun ging ihr Bruder auf sie zu, packte sie an den Schultern und sah sie eindringlich an. „Melody, wenn du morgen nicht in die Schule gehst, zerstörst du dein Leben!“, versuchte er ihr beizubringen. „Es ist schon zerstört“, zischte Melody bitter, und brach in sich zusammen.

 

Sie wachte in einem weißen Zimmer auf, neben ihr saß ihre Familie. Sie war im Krankenhaus. Melody stöhnte. Genau der Ort, den sie gern gemieden hätte. „Was ist geschehen?“, fragte Melody müde. Ihre Kehle fühlte sich trocken an. „Du bist zusammengebrochen“, antwortete ihr Bruder und sah sie besorgt an. „Zum Glück, war es nur das! Der Arzt hat gesagt, es hätte tödlich Enden können! Du warst total abgemagert“, seufzte ihre Mutter und fuhr ihr mit schweißnassen Händen über die Stirn. Erst jetzt merkte Melody, welchen Hunger sie hatte. „Du hattest großes Glück“, sagte ihr Vater und schüttelte den Kopf, „Wir hätten es nicht so weit kommen lassen dürfen“, murmelte er reuevoll. „Du kannst heute nach Hause gehen“, sagte ihr Bruder aufmunternd.  „Unter einer Bedingung…“, fing ihr Vater strikt an, „…wenn du in die Schule gehst.“ Melody überlegte. „Na gut“, stimmte sie zu. „Super“, sagte ihr Vater lächelnd. Wie versprochen ging Melody am nächsten Tag in die Schule. Die Kapsel um sie herum, hatte sich langsam aufgelöst. Sie war nicht mehr so abgemagert und hatte wieder ein bisschen Farbe im Gesicht. Trotzdem fühlte sie sich noch elend. Ihre Mitschüler sahen sie verdutzt an, als Melody zur Schule ging. Anscheinend hätten sie nicht damit gerechnet, dass sie kommen würde. „Heute werdet ihr wie vor Monaten geplant, eure Abschlussprüfung schreiben“, verkündete ihre Lehrerin. „Verdammt, das hab ich total vergessen“, fiel ihr ein. „Ich hab doch gar nicht gelernt!“, dachte sie verzweifelt. Doch nun war es zu spät. „Augen zu und durch“, dachte Melody, zückte einen Schreiber und schrieb die Prüfung. Als sie die Prüfung wieder abgab, verließ sie ihr Mut. Sie hatte gerade mal einen fünftel der gestellten Aufgaben gelöst. „Na super, ich falle durch“, dachte Melody frustriert. Ihr war nach heulen zumute. Als sie den Test nach zwei Tagen aber wieder zurückbekam, erschrak Melody derart, das sie aufschrie. „Melody? Bist du so überrascht?“, fragte die Lehrerin verwundert. Melody starrte ihre Prüfung an. „Wie ist das möglich?“, flüsterte sie. Melody hatte eine glatte 5 geschrieben. Zuhause erzählte sie über ihre gelungene Arbeit und die gute Note. Melody ging es in letzter Zeit ein wenig besser. Sie ist von der schiefen Bahn wieder weggekommen. Sie lächelte und dachte an Henry. Er hatte  in schlechten Zeiten immer nur gemeint: „C’est la vive! Aber das Leben geht weiter“.

 

Am Abend ging Melody an den Ort, an dem Henry starb. Sie setzte sich auf den kühlen Asphaltboden und schloss die Augen. „Henry, ich vermisse dich“, flüsterte sie und eine Träne kullerte ihr über ihre Wange. Der Wind fegte durch die Strassen und umkreiste sie. Doch der Wind war nicht kalt und heulend sondern warm und flüsternd. Und dann, als der Wind an ihr vorbeizog, hörte sie es ganz genau. „Melody.“ Eine Stimme flüsterte ihren Namen. Es war die Stimme, für die sie durchs Feuer gehen würde, es war die Stimme, die sie liebte, es war Henrys Stimme. Plötzlich durchfuhr Melody eine solche Wärme, solche Geborgenheit und Liebe, wie sie es nur bei Henry spüren konnte. Dann gingen ihr Bilder, Gefühle und Gedanken durch den Kopf. Sie sperrte die Augen weit auf… das Auto, das sie fast überrollt hätte, der Zusammenbruch, der tödlich hätte enden können… der Tag der Suspendierung, der wie ein Wunder verschoben wurde… und die gelungene Abschlussprüfung. Da wusste sie es. Das Glück, das ihr in den letzen Wochen half und sie beschützte, hatte sie Henry zu verdanken. Melody sah gedankenverloren in den sternenklaren Nachthimmel hinauf und lächelte, denn sie wusste nun genau, dass Henry sein Versprechen hielt. Er, würde sie niemals verlassen.



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Kommentar von haiidilaiinchen:
(18.09.2008 um 15:50 Uhr)

Ich will dir erklären, wieso Melody eine 5 für gelungen hält, Bruno. Ich wohne in der Schweiz, und hier ist eine 5 sehr gut. (in Deutschland wär die Note... eine 2.) Nur um das zu klären. :)

Kommentar von Bruno:
(18.09.2008 um 12:05 Uhr)

Ich verstehe nicht ganz, wieso Melody eine glatte 5 für gelungen hält (vorletzter Abschnitt unten).




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