21.02.2010

Hundert Jahre und ich lebe immer noch

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Hundert Jahre und ich lebe immer noch

 

Anlässlich meines bevorstehenden, hunderten Geburtstages baten mich diverse Zeitungen einen Leserbrief an mein verehrtes Publikum zu schreiben. Dass ich mich ausgerechnet für diese Zeitung und nicht für ein Fachmagazin für Kunst entschieden habe, liegt daran, dass ich mich, entgegen meiner Gewohnheit, einer breiten Leserschaft öffnen wollte. Man sagte mir, ich möge doch Lebensweisheiten weitergeben. Nun, das werde ich tun.

Zuvor möchte ich allerdings etwas aus meinem Leben erzählen. Selbstverständlich nicht alles. Schließlich habe ich einen recht talentierten Autor beauftragt eine Biographie über mich zu schreiben. Dort werden sie jedes noch so winzige Detail, jede meiner Affären, die tatsächliche Anzahl meiner Kinder und diverse, schmutzige Geschichtchen über mich lesen können. Ich habe es bereits selbst gelesen und möchte es ihnen wärmstens ans Herz legen. Es ist wirklich höchst unterhaltsam.

Aber nun möchte ich, nach dieser kleinen Werbeeinlage, endlich zum Thema kommen. Das Thema bin ich. Wie schon so viele Male. Jedes Mal, wenn ich eine Dokumentation über mich gesehen habe, musste ich lachen. Ihr beschreibt mich, als wäre ich das Non plus Ultra der Kunstszene oder eine Art Heiliger. Natürlich spende ich großzügig an diverse wohltätige Zwecke. Schließlich kann ich es mir leisten und ich betrachte das als eine Art Ablass für meine Sünden. Nun denke ich, seid ihr etwas verwirrt. Derjenige, der das schreibt, ist der weltbekannte Maler Apul Reméy, der Vorreiter für das künstlerische Zeitalter des Graphimismus. Nun, der bin ich tatsächlich. Zumindest nach Außen. Obwohl, es gab diverse Jahrzehnte, da glaubte ich tatsächlich daran und lebte dieses Bild.

Mein eigentlicher Name ist, was viele nicht wissen, Paul Meyer. Dreht die Buchstaben von Apul Reméy um und löscht den Accent und schon liegt der Beweis vor euch. Es klingt so einfach besser und der Accent lässt den Namen erst richtig exotisch klingen.

Mein Leben begann also als Paul Meyer. Ich hatte normale Eltern, normale fünf Geschwister – die üblich Zahl in der Zeit als ich geboren wurde -  und einen Hund, Lumpi. Dem Namen nach kann man vermuten, es handelte sich um einen Dackel. Tatsächlich war es ein Pudel und mein erstes Modell in der Malerei. Da er nie still saß, entwickelte ich eine spezielle Technik, die ich für mich Verwischen nannte. Es hatte etwas Impressionistisches an sich und erinnert an Fotografien von naheliegenden Dingen, wenn man mit einem Zug schnell daran vorbeifährt. Ich fand meine Bilder höchst gelungen. Mein Vater starb im ersten Weltkrieg und so zogen meine Mutter, meine Geschwister und ich nach Argentinien. Nicht gerade das Land für berühmte Malereien, aber es war für meine Weiterentwicklung sehr wichtig. Argentinien: Das Land des Tangos. Irgendwann starb auch mein Hund und ich porträtierte tanzende Tangopaare in meiner Verwischungstechnik. Später startete ich mein Kunststudium. Dies finanzierte ich damit, dass ich selbst als Aktmodell arbeitete und kellnerte. Meine Mutter war nicht glücklich über meine Ambitionen und warf mich raus. Wie die meisten Künstler lebte ich in einer Bruchbude ohne Strom und fließend Wasser zusammen mit wechselnden menschlichen und kleinen, ekligen tierischen Mitbewohnern. In meiner Freizeit malte ich Porträts an der Plaza de Mayo von Touristen – wenn es denn mal welche gab – und verkaufte gelegentlich eines meiner Bilder. Nach acht Jahren Studium sah ich mich endlich soweit meine erste richtige Ausstellung zu geben. Ich räumte meine Wohnung auf, platzierte meine Bildchen an lichteffektiven Stellen und pflasterte die Stadt mit meinen selbstgeschriebenen Plakaten zu. Niemand kam. Offensichtlich machte ich etwas falsch. Da es nicht an mir liegen konnte, musste wohl etwas mit den Menschen hier nicht stimmen. Buenos Aires ist nicht so sehr die Stadt der Malerei, sondern eher der Bildhauerei und Keramik. Also, trat ich kurz entschlossen meinen Umzug nach Paris an.

Der zweite Weltkrieg war gerade vorbei und ich fand eine Stadt vor, die dringend Zerstreuung suchte um die Schrecken des Krieges zu verdauen. Glücklicherweise sprach ich fließend Spanisch und konnte, nachdem ich meinen Namen in Juan Alvarez änderte, als Argentinier überzeugen. Das erleichterte mir den Start in Paris ungemein und meine Ausstellungen von tanzenden Tangopaaren in Verwischungstechnik fanden allgemeinen Beifall. Dennoch blieb der Verkaufserfolg aus. Ganz anders erging es einem guten Freund, Jacques Lalande. Kaum hatte er sein Studium beendet, schien er das große Los gezogen zu haben und verkaufte Unmengen seiner Bilder. Was also machte er anders?

Eines Tages, ich weiß es noch wie heute, es war der 27. November 1952, da malte ich geistesverloren an einer meiner Bilder. Es sollte tanzende Varieté-Damen aus dem Moulin Rouge zeigen. Das Bild war fast fertig und es schien eines meiner besten zu werden, aber irgendwie nahm in mir die Hoffnungslosigkeit überhand. Ich tauchte also aus einer Laune heraus meinen Pinsel tief in die rote Ölfarbe und strich das Bild durch. Immer und immer wieder. Schließlich packte ich die Leinwand, trat darauf ein und warf es im Raum herum. In einer Ecke ließ ich es liegen als Zeichen der Sinnlosigkeit des Seins. Tanzende Damen einem tiefen Loch gegenübergestellt. Oh, nein, hier muss ich mal ein wenig ehrlicher werden. Für mich war dieses Bild nichts weiter als Müll. Jedenfalls hatte ich an diesem Abend einen Termin. Ein Galeriebesitzer namens Robert Chevall wollte sich bei mir einfinden um meine Bilder zu inspizieren und eventuell eine Ausstellung zu organisieren. Nun kam er also, sah sich gelangweilt meine Verwischungsbilder an, ich dachte noch, er wird bald anfangen wage Versprechungen zu flüstern, die er dann doch nie einhielt, bis sein Blick auf mein zerschundenes Bild fiel. Schlagartig änderte sich sein Tonfall, sprang begeistert auf meine Mädchen ein und faselte irgendwas von Sinnlosigkeit des Seins, wie sehr ihn dieses Kunstwerk anspräche. Dann gratulierte er mir und meinte, dieses Bild würde die Welt verändern. Ich solle doch so weitermachen und ob es denn möglich wäre weiter solche Meisterwerke zu schaffen um sie zwei Monate später bei einer Ausstellung dem Publikum zu präsentieren. In diesem Moment war ich zugegebenermaßen völlig irritiert. Es war Müll und ein bekannter Galerist schien es als neues Zeitalter in der Kunst anzusehen. Aber es sollte viele weitere bekannte Künstler inspirieren. Man denke da nur an Beuys und seine Fettecke.

Als Chevall mich an diesem Abend verließ spürte ich eine enorme Hochstimmung. Es war die Hoffnung, dass ich doch tatsächlich den Durchbruch schaffen könnte. Nicht, wie gedacht, mit meiner originellen Verwischungsmethode, sondern mit Schrott. Natürlich musste ich mir dazu was Neues einfallen lassen. Ich blieb die ganze Nacht auf und überlegte mir ein Konzept, wie man aus sinnlosem Zeug doch etwas Brauchbares machen konnte, das sich mit meinem künstlerischen Gewissen vereinigen ließ. Außerdem änderte ich meinen Namen endgültig in Apul Reméy, da ein neues Zeitalter anbrach. Irgendwann in der Nacht vom 27. zum 28. November 1952 bekam ich auch die revolutionäre Idee. Verrückte Pinselstriche kombiniert mit freier Interpretation. Später nannte man das Graphimismus. Als ich am nächsten Tag Chevall anrief und von meiner Idee erzählte, stieg sein Enthusiasmus ins grenzenlose. Zwei Monate später stellte ich also einige eilig hingepinselte Bildchen aus. Keines davon erhielt einen Titel, um den Betrachter nicht zu beeinflussen. Vor jedem Werk war ein kleines Buch, in das das Publikum ihre Gedanken und Interpretationen zu jedem Bild eintragen konnte. Es war belustigend und befremdlich zugleich die Leute zu beobachten, wie sie dastanden und eifrig eine mögliche Bedeutung im Nichts suchten. Heuchler, die nicht zugeben wollen, dass sie keine Ahnung haben. Nur weil es jemand zu einer Ausstellung geschafft hat, bedeutet das noch lange nicht, dass die Bilder auch etwas taugen. Die Ausstellung war jedenfalls der größte Erfolg meines bisherigen Lebens und jedes einzelne Gemälde wurde mitsamt dem Interpretationsbuch verkauft. Ich konnte es selbst nicht fassen, aber urplötzlich kamen die Leute zu mir, um mich kennen zu lernen. Ich versuchte mein Gewissen damit zu beruhigen, das es tatsächlich innovativ war. dem Betrachter die Interpretation zu überlassen.

Doch noch heute sehe ich nicht ein, dass meine Bilder aus meiner Zeit als Paul Meyer oder Juan Alvarez kein Erfolg wurden. Im Gegensatz zu den Bildern, die mich berühmt machten, steckte ich damals mein ganzes Talent hinein. Heute ist jeder bloße Pinselstrich von mir ein Vermögen wert, aber Kunst ist das nicht. Ich nenne mich schon selbst nicht mehr Künstler sonder insgeheim Illusionist (klingt besser, als: Der, der die Leute verarscht). Dafür möchte ich mich ganz herzlich entschuldigen. Aber euch Menschen fehlt die eigene Meinung. Wenn ihr in ein Museum geht und ein Bild gefällt euch partout nicht, warum müsst ihr dann davor stehen bleiben und so tun als wenn es so wäre, nur damit ihr nicht als Kunstbanausen dasteht? Nur weil irgendjemand, ach so Wichtiges, der Meinung ist, etwas ist Kunst, muss das nicht für jeden Menschen dieser Welt auch so sein. Von daher sehe ich meine Zeit als Apul Reméy als Beweis für die Blindheit der Masse an. Ich hoffe, dass die Ausstellung meiner frühen Werke, die nächstes Wochenende beginnt und dieser Artikel hier, euch dazu veranlasst, ein bisschen mehr auf eure eigene und wahre Meinung zu vertrauen.

Warum ich als Künstler 100 Jahre alt wurde? Weil ich gar keiner bin!



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