01.07.2009

Dir verfallen...

() Gsf 2009 Love Story Beitrag

Ich sah sie auf der anderen Straßenseite stehen. Sie war wunderschön. Ihre langen dunklen glatten Haare lagen auf ihren Schultern. Sie trug eine helle Bluse, eine dunkelblaue Jeanshose und schwarze Schuhe mit nicht sehr hohen Absätzen. Sie strahlte über das ganze Gesicht und schaute in meine Richtung. Ich wusste nicht, ob sie mich anguckte oder ob ich mir das nur einbildete. Meine Gelassenheit, die ich bis zu diesem Zeitpunkt an diesem Tag inne hatte, schien wie weggeflogen. Nervösität verbreitete sich in meinem Körper. Was sollte ich tun? Sollte ich zu ihr auf die andere Seite gehen und sie ansprechen?

Es war ungefähr 19 Uhr an einem Donnerstag. Etliche Autos fuhren über die Hauptstraße, die mich von meinem Glück trennte. Ich musste eine Ampel finden, mit dessen Hilfe ich auf die andere Seite gelangen konnte. Doch bevor ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, merkte ich, wie unkonzentriert ich durch das Auftreten dieser Frau geworden war. In einem kurzen Augenblick der Besinnung merkte ich, dass sie bereits an einer Ampel wartete, um die Straße zu überqueren. Sie wollte tatsächlich auf die Straßenseite, auf der ich mich befand. Nervösität konnte man das nicht mehr nennen, was ich empfand. Das Wort hätte meinen Zustand nicht korrekt beschreiben können.

Die Ampel sprang auf Grün und die Schönheit bewegte sich direkt auf mich zu. Ein Klos steckte mir im Hals. Was sollte ich sagen, wenn sie an mir vorbeiging? Abolute Leere schien sich in meinem Gehirn zu verbreiten. Ich konnte nicht mehr klar denken. Nur einige Sekunden später blieb sie direkt vor mir stehen. Schweiß rannte mir den Rücken herunter. 'Guten Tag, mein Herr', sagte sie zu mir. Ihre Stimme klang schöner als alles, was ich jemals zuvor gehört hatte. Sie hatte soviel Wärme und Wohlklang. 'Können Sie mir bitte sagen, wo ich das Theater finde? Ich komme nicht aus dieser Stadt?' fuhr sie weiter fort.

'Ähmmm... ähmmm... ähmmm....' Mehr brachte ich zunächst nicht heraus, doch dann versuchte ich mich zusammenzureißen. Was sollte die Schönheit von mir denken, wenn ich nichts weiteres als Stammeln hervorbrächte. 'Das ist gar nicht so leicht von hier aus zu beschreiben, aber ich kann Ihnen sagen, wo es ist.' Ich war sehr stolz auf mich, einen vollständigen Satz in ihrer Gegenwart formuliert zu haben und fühlte mich sehr erleichtert. Von meinem Zustand beflügelt kam ich auf eine fabelhafte Idee. 'Wie wär's, wenn ich Sie bis dorthin begleite', sagte ich, 'ich muss sowieso in diese Richtung, es wäre gar kein Umweg für mich.' Ich konnte mich nicht erinnern, in meinem Leben schon einmal so einen guten Einfall gehabt zu haben. Auf dem Weg zum Theater konnte ich mich mit Ihr unterhalten und sie etwas näher kennenlernen. An ihrem Ziel angekommen würde ich Sie dann fragen, ob sie am nächsten Abend schon etwas vorhätte, vorausgesetzt, ich würde meinen ganzen Mut zusammennehmen und so etwas über meine Lippen bringen.

Wir gingen nebeneinander die Straßen entlang, bogen hier und dort mal ab, um unser Ziel, das Stadttheater, zu erreichen. Wir hatten eine hervorragende Kommunikation miteinander, unterhielten uns über unsere Jobs, über unsere Freizeitinteressen und natürlich über Theater. In diesem Moment war ich so froh, dass mein kulturelles Interesse sich nicht nur auf den Besuch von Heavy Metal-Konzerten beschränkte. Ab und zu hatte ich auch schon mal ein Theater von innen gesehen und mit den Namen Goethe und Schiller konnte ich durchaus etwas anfangen. Das schien meiner Begleitung sehr gefallen zu haben. Es endete schließlich in einem beidseitigen Redeschwall, der gar kein Ende zu finden schien, aber der Schluss war schon vorprogrammiert. Sobald wir das Theater erreicht hätten, würde nicht nur unser Gespräch enden, sondern ich würde die sympathische hübsche Frau auch verabschieden müssen. Ich hoffte aber, dass es nur für einen Tag gewesen wäre.

Wir bogen ein letztes Mal ab, gingen nur noch ungefähr 50 Schritte, bevor ich stehen blieb, woraufhin auch meine Begleitung das Gehen einstellte. 'Hier ist das Stadttheater', sagte ich zu ihr. 'Vielen Dank, dass sie mich hier hingeführt haben. Das ist wirklich nett von Ihnen,' meinte die Frau zu mir. 'Das habe ich doch gerne gemacht,' antwortete ich verlegen, woraufhin meine Gedanken sich überschlugen. Ich musste jetzt handeln, denn viel Zeit blieb mir nicht: 'Ähmmm... Öhhhh....' Das Stottern setzte zu einem sehr unpassenden Augenblick wieder ein. 'Haben Sie morgen abend schon etwas vor?' Ich hatte es wirklich getan. Ohne dass ich großartig darüber nachgedacht hatte, entwich die Frage meinem Mund. Daraufhin herrschte Stille, die für mich zu diesem Augenblick nur schwer zu ertragen war. Hatte ich so etwas Unpassendes gesagt, dass es meinem Gegenüber die Sprache verschlagen hatte? Doch dann antwortete sie.

'Hören Sie, mein Herr. Sie scheinen wirklich sehr sympathisch zu sein und ich fand es sehr nett, dass sie mir den Weg gezeigt haben, aber morgen abend habe ich schon etwas mit meinem Mann und unseren zwei Kindern vor und ich glaube, dass es, angesichts der Tatsache, dass ich verheiratet bin, nicht angebracht wäre, wenn wir zwei uns miteinander treffen würden.' Jetzt war ich derjenige, der die Stille verursachte. Ich wusste daraufhin nichts mehr zu antworten. Unendlich große Enttäuschung machte sich bei mir breit, die ich prompt im ganzen Körper spüren konnte. Mit dieser Antwort hatte ich am allerwenigsten gerechnet. Das Leben und die Liebe kann so schmerzhaft sein, und kein Wissenschaftler kann etwas dagegen tun. Die Liebe kommt und geht, bringt große Glücksgefühle mit, aber genausoviel Unwohlsein. Man weiß vorher nie, wann sie anfängt und nie, wann sie endet.

Ich verabschiedete mich und ging die Straße entlang. Allein.



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