20.01.2010

Eine Drachengeschichte

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Zu einer Zeit, als es noch einen quick lebendigen Frühling, brühwarme Sommertage und eiskalte Winter mit Schneeflocken, Eiszapfen und zugefrorenen Seen gab, da gab es auch noch einen bunten Herbst mit Streuobstwiesen und Drachen.

Mit Drachen meine ich natürlich nicht die Galle spuckenden und Feuer speienden Riesenungeheuer, die in klammen und finsteren Höhlen wohnen und mit Rittern in scheppernden Rüstungen kämpfen. Nein, ich meine jenen kleine, bunte Gesellen, die seit einiger Zeit in Vergessenheit geraten sind und aus Pergamentpapier oder Stoff bestehen.

Diese kleine Geschichte handelt von Fritz, einem roten Drachen. Er hatte weiß blaue Kulleraugen, gelbe Wollfadenhaare, eine mintgrüne Moosgummihalbkugelnase und kunterbunte Kreppbandschleifchen an seiner Schnur. Fritz konnte fliegen wie ein Drachenweltmeister. Wenn er seinen Wettflug mit dem Bruder Wind aufnahm, den Turbogang einschaltete oder gewagte Loopings drehte, dann wurde einem fast schwindlig. Manchmal tanzte er auch einfach ruhig an einer Stelle und beobachtete das Leben aus der Drachenperspektive, verscheuchte Krähen durch sein Flattern sowie Knistern und erfreute Groß und Klein.

Aber das ist lange her. Seit dieser Zeit wird der grau bedeckte Himmel nicht mehr mit bunten Drachen bereichert, denn Drachen sind ausgestorben, haben das Fliegen verlernt oder sind in Vergessenheit geraten.

Fritz dachte oft an die unbeschwerten Zeiten zurück, als er sich noch frei im Himmel bewegen konnte und mit seiner knall gelben Strubbelfrisur fast die Wolken berührte. Traurig lehnte er nun in einem Regal zwischen einem eingesacktem bunten Strandball, einigen verstaubten Märchenbüchern sowie einem verblichenen roten Spielzeugauto, dessen linkes Vorderrad schief an der Achse hing. Die Kinder waren groß geworden und die Nachkommen schienen sich nicht für Drachen und altmodische, kaputte Spielzeuge zu interessieren. Auf dem Dachboden passierte nicht sonderlich viel. Hin und wieder, passend zu den Jahreszeiten, wurden Osterdekoration oder Weihnachtsschmuck hervorgekramt und beizeiten zurückgelegt. Dann knarzte der Holzboden für einige Minuten und verstummte dann wieder. Hin und wieder kam Flotti, die Lachmöwe durch eine Dachluke wenn es draußen stürmte oder regnete. Das war besonders für Fritz sehr schön, da sie ihm von der Welt draußen erzählte. Mit Knurksi, der Fledermaus war nicht zu spaßen. Sie ging schlafen, wenn die anderen Dachbodenbewohner aufwachten und war nur an den Feiertagen für das ein oder andere karge Wort zu haben. Fritz lauschte Flottis Erzählungen über die Weite und Freiheit des Himmels immer sehnsuchtsvoll. Aber es bedrückte ihn, dass es kaum noch Jemanden von ihm draußen gab.

Wenn Flotti wieder davon flog, sackte Fritz innerlich zusammen und betrachtete stumm und lange den kleinen Himmelsausblick, den ihm die Dachluke bot. Wie gerne würde er nun dort bei den fliegenden Blättern, den Sonnenstrahlen und den Vögeln draußen umherschwirren. Aber es ließ sich nichts ändern.
Nachts träumte er von seinen Drachenfreunden. Die Wolkenstürmer gab es in allen möglichen Formen und Farben. Es gab Einleiner, wie er und auch Lenkdrachen, die wie Fallschirme oder fliegende Dreiecke aussahen.
Es gab auch Drachen, die wie die Windtüten an Flughäfen konstruiert waren. Am Ende dieser Tüten waren lange bunte Bänder angebracht, die im Wind nur so flatterten. Das war wunderschön und nicht nur für die Drachen aufregend.
Noch trauriger als je zuvor wachte Fritz am nächsten Morgen auf und wusste, dass sich etwas ändern müsse.

Er grübelte eine Woche, drei Tage, zwölf Stunden, sieben Minuten und einen Bruchteil einer Sekunde, bis ihm eine erleuchtende Idee kam. Die Menschen müssten wieder an die Luftfreunde erinnert werden. Und wie, das wusste er auch schon. Flotti hatte ihm einmal von Andel, der Brieftaube erzählt, die zwar für ihre Verhältnisse äußerst dick und auch schusselig war, aber dennoch sehr liebenswürdig. Er hatte sie kennen gelernt, als sie einmal vor eine Fassade flog, auf der ein Meer gezeichnet war. Andel hatte so viel von anderen Vögeln über das Meer gehört, dass sie sich so freute, als sie das Bild sah, dass sie alles um sich herum vergaß. Flotti saß gerade auf einem Strommasten und bekam vor Staunen ihren Schnabel nicht mehr zu.
Auf jeden Fall wusste Fritz, dass Andel nun sehr hilfreich sein könnte.
Fritz hatte sich überlegt, dass Andel Ausschreibungen für einen Drachenwettflug verteilen könne. Vielleicht würde es etwas bringen.

Er hatte auch schon einen Plan, wie er die Texte schreiben würde. Da er selbst keine Hände hatte und auch nicht schreiben konnte und erst recht keine Schreibmaschine oder einen Computer besaß, war er auch hier auf die Hilfe anderer angewiesen. Von Flottis Erzählungen, da mochte zwar das ein oder andere nicht stimmen, aber das Frettchen Fred gab es wirklich. Fred lebte damals noch bei einer Familie, wo es ihm gelang, von den Menschen viel abzuschauen. Als er auszog, um zu studieren, da lernte er natürlich auch den Umgang mit Microsoft Office. Die anderen Tiere munkelten, dass er im mitlerweile promoviere. Auf jeden Fall war Fred eine große Hoffnung …

Als Flotti einige Tage später einmal wieder zu Besuch kam, da schilderte Fritz ihr sein Vorhaben. Erst schaute Flotti etwas verdutzt und ungläubig drein und zuckte einmal auch die gefiederten Schultern. Aber nach etwas Gedenkzeit, da hielt sie es für eine drachengute Idee und machte sich sofort auf den Weg, um die Drachenwiederbelebungshelfer zu finden.
Das brauchte seine Zeit, denn Fred war gerade in Tibet. Aber auch das war für eine Möwe, wie Flotti, kein Problem. Da Fred noch in Tibet bleiben wollte, weil er sich entschieden hatte den Doktor zu schmeißen und lieber Mönch zu werden, schickte er das Schreiben per Email zum Automarder Kunz, der ebenfalls nicht auf den Kopf gefallen war und das PC Handwerk beherrschte. Allerdings funktionierte der Drucker nicht, wie sollte es auch anders sein. So musste erst die Schildkröte Conrad kommen, was auch wieder seine Zeit dauerte, weil er mit seiner Frau in einem ummauerten Garten lebte. Er konnte nur ab und an türmen, wenn Jemand die Türe aufließ. Das war vielleicht ein Chaos. Aber am Ende wurde ein wunderhpbsches Schreiben erstellt und in erhöhter Ausführung gedruckt, so dass jeder der Menschen des Ortes und auch darüber hinaus, solch’ ein Schreiben erhielt.

Die Brieftaube Andel hatte eine Menge zu tun und nahm nicht nur fünf Kilo ab, sondern lernte auch noch einen zauberhaften Tauberich kennen.

Nun war es an der Zeit, abzuwarten. Wie würden die Menschen reagieren? Kannten sie Drachen noch und besaßen sie überhaupt noch welche? Waren auch alle Briefe angekommen und geöffnet worden? Und hatten auch möglichst viele Menschen an dem festgelegten Termin Zeit?
Fritz konnte in diesen Tagen nicht sonderlich gut schlafen und hatte hin und wieder Alpträume. Er war richtig aufgeregt. Diese Aktion war seine allerletzte Chance.

Ein paar Tage später aber wurde mit einem lauten Poltern die Dachbodentür geöffnet und heiteres Kinderlachen ertönte. Der kleine Kuno vom Nachbarshaus war es. Die Hausbesitzerin hegte selbst zwar nicht sonderlich viel Interesse, an dem Drachenwettflug teilzunehmen, dachte aber sofort an das Nachbarkind. So bekam Fritz ein neues zu Hause.

Und wie Kinder nun mal sind, auch die Bücher und das restliche Spielzeug.
Wie es nun weiter ging, das könnt’ ihr euch sicherlich denken. Natürlich nahm Kuno mit Fritz an dem Wettbewerb teil. Das war ein tolles Erlebnis. Es versammelten sich viele Menschen mit Kindern auf einer großen Wiese. Und als es einen Startschuss gab, da flogen sie in die Lüfte. Die Drachen meine ich natürlich, nicht die Kinder. Da waren bunte Dreiecke, Fallschirmdrachen, Windtüten mit Flatterbändern und sogar ein chinesischer Lenkdrache. Alle Drachen gaben ihr Bestes, flogen in die Höhe und in die Tiefe, drehten sich und stürmten dann mit einem gewagten Links- oder Rechtsschlag weiter. Das war die Freiheit pur und die Drachen riefen sich freudig Worte zu, die später in freundlichen Ehrgeiz umschlugen, so wie früher. Jeder wollte der Beste sein und die Drachen stachelten sich einander an und neckten sich.
Fritz war nicht der Gewinner, aber das brauchte er auch nicht zu sein. Wohl aber war er nun der glücklichste Drache, weil er endlich wieder frei war und viele neue Freunde gefunden hatte.

Der kleine Kuno freute sich auch, denn er kannte Drachen bis dato nur aus seinem Bilderbuch. Irgendwann, da würde er auch einmal wie sein Freund Fritz in der Luft fliegen. Denn er wollte Pilot werden, das hatte er sich fest vorgenommen. Und das war das unsichtbare Band zwischen den Beiden – die Liebe zur Freiheit und zur Luft.  



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