19.10.2011

Betörende Düfte

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Sonntagvormittag in der Polizeidirektion Landshut. Kriminalhauptkommissar Georg Holzinger hatte Dienst. Seine Abteilung arbeitete derzeit mit Hochdruck an der Aufklärung zweier Morde. Er ahnte bereits das Schlimmste, als das Telefon zu ihm durchgestellt wurde, trotz ausdrücklicher Anweisung an die Telefonzentrale, ihn heute in Ruhe zu lassen. Wütend legte er den Hörer auf. Ein weiterer Mordfall? Eigentlich war das zuviel auf einmal für die kleine, personell unterbesetzte Dienststelle. Und ausgerechnet heute!

    »Sepp!«, rief er durch die offene Tür ins Vorzimmer. »Auf geht’s!«

    »Alles klar, Schorsch!«, antwortete Kriminalmeister Josef Leitner und eilte nach draußen, um den Dienstwagen startklar zu machen. Als wenige Minuten später der Hauptkommissar auf dem Beifahrersitz Platz nahm, erkundigte sich Leitner nach dem Fahrtziel.

    »Wir werden beim Wastl-Wirt erwartet. Den Weg kennst du ja. Die vermissen dort eine junge Aushilfsbedienung.«

    Sepp Leitner war es gewohnt, von seinem Chef nur die notwendigsten Informationen zu erhalten, obwohl beide privat gute Freunde sind. Schweigsam steuerte er das nur wenige Kilometer entfernte Ziel an.

 

Die Gaststätte mit Metzgerei ›ZUM HIRSCHEN‹ – von Kennern nur als Wastl-Wirt bezeichnet – ist beiden wohlvertraut. Sie treffen sich dort ein Mal wöchentlich zum Kegeln. Von Sebastian ›Wastl‹ Huber, dem kräftigen, schnauzbärtigen Wirt, wurden sie als alte Freunde herzlich begrüßt.

    »Der Herr dort drüben erwartet euch schon.«

Jetzt am Vormittag war die Gaststube noch leer. Nur an einem der Tische saß ein blasser junger Mann mit Nickelbrille. Er erhob sich, als beide Beamten vor ihn traten.

    Der Kommissar reichte ihm die Hand. »Ich bin Kriminalhauptkommissar Holzinger und dies ist mein Kollege Kriminalmeister Leitner. Hatten Sie vorhin angerufen?«

    »Ja! Wie ich Ihnen bereits erklärte, ist meine Verlobte Margit Seebauer spurlos verschwunden.«

    »Nun, es wäre nicht das erste Mal, dass jemand davonläuft, ohne sich zu verabschieden. Warum also machen Sie sich Sorgen?«

    »Ich kenne Margit schon lange und wir wollten in Kürze heiraten. Sie würde nie abreisen, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen. Es muss ihr etwas zugestoßen sein!«

    Holzinger befragte nun den jungen Mann nach Margit Seebauers persönlichen Lebensumständen, während sein Kollege alles zu Protokoll nahm.

 

Die 25-jährige Germanistikstudentin Margit war seit dem Frühjahr Aushilfskellnerin der Gaststätte ›ZUM HIRSCHEN‹. Sie hatte diesen Job gefunden, als sie und ihr Verlobter Jörg nach einem Tagesausflug dort einkehrten. Dabei war ihr das Schild ›BEDIENUNG ZUR AUSHILFE GESUCHT‹ aufgefallen. Weil sie dringend ein neues Auto benötigte, beschloss sie ganz spontan, das Studium an der Uni Passau eine Weile schleifen zu lassen und wurde mit dem netten Wirt rasch handelseinig.

    Bei den Gästen war sie beliebt und ein gutes Trinkgeld versüßte ihr die anstrengende Arbeit. So wohnte und arbeitete sie bereits den ganzen Sommer beim Wastl-Wirt. Fast an jedem Wochenende kam Jörg zu Besuch, obwohl sie dann nur wenig Zeit für ihn hatte.

Erst an diesem Morgen erfuhr Jörg durch den Wirt von Margits Verschwinden. ›Das war vor knapp einer Woche‹, hatte dieser ziemlich aufgeregt erklärt. ›Bereits am letzten Montag erschien sie nicht zur Arbeit. Ihr Bett war unberührt geblieben. Aber ich dachte, sie sei zu Ihnen gefahren.‹

 

Beide Kriminalbeamte hielten es daraufhin für denkbar, dass die junge Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte, zumal sie nach Dienstschluss oftmals allein um einen nahegelegenen See joggte. Sie gaben eine Vermisstenmeldung an alle Polizeidienststellen und schalteten das Bayerische Landeskriminalamt ein. Es wurde eine Sonderkommission gebildet und Hauptkommissar Holzinger mit deren Leitung beauftragt. Bereits am nächsten Tag wurden die umgrenzenden Wälder von einer Hundertschaft der Polizei durchsucht, allerdings erfolglos.

 

Inzwischen vergingen zwei weitere Wochen, ohne dass sich Hinweise zum Verschwinden Margit Seebauers ergaben.

 

Das idyllisch gelegene Ausflugslokal ›ZUM HIRSCHEN‹ genießt einen guten Ruf weit über die Landkreisgrenze hinaus, zumal sämtliche Fleischgerichte aus eigener Schlachtung stammen. Die moderne Großküche leitet Walburga Huber, die um einiges älter als ihr Mann Sebastian ist und vormals den elterlichen Betrieb übernahm. Für den Ausschank und den Schlachtbetrieb sind der Metzgermeister Sebastian und sein Sohn Michel zuständig. Für den Verkauf von Fleisch- und Wurstwaren im angeschlossenen Ladengeschäft wird auswärtiges Personal beschäftigt.

    Montags ist Schlachttag. Die Bauern der näheren Umgebung verkaufen ihr schlachtreifes Vieh lieber an die regionalen Metzgereien oder Gastwirtschaften anstatt an Viehhändler, die wesentlich weniger dafür bieten.

    Sebastian und Michel hatten bereits ihre Gummischürzen umgebunden und warteten um sieben Uhr früh ungeduldig auf die Ankunft der bestellten Sau. Das Tier hatte sich Sebastian schon am Tag zuvor ausgewählt. Es stammt aus einem Betrieb, in dem alle Schweine freien Auslauf haben und nicht in viel zu engen Ställen gemästet werden. Das versprach ein zartes, nicht zu fettes Fleisch, was wiederum die überregionale Beliebtheit der Küche des Wastl-Wirts ausmachte.

    Endlich traf der von einem alten Mercedes-Kombi gezogene Viehanhänger ein. Der für seine naturgerechte Schweinezucht mehrfach ausgezeichnete Landwirt Gustl Mittermaier fuhr eine Schleife auf dem Hof und hielt direkt vor der Schlachtküche an. Die drei Männer begrüßten sich nur kurz. Der Preis war bereits ausgehandelt worden, aber die Sau sollte vor dem Schlachten noch einmal gewogen werden. Als Mittermaier die rückwärtige Klappe des

Anhängers herunterließ, passierte etwas Unerwartetes:

    Das etwa 235 Kilogramm schwere Schwein schien geahnt zu haben, was ihm bevorstand. Noch ehe es den Männern gelang, das Tier am Schwanz und an den Ohren zu packen, drehte es sich flink herum und sprang mit einem Satz von der Ladefläche hinunter. Laut quiekend und voll unbändiger Lebenskraft raste es kreuz und quer über den Hof, bis es hinter dem Wirtsgarten in einem hohen Maisfeld verschwand.

    »Das hat man nun davon, einem Schwein soviel Freiheit gegönnt zu haben«, schimpfte Mittermaier. »Ein Stallschwein wäre uns nicht so davongelaufen. Das hätte nur ein paar Meter geschafft und dann schlapp gemacht. Hoffentlich finden wir das Mistvieh bald wieder!«

    Doch trotz Hilfe einiger Nachbarn gelang es nicht, die Sau wieder aufzuspüren; sie blieb verschwunden. Vermutlich hielt sie sich in den umliegenden Wäldern verborgen und fraß sich an Waldfrüchten und Eicheln satt.

 

Wenig später machten Waldarbeiter eine grauenhafte Entdeckung: Als einer von ihnen im Unterholz seine Blase entleeren wollte, fiel ihm gleich der dort aufgewühlte Waldboden auf. Das wunderte ihn, denn schon seit langem wurden in dieser Gegend keine Wildschweine mehr gesichtet. Vermutlich waren diese Rüsseltiere hier doch wieder tätig gewesen. Plötzlich stockte sein Atem, als er eine aus dem Erdreich herausragende, blutverschmierte Hand erblickte. Seinen erschreckten Aufschrei hörte ein Kollege und eilte herbei.

 

Die kurz darauf eintreffenden Polizeibeamten standen fassungslos vor den Überresten einer Frauenleiche, von deren zerfleischter rechter Hand die Mittel- und Ringfinger vermutlich abgebissen worden waren.

    »Als hätten hier Raubtiere gewütet«, meinte ein junger Polizist. »Die Tote muss schon eine ganze Weile hier gelegen haben.« Angewidert hielt er sich ein Taschentuch vor Mund und Nase.

    »Wurde nicht eine Studentin namens Margit Seebauer als vermisst gemeldet?«, äußerte sich ein anderer. »Die soll doch beim Wastl-Wirt als Aushilfskellnerin beschäftigt gewesen sein. Vielleicht kann der uns anhand der zerfetzten Kleidungsstücke sagen, ob es sich um die Vermisste handelt. Aber zunächst müssen wir die Spurensicherung anfordern.«

 

»Also Wastl, kennst du diese Frau?«, erkundigte sich der Hauptkommissar.

    Sebastian Huber stand in der Pathologie des Klinikum Landshut fassungslos vor der auf einem Untersuchungstisch aufgebahrten Frauenleiche, deren Körper schrecklich zugerichtet war.

    »Ja, es könnte sich um Margit Seebauer handeln«, meinte er zögerlich. »Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.«

    »Ist dir vielleicht diese Schürze bekannt?« Holzinger hielt ein Stück zerrissenen Stoffs in die Höhe. Auf einem der Träger waren nur noch die Buchstaben ..HIRS.. zu erkennen. »Das sieht ganz nach einem Überbleibsel vom Gasthausnamen ›ZUM HIRSCHEN‹ aus, oder?«

    »Ja tatsächlich! Das ist eine unserer Schürzen, die wir eigens für das Küchenpersonal angeschafft hatten.«

    »Ich muss dich leider bitten, mich aufs Kommissariat zu begleiten«, sagte der Hauptkommissar. »Ich will genau wissen, was da in euerm Betrieb abgelaufen ist.«

 

Sebastian Huber war verzweifelt. Bis zu jenem Sonntag hatte alles großartig geklappt. Sein italienischer Kegelfreund Renato Barretta, Betreiber einer Pizzería im nahegelegenen Altdorf, hatte ihm einen tollen Vorschlag gemacht:

    ›Biete den Gästen doch mal was typisch Italienisches! Mein Betrieb ist dafür zu klein, aber du mit deiner Riesenküche kannst ganz anders arbeiten. Ich könnte dir zeigen, wie spezielle italienische Gerichte zubereitet werden. Und ich würde für dich kochen und dafür nur die erstklassigsten Gewürze verwenden. Mamma mia, das könnte ein Festessen geben!‹

    Also befolgte Wastl Renatos Empfehlung und arrangierte drei ITALIENISCHE ABENDE für die Tage von Freitag bis Sonntag. In beiden Gaststuben waren stets alle Tische besetzt und in der Küche lief alles auf Hochtouren. Schon an den ersten zwei Tagen war der Umsatz höher als sonst in der ganzen Woche. Unglücklicherweise hatte sich Margit Seebauer am Samstagmorgen einen Knöchel verstaucht und war als Bedienung ausgefallen. Sie wollte sich aber nicht krank melden und bot ihrer Chefin an, in der Küche auszuhelfen, da an ihrer Stelle eine der Küchenhilfen zum Servieren abgestellt werden musste. Walburga Huber hatte sich zunächst dagegen gesträubt, aber schließlich zugestimmt.

 

Es war Samstag spätabends. Die letzten Gäste waren gegangen und auch das Personal hatte inzwischen Feierabend gemacht. Sebastian und Walburga saßen in einem Nebenzimmer und waren mit der Tagesabrechnung beschäftigt. Nur Koch Renato und Margit waren noch in der Küche zugange, denn es galt die Vorbereitungen für den letzten der ITALIENISCHEN ABENDE zu treffen. Margit hatte den ganzen Tag Renato über die Schulter geschaut und sich vielfach nützlich gemacht. Der Italiener hatte nicht mit Lob für ihr Kochtalent gespart und ihr noch vorm Weggehen erklärt, wie man mit Trüffeln – einer ganz besonderen Spezialität – umgehen müsse.

    »Das soll eine Überraschung für Wastl sein. Es handelt sich um Tartuffi bianchi, weiße Trüffel, eine echte Kostbarkeit. In Italien werden auf Auktionen für ein Kilogramm bis zu 12.000 Euro geboten. Ich stamme aus Alba, das liegt in der Region Piemont. Mein Bruder kennt dort die Stellen, wo Trüffel wachsen. Er schickt mir ab und zu welche. Heute habe ich wieder eine Lieferung erhalten. Allerdings muss man Trüffel im Kühlfach aufbewahren, damit sie ihr Aroma nicht verlieren. Und vorher muss man sie in Plastikfolie einwickeln, damit die anderen Lebensmittel den strengen Geruch nicht annehmen. Aber das kannst du später allein erledigen.«

    Damit drückte er Margit ein kleines Päckchen in die Hand, dem sie einige der unförmigen Gewächse entnahm.

    »Und wofür verwendet man Trüffel?«, erkundigte sich Margit.

    »Zum Beispiel für die Zubereitung von Omeletts und Nudelgerichten. Der Trüffel wird nur hauchdünn darüber gerieben. Sein wunderbarer Geschmack entfaltet sich am besten mittels Butter und Eigelb.«

    Daraufhin verabschiedete sich Renato mit einem fröhlichen ›arrivederci‹ und fuhr nach Hause.

    Auch Margit wollte jetzt Schluss machen, denn es ging bereits auf Mitternacht zu. Aber zuvor wollte sie noch Renatos Anweisung befolgen. Einen der Trüffel nahm sie in die Hand und hielt ihn sich unter die Nase. Sie schüttete sich vor Ekel und verstand nicht, wie man ein so übelriechendes Naturprodukt als Delikatesse bezeichnen konnte.

    Plötzlich spürte sie, wie sich etwas um ihren Hals legte. Noch ehe sie sich dagegen wehren konnte, zog sich eine Seilschlinge immer fester zu. Margit würgte und rang nach Luft. Vergeblich versuchte sie zu schreien. Dann versank sie im Nichts.

 

»Wo warst du an jenem Samstagabend?«, erkundigte sich Hauptkommissar Holzinger. Aus Erfahrung wusste er, dass es sich bei Mordfällen oftmals um Beziehungstaten handelte. Wastl Huber konnte durchaus in diesen Fall verwickelt sein.

    »Ich stand zunächst hinter der Theke oder habe beim Servieren mitgeholfen. Bis kurz vor Mitternacht überprüften Walburga und ich die Bons der Bedienungen.«

    »Und wo befand sich Margit Seebauer um diese Zeit?«

    »Zusammen mit dem Koch Renato war sie wohl noch in der Küche beschäftigt. Ich habe sie aber nicht mehr gesehen. Als wir zu Bett gingen, brannte dort jedenfalls kein Licht mehr.«

    Erst jetzt rückte Holzinger mit seinem Wissen heraus. »Die Obduktion ergab, dass Margit Seebauer erdrosselt wurde. Vermutlich mit einer Wäscheleine. Außerdem war sie im zweiten Monat schwanger. Wastl, du musst dich leider einer Speichelprobe unterziehen.«

    Nur widerwillig erklärte sich Sebastian Huber dazu bereit, bevor er wieder entlassen wurde.

 

Am nächsten Tag traf der Hauptkommissar erneut beim Wastl-Wirt ein. 

    »Eine DNA-Analyse hat ergeben, dass Margit Seebauer von dir geschwängert wurde. Was sagst du nun?«

    Sebastian wurde kreidebleich. »Oh mein Gott, davon hatte ich keine Ahnung, das musst du mir glauben! Ja, ich hatte mich in Margit verliebt. du kennst doch meine Alte, ist das ein Wunder? Und Margit mochte mich ebenfalls. ›Endlich mal ein richtiger Mann‹ hatte sie gemeint. Aber wir waren nur ein paar Mal intim, da ist es wohl passiert. Einmal küssten wir uns hinter der Theke. Das hatte Walburga beobachtet und mir danach eine furchtbare Szene gemacht. Sie würde sich scheiden lassen, wenn ich Margit nicht sofort entließe. Das durfte ich nicht riskieren, denn wir haben einen Ehevertrag und alles hier gehört ihr. Ich bat sie, Margit noch bis zum Ende der Italienischen Abende beschäftigen zu dürfen, was sie dann widerwillig zuließ. Wenn ich nur geahnt hätte, dass Margit von mir geschwängert wurde, hätte ich mich auf der Stelle von meiner Alten getrennt.« Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort:

    »Als Margits Freund am darauffolgenden Wochenende auftauchte, verriet ihm meine Alte alles. Am selben Abend vernahmen wir einen lebhaften Streit zwischen dem jungen Paar. ›Ich bringe dich lieber um als zuzulassen, dass sich die Mutter unseres ungeborenen Kindes weiterhin mit diesem Fettwanst vergnügt. Du kommst jetzt sofort mit zurück nach Passau‹, oder so ähnlich hatte Margits Freund gebrüllt. Er wusste also von der Schwangerschaft und hielt sich für den Vater. Doch Margit schrie zurück, dass sie ein freier Mensch sei und tun und lassen könne was sie wolle. Ihr Freund stieg daraufhin wütend in sein Auto und fuhr weg. Ich sah ihn erst wieder, als ich ihm von Margits Verschwinden berichtete. Vielleicht hat  er sie umgebracht?«

    »Ja vielleicht. Wir müssen natürlich alles überprüfen. Aber zunächst darfst du den Ort nicht verlassen! Tut mir leid, Wastl!«

 

Der Jagdpächter und Landwirt Josef Grambauer traute seinen Augen nicht, als er ein Wildschwein in seinem Kartoffelacker herumwühlen sah. Er zögerte nicht lange, schoss und traf. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass er ein gewöhnliches Hausschwein erlegt hatte, dessen Borstenhaut vom Herumwälzen in dem schwarzen Ackerboden wie die eines Wildschweins wirkte. Als Nachbar des Landwirts Mittermaier vermutete er gleich, dass es sich um dessen entlaufene Sau handelte, was sich dann auch als richtig erwies.

    Nun lag der schreckliche Verdacht nahe, dass das ausgebüxte Schwein die Frauenleiche ausgegraben und Teile davon aufgefressen haben könnte. Um letzte Gewissheit zu erhalten wurde der Mageninhalt des Tiers untersucht. Tatsächlich fand man darin auch unverdaute Überreste menschlicher Fingerknochen, die eindeutig von Margit Seebauer stammten.

 

Nach wie vor tappte die Sonderkommission im Dunkeln. Holzinger und Leitner standen vor dem großen Flipchart, das mit einem Geflecht von Namen, Pfeilen und Linien überzogen war.

    »Wen haben wir als Verdächtigen?«, dozierte der Hauptkommissar. »Da wäre einmal unser Freund Wastl. Aber der war in Margit verliebt, also warum sollte er sie töten?« Er unterstrich mit einem dicken Filzstift den Namen.

    »Das sehe ich auch so«, meinte Leitner. »Erst durch die wortstarke Auseinandersetzung des jungen Paares erfuhr er von Margits Schwangerschaft. Aber vielleicht befürchtete er doch insgeheim, der Vater des Ungeborenen zu sein. In diesem Fall hätte ihn seine Walburga vor die Tür gesetzt.« Er malte hinter den Namen Sebastian Huber ein großes Fragezeichen.

    Holzinger überlegte. »Und was ist mit diesem Jörg Brunner? Der hätte doch ebenfalls ein Motiv.«

    »Ja, aber warum sollte er die Mutter seines Kindes umbringen? Ich kann mir das nicht vorstellen, denn er hielt sich schließlich für den Vater. Übrigens haben wir Walburga Huber noch gar nicht vernommen.«

    Holzinger schüttelte den Kopf. »Walburga? Die kann ich mir nicht als Mörderin vorstellen. Die ist eine gläubige Katholikin, der traue ich eine solche Gewaltanwendung einfach nicht zu. Und warum sollte sie Margit Seebauer ermorden, wo diese ohnehin ihren letzten Arbeitstag hatte? Aber jeder ist hier verdächtig. Natürlich müssen wir auch sie noch befragen.«

    »Und was ist mit diesem Koch Baretta?« Leitner schrieb den Namen auf das große Blatt.

    »Den habe ich für morgen vorgeladen. Ich hoffe, dass er kommt.«

    »Vielleicht sollten wir den Leichenfundort nochmals gründlich absuchen«, schlug Leitner vor. »Vielleicht entdecken wir doch noch etwas, das uns einen Hinweis auf den oder die Täter liefert.«

    »Okay Sepp, dann machen wir hier morgen weiter.«

 

Als Sie das zerwühlte Erdreich genauer betrachteten, entdeckte der Hauptkommissar den Rest eines zerknüllten Papiertaschentuchs.  

    »Das nehme ich mit, es muss wohl den Kollegen von der Spurensuche entgangen sein! War eine gute Idee von dir, Sepp!«

    Weitere Funde machten sie nicht.

 

Renato Barretta erschien termingerecht im Kommissariat und wurde nach seinem Verhältnis zu Margit Seebauer befragt. Aber es ergaben sich keine Anhaltspunkte für ihn als Täter. Renato zeigte sich tief betroffen von Margits Schicksal. Als er erfuhr, dass ihre Leiche von einem Schwein aufgespürt und angeknabbert worden war, wurde er nachdenklich und meinte:

    »Margit sollte noch Trüffel in Folie einpacken und ins Kühlfach legen. Es könnte sein, dass sie in diesem Moment ermordet wurde. Vielleicht hatte sie gerade welche in der Hand und sind in ihre Schürzentasche gefallen. Als ich am Sonntagmorgen im Kühlschrank die Trüffel suchte, fand ich keine. Das ärgerte mich, denn ein Trüffelgericht stand auf meinem Speiseplan.«

    »Was haben denn Trüffel mit dem Mord an Frau Seebauer zu tun?«, fragte der Kommissar verwundert.

    »Oh, eine ganze Menge. Die entlaufene Sau muss im Wald die Trüffel gerochen haben. Für die Trüffelsuche werden in südlichen Ländern sogenannte ›Trüffelschweine‹ eingesetzt, welche die wertvollen Pilze suchen. Der Duft dieses Gewächses entspricht Androstenon, dem Sexualduftstoff des Ebers, weshalb weibliche, geschlechtsreife Schweine instinktiv danach suchen.«

    »Sie bringen mich da auf eine Idee!«, rief Holzinger aus. »Sepp, hol doch mal die zerrissene Schürze aus der Asservatenkammer.«

    Leitner kehrte mit dem Stofffetzen zurück, der mal eine Küchenschürze  gewesen war.

    »Schau mal nach, ob du in der Schürzentasche irgendetwas findest«, bat Holzinger.

    Leitner kramte eine ganze Weile herum und hielt schließlich drei eigroße, wabbelige Gebilde in den Händen.

    »Das sind meine Trüffel!«, schrie Renato aufgeregt. »Jetzt ist mir alles klar. Die Sau fühlte sich vom Ebergeruch angelockt, gelangte aber nicht an die Trüffel. Sie war irritiert, wurde wild und zerriss alles in Stücke. Und weil Margits Finger nach Trüffeln rochen, wurden sie abgebissen.« 

    »Das ist eine plausible Erklärung«, bemerkte Holzinger, als er den Italiener verabschiedete. »Ich danke Ihnen für diese äußerst wertvollen Hinweise.«

 

Im Labor konnten die auf dem Papiertuch enthaltenen DNA-Spuren niemandem zugeordnet werden. »Bestimmt hatte es der Mörder oder sein Helfer beim Eingraben der Leiche verloren«, meinte Holzinger.

    Leitner nickte. »Es muss jemand aus dem näheren Umfeld der Toten gewesen sein. Was hältst du von einem Gen-Test?«

    »Gar keine schlechte Idee!« Er spitzte den Mund. »Nach dem Mord an dem kleinen Mädchen in Vilsbiburg waren doch alle Männer aus den umliegenden Ortschaften zur Abgabe von Speichelproben herangezogen worden. Hoffentlich hat man diese noch aufbewahrt!«

    Zum Glück waren alle Speichelproben noch verfügbar. Ein Vergleichstest führte schließlich zur Überführung des Mörders.

 

»Warum hast du die junge Frau umgebracht?«, erkundigte sich der Kommissar.

    Verlegen schaute Michel Huber zum Boden. »Ich durfte es doch nicht zulassen, dass diese Hure die Ehe meiner Eltern zerstörte. Aber töten wollte ich sie bestimmt nicht!«

    »Für Reue ist es jetzt zu spät. Aber wie hast du diese schreckliche Tat ausgeführt?«

    Michel schluckte. »Als ich den Koch fortgehen sah, schlich ich mich in die Küche, legte der Frau einen Kälberstrick um den Hals und zog zu. Ich wollte sie nur erschrecken, aber sie fiel gleich tot um. Vielleicht hatte ich etwas zu fest zugezogen.« Beschämt betrachtete er seine kraftvollen Metzgerhände.

    »Und wie schafftest du ihre Leiche fort?«

    »Meine Mutter half mir dabei, sie in den Wald zu bringen. Das war eine schöne Schinderei. Aber mein Alter wollte damit nichts zu tun haben. Alles andere musste ich dann allein erledigen, also eine Grube ausheben und so weiter. Wäre mir das entlaufene Schwein nicht in die Quere gekommen, nie wäre Margits Leichnam entdeckt worden.«

    »Das war halt dein Pech! Und außerdem hast du dein noch ungeborenes Geschwisterchen umgebracht.«

    »Oh mein Gott! Das alles wollte ich doch wirklich nicht!« Michel begann laut zu schluchzen. Dann wurde er abgeführt.

 

E P I L O G

 

Ein paar Tage danach:

    »Sepp, schau mal was ich hier habe!« 

Leitner trat vor Holzingers Schreibtisch, der lachend ein Blatt Papier hochhielt.

    »Und was soll das sein?«, fragte Leitner mit skeptischem Blick.

    »Eine Einladung für mich zum Trüffelessen, von der PIZZERÍA DA RENATO in Altdorf. Es gibt als Vorspeise Röstbrot mit Parmesankäse und Trüffeln, und als Hauptgericht Tagliatelle mit Trüffeln. Dazu wird uns Barolo serviert, ein Rotwein aus Piemont, der zu den besten Italiens gehören soll.«

    »Na, dann ›buon appetito‹. Aber wie ich dich kenne, wäre dir ein gescheiter Schweinsbraten lieber – oder? Mir jedenfalls!«

    »Du wurdest ebenfalls eingeladen!« Holzinger grinste.

Leitners Gesichtsausdruck zeigte kaum Begeisterung, doch auf einmal strahlte er.

 

So schlossen sie diesen Kriminalfall mit einem leckeren italienischen Trüffel-Menü ab.

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Diese Krimi kann auch in Buchform gelesen werden unter

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