19.10.2009

Der Glanz der Pfauenfedern

()

Der Glanz der Pfauenfedern

Der Wind brachte vom anderen Seeufer eine feine Melodie. Sie schien von ihrem Leben zu erzählen, einer jungen Frau, die auf ihren Liebsten wartet. In einem Pavillon, umgeben vom Duft der Rosen, beschienen von Mond und Sternen. Verträumt musterte Antoinette die schwach erleuchtete Silhouette der Stadt und ihr stilles Ebenbild auf der Wasseroberfläche. Während sie so dasaß, eingehüllt in das sanfte Mondlicht, wanderten ihre Gedanken zu dem Tag, als sie Etienne kennen lernte:

Wie heute saß sie in dem Pavillon am See, doch es schien die Sonne. Eine sanfte Brise strich durch die Bäume, in denen die Vögel sangen. Hinter der Magnolie tauchte Filou, der Pfau, auf. Sein Schwanz schillerte im Licht wie ein Rad aus grünem Feuer. Neben ihm schritt gemächlich der Albinopfau Fleur. Ganz in den Anblick dieses majestätischen Paares versunken, bemerkte sie den Mann nicht, der auf sie zuschritt. Erst als er sie ansprach, schreckte sie auf.

"Verzeiht, Mademoiselle, aber warum schaut Ihr so traurig ?"

Verunsichert sah sie dem Fremden ins Gesicht. Warme grüne Augen blickten ihr entgegen und schienen von Innen zu leuchten. Umrahmt wurden sie von langen blonden Wimpern, die etwas dunkler waren als sein Haar. Einige Strähnen hatten sich aus dem Zopf im Nacken gestohlen und umgaben sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Und obwohl er keine Miene verzog, schien ein Lächeln auf seinen Lippen zu liegen. Sie meinte im ersten Augenblick sogar, dass ein Engel vor ihr stünde. Aber der vermeintliche Heiligenschein war nur sein blonder Schopf, der die Sonne einzufangen schien. Beim Anblick seiner erhabenen, engelsgleichen Gestalt verschlug es ihr glattweg den Atem. Als er ihr ungläubiges Staunen bemerkte, stahl sich ein wirkliches Lächeln auf seine Lippen und ließ seine Augen vor Schalk aufleuchten.

"Dieser Tag ist viel zu schön, um Trübsal zu blasen.", sagte dieser Mann, der Antoinette so sehr bezauberte.

Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen und traute sich nicht das Wort an ihn zu richten, aus Angst, eine unwiederbringliche Illusion zu zerstören. Doch sie wollte unbedingt seine Stimme erneut hören, wollte seinen Namen auf Ewig in ihrem Herzen bewahren.

"Wie heißt Ihr?", war alles, was sie hervorbrachte.

Galant zog er seinen imaginären Hut, verbeugte sich vor ihr und küsste charmant ihre bloße Hand.

"Etienne Guiscard, Euer Diener, Mademoiselle."

Antoinette dachte, dass ihr Herz aufhören würde zu schlagen. Der kurze Moment, in dem er ihre Hand berührte, brachte ihre kleine, unschuldige Welt ins Wanken. Sie bemerkte nicht einmal, dass sie die Luft angehalten hatte.

Ruhig musterte Etienne währenddessen die junge Frau. Er hätte niemals gedacht, dass es solch ein Geschöpf noch gab. Mit ihren großen grünen Augen wirkte sie so rein, als hätte sie auch niemals nur einen sündigen Gedanken gehabt. Und mit ihrer schlanken, zierlichen Statur, sowie den hellbraunen Haaren, wirkte sie wie eine der Blumen um den Pavillon, mit Lippen in der Farbe der Rosen. Es schien ihm fast, als ob ihre Haut durchscheinend wäre. Der Garten war die ideale Untermalung ihrer Schönheit.

Doch wusste er ihren Namen noch nicht: " Nun seid Ihr mir gegenüber im Vorteil, denn ich kenne Euren Namen nicht."

Antoinette errötete bis zum Haaransatz. Sie war sehr unhöflich gewesen, hatte ihn angestarrt und ihren Namen nicht genannt.

Ungeschickt knickste sie vor ihm: " Verzeiht mir meine Unachtsamkeit. Ich heiße Antoinette Ninon Marguerite Beauchamp. Aber Antoinette reicht vollkommen."

Seit diesem Tag waren nun drei wundervolle Jahre vergangen. Etienne hatte um ihre Hand angehalten und sie hatte überglücklich zugestimmt. Zusammen lebten sie in dem Herrenhaus am See, das Antoinette von ihren Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Ihr Liebster hatte nicht sehr viel Besitz, war er doch der dritte Sohn des Marquis Pierre Guiscard de Roumière. Und seine Anstellung als Rechtsgelehrter versprach nicht allzu viel Gewinn abzuwerfen. Aber Etienne war Jurist aus Überzeugung. Und sie unterstütze ihn dabei voll und ganz. Immerhin war sie die einzige Tochter der vermögenden Eheleute Beauchamp, gut behütet aufgewachsen.

Doch das Glück sollte nicht bis in alle Ewigkeit fortdauern. Vor sechs Monaten war Etienne Guiscard auf See verschollen. Die Fahrt sollte nur der Recherche für einen Fall dienen, mit dem er betraut worden war.

Tag für Tag saß Antoinette seit dem in dem kleinen Pavillon am See, die Augen immer auf den Horizont gerichtet. Aber es wurde immer beschwerlicher. Sie trug Etiennnes Kind unter ihrem Herzen. Nur mit Mühe konnte sie dazu bewegt werden, sich im Haus aufzuhalten. Und dort hielt sie sich immer in der Nähe eines Fensters auf.

Die Nächte verbrachte sie oftmals schlaflos, fehlte ihr doch ihr Liebster so sehr. Tagsüber gab sie sich stark, unablässig sah sie aus dem Fenster. Und trotz der verstreichenden Wochen klammerte sie sich an die Hoffnung, Etienne möge endlich nach Haus, zu ihr, zurückkehren. Des Nachts aber siegten ihre Zweifel, Tränen rannen ihr über die Wangen. Ihr einziger Zeuge war ihr Kissen. Sie klagte über die Ungerechtigkeit des Schicksals, weinte um die verlorenen Momente, die sie niemals mit ihrem Geliebten erleben würde. Rief sich Etiennes Bild in Erinnerung. Dachte an die Jahre mit Etienne. Und verlor nach und nach alle Hoffnung.

In dieser Zeit wurden die Zwillinge geboren. Aber dieses freudige Ereignis wurde davon überschattet, dass einer der beiden schon nach einer Woche verstarb.

Jedoch hatte Antoinette keine Tränen mehr. Sie trauerte still um ihren kleinen Henri, der ihr so früh wieder genommen worden war. Sie begann erneut damit, stundenlang im Pavillon zu sitzen. Wartete auf Etienne. Mit ihm würde ihr ganzes Glück wiederkehren. Und sie würde Jules eine gute Mutter sein. Doch war sie im Moment nicht dazu in der Lage. Ihr Kind hatte sie in die Obhut ihrer Eltern gegeben, die ihr in dieser schwierigen Zeit zur Seite standen.

Regungslos verharrte sie in dem Pavillon. Der Nacht verabschiedete sich aus der Welt und die Sonne bestieg ihren Thron. Eine leichte Brise wehte durch den Garten. Die ersten Vögel begannen ihr Morgenlied, alles erwachte zum Leben. Nur ihr Herz starb mit jedem Augenblick ein weiteres Mal.

In der Nähe fingen zwei Dienstmädchen mit ihrer Arbeit im Garten an. Wie der Rest des Haushalts trauerten sie um ihre junge Herrin Antoinette, die vor knapp zwei Wochen gestorben war. Ihre Trauer um Mann und Kind hatte sie langsam ausgezerrt. Die vorher so lebenslustige Frau hatte ihren Verlust nicht überwinden können. Auch nicht um des kleinen Jules’ Willen, der nun ohne Eltern aufwachsen würde. Denn vor vier Tagen hatte die Nachricht die Runde gemacht, dass man das Schiffswrack gefunden hatte, auf dem auch der junge Herr gewesen war. Nun kümmerte sich die alte Madame Beauchamp um ihren Enkel, den einzigen Erben der alten, vornehmen Familie.

Als Michelle kurz den Blick von ihrer Arbeit hob, meinte sie, die junge Herrin im Pavillon sitzen zu sehen. Sie stupste ihre Freundin Fabrice an und deutete zur Laube.

"Siehst du das auch? Dort sitzt doch das Fräulein Antoinette."

Verwirrt sah die Angesprochene in die angegebene Richtung und runzelte die Stirn.

"Da musst du dich geirrt haben. Ich war dabei, als sie ihren Tod festgestellt haben. Sie hat uns für immer verlassen." Hastig bekreuzigte sie sich. "Möge Gott ihrer Seele gnädig sein."

Michelle schlug stumm das Kreuz vor ihrer Brust. Nach einem erneuten Blick zum Rondell widmete sie sich wieder ihrer Arbeit. Dabei dachte sie an ihre eigene Familie und murmelte Gebete vor sich hin, dass Gott ihren Mann und ihre Kinder beschützen möge.

Seit diesem Tag geht die Legende in dem alten Herrenhaus um, dass jede Nacht der Geist einer wunderschönen Frau im Pavillon am See sitzt. Es sei die so früh verstorbene Antoinette, die noch bis zum heutigen Tag auf die Rückkehr ihres Liebsten Etienne wartet. Die traurigen Schreie des Pfaus sind die Klänge ihrer Einsamkeit und sein Rad spiegelt das Grün ihrer Augen wieder, die keine Tränen mehr vergießen können. Und sie wird auch noch in vielen Jahren an ihrem Fleck sitzen, den Blick auf den Horizont gerichtet, begleitet vom Lied des Pfaus, auf ihren Liebsten wartend.



Literatur News


Ihr Kommentar ...


scode


Kommentar von gutimuti:
(27.10.2009 um 08:44 Uhr)

Meiner Ansicht nach kannst du das wirklich gut, Shaiya. Allerdings ist es viel wichtiger, dass dir die Schreiberei Spaß bereitet. Und das scheint eindeutig der Fall zu sein.

Kommentar von Shaiya:
(25.10.2009 um 15:30 Uhr)

Seit gestern wirklich nicht - aber auch noch nicht mein Leben lang. Ich schreibe Geschichten seit ich 16 bin und will jetzt auch nie wieder damit aufhören. Im Moment will es aber nicht so recht vorangehen. Aber das wird schon noch. Immerhin habe ich jetzt das gefunden, was ich (meiner Meinung nach recht) gut kann und auch liebe.

Kommentar von gutimuti:
(25.10.2009 um 14:23 Uhr)

Eine wirklich rührseelige Geschichte über die bildschöne Antoinette, die meiner Ansicht nach sehr gut formuliert worden ist. Du hast einen großen Wortschatz und kannst dich wirklich gut ausdrücken, Shaiya. Du schreibst anscheinend nicht erst seit gestern.




Social Media

Letzte Einträge

Mein Werk eintragen!

- neu - bearbeitet

Gsf Buchtipp



Rezension

Aktionen / Gewinnspiele



Mein Gewinnspiel starten

Worthupferl


Mehr Worthupferl? Klick!

Verwandte Leseranfragen

Keywords

  • Stichwörter

  • Pfau Antoinette Pavillon Etienne Tränen
nach oben