29.09.2010

Begegnung mit Luzi

() Storyaktion September 2010

Vor ihr steht ein Glas Latte Macchiato, von dem sie hin und wieder einen Schluck zu sich nimmt. Ihr Gesicht hat sie den wärmenden Strahlen der Septembersonne zugewandt, die ihre Schultern und ihr Gesicht streicheln. Sie öffnet ihre dunkelbraunen Augen um einen Schluck zu sich zu nehmen, blickt in die Runde um dann ihre Augen wieder zu schließen, sodass ich sie ungestört betrachten kann.

Sie ist jung, sehr jung, nicht viel älter als Zweiundzwanzig, sie könnte meine Tochter sein. Das dunkle Haar fällt ihr wie Samt auf die schmalen Schultern und umrahmt das ovale Gesicht, in denen ein schmales Lippenpaar neben einer zierlichen Stupsnase ruht. Ein Gesicht ohne Aufregungen, weder langweilig noch außergewöhnlich. Aber es liegt etwas darin, was sich mir nicht erschließt. Vielleicht muss ich sie deshalb anschauen. Ich bewege meine Augen nicht aus Angst, einen Moment, ein Lächeln, einen Wimpernschlag zu verpassen...

In ihrem Anblick versunken, beginne ich zu träumen. Erinnerungen aus meiner Jugend steigen in mir auf und die Jahre ziehen wie ein Film an mir vorbei. Die Zeit mit Annemarie, meiner ersten großen Liebe, – vorbei nach nur einem Jahr. Ich war sechzehn und  wollte sterben. Darüber muss ich lächeln. Was hätte ich alles verpasst! Unvergesslich schöne, aber auch unerquickliche Stunden, Liebeskummer und Liebesfreuden.

Die wenigen Monate mit Helene fallen mir ein. Für die um einige Jahre ältere Frau war ich das Spielzeug, mit dem sie ihre Sexualität auslebte. Trotz aller Peinlichkeiten und Verletzungen, es waren Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Dann das Jahr mit Emilie, der exzentrischen Holländerin und die Episoden mit der zickigen Martha, der burschikosen Schneiderin aus Aachen. Ich erinnere mich auch gern an Josefa, die stämmige Blondine, – mein lieber Mann, die küsste nicht nur umwerfend …

Und Barbara, die Arzthelferin, die ich auf der Stelle geheiratet hätte, wenn sie nicht zu ihrem Freund zurückgekehrt wäre. Ich habe mir damals vorgenommen, nie wieder eine dauerhafte Beziehung einzugehen und dabei ist es, abgesehen von wenigen Beziehungen, auch geblieben.

In Erinnerungen versunken denke ich an die vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Ich kann dabei meinen Blick nicht von dem mädchenhaften Gesicht der jungen Frau lösen. Irgendwie erinnert sie mich an Ursula, meinen großen Schwarm aus der Grundschule, die schwarzen Haare, die dunkelbraunen Augen...

Ursula hat nie etwas von mir wissen wollen, mir auch nicht das kleinste Lächeln geschenkt.

Herrliche Jugend, so herzerfrischend, so unbekümmert sitzt sie da am Tisch gegenüber. Das ganze Leben noch vor sich, mit all den Hoffnungen und Träumen, Erlebnissen, Erfolgen und auch schmerzlichen Niederlagen.

Ach, könnte ich noch einmal so jung sein wie sie, ein einziges Mal noch, für einen einzigen Tag. Heute. Jetzt. Ich würde sie ansprechen, die unbekannte Schöne …

Während mir die Erinnerungen durch den Kopf gehen und ich ihnen träumend nachhänge, muss sie ihre Augen geöffnet haben und schaut mich  freundlich und mit offenem Blick an, als ahne sie meine Gedanken oder könne sie zumindest aus meinem Gesicht lesen.

In mir breitet sich eine Ahnung von Außergewöhnlichkeit aus als sich unsere Blicke für einen Moment kreuzen. Eine vage Hoffnung auf mehr als einen Blickkontakt keimt in mir auf.

Das kurze Niederschlagen der Augenlider, die leichte Kopfbewegung, mit der sie sich eine Locke/Strähne aus der Stirn schüttelt, der  unschuldig fragende, neugierige Blick beflügeln meine Fantasie und mein Herz hüpft.

Ich fühle, wie mir die Hitze in den Kopf steigt, glaube mich ertappt, als lägen meine Gedanken in fetten Buchstaben vor mir auf dem Tisch. Bestimmt erröte ich gerade wie ein Schulbub.

Das kurze Niederschlagen ihrer Augen, mein verwirrtes Vorbeischauen. Ihr vorsichtiger Versuch, meinen Blick zu fangen, das stumme Augenspiel als zaghaftes Wagnis, ein gegenseitiges Fragen und Antworten, mein Verlangen.

Ich möchte ihre Jugend fühlen und genießen. Ich möchte wieder das fröhliche Herz finden, das in meiner Brust schlug. Ich wünsche mir ...

Ihr Blick ruht weiterhin auf mir, ernst jetzt und entspannt, etwas nachdenklich. Ich fühle mich elend vor Anspannung. Ich senke meinen Blick, löse mich von ihrem und meine Augen suchen nach der Bedienung. Nur schnell meinen Kaffee bezahlen und gehen. Flüchten. Flüchten vor meinen Gedanken, vor meinen Hoffnungen. Ich will ihrem Bild entkommen und auch meinem Verlangen. Ich will diesen Raum verlassen, der mit meinen Phantasien und Wünschen angefüllt ist. Ich will ihrem Blick, der immer noch auf mir ruht entfliehen.

In dieser unerträglichen Spannung erhebt sie sich von ihrem Sitz und schreitet zielstrebig auf meinen Tisch zu, wie ein göttliches Wesen aus einer anderen Welt. Mir bleibt fast das Herz stehen vor Aufregung. Jetzt ist sie nur noch wenige Meter von mir entfernt. Ich schaue auf ihre schlanken Beine und frage mich, ob sie nahe genug an mir vorbeigehen wird, so dass ich ihren Geruch wahr nehmen, ihn mitnehmen und nächtens von ihm träumen kann. Ich hebe meinen Kopf, mein Blick sucht ihr Gesicht, ihre Augen. Sie ist nur noch vier, fünf Schritte entfernt. Ich bin verwirrt und mit meinen Gedanken beschäftigt, als sie vor mir stehen bleibt und mich mit einnehmender Freundlichkeit fragt, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Der Kloß in meinem Hals lässt mich nur nicken.

Sie schaut mir lächelnd ins Gesicht und stellt sich vor: »Ich bin Luzi ...«

Als wir uns gegenübersitzen, ist die Luft zwischen uns ist mit einer fast unerträglichen Spannung geladen. Mein Herz rast derart schnell, dass ich sicher bin, es springt jeden Moment aus meiner Brust. Eigentlich möchte ich aufstehen und sie in meine Arme nehmen, eigentlich möchte ich ...

Sie schaut mich regungslos an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Hände ineinander verschränkt, abwartend, und ihr Blick ruht interessiert und zugleich erwartungsvoll auf mir, so, als wollte sie mich fragen: »Na, keine Traute?«

Ich halte diese Spannung nicht mehr aus. Ich fühle mein Herz rasen, die Schweißperlen auf meiner Stirn, das Blut aus meinem Kopfe weichen …

In diesem Augenblick meiner Verzweiflung beugt sich Luzi zu mir, schaut mich besorgt an und legt vorsichtig eine Hand auf meinen Arm.

»Geht es Ihnen nicht gut? «

Ich starre sie mit großen Augen an, schweige. Ich sehe nur ihre Augen. Meine stillen Gedanken, meine heimlichen Träume versinken in ihrer Iris wie aufgebrachte Schiffe, die gebrandschatzt mit löchrigem Rumpf in der Hoffnungslosigkeit versinken ohne Aussicht, jemals Wirklichkeit zu werden.

»Dochdoch, danke ...«, ich lege meine Hand auf ihre, » … ich glaube, nein, ich weiß, ich habe mich in diesem Moment ein wenig verliebt.«

Luzi atmet erleichtert auf, als ich ihr antworte. Sie schaut mich an mit einem zaghaften Lächeln im Gesicht und ich verliere mich in ihrem Anblick.



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  • Stichwörter

  • Sehnsucht, Jugend, Verliebtheit, Hoffnung, Träume, Unwriklichkeit
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