29.07.2008

Die Kellerassel

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Unten bei Wendlands liegt jede Menge Holz. Eigentlich wollte es Herr Wendland im Winter für den Kamin lagern, aber nun haben die Wendlands eine Fußbodenheizung, da ist ein Kamin nicht mehr so wichtig. Das Holz liegt nun da, übereinandergestapelt, Reihe für Reihe. Es ist nass und an einigen Stellen wächst Moos.

Christina Wendland mag das Holz, denn an den Schnittkanten kann sie die Jahresringe des Baumes, von dem das Holz stammt, nachzählen. Manchmal sind die Ringe größer, manchmal kleiner. Papa Wendland hat ihr erklärt, dass das damit zu tun hat, wie das Wetter in dem Jahr war. Ob es ein trockenes Jahr war oder eben ein Jahr mit viel Regen. Bäume brauchen Regen, denn durch die Wurzeln nehmen sie Wasser auf, um zu wachsen. Aber das Licht ist natürlich auch wichtig. Ohne die liebe Sonne würde gar nichts wachsen.

Im Frühjahr beschliesst Papa Wendland das Holz wegzubringen, denn es liegt schon sehr lange dort und an der Hauswand, an der das Holz liegt, soll ein kleiner Geräteschuppen gebaut werden. Christina schaut neugierig zu, als ihr Vater und Peter, der Nachbar, das Holz in eine Schubkarre legen und es zu einem Anhänger fahren.
Nach und nach verschwindet das Holz und da, wo es lag, wächst kein Gras mehr. Da ist die Erde dunkel und ganz plattgedrückt. Man sieht genau, wo die kleineren und größeren Hölzer lagen. Neugierig betrachtet Christina die leeren Stellen, doch was ist das? Neben einem Regenwurm, der blitzschnell im Boden verschwindet, krabbelt ein kleines, graues Wesen aufgeregt hin und her.

Das Tier ist nur so groß wie Christinas Daumennagel und hat viele, viele Beinchen und seltsam geknickte Fühler. Vorsichtig hockt sich Christina auf den Boden und stupst das Etwas mit einem Grashalm an. Nun bewegt es sich im Kreis. Das sieht vielleicht lustig aus, wie schnell sich die kleinen hellen Beinchen bewegen und wie aufgeregt die Fühler zucken.
Was das wohl für ein Tier sein mag? Eigentlich sieht es fast aus wie der kleine Spielzeugpanzer von Markus, ihrem jüngeren Bruder. Nur nicht so kantig und viel kleiner eben.

Christina beschliesst das Tier zu fangen und holt eine kleine durchsichtige Plastikschachtel aus ihrer Spielkiste.

Zusammen mit etwas Laub, Erde und Moos landet das Tierchen behutsam in der Schachtel. Das Tier versucht die glatten, steilen Wände der Schachtel hochzuklettern, es gelingt ihm aber nicht. Stattdessen liegt das Wesen nun auf dem Rücken und strampelt mit den kleinen Beinchen. Christina schaut neugierig zu und hält dem Tier einen dünnen Halm in die Kiste, an dem es sich festhalten kann. Nun hat es sich wieder auf den Bauch gedreht und versteckt sich unter einem Knäuel von Moos.

Christina nimmt die Schachtel, geht durch die Kellertür in Haus, hüpft die Treppe hoch und hält Mutter Wendland, die gerade Kartoffeln schält, die Schachtel unter die Nase.

"Ihhhh", sagt die Mutter, "was hast du denn da wieder für ein Viech gefangen. Pass bitte auf, dass es mir nicht in die Kartoffeln hüpft. Bring es schön wieder raus, dorthin, wo du es gefunden hast, hörst du?!"

Die Mutter ist keine große Hilfe, der Vater beschäftigt, Bruder Markus noch zu klein ... Also rennt Christina zu Oma Feldstrasse, ein paar Straßen weiter. Oma Feldstrasse heißt so, weil sie auf der Feldstrasse wohnt, das ist doch logisch. Die andere Oma ist Oma Rönkhausen, weil sie in Rönkhausen wohnt.
Oma Feldstrasse ist alt und klug, sie weiß bestimmt, was das für ein Tierchen ist.

"Oma, schau mal, was ich unter dem Holz gefunden habe. Ein kleines, graues Krabbeltier, weißt du vielleicht, was das für ein Tier ist?"

Oma Feldstrasse betrachtet das Tier, rückt ihre große Brille zurecht und sagt "Mhmmm."

"Was ist es denn nun für ein Tier?" überschlägt sich Christina fast, zieht eine Miene und schaut Oma Feldstrasse ungeduldig an.

Auch die Oma ist ratlos. "Ich habe eine Idee", antwortet sie und holt den großen Kosmos Naturführer aus dem Regal. Christina findet den Kosmos toll. Da sind so viele schöne Bilder mit Tieren drin. "Hier", sagt Oma Feldstrasse ,"schau schon einmal nach. Derweil mache ich uns einen heißen Kakao mit Sahne, okay?"

Neugierig und aufgeregt setzt sich Christina auf das Sofa und blättert in dem großen Buch. Schmetterlinge sind abgebildet, Käfer, Schnecken und Heuschrecken. Auf Seite 42 sieht Christina ein Bild, das ihrem grauen Findling verdammt ähnlich sieht.

"Ke Ke Kel ler as el - Kellerassel! Oma, ich habe eine Kellerassel!" ruft Christina aufgeregt zur Küche. Oma Feldstrasse lässt vor Schreck das Tablett fallen, aber die Kakaotassen standen zum Glück noch auf dem Küchentisch.

Wenige Sekunden später kommt Oma Feldstrasse mit dem Kakao ins Wohnzimmer und zusammen schauen sie sich das Bild an. Oma Feldstrasse liest ihr von der Kellerassel vor, dass dieses Tier zu den Krebstierchen gehört, an jeder Seite des Leibes sieben Beinchen hat und sogar Kiemen besitzt. Oma Feldstrasse erzählt von dem Lebensraum der Kellerassel und von der Nahrung. Nun ist Christina bestens informiert.

Oma Feldstrasse und Christina bringen das Tier nach draußen. Bei Oma Feldstrasse im Garten ist viel Platz für Tiere. Dort liegen Steinplatten, Holz, ein Komposthaufen. Eine bemooste Mauer steht dort auch. Genug Platz für die kleine Kellerassel und viele Versteckmöglichkeiten.

Christina steckt ihren Finger vorsichtig in die Schachtel und die Kellerassel krabbelt darauf. Wie das kitzelt. Christina muss lachen. Dann setzt sie die Assel an den Rand des Gebüsches.
"Leb wohl, kleine Kellerassel", sagt Christina und dann ist das graue Tier auch schon verschwunden.

Ein paar Tage später macht Familie Wendland einen Ausflug durch den Wald. Der kleine Markus entdeckt eine große, morsche Wurzel und wirft sie mit aller Kraft um. "Bohhhh, gaaanz viele Käfer", brüllt er. Christina kommt herbeigerannt und erklärt ihrem Bruder: "Aber das sind doch Kellerasseln, Markus."



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  • Kellerassel, Kinder, Garten, Tiere
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