29.10.2008

Ein ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk

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Es ist Heiliger Abend. Draußen liegt meterhoher Schnee, der die ganze Landschaft fast zu einer Schneewüste verwandelt. Es ist bitterkalt, und flirrende Kälte hat Eisblumen ans Fenster gemalt. Der Schnee knirscht harsch unter den Füßen.

In einem kleinen Haus am Rande der Stadt erwacht ein kleiner, dunkelblonder Lockenschopf, dessen schulterlange Haare auf dem Kissen verstreut sind. Sie reibt sich ihre großen runden, dunkelgrünen Kulleraugen und ihr schmales, dennoch etwas pausbäckiges Gesicht lugt unter der Bettdecke hervor.

Plötzlich schwingt die Zimmertür auf, und ihre Mutter betritt das im dunkeln liegende Zimmer. Das helle Licht der Küche hebt ihre Silhouette vollständig vom unbeleuchteten  Raum ab. Ihre mittelgroße, zarte Statur mit dem offenen, schulterlangen, gelockten dunkelblonden Haaren  und dem taillierten, wadenlangen grauen Flanellkleid, dessen Glockenrock bei jedem Schritt sanft hin und her schwingt, hat fast etwas engelhaftes an sich.  Um ihre Taille ist ein breiter Gürtel geschwungen, der ihre gute Figur noch mehr betont.

Mit sanfter Stimme spricht sie: „Guten Morgen, Kleines, willst du nicht langsam aufstehen? Omi kommt gleich, und wir wollten doch gemeinsam frühstücken. Hast du das schon vergessen?“ Und sie setzt sich auf das Bett ihrer 8-jährigen Tochter. Sie schaut in zwei traurige Augen. Zärtlich nimmt sie Lucia in die Arme. „Ach Mami, ich möchte heute gar nicht aufstehen, mir ist gar nicht weihnachtlich zumute. Ich vermisse Papi so.“ Dicke Tränen rollen über ihre Wangen. „Kleines, ich verstehe dich so gut, ich vermisse ihn auch sehr, besonders heute. Papa hätte aber bestimmt nicht gewollt, dass du so traurig bist. Ich bin sicher, es macht ihn auch traurig, wenn du traurig bist!“ „Aber wie kann er denn traurig sein, wenn er doch gar nicht mehr lebt?“

„Liebes, er ist körperlich nicht mehr unter uns, das ist richtig, dennoch habe ich ständig das Gefühl, dass er immer noch bei uns ist. Geht es dir nicht auch so?“

„Hm, schon, oft habe ich das Gefühl, er spricht zu mir und dass er mich um Verzeihung bittet, doch kann ich ihm nicht verzeihen, denn es tut sooooo weh!“ Ein erneuter Sturzbach von Tränen ergießen sich über ihre zarten Wangen.

Vor fast einem Jahr, am Silvesterabend, ist Lucias Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Auf der Fahrt von der Arbeit nach Hause tauchte plötzlich ein Kind auf der Straße auf, das einem Ball hinterher gelaufen war. Es lag Schnee und war glatt, er bremste, doch der Wagen kam ins Rutschen und so wich er nach links aus, wodurch der Wagen ins Schleudern kam und er prallte  mit voller Wucht auf einen entgegenkommenden Lastwagen. Er war sofort tot.

Dies ist nun der erste Heilige Abend ohne ihren über alles geliebten Papa. Die Mutter nimmt ihre kleine Tochter innig in die Arme und hebt sie sanft aus ihrem Bett. Sie geht mit Lucia in ihren Armen in die weihnachtlich geschmückte Wohnküche zurück. Es duftet himmlisch nach Weihnachtsplätzchen, die die Mutter in aller Herrgottsfrühe schon gebacken hat.

„Kleines, komm, lass uns den Tisch gemeinsam decken!“ fordert sie Lucia auf, um sie auf andere Gedanken zu bringen. „Omi kommt gleich zum Frühstück. Dann soll doch alles fertig sein.“

„Hm, ja, okay. Mami? Ich versteh es aber nicht! Warum gerade Papi? Wieso hat er nicht genug aufgepasst?“

„Ach Kleines, ich kann dich so gut verstehen, mir fällt es auch sehr schwer mich damit abzufinden, doch hilft es dir und mir nicht, wenn wir ihm böse sind. Ich glaube auch, dass er sehr traurig darüber ist, dass du ihm nicht verzeihst. Er will, dass wir glücklich sind. - Weißt du, wenn er nicht gebremst hätte und dem kleinen Kind nicht ausgewichen wäre, würde er vielleicht noch leben, doch dann würde die Mutter um ihr Kind weinen, und Papa hätte es sich sicher nie verziehen, ein Kind getötet zu haben. Er würde sich dann immer fragen, was wäre, wenn du dieses Kind gewesen wärst. Verstehst du das?“

„Hm, ja, ich glaube schon.“ „Okay, gut. - Ich bin ganz sicher, dass Papa heute bei uns ist, du wirst sehen, er wird da sein!“

In diesem Moment geht die Tür auf, und die Omi kommt herein. „Omi, Omi, schön, dass du da bist!“ Und schon stürmt sie ihrer Omi entgegen und fällt ihr mit aller Kraft in die Arme. „Hallo, mein kleiner Engel, ich habe mich so auf dich gefreut!“ Sie liegen sich innig in den Armen und Omi liebkost ihren kleinen Engel.

„Hallo, Mama, schön, dass du so pünktlich bist. Du kommst gerade rechtzeitig, die frisch gebackenen Vollkornbrötchen sind gerade fertig, dann können wir jetzt gemeinsam frühstücken.“ 

Nach dem Frühstück wird  gemeinsam aufgeräumt und die beiden Frauen bereiten im Wohnzimmer alles für die Bescherung vor. Lucia darf nicht ins Wohnzimmer. Sie sitzt am Küchentisch und schreibt einen Brief. Er ist an ihren Papa gerichtet. Sie schreibt alle ihre Gedanken und Trauer auf und bittet ihn um Verzeihung, weil sie ihm bisher böse und uneinsichtig war. Nun möchte sie mit ihm Frieden schließen, denn die Worte der Mutter gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Am frühen Nachmittag ziehen sich die drei Frauen mollig warm an, um den traditionellen Heilig Abend Spaziergang zu machen, damit das Christkind ausreichend Zeit hat, die Geschenke zu bringen. Sie gehen in den nahe gelegenen Wald spazieren. Schnee liegt auf den Fußwegen, und es bietet sich ihnen eine wunderschöne Winterlandschaft. Teilweise ist das Weiß  völlig unberührt, und es glitzert und funkelt in der Sonne wie kleine Sterne. Nach einer Weile hören sie plötzlich ein klägliches Gewimmer und Gejammer.

„Mami, Omi, hört ihr das auch?“ fragt Lucia ganz aufgeregt. „Ja, ich hör das auch!“ antworten beide Frauen gleichzeitig. „Das ist ja schrecklich, wo kommt das her?“ Und schon stapft Lucia durch den Schnee hinter die nächste Tanne. „Hier, hier, Mami schau, hier sind Spuren im Schnee!“ ruft sie ungeduldig . Omi und Mami folgen ihr. Hinter einem weiteren Gebüsch wird das Gewimmer unerträglich laut. Unter einem Zweig im Schnee eingebuddelt finden sie einen sich merkwürdig bewegenden, zugebundenen Sack. „Mami, Mami, schau, da ist bestimmt was Lebendiges drin!“

Die Mutter nimmt den Jutesack und knotet ihn umständlich auf. Sie schaut hinein. „Das darf doch nicht wahr sein! Unglaublich!! Das ist ja so grausam!“ schimpft sie erbost los. Sie blickt auf zwei kleine Welpen mit kuscheligem, dicken Fell, der eine weiß wie Schnee, der andere kohlrabenschwarz. Sie schauen ganz ängstlich zu ihr hinauf und winseln herzzerreißend. „Das ist ja unglaublich! Zwei so süße kleine Dinger hier einfach auszusetzen und verhungern zu lassen, unglaublich!“ knurrt sie verärgert vor sich hin. „Mami, Mami, was ist denn da drin? Ich möchte auch mal schauen!“, fordert Lucia ungeduldig hin und her hüpfend.. Ihre Mami hält ihr die Öffnung des Sacks  vor das neugierige Gesicht der Kleinen. „Ach, sind die süüüüß. Mami, Mami,  die frieren ganz bestimmt, und sie haben schreckliche Angst, sieh nur, wie sie zittern. Es ist soooo kalt hier, wir müssen ihnen helfen. Mama, lass uns schnell nach Hause laufen und die beiden ins Warme bringen, die sind bestimmt auch total hungrig. Wer weiß, wie lange die schon hier liegen. Sie sind ja schon ganz schwach. Wir legen sie in einen Korb neben den warmen Ofen, okay?“  Lucia schaut ihre Mutter auffordernd und sehr bestimmend an. „Natürlich nehmen sie erst einmal mit. Alles weitere wird sich finden.“

Lucias Mutter  nimmt die Welpen samt Sack auf den Arm und spricht beruhigend auf sie ein. Lucia streichelt sie und verliebt sich auf Anhieb in den kleinen weißen Hund. Er schaut so keck aus. Unerwartet hat Lucia einen Geistesblitz :

„Du Mami, ist das nicht komisch, dass wir die beiden Hundis hier und gerade heute gefunden haben? Papa hatte mir doch einen Hund versprochen! Ich sollte zu Weihnachten einen Hund bekommen! Du sagst zu mir, du bist sicher, dass Papa heute bei uns ist. Darauf habe ich Papa einen Brief geschrieben, dass ich ihm verzeihe, und dass ich ihn unendlich lieb habe und nie vergessen werde, und jetzt finden wir hier diese kleinen, süßen Hunde. Ich bin sicher, dass Papa uns hierher geführt hat! Daran zweifele ich keinen Moment! Er wollte, dass wir sie finden. Mami, darf ich sie behalten? Es ist Papas Geschenk für uns!“ „Ach, ich weiß nicht, es mag schon sein, dass du recht hast, aber gleich zwei Hunde ist doch etwas viel.“ „Mami, es ist ein Zeichen, glaube mir, es sollte so sein! Einer ist für dich, und einer ist für mich. Den weißen taufe ich Schneeball, weil er so weiß ist. Für den anderen darfst du dir einen Namen ausdenken. Also, wie soll er heißen?“ fordert sie ihre Mutter auf. „Ach, Kind, du legst ja ein schönes Tempo vor! Du überrumpelst mich vollständig! - Wenn ich so drüber nachdenke, könntest du vielleicht Recht haben. Okay, gut, wir behalten die Hunde, es sollte wohl so sein. Na, dann nenne ich den schwarzen Georg, nach Papa, und wenn es ein Mädchen ist, heißt sie eben Georgina.“

Jegliche Traurigkeit ist von Lucias Gesicht verschwunden. Jetzt hat sie eine Aufgabe und eine Verantwortung, die sie allzu gern übernehmen will. Glücklich mit sich selbst, über ihren Fund und ihre Erkenntnis, dass ihr Vater doch bei ihr ist und ihr heute ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk gemacht hat, eilt Lucia nach Hause. Mutter und Oma haben ihre Mühe, mit ihr Schritt zu halten, so flink ist sie.

Daheim angekommen, holt Oma den alten Wäschekorb vom Dachboden und stellt ihn neben dem Kachelofen auf. Sie legt eine alte Decke hinein und schwuppdiwupp kuscheln Schneeball und Georgina, wie sich herausstellt ist Georg eine Georgina, hinein.  Die Welpen spüren wohl, dass sie nun keine Angst mehr haben müssen. Lucia bemuttert Georgina und Schneeball mit einer Schale warmer Milch, und Omi schneidet Fleisch klein, damit sie auch noch etwas zu futtern haben. Die Milch ist schnell aufgeschlabbert, und dann machen sich die beiden genüsslich über das Fleisch her.

Gemeinsam gehen sie nun ins Wohnzimmer, wo der Kamin schon leise knistert und es ebenfalls behaglich warm ist. Sie entzünden nun zusammen die Kerzen am Weihnachtsbaum. Auf der Baumspitze glänzt der Weihnachtsengel, den Georg vor ein paar Jahren selber gebastelt hatte. Die drei Frauen schauen zu ihm hinauf, und Lucia glaubt zu sehen, dass der Engel blinzelt. Sie vernimmt unmittelbar die Stimme ihres Vaters: „Frohe Weihnachten, mein Engelchen. Ich werde durch Schneeball immer bei dir sein und auf dich Acht geben.“ Genau in diesem Moment kommt Schneeball angetapst und legt sich zu Lucias Füßen. Ein geheimnisvolles Leuchten erstrahlt über dem Engel. „Frohe Weihnachten!“ wünschen sich alle drei gleichzeitig.

 

copyright  Joana Day alle Rechte vorbehalten



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