07.10.2010

Das Wiedersehen

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Bild zu Seit Menschengedenken lebe ich in dem kleinen Nest so etwa zehn Kilometer von der Kreisstadt entfernt. Das hier war und ist meine Heimat. Nur zweimal war ich fort. Damals Anfang der 70er Jahre beim Bund und zum Studium an der technischen Fachschule in Hamburg.  Sicher, auch verreist bin ich manchmal, in die Staaten und eine Safari in Afrika, aber sonst- nur unser Kaff. Die Kneipe, die jetzt mein Schulkumpel Werner betreibt, meine Werkstatt und die Schmiede, die eigentlich irgendwie zu meiner Werkstatt für alles gehört, was Räder hat  - vom Fahrrad bis zum Traktor oder LKW. Boris, Hufschmied aus dem Kosovo, hatte ich vor zehn Jahren überredet, die Schmiede zu übernehmen, als der alte Schmied gestorben war. Boris ist der Einzige in unserem Dorf“ mit Migrationshintergrund“, und da er Brigitte geheiratet hat, die mit ihren vierzig Jahren bestimmt keinen mehr abbekommen hätte, darf er auch bleiben und gehört zu uns. Er ist einfach der „Jugo“, fertig, aus. Hier im Norden, fast an der dänischen Grenze machen wir nicht viele Worte.

Ich habe nie geheiratet, dazu war keine Gelegenheit, hier im Dorf schon gar nicht. Nur damals beim Studium gab es eine, Doris, Architekturstudentin von der Uni in Hamburg. Wir waren fast drei Jahre zusammen und meine Mutter, die damals noch lebte, war von ihr begeistert. Meinem Vater war es egal: „Hauptsache du bleibst hier und übernimmst die Werkstatt!“ Damit war das Thema für ihn durch. Aber genau das war der Punkt. Doris sollte als Architektin mit Bestnoten nach Berlin gehen, dort hatte sie ihr Praktikum absolviert, einen Auslandsaufenthalt in Boston und der Job war sicher. Ich hatte es geschafft, meine zwei Praktika bei Siemens auch in Berlin zu bekommen, Spezialgebiet Autoelektrik und so schien alles klar. Als Vater, damals Anfang der achtziger von unseren Plänen erfuhr, redete er nicht mehr mit mir und verschwand, wenn wir zu Weihnachten oder Ostern nach Hause kamen. Doris durfte ihre Eltern nicht besuchen, da sie Ende der siebziger aus der DDR abgehauen war. Mit einer Sportdelegation einfach in Hamburg geblieben. Ja, so war das damals. Sie hat sehr unter der Trennung gelitten.

Im Herbst 1985, wir hatten uns schon eine Wohnung in Berlin angesehen und wollten heiraten, Doris war schon ein halbes Jahr im Job, da starb mein Vater. Ich war gerade zu Hause, wollte mich verabschieden und dann das. Die Werkstatt war aufzulösen und vier Beschäftigte zu entlassen. An einem nebeligen Morgen, bei uns war es im Herbst immer neblig, trafen wir uns alle in der Werkstatt. Mutter war auch gekommen. Ein Azubi und drei Gesellen, alle waren sehr traurig.  Sie mussten jetzt ihre Heimat verlassen, denn Jobs gab es bei uns nicht. Nach dem wir alle einen Köm runter gekippt hatten, ergriff unser Altgeselle Fritz das Wort: „Hannes, warum bleibst Du nicht hier? Alle brauchen Dich, Deine Mutter, das große Haus, die Bauern, einfach alle, Du gehörst zu uns. Die Bauern aus dem ganzen Gebiet, auch der Gutsverwalter haben versprochen weiter nur bei uns Ihre Maschinen und Fahrzeuge pflegen und reparieren zu lassen. Sie wollen mit Dir einen Vertrag machen, Sicherheit auf Jahre. Dein  Vater wollte es auch. Er hat in letzter Zeit sehr gelitten.“ Damit war eigentlich alles gesagt. Wir tranken noch einen Köm und verabredeten uns für den nächsten Morgen.

Am Abend war ich noch bei Werner in der Kneipe. Dort sah ich die fragenden Gesichter der Bauern, aber keiner sagte etwas. Werner sagte nur: „Bleib hier…in Stade oder Hamburg brauchen sie auch Architekten.“

Am nächsten Morgen telefonierte ich sehr lange mit Doris und erzählte ihr alles, bat sie herzukommen und nach einer Lösung zu suchen. Sie wollte am Samstag kommen. Also blieb ich erst einmal und vertagte meine Entscheidung auf Montag. Am Samstag fuhr ich nach Stade, um Doris vom Bahnhof abzuholen. Der Zug aus Hamburg war pünktlich, noch nach einer halben Stunde stand ich auf dem Bahnsteig, mit den Blumen, Doris war nicht gekommen.  Zu Hause lag eine einfache Karte aus Berlin: „Es war schön mit Dir, aber bleib Du zu Hause. Nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung. Liebe Grüße Deine Doris. PS.: Bitte suche mich nicht!“  Die Blumen brachte ich zu Vaters Grab. Dann spülte ich meine Probleme so gut es ging bei Werner fort. Am Montag teilte ich meinen Angestellten mit, dass es weiter geht. Altgeselle  Fritz, er ist inzwischen auch verstorben, umarmte mich.  Damit  war alles erledigt.

Das ist jetzt 25 Jahre her. Vor zwei Jahren war meine Mutter gestorben, und ich wohne seitdem allein in dem Haus bei der Werkstatt. Der Betrieb läuft sehr gut, die Schmiede gehört fast dazu und ich konnte noch die Frau von Boris stundenweise als Sekretärin einstellen. Heute musste ich ganz früh aufs Feld. Der Traktor von Bauer Lehmann hatte den Geist aufgegeben und das mitten in der Ernte, alle anderen waren auch gut beschäftigt. Maschinen beschließen scheinbar immer im unpassendsten Moment, den Dienst zu versagen.  Schon von weitem sah ich den Lada von Boris heran holpern. Er wollte kein anderes Auto, es wäre ein Stück Heimat und im Kosovo fuhren so was früher nur die Funktionäre oder die Serben.  Wir lachten alle über seine Philosophie.  Er winkte mit etwas Weißem und kam aufs Feld gerannt. „Hier Du haben Brief aus Berlin. Brigitte sagt, sie kennt Absenderin. Ganz wichtig. Deshalb ich sofort komme!“ Ein Blick  auf den Absender jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Dr. Doris L….. usw. ! Ich riss den Brief  sofort auf. Wieder nur ganz kurz: „Hallo Hannes, ich habe jetzt viel Zeit und würde Dich gerne besuchen. Klappt es am Sonntag? Am Abend  fahre ich wieder zurück. Deine Doris.“ Dann folgte eine e-mail- Adresse, Telefon und die Ankunftszeit des Zuges in Stade. Ich fragte mich nur: Viel Zeit? Doris war promovierte Architektin und jetzt erst 49?

Am Sonntag stand ich, wie schon einmal vor 25 Jahren auf demselben Bahnsteig in Stade, wieder mir Blumen aus dem Pfarrgarten.  Aber diesmal nicht geklaut, ich hatte den Pastor gefragt.  Der Zug kam wieder pünktlich. Ein paar Leute stiegen aus und der Zugbegleiter legte eine Rampe an eine Tür an. Ich drehte mich um und suchte am hinteren Teil des Zuges. Wie mochte Doris jetzt aussehen, nach 25 Jahren? Ich fand niemanden, der ihr auch nur annähernd ähnlich aussehen mochte. Plötzlich - ein Stimme hinter mir, die ich sehr gut kannte. „Hallo Hannes!“ Ich drehte mich um, wie vom Blitz getroffen. Da saß Doris im Rollstuhl, kaum verändert, etwas älter und die Fröhlichkeit in ihren Augen war fort, traurig sah sie aus.  Etwas unbeholfen muss ich wohl ausgesehen haben, als ich sie umarmte. „Wo ist dein Gepäck?“ …waren die einzigen Worte, die ich raus brachte. „Brauch ich nicht, heute Abend bist du mich wieder los.“ Ich schob sie zu meinem VW-Bus. „Noch der von damals?“ fragte sie. „Ja, der tut es  immer noch.“ Ich sagte ihr nicht, dass der Bus das wichtigste Erinnerungsstück an unsere gemeinsame Zeit war und ich ihn deshalb behalten hatte. „Aufstehen kann ich schon, nur beim Einsteigen musst Du mir etwas helfen.  Es war vor fünf Jahren, ein Unfall auf der Baustelle am Sony-Center, am Potsdamer Platz in Berlin. Die haben mich ganz gut wieder hingekriegt. Nur mein Mann wollte keinen Krüppel als Frau. Er hat sich scheiden lassen. Ich bin dann wieder nach Schwedt in das Haus meiner Eltern gezogen. Voriges Jahr ist Mutter gestorben. Ich werde es jetzt verkaufen und zurück nach Berlin gehen.“ Das war alles  was sie erst einmal über sich erzählte. Ich brachte kein Wort heraus.

Doris ist an diesem Tag nicht wieder zurückgefahren. Wir waren später noch einmal in Schwedt an der Oder und haben das Haus verkauft. Vor zwei Tagen haben wir geheiratet. Das ganze Dorf war da und Werner gestand mir, dass er es war, der Doris eingeladen hatte. Seit damals telefonierte er einmal im Jahr mit ihr. Sie wollte immer genau wissen, wie es  geht und hat ihm auch verboten, mir von dem Unfall etwas zu sagen. In Stade in einem kleinen Architekturbüro bekam Doris einen Job als freie Mitarbeiterin. Da kann sie auch von zu Hause aus arbeiten.

Der Pfarrer sagte bei der Hochzeit nur für uns hörbar: „25 Jahre Eures Lebens habt Ihr  verschenkt. Erst ein tragisches Ereignis hat dazu geführt, dass Ihr glücklich weiterleben könnt. Jetzt tut das aber auch!“



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