05.10.2010

Totenstill

() Thriller Oktober 2010

Mary versuchte ihre Augen zu öffnen. Ihre Augenlider fühlten sich an als wären sie aus Blei, als würde irgendeine magische Kraft sie daran hindern ihre Augen zu öffnen. Was war eigentlich passiert? Wo war sie?
Ihr Schädel dröhnte als hätte sie gerade eine ausgedehnte, feuchtfröhliche Party hinter sich. Sie versuchte sich zu bewegen doch ihre Gelenke, ihr ganzer Körper schmerzte heftig. Als langsam der Schleier über ihren Gedanken zu verschwinden begann, schaffte sie es ihre Augen zu öffnen. Sie lag in einem kleinen Raum auf einer Art Metalltisch, dessen Seiten nach oben gebogen waren, wie man es aus dem Fernsehen von CSI oder diesen ganzen Verbrechensdokumentationen kennt. Ihre Arme waren ausgestreckt über ihrem Kopf. Genau wie ihre Füße waren sie mit Lederriemen am Tisch befestigt. Am Fußende des Tisches konnte sie eine Tür erkennen unter der Licht durchschien, den Raum aber nur wenig erhellte. Es sah aus wie in einem Geräteschuppen oder einem Kellerraum in dem Werkzeuge gelagert wurden.
Mary wurde panisch als sie plötzlich realisierte, dass sie sich nicht bewegen konnte und ganz offensichtlich gefangen gehalten wurde. Sie schrie und riss an ihren Fesseln, doch niemand hörte sie und je mehr sie an den Fesseln riss umso mehr schnitten sie sich in ihre Handgelenke und sie spürte, dass sie bereits zu bluten begannen.

Was verdammt nochmal war passiert? Mary versuchte sich krampfhaft daran zu erinnern wie sie hierhergekommen war, doch Ihr Kopf dröhnte immer noch fürchterlich und alles was sie noch wusste war, dass sie auf dem Weg zu ihrer Schwester und ihren beiden kleinen Nichten war. Es sind süße kleine Zwillinge, deren siebten Geburtstag sie gemeinsam feiern wollten. Mary wusste noch, dass sie ihre Geschenke in einer Tüte bei sich hatte aber danach setzte ihr Erinnerungsvermögen aus. Beim Gedanken an die kleinen und daran, dass sie sie unter Umständen nie wieder sehen würde, stiegen ihr Tränen in die Augen. Verdammt sie musste jetzt ruhig bleiben, heulen half ihr jetzt ganz und gar nicht. Sie versuchte sich zu konzentrieren. Sie musste herausfinden was das alles zu bedeuten hatte und wo sie war. Wo war sie? Mary blickte sich im Raum um und versuchte etwas zu erkennen. Schemenhaft waren an den Wänden Werkzeuge zu sehen, die dort scheinbar systematisch und feinsäuberlich von jemandem aufgehängt worden waren. War das hier eine Art Operationssaal? Oder etwa die Pathologie? Hatte sie einen Unfall und die Sanitäter und Ärzte haben fälschlicherweise gedacht sie wäre bereits tot? Aber weshalb sollte man sie dann an den Tisch fesseln? War sie vielleicht in einer Psychiatrie? Das machte doch alles keinen Sinn! Sie war nicht tot! Und verrückt war sie auch nicht!

Plötzlich hörte sie schwere Schritte näher kommen. Mary wollte schreien, doch was, wenn sie doch entführt worden war und das da draußen ihr Entführer war? Sollte sie sich dann bemerkbar machen oder lieber tot stellen? Was würde man mit ihr anstellen wenn sie schrie? Mary hatte furchtbare Angst. Ihr Hirn war kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Egal! Sie musste es riskieren. Falls da draußen jemand war, der ihr helfen konnte musste sie sich bemerkbar machen. Mit all ihrem Mut, voller Kraft und Verzweiflung schrie sie so laut sie konnte.

Die Schritte verstummten und für einen Augenblick dachte Mary, dass die Person einfach an der Tür vorbeigegangen war, doch plötzlich wurde sie von einem grellen Licht geblendet. Es war so hell, dass Mary keine Chance hatte irgendetwas zu erkennen. Es schien sich geradewegs in ihre Hornhaut zu brennen und sie musste instinktiv die Augen zusammenkneifen. Sie hörte die Schritte näher kommen und aus dem Augenwinkel sah sie, dass jemand in den Raum trat, die Tür hinter sich schloss und an ihr vorbei in den Teil des Raums oberhalb ihres Kopfes ging. Dann hörte sie nur noch schweres atmen, wie ein Tier, das seine Beute im Blick hatte und nur darauf wartete anzugreifen. Jetzt war sich Mary ganz sicher, dass sie nicht in einem Krankenhaus, nicht in einer Pathologie oder Psychiatrie war. Dies war ein Verließ, ein Kerker. Es war wie ein schlimmer Albtraum, aus dem man nicht aufwachen konnte.

Die Person wanderte langsam vom Kopfende an die rechte Seite des Tisches. Mary konnte nur Beine sehen, der Rest war vom hellen Lichtschein der Lampe direkt über ihrem Gesicht verdeckt. Es war eindeutig ein Mann, denn als er näher kam konnte sie schweres Aftershave riechen. In einer anderen Situation hätte sie es vielleicht als anregend und angenehm empfunden, doch in diesem Moment jagte es ihr lediglich einen kalten Schauer über den Rücken. Der Atem des Unbekannten ging schneller als er ihren Körper berührte. Seine Hände waren groß, stark behaart und ekelerregend feucht und warm. Er berührte sie am ganzen Körper, strich über ihre Brüste und bewegte sich langsam in Richtung ihres Bauches und von dort aus weiter nach unten. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie nur mit einem dünnen Hemd bekleidet war. Sie begann sich heftig unter seinen Berührungen zu winden, doch die Fesseln ließen kaum Spielraum für irgendwelche Bewegungen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und spuckte in die Richtung in der sie sein Gesicht vermutete. Sie schien ins Schwarze getroffen zu haben, denn sofort zog er die Hände von ihr weg und entfernte sich ein paar Schritte. Sie hörte das klirren von Metall und als er wieder an den Tisch herantrat blitzte eine kleine silberne Klinge, die aussah wie das Ende eines Skalpells, bedrohlich unter dem hellen Schein der Beleuchtung. Mary schluckte als er die Klinge langsam nach unten sinken ließ.

„Was wollen sie von mir?“, schrie sie. Ohne großen Druck schnitt er ihr die Wange auf. Blut strömte über ihr Gesicht in ihren Mund. Es schmeckte ekelhaft metallisch und war unangenehm warm. Sie heulte. „Bitte, ich tue alles was sie wollen aber tun sie mir nichts! Bitte!“. Ohne ein Wort schritt er um den Tisch herum und prüfte erst den Sitz der Fußfesseln und dann den Sitz der Riemen an ihren Händen. Er zog sie etwas fester, schien sie noch einmal zu mustern und verließ dann den Raum. Nachdem die Tür geschlossen war erlosch auch das Licht und sie konnte hören wie seine Schritte sich immer weiter entfernten bis sie nicht mehr zu hören waren.

Nun war es wieder still und dunkel und ihr Herz raste. Wer war dieser perverse und was hatte er mit ihr vor? Warum hatte er sie entführt und hier in diesem Raum eingesperrt und warum hatte er kein Wort gesagt? Der Duft seines Aftershaves lag noch schwer in der Luft und Mary musste würgen. Sie wollte noch nicht sterben. Sie war doch noch viel zu jung, hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Sie wollte ihre Nichten aufwachsen sehen, wollte sehen wie sie groß werden, älter und schwieriger, wollte ihnen bei ihren Teenagerproblemen zur Seite stehen wie eine große Schwester oder beste Freundin. Sie wollte selbst einmal Kinder haben und jetzt sollte das alles mit 23 Jahren schon vorbei sein? Sie musste irgendwie versuchen hier raus zu kommen, egal wie. Sie riss an den Fesseln, versuchte ihre Handgelenke aus dem festen Griff des Leders zu lösen, doch sie gaben keinen Millimeter nach. Enttäuscht und entkräftet ließ sie sie wieder zurück auf die Tischplatte sinken. Plötzlich spürte sie etwas an ihren Knöcheln. Es war kein Metall. Es war nicht kalt wie der restliche Tisch sondern fühlte sich wärmer an. Vorsichtig tastete sie mit ihrem Handrücken danach. Was war das? Es fühlte sich an wie eine kleine Erhebung auf dem Tisch, nur wenige Zentimeter breit. Mit den Fingern der einen Hand konnte sie spüren, dass es länglich war und…verdammt was war das? Aus ihren Fingerkuppen rann Blut. Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren was da unter ihren Händen lag. Aber klar doch! Das Skalpell! Ihr Fahrschein in die Freiheit! Er musste es beim Kontrollieren der Lederriemen dort liegen gelassen haben. In Mary keimte ein Funke der Hoffnung. Wenn sie es irgendwie schaffte das Skalpell richtig in die Finger zu bekommen, konnte sie vielleicht die Lederriemen durchschneiden und fliehen! Ihr Entführer konnte allerdings jederzeit wiederkommen, sie musste also handeln. Ihre Hände zitterten, doch sie versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben. Mit dem Handrücken der einen Hand schob sie das Skalpell langsam in Richtung ihrer anderen Hand und versuchte es mit den Fingerkuppen aufzuheben. Sie schnitt sich in die Finger und die Handfläche und durch das austretende Blut war es noch schwieriger das Skalpell zu greifen. Aber sie konnte jetzt nicht so einfach aufgeben und nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sie das scharfe Werkzeug in ihrer linken Hand. Sie versuchte die Klinge vorsichtig in Richtung Lederriemen zu drehen und begann damit das dicke Leder zu durchtrennen. Ständig horchte sie, ob sie ihn wieder kommen hörte. Sie schnitt schnell und ohne Rücksicht auf die Haut unter dem Riemen und dann hatte sie es endlich geschafft, ihre Hände waren aus den Fesseln befreit. Schnell richtete sie sich auf und sofort wurde ihr schwarz vor Augen. Langsam, dachte sie. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden und alles versauen. Die Riemen an ihren Füßen waren mit freien Händen leicht und schnell zu öffnen. Vorsichtig setzte sie ihre nackten Füße auf den Boden und tastete sich in Richtung Tür. Hatte er sie beim Gehen verschlossen? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Behutsam drückte sie die Klinke nach unten und mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tür. Erleichtert machte ihr Herz einen Satz. Grelles Licht blendete sie und es dauerte ein paar Sekunden bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sie stand in einem langen Flur ohne Fenster an dessen Ende sie eine weitere Tür erkennen konnte. Langsam schlich sie sich in Richtung Tür und versuchte dabei so leise wie möglich zu sein. Ihr Entführer konnte ja noch irgendwo in der Nähe sein. Ihr Herz schlug so laut in ihrem Brustkorb, dass sie Angst hatte man könnte es noch kilometerweit hören. Die Tür am Ende des Flurs sah ziemlich schwer aus und war aus massivem Stahl. Mary drückte die Klinke herunter, doch die Tür ließ sich nicht öffnen. Verdammt dachte sie. Schweiß trat ihr auf die Stirn und leichte Panik stieh in ihr hoch. Sie versuchte es erneut. Nichts. Verzweifelt und mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Tür und hämmerte mit ihren Fäusten dagegen bis sie sich plötzlich mit einem lauten Knarren öffnete. Mary stand in einem dichten Wald, dessen Blätterdach nur wenige Sonnenstrahlen auf den duftenden Waldboden durchscheinen ließ. Scheinbar handelte es sich bei dem Raum in dem sie festgehalten wurde um einen alten Bunker oder so etwas in der Art. Sie wusste nicht, wie weit sie von der nächsten Straße oder dem nächsten Haus entfernt war, doch ihr blieb keine andere Wahl, sie brauchte Hilfe. Sie musste die Polizei rufen und sich in Sicherheit bringen.

Nur wenige hundert Meter, am Ende des Waldweges konnte sie erste Häuser erkennen und nach etwa 500m auf einem Schotterweg der unter ihren Füßen schmerzte, kam sie auf eine asphaltierte Straße, die in einen kleinen Vorort ihrer Heimatstadt führte. Sie kannte diesen Ort. Sie war hier früher oft spazieren gewesen, mit ihrem Exfreund, der im Nachbarort gewohnt hatte. Das war schon fast ein Jahr her aber sie erkannte den Ort wieder. Es waren nur wenige Menschen unterwegs und die meisten wechselten erschrocken die Straßenseite, als sie sie kommen sahen. Sie sah sicher fürchterlich aus. Die Wange zerschnitten, das Gesicht voller Blut, genau wie ihre Hände, nur mit einem dünnen Hemd bekleidet, keine Schuhe und völlig verstört. Vor einem großen Haus mit einer langen Einfahrt und einem wunderschönen grünen Garten, lud ein gutaussehender, gepflegter Mann mit Anzughose und Sportsakko scheinbar gerade die Wochenend-Einkäufe aus wem Wagen. Als er sie sah kam er erschrocken auf sie zu.

„Um Gottes Willen!“

„Helfen sie mir! Jemand hat mich entführt und gefangen gehalten! Bitte helfen sie mir! Rufen sie die Polizei!“

„Aber sicher doch, wir rufen sofort die Polizei und einen Krankenwagen. Kommen sie erst einmal mit. Ich mache ihnen eine Tasse Kaffee oder Tee und wir warten bis die Beamten eintreffen!“

Erleichtert und unter Tränen folgte Mary dem Mann ins Haus. Sofort nahm er das Telefon und verständigte Krankenwagen und Polizei.

„Setzen sie sich.“

Er deutete auf eine große Couch in einem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer mit Blick auf den Garten.

„Was kann ich ihnen anbieten?“

„Einen Tee bitte!“

Stammelte Mary und kauerte sich auf der Couch zusammen.

„Ich bin übrigens Michael“

rief der Mann aus der angrenzenden Küche.

„Mein…mein Name ist Mary“

„Was ist denn passiert Mary?“

Als er zurückkam reichte er ihr eine heiße Tasse mit duftendem Tee. Mary blickte zu ihm auf und griff nach der Tasse. Dabei fiel ihr Blick auf seine Hände, große stark behaarte Hände. Mary brach der Schweiß aus. Sie begann zu zittern als sich Michael neben sie auf die Couch setzte.

„Alles klar Mary?“

Fragte er mit einem leicht sarkastischen Unterton und einem höhnischen Grinsen, als Mary ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Jetzt roch sie auch das ekelhafte Aftershave, das sie vorhin in diesem Raum im Wald gerochen hatte. Michael blickte sie amüsiert an, als er sah wie Mary gerade realisierte, dass sie ausgerechnet ihrem eigenen Entführer in die Arme gelaufen war.

„Na Mary? Erkennst du mich wieder? Hat dir dein kleines Zimmer im Wald denn nicht gefallen? Wie zur Hölle hast du es geschafft zu entkommen?“

Auf Michaels Gesicht machte sich ein vergnügtes Lächeln breit. Mary wurde schwindelig, gleichzeitig heiß und kalt. Sie hyperventilierte. Sie wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie dachte nur noch eins: weg von hier! Doch bevor sie den Gedanken fertig gedacht hatte und aufstehen konnte hatte Michael sie bereits gepackt, fesselte ihr die Hände auf den Rücken und knebelte sie.

„Keine Angst! Wir bringen das wieder in Ordnung. Wir werden sicher noch viel Spaß miteinander haben!“

Mary verlor komplett den Boden unter den Füßen. Es wurde ihr schlagartig schwarz vor Augen und ihr Körper flüchtete sich langsam in die vermeintlich schützende Ohnmacht. Das letzte was sie hörte war das grausame Lachen von Michael.

Dann wurde es still.

Totenstill.



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