17.08.2009

Das rotweiße Kleid

() 2. Platz - Gsf 2009 Love Story Beitrag

Das erste Mal traf sie ihn, als sie fünf Jahre alt war. Zumindest glaubt sie das, obwohl sie sich nicht mehr genau erinnern kann. Es war auf der Feier zu ihrem fünften Geburtstag gewesen. Wenn sie die Videokassette in den Recorder schiebt, sieht sie ein kleines, dünnes Mädchen mit einer Zahnlücke und einem himbeerfarbenen Kleid, das sich im Wind bauscht, wenn sich das Mädchen wie ein Kreisel auf dem Rasen dreht. Das Mädchen in den Aufnahmen ist ihr fremd geworden und sie sucht bei ihr vergeblich nach Merkmalen, die auch in ihrem eigenen Gesicht zu sehen sind, aber sie findet keine. Er ist auf keinem Bild des Videos zu sehen, obwohl er da gewesen sein muss. Er war ein Freund ihres Vaters und wurde für gewöhnlich zu Familienfesten eingeladen. Sie kennt ihn nur so, wie er heute ist, mit feinen Falten um Mund und Augen und sie stellt sich gerne vor, wie er früher ausgesehen haben muss. In Gedanken radiert sie die Falten weg, modelliert die Gesichtszüge, die damals wahrscheinlich markanter und energischer waren und färbt die Haare, die jetzt mit einzelnen grauen Strähnen durchzogen sind, dunkelbraun. Manchmal versucht sie auch, ihn sich als Jungen vorzustellen, mit Zahnlücke und zerrissenen Hosen, die Wangen gerötet vom Herumtoben, aber es gelingt ihr nicht.

Die wirklichen Erinnerungen kommen erst später, aber auch sie sind seltsam unscharf und braunstichig, wie aus einem alten Film. Manchmal kann sie sie zeitlich nicht einmal einordnen. Einmal glaubt sie ihn auf einem der Korbstühle im Garten ihrer Eltern sitzen zu sehen, ein Glas Wein in der Hand und über einen Witz ihres Vaters lachend, den Kopf leicht schräg gelegt, als sinne er über wesentlich bedeutsamere Dinge nach. Dann eine weitere Erinnerung, unmöglich zu sagen, ob sie vor oder nach der anderen entstanden ist. Er trägt einen schwarzen Anzug, und durch die Augenringe und die weiße Haut, unter der sich die blauen Venen abzeichnen, wirkt er beinahe transparent, als wäre er gar nicht wirklich da. Seine Hände trommeln einen schnellen, unregelmäßigen Rhythmus auf den Tisch vor ihm. Eine Beerdigung, aber sie kann sich nicht mehr erinnern, wessen. Dann ein weiteres Bild, eine Momentaufnahme wie die anderen auch, wie er sich über den Tisch beugt und Grimassen schneidet, die Ärmel seines Pullovers aufgerollt, als wolle er gleich anfangen zu arbeiten. Manchmal glaubt sie, dass die Erinnerungen gar nicht echt sind, sondern nur erfunden, um ihm eine Art Vergangenheit, eine Geschichte anzuhaften, die er nie hatte.

Sie verliebte sich in ihn, als sie fünfzehn Jahre alt war. Die Erinnerung an diesen Tag ist schmerzhaft deutlich, jede Sekunde, jede Bewegung, jede Geste für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt. Es war der vierzigste Geburtstag ihres Vaters, der große Tisch im Garten ist gedeckt, die Wespen schwirren über den Kuchen und Torten, die auf dem kleinen Beistelltisch ausgelegt sind. Er ist gerade geschieden worden und sieht mitgenommen aus, doch die Augen haben etwas Lebendiges und sein Überschwang lässt ihn jünger und dynamischer wirken, als er ist. Er beugt sich über den Tisch und seine Hände bewegen sich unaufhörlich, während er irgendeine Geschichte erzählt, während ihr Vater ihm zuhört und an den richtigen Stellen über die Anekdote lacht. Sie beobachtet ihn wie durch ein Mikroskop, das ihr die Million kleiner Bewegungen und Gesten enthüllt, die ihn ohne Pause in ständiger Bewegung halten. In diesem Moment verkörpert er all das, was sie sucht und sie verliebt sich in ihn, sein Gesicht, sein Hemd, seine Hände, sein wippender Fuß in ihrem Gedächtnis fest verankert. Sie lächelt ihn über den Tisch hinweg an und er lächelt zurück, reflexartig, ohne darüber nachzudenken.

Als sie neunzehn Jahre alt ist, ruft sie ihn eines Tages an und fragt ihn, ob er mit ihr essen gehen wolle. Sie hört seiner Stimme an, dass er erstaunt ist und nicht weiß, warum sie anruft, aber er erklärt sich dennoch bereit, sie abends abzuholen. Sie trägt dasselbe Kleid, dass sie damals mit fünfzehn trug, sie fand, dass es eine passende Geste sei, doch jetzt, wo sie neben ihm im Auto sitzt, wirkt es lächerlich und kindlich und sie zupft unzufrieden am Saum. Er fühlt sich sichtbar unwohl und scheint nicht zu wissen, was er sagen soll und sie kommt sich albern vor, wie sie da neben ihm im Auto sitzt, in einem rotweißen Kleid und mit trockenem Mund. Sie räuspert sich und er schreckt auf und sieht sie an. „Ich liebe dich“, sagt sie und es hört sich noch schlimmer an, als sie befürchtet hatte, ihre Stimme klingt hoch und gepresst. Es hört sich an wie eine Lüge. Er sieht erschrocken aus und es ist überhaupt nicht so, wie sie es sich in ihrer Fantasie ausgemalt hat. Dann seufzt er und sie denkt unwillkürlich, dass er sich nicht verändert hat in all den Jahren, nur sie hat sich verändert auf eine bestimmte Weise und dann auch wieder nicht. Er streckt zögernd die rechte Hand aus, die linke nach wie vor ins Lenkrad gekrallt und streicht ihr leicht über die Wange, so leicht, dass sie es kaum spüren würde, könnte sie seine Hand nicht sehen. Er sieht sie einen Moment lang an, die braunen Augen dunkel vor Müdigkeit, dann blickt er wieder auf die Straße vor sich. Es ist angenehm still im Auto, so still, dass die Wärme des Sommers, die trotz der Klimaanlage ins Auto dringt, sie schläfrig werden lässt und sie lehnt sich zurück und schließt die Augen.



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Kommentar von Begeisterter:
(04.03.2010 um 09:22 Uhr)

Die Geschichte ist so unglaublich perfekt geschrieben. Man merkt sofort, dass da jemand am Werk war, der wirklich etwas von seinem Fach versteht. Beim Lesen der Geschichte würde so mancher Deutschlehrer vor Neid erblassen.




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