27.10.2007

Der Seiltänzer

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Seit dem Zeitpunkt, an dem ihm Jutta ihren Vater vorgestellt hatte, entwickelte sich die Abneigung gegen diesen Mann. Klaus hatte sich schon immer darüber gewundert, wie eine nette Person wie seine Frau von einem solchen Vater abstammen konnte. Er wusste von Anfang an, dass es nicht leicht werden würde, mit dem Wanderzirkus seines Schwiegervaters durch das Land zu ziehen, zumal dieser unsympathische Herr noch der Direktor war und sich auch zu jeder sich ihm bietenden Gelegenheit entsprechend aufspielte. Aber welche Wahl hatte er auch? Trotz seiner Heirat mit Jutta hatte sein Schwiegervater darauf bestanden, dass seine Tochter weiterhin mit dem Zirkus reiste und ihre Aufgaben als Kassiererin und Verkäuferin von Süßwaren erfüllte. Um seine Frau länger als 15 – 20 Tage im Jahr zu sehen, entschied Klaus sich dazu, sein Leben in einem Zirkus zu verbringen. Doch in Gegenwart dieses Verwandten war sein Leben unerträglich. Es musste etwas geschehen!

Schon als Jugendlicher war Juttas Vater Seiltänzer in einem kleinen Zirkus. Da er sich jedoch nie gerne bevormunden ließ, entschied er sich dafür, einen eigenen Zirkus zu gründen, in dem er selbst Befehle erteilen konnte, die andere ehrfürchtig für ihn auszuführen hatten. Die Rolle des Seiltänzers hat er dabei niemals abgegeben. Den Beifall und die Anerkennung für die schwierigen Aktionen in der Höhe, die er stets ohne Fangnetz durchführte, wollte er niemand anderem überlassen.

Für Klaus gab es kein Zurück. Er wusste genau, wo Freddy, der Entfesselungskünstler, seine Eisensäge lagerte. Es war selbst für den kräftigen Mann unmöglich, die Ketten, mit denen er gefesselt wurde, zu sprengen. Also benutzte Freddy vor jedem Auftritt eine Säge um eines der Kettenglieder entsprechend zu präparieren. Es war ein einfacher Trick, aber der Effekt zog begeisterte Zuschauer in den Zirkus und füllte damit die Kasse des geldgierigen Direktors. Wenn man mit Freddys Werkzeug Eisen zersägen konnte, funktionierte das bestimmt auch mit dem Hochseil. Klaus schlich sich in einem günstigen Augenblick in Freddys Wohnwagen und nahm die Säge in die rechte Hand, über die er einen Handschuh gezogen hatte, damit allein Freddys Fingerabdrücke auf der Tatwaffe zu sehen waren und der Verdacht auf diesen groben Menschen fiel.

Es war 18.15 Uhr. Das Zelt war um diese Uhrzeit immer unbesucht. Die Zirkusangestellten aßen in dem Gemeinschaftswohnwagen zu Abend. Die Besucher kamen erst später zur Vorstellung. Klaus nutzte die Gelegenheit. Er ging in das menschenleere Zelt und sägte das für die Vorführung bereits aufgebaute Hochseil in der Weise an, dass es beim Betreten eines erwachsenen Menschen garantiert reißen würde. Er brachte die Säge zurück in Freddys Wohnwagen und wartete schließlich voller Erwartung auf die Vorstellung. Danach würde er endlich ein glücklicher Mensch sein, der nicht mehr unter den üblen Charaktereigenschaften seines Schwiegervaters zu leiden hätte. Den Sturz würde dieses Ekelpaket nicht überleben. Dazu war das Seil zu hoch und der Zirkusboden zu hart.

Jutta kam nach verschiedenen Vorbereitungen für die Abendvorstellung gegen ca. 19 Uhr in den gemeinsamen Wohnwagen des Ehepaars, in dem Klaus schon voller Vorfreude saß. Seine Ehefrau bemerkte das Lächeln auf seinen Lippen und sagte zu ihm: "Dir scheint es ja wirklich hervorragend zu gehen. Meinem Vater geht es heute nicht so gut wie dir. Er liegt krank im Bett und wird an der Vorstellung nicht teilnehmen. Zum Glück hast du ja Jahre lang auf dem Hochseil trainiert. Du wirst deinen Schwiegervater heute vertreten."



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Kommentar von Franzii:
(09.11.2007 um 16:10 Uhr)

haii ! diesen Mr. Unbekannt hab ich leider noch nicht kennen gelernt !




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