06.10.2011

Die Angst geht um - ein Rundfunk-Interview

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Bild zu Radio Oberbayern mit der Sendereihe »Kriminaler berichten«
Heute zum Thema »Die Angst geht um«
Moderator: Holger PETERS
Gast: Kriminalhauptkommissar i.R. Georg Bex


PETERS: Herr Bex, bitte erzählen Sie uns einiges über den aufregendsten Fall in Ihrer aktiven Dienstzeit.

BEX: Tja, damals ging die Angst um. Besonders Frauen trauten sich nicht mehr allein auf die Münchner Friedhöfe. Auf dem Westfriedhof war nämlich eine 81-jährige gehbehinderte Frau brutal umgebracht worden. Wenig später entdeckte man auf dem Nordfriedhof die Leiche einer 40-jährigen Geschäftsfrau. Die grausame Serie ging weiter mit der Ermordung einer 67-jährigen Architektenwitwe auf dem Waldfriedhof.

PETERS: Das war der Mordfall Heck?

BEX: Genau. Franziska Heck war wohlhabend – wie auch die beiden anderen Frauen – und trug bei jeder Gelegenheit kostbaren Schmuck. Allen Dreien wurde von hinten ein langes Messer in den Rücken gestoßen. Anschließend hatte der Mörder seinen Opfern die Kehle durchtrennt und sie ausgeraubt.

PETERS: Und wer entdeckte die Leichen?

BEX: Das waren Friedhofsbesucher, denen aber sonst nichts aufgefallen war. Wir verfügten in den beiden ersten Fällen über keinerlei brauchbare Hinweise und stellten die Ermittlungen hierzu nach langer Zeit ein.

PETERS: Aber im Fall Nummer drei hatten Sie mehr Erfolg.

BEX: Zunächst. Die 25-jährige Arzthelferin Alice Berger hatte an jenem Montag das Grab ihrer Mutter besucht. Sie entdeckte Franziska Hecks Leiche und verständigte sofort die Polizei. Sie gab an, zuvor eine Frau mit schwarzer Pagenfrisur in der Nähe des Heckschen Grabes bemerkt zu haben, die plötzlich davongeeilt sei.

PETERS: Architekt Guido Heck soll Alice Bergers Mutter in den Ruin getrieben haben, die daraufhin Suizid beging. Nach Aussage eines Sohnes von Heck hätte Alice durchaus ein Motiv gehabt, um sich für das ihrer Mutter zugefügte Leid zu rächen. Alice wurde dann wegen Mordverdachts festgenommen.

BEX: Aber der Untersuchungsrichter sah keinen ausreichenden Grund für eine weitere Inhaftierung, denn der Stich war eindeutig mit der Rechten ausgeführt worden. Alice war jedoch Linkshänderin. Außerdem: Wäre Alice die Mörderin gewesen, hätte sie wohl kaum die Polizei herbeigeholt.

PETERS: Aber dann beging die Lokalpresse eine riesige Dummheit. Was war da genau passiert?

BEX: Nach Alices Freilassung erschien gleich am nächsten Tag ein Zeitungsartikel mit der Überschrift: Die Arzthelferin Alice Berger war Zeugin des Raubmords auf dem Waldfriedhof.

PETERS: Und das war ihr Todesurteil?

BEX: So ungefähr, aber zunächst geschah Folgendes:
Ich hatte Dienst, als Alice Berger anrief. Sie war sehr aufgeregt und sagte mit zitternder Stimme:
›Soeben rief mich ein Mann an, wohl ein Südländer. Er drohte damit, mich umzubringen, weil ich seine Freundin verraten hätte. Bitte, schützen Sie mich vor dem Kerl!‹

PETERS: Der dann kam und sie umbrachte?

BEX: Nicht gleich. Am Abend rief sie wieder an, diesmal hatte ein Kollege Dienst. Alice soll mit vor Angst bebender Stimme gerufen haben:
›Hilfe! Soeben läutet es an der Tür. Ich habe solche Angst! Es ist niemand außer mir im Haus. Jetzt bollert es an der Tür, hören Sie?‹
Der Kollege vernahm ein lautes Poltern. Kurz darauf gab es einen grellen Schrei. Dann schlug eine Tür zu.

PETERS: Der Kerl hatte also seine Drohung wahr gemacht?

BEX: Leider. Unsere Polizei-Kollegen eilten sofort zu ihrer Wohnung. Nur kamen sie zu spät: Alice lag im Flur auf dem Boden in einer Blutlache und mit durchtrennter Kehle.

PETERS: Was ergab die Spurensuche?

BEX: Die Kriminaltechniker entdeckten an Alices Hals winzige Spuren schwarzer Haare. Man hoffte, darauf auch DNA-Spuren zu finden.

PETERS: Und fand man welche?

BEX: Ja, aber davon später. Unsere Leute durchkämmten nochmals den Umkreis des Heckschen Grabes und wurden tatsächlich fündig. Zwischen dichtem Heidekraut entdeckte man einen Autoschlüssel nebst Anhänger. Dieser führte uns zu einem Ford-Händler in der Nähe.

PETERS: Also wieder einer der berühmten Zufälle.

BEX: Genau! Wir hatten wieder einmal Glück. Der Schlüsselanhänger war nämlich ein Werbeartikel, den erst seit Kurzem alle Neuwagenkäufer erhielten. Wir bekamen eine nur wenige Namen enthaltende Liste und begannen sofort mit den Recherchen.

PETERS: Und brachten die was zutage?

BEX: Eine etwa 40-jährige Blondine mit Engelsgesicht namens Tanja Guardini hatte ihren Autoschlüssel bereits vermisst. Sie gab an, das Schlüsselbund auf dem Waldfriedhof verloren zu haben.

PETERS: Hatte die DNA-Analyse Erfolg?

BEX: Noch nicht. Man fand heraus, dass das schwarze Haar aus einer Kunststoff-Perücke stammte, deren Haarstruktur einer erst kürzlich aus China importieren Serie entsprach. In München führte damals nur der mondäne Frisier-Salon Hairstudio Nr.1 diese spezielle Qualität. Dort nannte man uns gleich die Namen von drei Kundinnen.

PETERS: Jetzt spannen Sie mich aber auf die Folter.

BEX: Eine der Perücken-Käuferinnen kannten wir bereits, nämlich Tanja Guardini. Sie war Inhaberin eines kleinen Dessous-Shops. Sie behauptete, ihre Firma während der Geschäftszeit nie zu verlassen, konnte das aber nicht beweisen. Für eine Speichelprobe hatte ich leider nichts dabei. Aber ich beschaffte mir auf ihrer Toilette kleinste Hautpartikel für eine DNA-Analyse.
Eine andere Kundin namens Fanny Grossmann hatte grau-weiß getöntes Haar, besaß außerdem mehrere Perücken verschiedener Haarfarben. Sie betätigte sich als Bardame und ging gelegentlich auf den Strich. Diesmal hatte ich die Utensilien für eine Speichelprobe dabei, die sie zwanglos über sich ergehen ließ.
Dann war da noch eine Frau, deren Namen ich vergessen habe. Sie arbeitete in einem Call-Center und hatte sich eine schwarze Perücke zugelegt, weil sie ihrem Chef gefallen wollte, der auf schwarze Haare stand. An dem fraglichen Tag war sie aber nachweislich am Arbeitsplatz. Sie kam also als Täterin nicht in Frage.

PETERS: War es dann aber doch – oder?

BEX: Nein. Denn endlich erfuhren wir, von wem die am schwarzen Perückenhaar entdeckten DNA stammten. Von Tanja Guardini, aber die war nie zuhause und niemand kannte ihren Aufenthaltsort. Wir leiteten eine Suchaktion ein.

PETERS: Da war noch was mit einem Frisier-Salon.

BEX: Ich hätte längst darauf kommen müssen. Als ich die Untersuchungsprotokolle durchsah, stieß ich wieder auf das Hairstudio Nr.1. Da Tanja dort Kundin war, konnte man mir vielleicht Näheres verraten.

PETERS: Hat’s geklappt?

BEX: Nicht direkt. Aber Tanja hatte dort Visitenkarten einer Table-Dance-Bar in Garmisch ausgelegt.

PETERS: Da sind Sie natürlich gleich hin?

BEX: Klar! Aber ich war vorsichtig und suchte abends das Sex-Lokal in Begleitung eines Kollegen auf. Zu meinem Schutz hielt sich eine Polizeieinheit bereit, die auf ein vereinbartes Signal sofort zugreifen sollte.

PETERS: Was für ein Signal?

BEX: Verrate ich nicht, denn das bleibt absolutes Geheimnis der Polizei. In der Bar herrschte ein ziemlicher Rummel. Wir fragten den glatzköpfigen Türsteher, was da ablief. Demnach führte Tanja Guardini gerade ihre neueste Dessous-Kollektion vor. Wir zeigten unsere Ausweise und wurden eingelassen. Gleich erkannten wir sie wieder, als sie verführerisch auf einem provisorischen Laufsteg mehr nackt als von Reizwäsche bekleidet auf und ab flanierte. So ein Engelsgesicht vergisst man nie, auch nicht unter einer schwarzen Glatthaarperücke.

PETERS: Und dann haben Sie Tanja verhaftet?

BEX: Ja, gleich nachdem sie das Treppchen hinunter gestiegen war. Sie blieb ganz ruhig, als wir ihr unsere Ausweise unter das gepuderte Näschen hielten. ›Hätte ich Rindvieh nur nicht die Perücke aufgehabt, dann hättet ihr Bullen mich nie erwischt!‹, sagte sie nur. Plötzlich fühlte ich etwas Hartes in meinem Rücken und jemand hinter mir brüllte:
›Du Scheißbulle kommst hier nicht wieder lebend raus. Zlatko, mach ihn fertig!‹

Zlatko war der Kerl mit der Glatze, der mir den Revolver abnahm und mich dabei frech angrinste. Aber er konnte nicht wissen, dass mein heimliches Signal die Kollegen von der Polizei erreicht hatte. Sie stürmten in das Lokal und nahmen Tanja und ihre Kumpane fest.

PETERS: Und wer war der Typ, der Sie mit der Waffe bedrohte?

BEX: Tanjas Geliebter, ein auf der internationalen Fahndungsliste stehender, aus Italien stammender Gangster. Der war es auch, der die arme Alice in Angst und Schrecken versetzte, um uns damit in die Irre zu führen.

PETERS: Und sie dann umbrachte?

BEX: Nein, das erledigte Tanja selbst. Sie kannte Alice, die vor Jahren im Hairstudio Nr.1 eine Friseurlehre begann, die aber wegen ihrer Linkshändigkeit wieder abbrechen musste und den Beruf wechselte. Sie war wohl davon überzeugt gewesen, von Alice auf dem Friedhof wiedererkannt worden zu sein.

PETERS: Was machte Tanja mit dem vielen geraubten Schmuck? Und wieso brachte sie ihre Opfer auf derart grausame Weise um?

BEX: Sie hatte zwar ein Engelsgesicht, war aber eine Teufelin und nicht bereit, sich darüber zu äußern. Wir erfuhren es auch nie, denn sie erhängte sich während der Untersuchungshaft in ihrer Zelle.

PETERS: Ein wirklich tragischer Kriminalfall. Herr Bex, herzlichen Dank für dieses Interview!

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Hinweis des Autors:

Diese Kurzgeschichte wurde erstmals im Rahmen eines Krimi-Wettbewerbs bei BookRix veröffentlicht. Bedingung für die Teilnahme waren maximal 9.000 Zeichen, einschl. Leerzeichen.

Dieser Krimi ist in Buchform zu lesen unter:
http://www.bookrix.de/_title-de-claus-h-stumpff-die-angst-geht-um



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