28.10.2010

Vollmond

() Thriller Oktober 2010

Dunkelheit. Vollkommene Dunkelheit. Das Nichts war das Einzige, das sie umgab und erfüllte. Unbeweglicher Geist ohne Körper. Ein Gefühl, das weder positive noch negative Emotionen auslöste, weil nichts da war, das sich in ihr regen konnte. Es gab unendlich viele Fragen, die sich nicht stellen wollten, unendlich viele Antworten, die sich nicht finden ließen. Schwerelose Seele ohne Raum, ohne Zeit und ohne jegliche Bedeutung. Darüber war sie sehr verwundert. Verwundert? Merkwürdig war es verwundert zu sein. Offenbar war da doch etwas in ihr. Alles, was sie begriff, war, dass sie nichts verstand. Sie sah, wie Dunkelheit sie umgab und nichts gab ihr die Sicherheit, ob ihre Augen tatsächlich offen waren, oder ob sie nur auf die Schwärze in ihren Gedanken hinab blickte. Auf dieselbe Weise nahm sie die Stille war, die sie einhüllte, unterbrochen nur von einem rhythmischen Läuten.

 „Ja.“

„Hast du das Signal erhalten?“

„Ja. Aber es ist mit einem Code verschlüsselt, den ich noch nicht kenne.“

„Noch nicht?“

„Ich schaff’ das schon.“

„Wie sieht das mit dem Geld aus?“

„1,2 Milliarden ist eine Menge. Ich rede mit den Leuten noch mal, aber es sieht nicht gut aus.“

„Hoffentlich knackst du den Code.“

„Besser wär’s“

„Also gut. Ruf’ mich an, wenn du was hast.“

„Geht klar... und Chris... pass’ auf dich auf.“

Tut... tut... tut.

Stimmen! Irgendwoher kamen Stimmen und die sprachen. Aber nicht mit ihr. Da war schon wieder etwas Neues, das sie begriff. Nach der scheinbar unendlich langen Leere in ihr, fing das Gehirn an zu arbeiten. Mit der Macht ihres ganzen Willens schaffte sie es den Kopf zu drehen. Es gab nur nichts, worauf sie ihr Augenmerk hätte lenken können. Erst als sie nach oben sah, erblickte sie die ganze Pracht eines sternenübersäten Himmels. Sie war also draußen – besser gesagt, sie saß draußen. Und mit dieser Erkenntnis war ihr auch schlagartig bewusst, dass sie fror. Weil sie keine Kleider am Leib trug und der Boden auf dem sie saß seltsam feucht war. Ekel und Scham erschütterte unwillkürlich ihren Körper. Obwohl sie versuchte sich mit aller Macht auf ihre Umgebung zu konzentrieren, war ihr das nicht möglich. Es war kalt, feucht, dunkel und sie konnte ihre Gedanken kaum ordnen.

„Hallo meine Liebe“

„Hallo Cherie.“ hauchte eine Frauenstimme mit antrainiertem französischem Akzent.

„Ich habe keine Zeit für dich.“ erwiderte ein Mann.

„Aber Cherie! Wir wollten doch etwas Bestimmtes besprechen.“ Der Ton der Frau hatte etwas unausstehlich Neckisches an sich, das ihre Nackenhaare sich aufstellten. Woher kamen diese Stimmen nur?

„Ich rufe dich später an. Meine Frau wurde entführt. Du siehst also, ich habe ganz andere Sorgen.“

„Oh wie schlimm!“ Der französische Akzent löste sich wie von selbst in Luft auf und es blieb nur Hohn zurück.

„Bis dann.“

Tut... tut... tut.

Das war ihr Mann am Telefon! Hallo wollte sie rufen, aber kein Wort kam über ihre Lippen. Sie spürte lediglich Speichel seitlich an ihren Mundwinkeln herunter laufen. Und einen Knebel der ihr das Sprechen verweigerte. Sie wollte ihre Hände zu Hilfe nehmen und sich den Knebel aus dem Mund reißen, doch ganz plötzlich explodierte ein Schmerz in ihren Schultern und an ihren Handgelenken. Dieselbe Art von Schmerz, den man empfand, wenn man ein Körperteil lange in einer unbequemen Stellung gehalten hatte und es ruckartig wieder bewegte. Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken mit einem rauen Seil gefesselt, ihre Schultern dadurch extrem nach hinten gezogen. Sie riss am Strick, aber die Seile ließen sich nicht erweichen. Als sie ihre Beine bewegen wollte, bemerkte sie, dass auch sie sich nicht bewegen ließen. Aber nicht weil sie geknebelt waren, sondern weil etwas Anderes sie zusammen hielt. Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, so konnte sie wenigstens ein paar dunkle Umrisse erkennen. Die Beine waren abgewinkelt und da wo ihre Füße sein sollten, war der feuchte, merkwürdige Boden. Scheinbar hatte irgendwer ihre Füße in den Boden eingegraben. Mit aller Kraft versuchte sie ihre Füße heraus zu ziehen, aber irgendetwas hielt sie dort unbarmherzig gefangen. Verzweiflungsschreie erstickten im Knebel. Sie zog und zerrte an den Fesseln hinter ihrem Rücken, versuchte alles, um ihre Beine zu heben, aber es gab kein Entkommen. Nur die Seile pflügten tiefe Furchen in ihr Fleisch. Tränen der Verzweiflung flossen stumm über ihr Gesicht.

Die Stimme ihres Mannes kam ihr wieder ins Gedächtnis Woher war sie gekommen? Sie versuchte sich die Gespräche wieder in Erinnerung zu rufen. Irgendetwas ermöglichte ihr die Telefonate, die er von seinem Handy aus führte, mit anzuhören. Es hatte sich so nah angehört, als wären es lediglich ihre Gedanken, die die Worte formten. Sie schloss die Augen und fühlte in sich hinein. Als sie sie wieder öffnete, schien es gewiss. Irgendein kleines Gerät steckte in ihrem Ohr. Sie hatte es vorher schon gespürt, aber nicht richtig wahrgenommen. Ein Mann – ihr Mann – hatte sehr vertraut mit einer unbekannten Frau gesprochen. Es ging um eine Entführung. Falls er nicht noch weitere Frauen hatte, musste es sich um ihre Entführung handeln. Sie blickte an sich hinab, spürte ihre Fesseln und musste sich eingestehen: Ich bin entführt worden. Und das Gespräch davor? Der Andere hatte ihren Mann Chris genannt. Aber das war nicht sein Name. Er hieß doch David! Nur was sollte das mit diesem Code und den 1,2 Milliarden bedeuten? Je länger sie über die beiden Gespräche nachdachte, desto mehr Einzelheiten fielen ihr ein. Die Benommenheit wurde immer schwächer, dafür was das Gefühl, gefangen und verwirrt zu sein, umso stärker. Es schien Stunde um Stunde zu vergehen. Die Versuche sich aus ihren Fesseln zu befreien wurden immer schmerzvoller und seltener. Endlich hörte sie wieder ein Anklingeln und Hoffnung überwog ihre Ängste. Hoffnung, dass ihr Mann sie finden und retten würde.

„Hallo Chris. Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich.“

„Fang’ wie immer mit der Schlechten an.“

„Das Geld bekommen wir nicht.“

Seufzen. „War mir klar.“

„Die Gute ist, ich konnte das Signal zurückverfolgen. Wie du vermutet hattest stecken die Waffentypen dahinter. Chris... wir wissen wo sich deine Frau befindet. Das Problem ist, dass unsere Organisation offiziell nichts mit dem Waffendeal zu tun hatte und deine Frau... nun ja... sie ist nicht wichtig genug.“

„Verstehe.“

„Es ist und bleibt also deine Privatangelegenheit.“

„Ist klar.“

„Ich schicke dir die Koordinaten. Allerdings ist das Ganze zeitlich begrenzt.“

„Wie lange habe ich noch?“

„Etwa ne halbe Stunde. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Kommt auf die Größe deiner Frau an.“

„Auf die Größe meiner Frau?“

„Du wirst das gleich verstehen. Beeil’ dich. Und viel Glück.“
„Danke.“

Tut... tut... tut.

Eine halbe Stunde war noch Zeit und David, oder Chris, wusste wo sie zu finden war. Die Hoffnung schien berechtigt. Sie trieb sie an noch einmal an ihren Fesseln zu zerren. Diesmal aber mit kühlem Kopf. Obwohl die Schmerzen sie fast in den Wahnsinn trieben, gab sie nicht auf. Ihr Mann war unterwegs um sie zu retten. Alles woran sie noch dachte war, ihm die Rettung so leicht wie möglich zu machen. Der Mond schimmerte hell in dieser Nacht. Er warf sein silbriges Licht auf etwas, das sie zuerst spürte, dann sah. Wasser! Es tanzte um ihre Beine, bald schon erreichte es ihr Gesäß. Endlich rissen die Stricke. Sie ignorierte die Pein, als das Blut durch ihre Hände schoss, zog sich den Knebel aus dem Mund und holte tief Luft. Das Wasser stieg bemerkenswert schnell an. Jetzt verstand sie die Bemerkung des anderen Mannes, dass ihre Größe von Bedeutung war. Sie musste sich mitten im Wattenmeer befinden und war den Gezeiten ausgesetzt. Mit laut pochendem Herzen suchte sie den Horizont ab, aber noch war kein Zeichen ihres Mannes zu entdecken. Sie tauchte ihre Hände in das salzige Wasser und begann die Füße auszugraben. Das Salz brannte in den Schürfwunden an ihren Händen, aber es blieb ihr nicht mehr viel Zeit. Schon bald stieß sie auf etwas Hartes in dem die Füße stecken mussten. Am ganzen Leib zitternd begann sie nach einer Öffnung zu suchen. Eine Welle schwappte über ihre Knie und sie schluckte widerliches Meerwasser. Es bleib ihr nichts anderes übrig, als sich aufzurichten, was gar nicht so leicht war. Die Füße schienen schief in der festen Masse zu stecken. Sie konnte einzig auf schnelle Rettung hoffen. Immer wieder warf sie den Blick in alle Richtungen. Das Wasser reichte schon fast an den Bauchnabel, als sie ein Klingeln hörte, das kaum das Rauschen des Meeres übertönte.

„Cherie! Du hast mich ganz schön lange warten lassen.“

„Hallo Liebes.“

„Liebes, Liebes! Ich habe den Eindruck, ich bedeute dir nicht viel.“

„Oh doch. Und bald wird es nur noch eine einzige Frau in meinem Leben geben.“

„Tatsächlich?“

„In etwa 10 Minuten werde ich frei für dich sein.“

„Das hört sich gut an.“

„Jetzt muss ich nur noch den Leichnam meiner Frau finden, dann komme ich zu dir. Hab’ eine nette Überraschung für dich.“
„Du bist böse. Das liebe ich so an dir. Geh’, ich werde auf dich warten.“
Tut... tut... tut.

Erst als eine Welle Wasser in ihre Nasenlöcher spritzte, erwachte sie aus ihrer Benommenheit. Es stand ihr schon bis zum Hals und sie hatte Mühe, der enormen Kraft des Meeres stand zu halten. Ohnehin war das Einzige, das sie noch am Leben erhielt, ihre Reflexe. Ihr Bewusstsein war betäubt. Das tosende Meer riss sie rückwärts. Sie gestattete sich einen letzten Blick auf die Welt und alles was sie sah, war der Vollmond, der sie anlächelte.



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Ihr Kommentar ...


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Kommentar von JackieBlacky:
(21.11.2010 um 18:24 Uhr)

Fand die Geschichte auch total spannend. Finde sie sehr gut geschrieben. Respekt!

Kommentar von Kinnie:
(14.11.2010 um 11:57 Uhr)

Wow, das ist ein tolles Lob. Danke schön.

Kommentar von Heinzelmannberater:
(11.11.2010 um 22:45 Uhr)

Ich fand die Geschichte beim Lesen wirklich sehr fesselnd. Man hat lange Zeit keinerlei Ahnung, wie sie enden könnte. Ich bin begeistert!




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