03.02.2013

Ein krimineller Fall

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Wütend schlug Alexander die Tageszeitung zu, warf sie in eine Ecke seiner Zelle. Immer wieder hatte er den Artikel gelesen, jedes Mal brummte er vor sich hin: "Sie haben es nicht begriffen, einfach nicht verstanden! Hier ist doch alles falsch dargestellt!"
Berichtet wurde von Alexanders Fall, dem Unglück, das über ihn hereinbrach.
Ein anderer Häftling, ein sympathischer junger Mann, hatte ihm während des Essens die Zeitung zugeschoben. Alexander hätte sie auch kaufen können, doch fehlte ihm das Geld.
Noch einmal nahm er das Blatt in die Hand, immer noch ungläubig auf die Worte schauend:

Entführung und Kidnapping in K.
In der Kleinstadt K, im Süden des Landes gelegen, wurde gestern Nachmittag eine Straßenbahn entführt. Aussagen der Polizei zufolge wollte der offenbar geistig verwirrte Fahrer der Bahn gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren.
Eine Stunde lang wurden einige der Passagiere im Inneren des Fahrzeuges festgehalten, bevor er aufgab und sich der Polizei stellte.
Er wurde in Gewahrsam genommen.

Lange hatte Alexander gebraucht, bis man ihm das Gewünschte zur Verfügung stellte. Es war nicht einfach, den Wärtern glaubhaft zu machen, dass er sich mit den geforderten Utensilien nicht ins Jenseits befördern will.
Lange betrachtete er die vor ihm liegenden Dinge: Papier im DIN-A4 Format - weiß, ohne Linien oder Kästchen und ein Bleistift.
Jetzt würde er seine Geschichte zu Papier bringen, diesen nichts sagenden Zeitungsartikel richtig stellen.

*

Es war Freitag, der dreizehnte Mai. Eigentlich bin ich überhaupt nicht abergläubig, an diesem Tag jedoch schien alles schief zu gehen.
Bevor ich zur Bahn ging, um dort meiner Arbeit nachzugehen, musste ich in unser Büro, um dort meinen Gehaltsnachweis abzuholen.
Katja, die hübsche Sekretärin, gab mir den Zettel und ich versuchte wieder einmal mit ihr zu flirten. Aber sie blieb hart. Dabei wusste ich, dass sie derzeit ungebunden ist. Da wir beide noch keine dreißig Jahre Lenze zählen, hatte ich immer wieder die Hoffnung, sie irgendwann für mich zu begeistern.

Ich übernahm die Linie drei. Es war vierzehn Uhr, als ich startete. Die erste Fahrt an diesem Tag führte mich hinaus zu dem großen Werk am Rande der Stadt. Drei Minuten hatte ich hier Zeit. Während die Arbeiter die Sitzplätze hinter mir füllten, öffnete ich meine Gehaltsabrechnung.
Es wird sicherlich niemanden gefallen, was man da jeden Monat zu lesen bekommt. Aber es gibt bestimmt viele Leute, denen es in diesem Falle so geht wie mir: Fast zwei Jahre lang war ich arbeitslos. Dann entschloss ich mich, nun doch diesen Job anzunehmen, obwohl ich davon nicht leben kann. So muss ich monatlich extra den Staat anpumpen. Das ärgert mich jedes Mal wieder, vor allem, weil ich weiß, die Arbeiter aus dem Werk da drüben arbeiten genauso lange wie ich und bekommen bestimmt das doppelte Gehalt dafür.
Es piepte am Armaturenbrett, ich musste losfahren.
Schnell ratterte ich neben einer Fernverkehrsstraße dahin, in Richtung Innenstadt.
Die Lautsprecher in der Bahn pfiffen die Melodien ortsansässigen Radiosenders. Schließlich lebt das Unternehmen zu einem großen Teil von der Werbung.

*

Irgendetwas kratzte und schepperte an der Zellentür. Es dauerte eine Weile, bis Alexander begriff, es war ein Schlüssel.
Ein unbekannter Mann trat ein. Er trug einen teuren Anzug, makellos sauber und auf Hochglanz polierte Schuhe. Er war groß, blond und blauäugig.
Alexander sah die Erscheinung erstaunt an, konnte ihn aber von diesem Moment an schon nicht leiden.
"Hallo. Mein Name ist Thomas Klug. Ich bin Ihr Pflichtverteidiger."
Mit diesen Worten hielt ihm der Schnösel die rechte Hand unter die Nase. Alexander griff zögernd zu, überlegte, ob sein Gegenüber tatsächlich noch jünger war als er. Wenn ja, war er wohl frisch von der Universität gekommen.
Wieder musste Alexander seine Geschichte erzählen. Der Anwalt hörte zu, das Notizbuch offen, ein teurer Füllfederhalter in seiner Hand. Er schrieb allerdings keinen einzigen Buchstaben nieder.
Als der Bericht endete, meinte Klug lapidar: "Es ist und bleibt eine Entführung. Nur die Geiselnahme könnten wir mildern, wenn es stimmt, was Sie da sagen."
"Soll das heißen, Sie glauben mir nicht? Was sind Sie für ein Anwalt!"
Achselzuckend verließ der Herr Alexanders Reich.

*

Plötzlich, in der Nähe des Umsteigeplatzes, alle Bahnen der Stadt treffen sich hier, dröhnten die neuesten Nachrichten aus den Lautsprecherboxen. Ich wurde hellhörig.

... über eine Einführung von Mindestgehältern ist man sich in der Landesspitze noch nicht einig. Während die Befürworter die Menschen vor einer sozialen Armut schützen wollen - es gibt immer mehr Menschen, die trotz Arbeit auf staatliche Hilfe angewiesen sind - befürchten ihre Gegner den Verlust von Arbeitsplätzen und somit eine steigende Arbeitslosenzahl ..."

In diesem Moment ging mir vieles durch den Kopf.
So kam ich zu dem Entschluss, es musste ein Zeichen gesetzt werden.

*

Einer der Aufseher trat ein. Er brachte einen Müllsack mit, lief in die Ecke zwischen Bett und Tisch, entleerte den Papierkorb. Dann blieb er stehen, sah Alexander prüfend an.
"Was ist?", fragte der Häftling.
"Nichts", entgegnete der Uniformierte zögerlich. Es war, als wollte er etwas sagen, hatte nur nicht den Mut dazu, oder wusste nicht, wo er anfangen sollte. Nach dem kurzen inneren Kampf fragte er Alexander: "Wo wolltest du mit der entführten Straßenbahn eigentlich hin? Ich meine, irgendwo ist die Fahrt im Stadtgebiet zu Ende, dann kommt eine Schleife und es geht zurück."
Alexander sah den Wärter an, antwortete lakonisch: "Eben!"

*

Irgendwie sah ich von diesem Moment an rot. Das ist doch eine Frechheit! Wissen die Verantwortlichen nicht, dass Mindestlöhne in diesem Land genauso notwendig geworden sind, wie in anderen Staaten auch?
Ich fuhr einfach an den nächsten Haltestellen vorbei, die Passagiere hinter mir protestierten.
Irgendwann klopften sie gegen die Tür zur Fahrerkabine, schimpften und keiften. Es nutzte nichts, ich fuhr stur weiter. Die Zentrale hatte sich per Funk gemeldet, ich antwortete nicht.
An einer der großen Kreuzungen bog ich zu allem Überfluss auch noch in eine falsche Richtung ab. Mittlerweile meldete sich die Polizei über das Funkgerät, ich gab keinen Laut von mir.
Plötzlich, ich ahnte nicht, was kommen würde, schien es, als würde die Straßenbahn immer langsamer rollen. Es war wie ein Traum, wie wenn alles schwerer laufen würde. Erst dann sah ich es: Mein Blick blieb an der Spannungsanzeige hängen; der Strom war abgestellt worden, die Bahn zum Stillstand verdammt.

Immer wieder wurde ich durch die Fahrgäste angesprochen - durch die geschlossene Tür. Es dauerte eine Weile, bis ich mich aufraffte, den Weg zum Fahrgastraum öffnete.
Ich musste nun Rede und Antwort stehen, hatte mit dem Nothebel eine der Türen nach draußen geöffnet, einige der Leute stiegen aus, sie wollten damit nichts zu tun haben.
Plötzlich fuhren Polizeiautos auf. Sie umstellten die Bahn sternförmig, als hätten sie Angst, ich würde ihnen trotz des abgeschalteten Stroms davonfahren.
Es war wie im Kino: Polizisten, die sich hinter ihren Autos verschanzten, im Hintergrund der Rettungsdienst und die Presse. Was war hier los? Die Fahrgäste, die noch nicht gegangen waren, hatten nun Angst, das Fahrzeug zu verlassen.
Es war eine festgefahrene Situation, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ein Handy flog herein, landete vor meinen Füßen, als hätten die Polizisten gewusst, mit wem sie sprechen wollten. Fast im selben Moment ließ das Ding eine Filmmelodie hören: `Spiel mir das Lied vom Tod´. Scheinbar gab es unter den Uniformierten einen Witzbold.
Ich schaltete es ein, hielt es ans Ohr.
Mich begrüßte ein Kommissar Ehrlicher. Ich sah aus einem der Fenster. Ganz hinten, hinter den Polizisten, die plötzlich alle Arten von Waffen in den Händen hielten, sah ich ihn. Er winkte.
Das sei, meinte er, damit ich weiß, wer er sei.
Er forderte mich auf, endlich diese Entführung aufzugeben. Ich solle mir doch seine Kollegen rund um die Straßenbahn betrachten, ich hätte sowieso keine Chance davon zu kommen. Ich glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Entführung? Noch bevor ich dazu etwas sagen konnte, sprach er schon weiter. Ich solle ihm mitteilen, wie viele Geiseln ich gefangen genommen hätte.
Ich sah die Reporter in seiner Nähe irgendetwas auf ihre Blöcke kritzeln.
Wie sollte ich das denn richtig stellen? Entführung? Geiselnahme? Ich dachte, ich hörte nicht recht.
Ich erzählte ihm, dass sich die Fahrgäste nicht aus der Bahn trauen würden, bei dem Polizeiaufgebot. Woher sollten die Leute wissen, ob nicht doch geschossen werden wird? Die Antwort lautete: Lass die Geiseln frei!
Es war sinnlos, Kommissar Ehrlicher hörte mir einfach nicht zu. Er erklärte, das Verbrechen stehe unter dem Verdacht, ein terroristischer Anschlag zu sein. Ich solle dies endlich zugeben und den Namen der Vereinigung, zu der ich offensichtlich gehöre, kundtun. Ich erzählte die ganze Geschichte, der Kommissar schien beleidigt.
Kein Anschlag! Trotzdem, Entführung und Geiselnahme sei es und die nächsten dreißig Jahre werde ich keine Sonne mehr sehen.
War der Mann fanatisch? Welchen Ausweg gab es? Die Situation musste entschärft werden, schoss es mir durch den Kopf. Aber wie?
Wie sehen meine Forderungen aus? Will ich Geld, einen Hubschrauber oder etwas anderes? Der Beamte war eindeutig verrückt!
Ich gab ihm keine Antwort, sagte nur, ich gebe auf. Was sollte ich anderes tun?
"Was, jetzt schon?", fragte Ehrlicher enttäuscht.

Nun sitze ich hier in einer Gefängniszelle und habe mein Abenteuer niedergeschrieben. Ob es jemals gelesen wird, kann ich nicht sagen. Es wurde mir gesagt, heute soll meine Verhandlung stattfinden. Anwalt Klug, er vertritt mich im Gerichtssaal, hatte mich nicht noch einmal besucht. Wie kann er, ohne zu glauben, ohne sich zu informieren, in so einem Prozess auftreten?
Vielleicht wird später in der Zeitung stehen, was nun mit mir geschieht.

*

Die Zellentür klapperte, ein Wärter trat ein. "Es geht los. Ich soll dich zur Verhandlung bringen".
Alexander suchte seine beschriebenen Zettel zusammen, legte sie ordentlich auf einen Stapel, klemmte sie sich dann unter die Arme. So verließ er den kleinen Raum, in dem er eingesperrt war.
Die schwere Tür schloss sich hinter ihm, nichts erinnerte mehr an ihn in diesem Kerker.

*

Prozess um Entführung und Geiselnahme in K.
Gestern Abend erging nach einem fast fünfstündigen Prozess das Urteil über A. (Name von der Redaktion gekürzt).
Wie wir in einer unserer letzten Ausgaben berichteten, wurde in K. eine Straßenbahn entführt. Der Fahrer wollte damit gegen sein zu niedriges Gehalt protestieren. Die Fahrgäste hielt er über eine Stunde gewaltsam fest.
Die Gerichtsverandlung zu diesem Fall brachte keine neuen Erkenntnisse. A. schwieg zu den Vorwürfen, verwies allerdings auf eine schriftliche Zusammenfassung der Ereignisse.
Es wurde auf Geiselnahme und Entführung plädiert. Das Urteil lautete acht Jahre Freiheitsentzug.



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